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Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Vortrag – Tootsie oder Transsexualismus

Heute morgen war ich mit meinem Vater, seiner Frau und meiner Logopädin zusammen am Vortrag von Dr. Bernd Krämer an der Universität Zürich. Der Titel lautete “Tootsie oder Transsexualismus” und meine Hoffnung wurde bestätigt, dass diese zwei Worte im Titel ein bewusster Kontrast sein sollen. Der Vortrag war interessant und gut vorgebracht und ich hoffe, dass irgendwelche Medien dort waren und das, was m.E. die zentrale Aussage war, auch irgendwie in ihre Arbeit einfliessen lassen. Es gab zwar wie erwartet auch Dinge die mir nicht in den Kram passten, aber gesamthaft gesehen war es in meinen Augen eine tolle Sache. Dr. Krämer ist der Oberarzt der psychiatrischen Abteilung am Zürcher Universitätsspital und er ist derjenige, der meine Transition sozusagen leitet, deshalb war es für mich spannend zu hören, was seine öffentliche Haltung in dieser Frage ist.

Erst mal meckern: psychische Störung?
Beginnen wir kurz mit dem was mir nicht so passte, weil das auch nicht Zentrum des Vortrags war. Einerseits war ich ein wenig enttäuscht, weil ich hoffte, etwas vertieftere wissenschaftliche Neuigkeiten zu erfahren. Aber das war mehr mein Fehler, dieser Vortrag war kurz und für die breite Öffentlichkeit gedacht, da war mehr als ein Überblick gar nicht möglich. Das Zweite was ich bedauerte, war die Tatsache, dass für ihn Transsexualität “zweifellos” eine psychische Störung ist. Ich hätte mir gewünscht, dass er wenigstens darauf hinweist, dass diese Sichtweise nicht erwiesen ist und dass es genauso gut möglich sein könnte, dass es sich hier um eine körperliche Veränderung handelt (vgl. Harry Benjamin Syndrom).

Transsexualität hat biologische Ursachen
Der Grund, weshalb ich trotzdem begeistert war, liegt darin, dass er sehr sehr deutlich klarstellte, dass Transsexualität biologische Ursachen hat, sprich körperlich bedingt ist. Er sagte, dass transsexuelle Menschen über messbare genetische Marker verfügen, die klar zeigen, dass man nicht einfach so transsexuell wird sondern dass diese “Andersartigkeit” sozusagen in den Genen liegt und dass hormonelle Einflüsse im embryonalen Zustand vermutlich die Auslöser sind. Ferner erzählte er über die von mir bereits mehrmals erwähnte Tatsache, dass man nachweisen konnte, dass das Hirnareal BSTc, das für die Geschlechtsentwicklung zuständig ist, bei transsexuellen Frauen so ist wie bei nichttranssexuellen Frauen. Die Neuronendichte dieses Areals, also die anatomische Dichte dieses “Zellhaufens” entspricht bei transsexuellen Frauen der einer Frau und nicht eines Mannes. Ziemlich wörtlich sagte er:

Wenn man einem Hirnspezialisten einen Hirnquerschnitt einer transsexuellen Frau zeigt, wird er aufgrund dieses Hirnareals eindeutig darauf schliessen, dass er ein weibliches Gehirn vor sich hat.

Summa summarum sagte Bernd Krämer vorallem zwei Dinge in aller Deutlichkeit:

Transsexualität hat körperliche Ursachen und hat nichts mit anderen rollenspezifischen Spielereien zu tun.

Aufweichung von Geschlechtergrenzen
Um das zu verdeutlichen, begann der Vortrag mit Schilderungen, wie sich Geschlechterrollen und Attribute im Laufe dieses Jahrhunderts verändert haben. Die einst hart abgegrenzten Rollenmuster haben sich enorm aufgeweicht. Frauen tragen Hosen, Männer lange Haare oder zwei Ohrringe, Männer schminken sich, Frauen übernehmen Führungspositionen in Firmen und vieles mehr. Weiter erwähnte er Themen wie DragQueens, die Geschlechtergrenzen überschreiten und vieles mehr.

Transsexualität ist etwas ganz Anderes als Tootsie
Nach weiteren Beispielen kam er dann auf Transsexualismus, erwähnte die oben beschriebenen biologischen Ursachen und unterstrich deutlich, dass Transsexualismus nichts, einfach überhaupt nichts mit dieser Aufweichung von Geschlechtsstereotypen zu tun hat die er zu Beginn beschrieben hat.

Transsexuelle Menschen haben nicht einfach mal Lust Röcke zu tragen oder haben grad Spass daran etwas Frau zu spielen. Sie folgen nicht irgendwelchen kurzlebigen Trends sondern haben eine fixierte Geschlechtsidentität die biologisch begründet ist – gestern, heute und morgen.

Transsexuell wird man nicht, man ist es
Er zitierte zwei Studien, in der herauskam, dass 93% aller transsexuellen Menschen sich schon vor dem 16. Lebensjahr dem “anderen Geschlecht” zugehörig empfanden. Die zweite, neurere Studie zeigte, dass 78% von ihnen schon vor dem 14. Lebensjahr diese Überzeugung hatten. Aus Gesprächen mit anderen Betroffenen und eigener Erfahrung gehe ich davon aus, dass nicht viel weniger von diesen Menschen diese Überzeugung schon viel früher hatten, dazu gibt es bisher aber keine Studien.

Fazit – Kernaussage
Fazit des Vortrags sind zusammengefasst folgende Punkte:

  1. Transsexualität wird nicht anerzogen oder herangewünscht sondern ist biologisch (körperlich) begründet.
  2. Transsexualität hat nichts mit trendiger Metrosexualität zu tun sondern damit, dass die Betroffenen eine fixierte und unveränderbare Geschlechtsidentität haben.
  3. Transsexualität wird bereits im Mutterbauch in der pränatalen Phase determiniert.

Aufklärung – ein guter Anfang
Wer diesen Vortrag gehört hat, wird uns zwar nachwievor in der Ecke der “psychischen Störungen” einordnen, aber – und das ist für mich das Wertvollste – er wird nicht mehr glauben, transsexuelle Frauen seien Männer die es geil finden Röcke zu tragen (oder umgekehrt) sondern weiss jetzt, dass wir im embryonalen Zustand so geworden sind wie wir sind und dass wir uns das nicht ausgesucht haben. Transsexuelle Menschen wollen nicht transsexuell sein, sie sind einfach so zur Welt gekommen.

Damit fällt eine der zwei grossen Stigmatisierungen, diesem “der Kerl spinnt ja, tut so als wäre er eine Frau” hat er klar widersprochen. Die zweite Stigmatisierung, dass wir eine psychische Störung haben, bleibt vorläufig aufrecht erhalten, auch wenn es durch die nachgewiesenen biologischen Ursachen relativiert wird. Für mich ist das ein riesengrosser Fortschritt im Vergleich zu dem, was man früher über uns sagte.

Auch wenn ich nicht in allem einig war, der grösste Teil war wertvolle Aufklärung. Wenn die Öffentlichkeit nur schon das begreift, dass Transsexualität biologische Ursachen hat und nicht einfach eine Spinnerei im Umgang mit Rollenklischees ist, dann haben wir viel erreicht.

Danke, Herr Krämer, möge die Welt das zur Kenntnis nehmen.

Weiterführendes:
Milton Diamond: Medizinische Ursachen für Transsexualität (Kapitel 2)


 

2 Reaktionen zu “Vortrag – Tootsie oder Transsexualismus”

  1. Svenja-and-the-City

    Das war sicher ein interessanter Vortrag. Den hätte ich mir auch angehört. Danke für die gute Zusammenfassung mit dem Fazit.
    Viele Grüße, Svenja.

  2. Diana

    @Svenja: Ich fands wirklich aufklärend, für mich zwar nichts Neues, aber falls da Medienleute anwesend waren, war das sicher eine gute Sache :-)

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