(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Wer zeichnet mein Selbstbild?

Nur allzu schnell möchte man diese Frage mit “ja ich natürlich” beantworten – das dürfte eine der grössten Illusionen des modernen Menschen sein.

Das erste, was ein Kleinkind lernt, ist sich ausserhalb seinerselbst zu orientieren. Es tut etwas, guckt wie das Umfeld darauf reagiert und misst daran, ob etwas gut oder schlecht, richtig oder falsch, hilfreich oder schädlich ist. Die Welt um uns herum zeichnet unser Selbstbild und daran angelehnt entwickeln und entfalten wir uns, soweit dieses von Aussen kommende Selbstbild dies überhaupt zulässt.

Dieses Funktionsprinzip behalten wir ein Leben lang, was auch immer wir tun, wird an der Reaktion unseres Umfelds gemessen und bewertet. Und so spielt jeder seine Rolle im Schauspiel seines Lebens.

Transsexuellen wird dieses Funktionsprinzip jedoch in doppelter Weise zum Verhängnis.

Wenn ein transsexuelles Mädchen wie ich ihr Verhalten und Handeln an den Reaktionen ihres Umfelds misst, bekommt es eine vernichtende Kritik für alles, was aus ihrem Inneren kommt. Du benimmst Dich wie ein Mädchen, Du bewegst Dich wie ein Mädchen, Du weinst wie ein Mädchen, Du spielst wie ein Mädchen……. jeder Versuch der Entfaltung eines inneren Selbst wird so im Keim erstickt…. es ist nicht gut, ich zu sein. Und so zimmert sich dieses Mädchen einen Menschen, der der Vorstellung ihres Umfelds entspricht.

Wenn dieses Mädchen dann eine Frau ist und dabei das Leben eines von aussen definierten Mannes lebt, kommt irgendwann fast zwangsläufig der Tag, an dem dieses Zerrbild ihrerselbst nicht mehr aufrecht gehalten werden kann. Diese Frau legt diese männliche Karikatur in Schutt und Asche und beginnt, ihr Selbst von innen her neu aufzubauen resp entfalten zu lassen.

Spätestens jetzt ist dieses Funktionsprinzip tödlich. Wenn diese Dame ihr Selbstbild weiterhin von aussen werten lässt, wird sie im Spiegel einen durchgeknallten Mann in Frauenkleidern sehen. Die Umwelt ist spätens jetzt kein brauchbarer Spiegel mehr.

Aber was nun? Ein Leben lang war man darauf konditioniert, sein Selbst von aussen definieren zu lassen. Diese Fremdbestimmung ist weggefallen, aber was bleibt dann? In welchem Spiegel soll sie sich jetzt noch spiegeln um zu erkennen, ob sie ok ist so wie sie ist? Da ist kein Richter mehr, keine Jury, sie muss sich nun selbst beurteilen.

Dieses Mädel wird es nicht einfach haben, sich zu finden und sich neu zu erfinden, da sind keine Grenzen und Absperrungen mehr die hindern, da ist keine Orientierung ausserhalb ihrerselbst. Das ist eine grosse Herausforderung und es ist gleichzeitig die grösste Freiheit die man sich denken kann. Selbstentfaltung ohne Fremdbestimmung.


 

Eine Reaktion zu “Wer zeichnet mein Selbstbild?”

  1. Geschafft! Das Reparaturprogramm läuft wieder | T-Girl Diana

    [...] immer konnte ich der Stimme Recht geben. Ich erinnerte mich an meinen einstigen Blogbeitrag “Wer zeichnet mein Selbstbild“, in dem ich genau das predigte, das mir diese Stimme gestern wieder eintrichterte. Manchmal [...]

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