(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Warum muss sie den höchsten Preis zahlen?

Als ich mich zu diesem Weg entschied, stand ich mit dem Rücken zur Wand. Es gab keinen Ausweg mehr, entweder ich lebe fortan als mich selbst oder ich lebe gar nicht mehr. Das gab mir den Mut der Verzweifelten, trieb mich an das Unmögliche zu wagen. Der Preis würde unsagbar gross sein, das war ich mir bewusst. Und ich war bereit, jeden Preis zu zahlen, selbst mein Leben habe ich in die Wagschale geworfen. Vielleicht verliere ich Freunde, vielleicht verliere ich den Job, nun denn. Ich muss mich darauf einstellen, ausgelacht und verhöhnt zu werden, aber wieviel wertvoller ist es, wenn ich mich selbst annehmen kann, als dass Andere mich ablehnen? Egal was es kostet, egal wie weh es tut, egal wie grausam es sein wird, ich musste diesen Weg gehen, koste es was es wolle.

Aber dass nicht ich den höchsten Teil des Preises bezahle sondern meine eigene Tochter, die ich mehr liebe als mein Leben, das zerreisst mich immer wieder, gerade heute, nachdem ich zu hören bekam, wie traurig und verzweifelt sie ist, wie sehr ich ihr fehle und wie unmöglich es zu sein scheint, dass sie mir begegnen kann. Seit letztem Frühjahr haben wir uns nicht mehr gesehen oder gehört, seit damals, als es ihr zuviel wurde und sie sagte, sie wolle oder könne nicht mehr zu mir kommen. Ich liess sie los um ihretwillen, hielt mich fest an der Hoffnung, dass wir irgendwann wieder einen Weg zu einander finden und hielt mich fest am Glauben, dass es vielleicht besser ist für sie, wenn sie nicht mehr ständig mit mir resp. meiner Transsexualität konfrontiert wird. Vielleicht muss sie mich eine Weile vergessen, um dem Schmerz und der Verzweiflung zu weichen, vielleicht ist es ja besser für sie so.

Doch die Entwicklung, die sie durchmacht, spricht eine andere Sprache. Es stärkt zwar die Hoffnung, dass wir wieder einen Weg zu einander finden, weil ich offenbar doch nicht “ausgeblendet” bin, aber mein Irrglaube, sie könnte ohne mich besser mit dem Leben klar kommen, erweist sich als eine trügerische Illusion.

Warum muss sie den höchsten Preis bezahlen, warum nicht ich? Es ist mein verdammtes Leben, mit dem sich Gott diesen zynischen Spass erlaubt hat, mir steht die Herausforderung zu, mit diesem Irrsinn meines Lebens klar zu kommen. Ich bin stark genug um dieser göttlichen Ironie zu trotzen und meine Seele ist reich genug, um jeden Preis zu bezahlen, um mein Ich-sein zu verwirklichen und es ist mein Herz, das genug Blut in sich trägt um all den Schmerz und die Verzweiflung aus sich ausbluten zu lassen. Aber warum sie, warum muss ihr Herz um meintwillen zerrrissen werden?

Transsexuell geboren zu werden ist weiss Gott grausam genug, dieser göttliche Kreativitätsirrsinn sollte doch wirklich genug sein, warum muss dann auch noch die eigene Tochter zerrissen werden in diesem Schachspiel göttlicher Ironie?

Ich hätte mir gewünscht, dass sie mich vergessen kann, ich hätte sogar diesen Preis bezahlt und auf das Meistgeliebte verzichtet, wenn sie dafür wenigstens verschont geblieben wäre. Aber die Spielregeln des Seins sind weitaus brutaler als man ertragen kann.

Ich konnte verzeihen, dass sich Gott mit meiner Existenz so einen derben Spass erlaubt hat, ich konnte auch verzeihen, dass ich zusätzlich noch in einen Kulturraum gesetzt werde, in dem Andersartige wie ich der Abartigkeit bezichtigt und verspottet werden. Aber dass der Preis für die Würde meines Lebens mit ihrem Blut bezahlt wird, das bringt mich an die Grenze der Fähigkeit, zu verzeihen – das ist meine eigene, ganz persönliche Theodizee-Frage in potenzierter Form – die Frage ist nicht mehr, warum Gott Leiden zulässt, die Frage ist, warum Gott Leiden verursacht.

Seltsamerweise kann all dies meiner Liebe zu Gott keinen Abbruch bescheren, aber soviel ist klar: Wenn ich eines Tages vor dem Schöpfer stehe, werde ich ihn als Erstes sowas von in den Arsch treten, dass ihm hören und sehen vergeht. Vielleicht begreift er dann endlich, dass seine Vorstellungen von Humor hier auf Erden nicht wirklich geschätzt werden.

Bitte verzeih mir, meine über alles geliebte Tochter, ich hätte Dir das alles so gern erspart, aber ich hatte wirklich keine Wahl mehr, ich hätte Deinen Vater getötet, wenn ich nicht diesen Weg gegangen wäre……… I love you!

Can you forgive me again?
I don’t know what I said
But I didn’t mean to hurt you

I heard the words come out
I felt that I would die
It hurt so much to hurt you

Then you look at me
You’re not shouting anymore
You’re silently broken

(Evanescence — Forgive Me)

Nachtrag: falls der liebe Gott hier mitliest, dann hör mir mal genau zu: Glaub nicht, dass Du uns mit all dem Scheiss brechen kannst, es wird Dir nicht gelingen, weil unsere Liebe stärker ist als alles Andere, selbst stärker als Deine idiotische Vorstellung von Humor. Wir werden wieder einen Weg zu einander finden und dann werde ich sie lehren, Deinem verblödeten Humor zu trotzen. Ich werde aus ihr ein genauso renitentes Biest machen wie das von Dir gegebene Leben aus mir eines gemacht hat. Egal was Du uns noch auferlegst, unsere Liebe wird es überstehen.


 

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