(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Zerbrochene Töpfe rinnen ewig

Und so geschehen -
es gibt kein zurück – was bleibt ist Schweigen
Und es bleibt der Verlust, gefolgt von Schmerz
Der Welt war sie eine Lichtgestalt – Doch nur für mich
war sie mein schlagendes Herz in meiner Brust
Doch an diesem Tag und an jenem Ort
Es brach der Stolz und so ihr Herz.

Heute – streif ich durch die Wälder, zurück in’s Tal
Heute – zieh’ ich durch die Schluchten, ziellos – rastlos
Heute – zieh’ ich Durch die Dörfer, ihr Bild in mir,
Heute brennen ihre Tränen, so trinke ich von ihr.
Hier bin ich Mensch – und ich küsse meine Sehnsucht wach
Hier bin ich fremd – und ich küsse meine Sehnsucht wach

Doch viel tiefer – tiefer als die Sehnsucht
Dort versteckt sie ihr Leben vor der Welt
Kraftlos zitternd – die Hände ausgestreckt
Blutbefleckt und verstümmelt ist ihr Leib

(Lacrimosa – Die Schreie sind verstummt)

Gestern hat’s mal wieder heftig gekachelt in mir drin. Wie so oft wenn das passiert, war der Auslöser relativ unspektakulär, die Wirkung dafür umso heftiger. Auf VOX kam eine Dokumentation “Stern TV Reportage: Früher Tim, heute Kim“. Ich kannte die Doku und erst Recht das Mädel um das es ging, Kim Petras. Sie hatte das grosse Glück, dass sie von klein an für sich einzustehen vermochte und man sie so ernst nahm, dass sie noch vor der Pupertät die Hormonbehandlung beginnen konnte und schon im Jugendalter die geschlechtsangleichende Operation hatte.

Das war auch der Punkt, an dem ich zerscherbelte, als der Satz fiel: “Als erstes bekam sie Hormone, um die Pupertät zu verhindern”…… und dann floss es in Strömen aus mir heraus. Das ist der grosse Fluch unseres Lebens, dass fast alle transsexuellen Frauen die Pupertät durchmachten, den Stimmbruch bekamen, der Bartwuchs begann und das Testosteron wie Säure unaufhaltsam den Körper veränderte. Ein Zurück gibt es nicht, niemals. Was in dieser Zeit zerstört wird, bleibt für immer zerstört, allem voran die Stimmbänder, die irreversibel vermännlicht werden.

Die Reportage ging weiter, man sah Kim tanzen, hörte sie mit zierlicher Stimme singen, vernahm ihr glückliches Lachen, da war einfach nichts, das auch nur im Ansatz ahnen liess, dass sie einst einen männlichen Körper hatte. Ich freute mich unsäglich für sie und noch mehr freute ich mich, dass so ein tolles Mädel der Welt ein anderes Bild von transsexuellen Frauen präsentiert. Doch genauso unsäglich schmerzhaft war der Gedanke, dass mir all das versagt bleibt. Was damals in der Pupertät kaputt ging, wird für immer so bleiben. Die Hormone können den Schaden zwar etwas glätten, aber ich werde nie diese eindeutige Weiblichkeit einer Kim Petras haben und werde nie so singen können – etwas was seit frühster Kindheit mein Traum gewesen wäre.

Heute kann ich immerhin als mich selbst leben, das ist ein grosser Trost, aber es ist keine Entschädigung und kein Ersatz. Ich erinnerte mich zurück daran, wie feminim ich vor der Pupertät ausgesehen habe und es zerreisst mich beim Gedanken, wieviel davon hätte erhalten bleiben können, wenn dieses Hormon nicht alles demoliert hätte.

Mit so Momenten müssen wir leben, weil uns solche Gedanken und Erinnerungen verfolgen wie unser eigener Schatten. Die Trauer um den Tod dessen, was nie wirklich zum Leben kam, ist etwas, womit man sich wohl nie wirklich abfinden kann. In so Momenten fühle ich mich als würde ich an meinem eigenen Grab stehen und trauern um mein eigenes Ich, das nie leben konnte und nie leben wird, jedenfalls nicht in dieser allumfassenden Ganzheit, die für Andere so selbstverständlich ist. Was mir bleibt ist ein Abbild meinerselbst, immerhin etwas, eigentlich sogar sehr viel, aber eben nicht das, was ein wahres Leben wäre.

Und was auch bleibt ist die Renitenz, aus den übriggebliebenen Scherben wieder ein Gefäss zu machen, das zwar nie ganz sein wird, ewig rinnen wird, aber das wenigstens ein bisschen Leben in sich aufnehmen kann…… und der unbeugsame Wille, alles aus dem Leben herauszuholen, was noch herauszuholen ist…….. und dank Juliet ist das jetzt schon mehr, viel mehr, als ich je erhofft hätte – weil ich erstmals als Frau geliebt werde :-)

Doch mein Durst ist nicht gestillt
Mein Durst ist nie gestillt
Aufsteigen werde ich erneut
Schon bald aus dem Wasser treten
Den Wind und die Wellen erlegen
Und mir nehmen wonach meine Seele schreit

(Lacrimosa – Vermächtnis der Sonne)

PS: Diesen Samstag um 13:30 kommt die Wiederholung auf VOX
PPS: seit gestern sind rund 500 Leute in meinem Blog gelandet wegen der Sendung
PPPS: ich hab mir heute über Mittag ein mega schönes Kleid bestellt, mein Durst ist wie gesagt nie gestillt :-)


 

8 Reaktionen zu “Zerbrochene Töpfe rinnen ewig”

  1. Bad Hair Days

    :,-(

  2. Diana

    @Sarah: manchmal habe ich echt ein schlechtes Gewissen, wenn ich so Gefühlsausbrücke hier aufschreibe. So Texte können bei Anderen ganz schön triggern und das würde ich eigentlich gerne lassen. Aber das hier ist nunmal mein Tagebuch und ich kann und darf nichts auslassen. So Gefühle gehören nunmal zu mir und es dürfte vielen so gehen, das soll nicht verdrängt werden. Wenn man so Gedanken verdrängt, fressen sie einem innerlich auf, es ist wichtig, sich diesen Gefühlen auch zu stellen. Und gerade für Betroffene, die diesen Weg noch vor sich haben, ist es wichtig, dass sie auch sehen, dass dieser Weg eben nicht nur neue-Schuhe-kaufen bedeutet und dass man seinen Schatten nie ganz los wird. Aber schlussendlich sollen gerade so Beiträge auch etwas ganz anderes aussagen: Selbst mit all den Rissen kann man ganz bleiben ;-)

  3. Juliet

    ..und ich werde tun, was ich kann, damit die Risse nicht grösser werden und so gut wie möglich abkleben…
    Hab Dich soooo lieb Spätzchen :x

  4. Diana

    @Juliet: Du bist mein Uhu-Kleber, hab Dich auch soooooooooooooo lieb :-)

  5. Morag

    @Diana: Ich finds immer wieder eine große Ehre, daß Du auch Deine dunkleren Momente mit uns teilst-wobei die ja erfreulicherweise (zumindest hier sichtbar) seltener werden.

    Die eigene Vergangenheit kann niemand abschütteln, es bleibt nur, sich damit zu arrangieren und im Idealfall irgendwann damit auszusöhnen. Daß immer wieder schmerzhafte Erinnerungen hochkommen werden, läßt sich wohl leider nicht verhindern.

    Aber Du hattest den Mut, den Weg zu gehen und Dir soviel von Deinem Leben zurückzuerobern wie möglich, darauf kannst Du stolz sein-fühl Dich gedrückt.

    Und Du hast doch ein supertolles Dichtmittel, oder? ;-D

  6. Diana

    @Morag: Für mich ist es eine Frage der Glaubwürdigkeit und der Authentizität, dass dieses Tagebuch alles zeigt, was mich bewegt. Würde ich anfangen zu selektieren, was ich sagen soll oder darf, wäre es nicht mehr das, was es ein soll.

    Ich habe mir tatsächlich sehr viel zurückerobert und das macht mich unbeschreiblich glücklich. An 9 von 10 Tagen bin ich einfach grenzenlos glücklich, weil ich mich selbst sein kann. Aber alles Glück kann diese Verluste nicht vernichten. Wo Licht ist, da ist auch Schatten, das sind nunmal die Spielregeln für alle ;-)

    Und ja, ein gaaaanz tolles Dichtmittel hab ich und wenn diese Staubwolke uns keinen Strich durch die Rechnung macht, werd ich in 13 Tagen, 9 Stunden und 5 Minuten wieder zusammengequetscht, dass kein Tropfen aus den Rissen dringen kann :-)))

  7. gabi

    Liebe Diana,

    Dein Text hat mich sehr betroffen gemacht, weil er die Trauer spüren liess, die nunmal auch da ist. Also nicht, dass Du denkst, ich finde den Text nicht gut, neinnein, das genaue Gegenteil ist der Fall, ich mag Deine Art zu schreiben und auch das, was Du schreibst, ist für mich sehr bereichernd. Ich habe all das vorher nicht gewusst, ich habe auch die erste VOX-Berichterstattung von Kim gesehen. Ist glaube ich schon was länger her. Das ist ja nun sehr sehr positiv gewesen, sie hat Eltern, die zu ihr stehen, die ihr geholfen haben, das zu sein, was sie schon immer war: ein Mädchen. Die “dunkle” Seite, die kam da gar nicht so richtig rüber. Die begreife ich erst jetzt durch Dich. Eben dass es VOR der Pubertät so viel einfacher wäre und dass danach schon so viel kaputt gamacht worden ist. Kim hatte das Glück, dieses “danach” gar nicht erst kennen zu lernen.

    Ich freue mich immer wieder, Dich kennen gelernt zu haben und ein wenig “wissender” geworden zu sein. Und besonders freut es mich natürlich, dass Du so eine nette Uhutube kennen gelernt hast ;-))))))))))

    Ich habe gestern viel nach Kim gegoogelt, ihre Musik gehört und leider auch einige Kommentare gelesen auf diversen Blogs, die strotzen nur so vor Dummheit. Dreistigkeit und Unverschämtheit.

    Damit muss aber jeder Mensch leben, der zu sich selber steht, egal, worum es sich handelt. Es gibt immer Menschen, die das selber denken verlernt haben. Ist leider so.

    Meine Schwester ist vor nahezu 25 Jahren zum Islam konvertiert, was glaubst Du, was sie sich manchmal anhören darf, wenn sie hier in Deutschland ist. Es gibt schon Idioten, aber die gab es immer und wird es wohl immer geben.

    So, ich sitze im Garten, geniesse die Sonne und sende Dir darum sonnige Grüße aus dem Rheinland!!

    Gabi

  8. Diana

    @Gabi: Dein Kommentar hat mich sehr gerührt. Gerade weil Menschen wie ich mit soviel Vorurteilen zu kämpfen haben, ist es schön zu erleben, dass ich mit meiner Geschichte auch “aufklären” kann. So Zeilen des Verständnisses tun gut, danke :-)

    In der Reportage über Kim kamen tatsächlich kaum dunkle Seiten zur Sprache, nur am Rande wurde mal erwähnt, dass sie von Mitschülern gehänselt wurde. Wie schmerzhaft das sein kann, ging aber leider unter. Trotzdem ist Kim eine gute Botschafterin, weil sie ein Bild präsentiert, das jenseits des “kaputten Menschen” daher kommt. Aber für die Meisten ist das Leben im falschen Körper viel grausamer als es Worte je ausdrücken könnten und gerade deshalb wäre es angebracht, transsexuelle Menschen zu respektieren, die wider gesellschaftlicher Stigmatisierungen ihren Weg gehen, um wenigstens ein wenig Glück zu erkämpfen.

    Dieses Wenige ist sehr viel. Ich war in diesem einen Jahr seit meinem Lebenswechsel glücklicher als in den vier vorhergehenden Jahrzehnten zusammen. Vielleicht kann ich gerade aufgrund all des Verpassten so sehr schätzen, was ich nun habe. Und dann noch so einen tollen Uhu-Kleber zu haben, der einem so sehr liebt, nicht weil man so ist wie man ist sondern gerade deshalb, das ist wirklich sehr viel :-)

    Viel Spass noch an der Sonne und liebe Grüsse zurück ins Rheinland

Einen Kommentar schreiben

Please copy the string dy1CzD to the field below:



Copyright © 2017 by: (t)-Girl Diana • Template by: BlogPimp Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.