(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Über den Widersinn der Normalität

Für Svenja, mich selbst und alle anderen, die dem Mythos der Normalität immer mal wieder auf den Leim kriechen……..

Aber wenn man einmal das andere weiss,
dann hat man die Wahl nicht mehr,
den Weg der meisten zu gehen.
Der Weg der meisten ist leicht,
unserer ist schwer.

(Hermann Hesse, Demian)

Ich war noch ein Kind, resp. irgendwo in der Jugendzeit, als ich mal einen Aufsatz schrieb über das Thema “Normal”. Trotz meines zarten Alters und der damit verbundenen Naivität fragte ich mich, ob “normal sein” denn wirklich so erstrebenswert war. Normal sein heisst, der Norm entsprechend, also so zu sein wie die Mehrheit. Aber schon damals stellte ich fest, dass die Mehrheit der Menschen egoistisch und oberflächlich ist, dass die “normale Menschheit” Kriege führt, die Umwelt zerstört, intrigiert und verletzt. Fazit meines Aufsatzes war:
Wenn das was die Mehrheit tut normal ist,
dann behüte mich Gott davor, je normal zu werden.

Nun, Gott war gnädig mit mir und ersparte mir dies. Ich verspürte zwar immer wieder den Drang zur Normalität, aber es gelang mir doch mit der mir eigenen Trotzigkeit, mich dieser zerstörerischen Sucht zu verweigern.

Gerade transsexuelle Frauen und Männer stehen extrem unter dem Druck, normal zu sein. Wir haben schliesslich (in meinem Fall) die biologisch-anatomisch korrekt geborenen BioFrauen als Vorbild. Um in dieser Gesellschaft akzeptiert zu werden, müssen wir doch so sein wie sie um ganz normale Frauen zu sein.

Aber was zum Teufel ist dieses normal? Bin ich erst normal wenn ich Junge werfe, oder einmal pro Monat blute? Bin ich erst dann eine normale Frau, wenn mir auch der hinterletzte Depp Normalität oder Frausein attestiert?

Normal ist das was mindestens 51% der Menschen tut, also sind bis zu 49% abnormal. Soll das der Massstab sein, nach dem wir uns selbst und andere beurteilen und uns entwickeln und entfalten?

Irgendwo las ich mal den Spruch: “Demokratie ist die Diktatur der Mehrheit”…… Normalität ist das ebenfalls ebenfalls. Pink Floyd haben das vor vielen vielen Jahren in erschütternder Klarheit dargestellt, im Film “The Wall“, in dessen Titelstück sie anprangern, dass der Mensch nur noch ein Stein in einer Mauer sein darf, jeder dem Anderen gleich. Man wirft alle in einen Fleischwolf, zermahlt sie darin um daraus nette, gleichförmige, gesichtslose Steine zu machen, mit der man eine einheitliche Wand bauen kann. Wollen wir das wirklich?

  • Ich bin im falschen Körper geboren, das ist nicht normal.
  • Ich schreibe hunderte von Seiten in einem Blog, das ist nicht normal.
  • Ich lege hier intimste Gedanken offen, das ist nicht normal.
  • Ich trage im Wiinter Röcke, das ist nicht normal.
  • Ich kettete mich früher an Eisenbahngeleise um Atomtransporte aufzuhalten, das war nicht normal.
  • Ich brauche kein Auto, das ist nicht normal.
  • Ich liebe eine Frau die tausend Kilometer entfernt wohnt, das ist nicht normal.
  • Ich telefoniere mit derselben täglich an die zwei Stunden, das ist nicht normal.

Aber ich bin da scheinbar in guter Gesellschaft, denn es gab viele, die aus der Sicht einer “normalen” Mehrheit nciht normal waren.

  • Es gab im dritten Reich Menschen, die sich nicht mit nationalsozialistischem Denken vergiften liessen, die waren nicht normal.
  • Mahatma Gandhi führte Krieg durch Gewaltlosigkeit, das war nicht normal.
  • Celine Dion hat eine unvergleichliche Stimme, das ist nicht normal.
  • Es gab mal ein Rudel Affen, die vom Baum kletterten und Mensch wurden, die waren nicht normal.

Ich glaube, dass alle Menschen irgendwie in dieser Falle sitzen, aber gerade Transsexuelle müssen nichts mehr lernen als zu erkennen, dass “normal sein” eine grosse Lüge und eine grosse Illusion ist und dass jeder, der dieses Ziel erreicht, sein Selbst, seine Persönlichkeit und damit seine Individualität verleugnet und beerdigt.

Vor vielen Jahren schrieb ich mal irgendwo etwas, was ich bis heute für das Vernünftigste halte, was ich je geschrieben habe…………..

Falls ich jemals normal werde,
hoffe ich,
dass jemand gnädig genug ist,
mich zu erschiessen.

Nein, meine lieben LeserInnen, es ist nicht erstrebenswert, normal zu sein. Entweder Du bist Du selbst, in Deiner ganz individuellen Art, einzigartig unter allen Menschen – oder Du gibst Dich auf und kopierst eine Mehrheit, die nur zu oft falsch liegt. Entweder Du bist “Du”…….. oder Du bist die Marionette einer grossen Schaar von Marionetten, die sich gegenseitig einreden, normal zu sein.

In dem Sinne…… Normality sucks….. Amen!

Aber Sie selber müssen eben auch kein Moralist sein!
Sie dürfen sich nicht mit anderen vergleichen,
und wenn die Natur Sie zur Fledermaus geschaffen hat,
dürfen Sie sich nicht zum Vogel Strauss machen wollen.
Sie halten sich manchmal für sonderbar,
Sie werfen sich vor, dass Sie andere Wege gehen als die meisten.
Das müssen Sie verlernen. Blicken Sie ins Feuer,
blicken Sie in die Wolken,
und sobald die Ahnungen kommen und die Stimmen in Ihrer Seele anfangen zu sprechen,
dann überlassen Sie sich ihnen und fragen Sie ja nicht erst,
ob das wohl auch dem Herrn Lehrer oder dem Herrn Papa
oder irgendeinem lieben Gott passe oder lieb sei!
Damit verdirbt man sich!

(Hermann Hesse, Demian)


 

13 Reaktionen zu “Über den Widersinn der Normalität”

  1. Morag

    So ists-und dann wär da noch George Bernard Shaw, der mal gesagt hat: “Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. ”

    Den Spruch mit dem Erschießen kenn ich auch, nur gings bei mir um Erwachsenwerden mit all seiner Angepaßtheit und dem völligen Verlust kindlicher Lebensfreude, Neugier und Begeisterungsfähigkeit-bis jetzt sind wir zwei davongekommen :-D

  2. Diana

    einmal mehr hat Shaw Recht, der Kerl hätte gut in unsere Runde gepasst, auch wenn er kein Mädel ist ;-)

    das mit dem Erschiessen kannte ich ursprünglich auch vom Erwachsenwerden, aber Erwachsensein und der Zwang zur Normalität gehen ja Hand in Hand.

    Und wir Zwei sind da nicht die Einzigen, die uns vom Erwachsensein schützen konnten, Juliet gehört da definitiv auch rein ;-)

  3. Gisela

    Na ich muß Dir definitiv Recht geben – denn wo wäre die Menschheit heute, wenn es nicht Querdenker und viele “Nicht-Normalos” gegeben hätte – die Welt hätte keine Farbe, keine Kunst, wenig Wissen…. die Liste ist endlos! Ich bin mittlerweile froh/glücklich nicht “normal” zu sein und vor allem – ich würde es auch nicht mehr wollen…. ;-)

  4. Juliet

    Gisela hat’s schon gesagt, wenn es keine aussergewöhnliche Menschen gegeben hätte, wäre die Welt ganz schön grau und furchtbar langweilig.
    Und- ich hab’s schon oft gesagt- was genau ist eigentlich normal und wer hat das zu bestimmen. Ich lass mir von anderen nicht sagen, wie ich zu sein habe, ich möchte nicht in der Masse untergehen, als ob ich überhaupt nicht existieren würde.
    Vom erschiessen habe ich zwar nie gesprochen, aber ich wollte nie so furchtbar erwachsen erwachsen sein, man kann ja erwachsen sein, wenn man das Kind in sich dabei nicht verliert.

    @Diana

    Klar gehör ich dazu, darum verstehen wir drei uns ja so gut ;-)

  5. Diana

    @Gisela und Juliet: das Gruslige daran ist eben nicht nur, dass die Welt etwas verliert ohne diejenigen, die sich dem Zwang zur Normalität verweigern sondern, dass jeder Einzelne sich selbst verliert und eigentlich nie danach frag, was er/sie eigentlich selber ist oder sein möchte. So bestimmt eine unsichtbare Mehrheit wer wir sind und alles wird zu einem grossen Einheitsmatsch, in dem sich niemand wirklich entfalten kann, weil alle Wesensanteile unterdrücken. Hesse müsste Pflichtlektüre werden für alle, vielleicht gäb das den Menschen etwas zu denken.

  6. Juliet

    Das hatten wir zwar irgendwo schon mal, so ähnlich wie “entfalte Dich frei, aber tanz dabei nicht aus der Reihe”. Den Menschen scheint es wichtiger zu sein, was die Nachbarn sagen oder haben zuviele Bedenken, dass das, was sie tun oder sind von anderen evtl nicht gutgeheisst wird.
    Klar ist es einem wohl lieber, wenn man gemocht und akzeptiert wird, aber erstens kann man’s nicht jedem Recht machen, zweitens, was geht das Fremde an, die müssen sich ja nicht mit mir abgeben (ich mich mit denen auch nicht) und drittens finde ich es schöner, wenn man mich trotzdem mag oder noch besser, gerade deshalb.

  7. Diana

    es liegt in unserer Natur, dass wir uns wünschen, dass man uns mag. Das ist soweit auch gut, aber es darf nicht zum Massstab werden, ob wir ok sind. Da braucht es manchmal bewusste Renitenz im Stil von: Ich weiss, dass Ihr mich so lieber habt, aber es ist mir so wichtig, dass ich notfalls auch Eure Ablehnung in Kauf nehme. Ich hab schon so oft Leute getroffen, die irgendwann von Wünschen und Träumen sprachen und dann sagten: aber sowas tut man ja nicht. Wer dieses “man” ist, hab ich nie rausgefunden und niemand von denen konnte es mir erklären, aber sie lassen sich doch davon manipulieren und geben die Frage auf, bevor sie eine Antwort gefunden haben. Eigentlich gibt es nur eine Wahl, entweder ich bin ich selbst oder ich lasse mich formen zu einer Projektion Anderer.

  8. Morag

    @Diana: Dieses “das tut man nicht” ist wohl eine der größten Killerphrasen unserer Zeit-damit läßt sich alles erschlagen.
    Aber wie Du schon schreibst: die meisten Menschen lassen sich dadurch in die Ziegelform zurückprügeln (oder schlimmer noch, sie machen es selber) und wenn sie ihre Träume bei der Gelegenheit nicht gleich aufgeben, vertagen sie diese “auf später”. Wie das ausgeht, hat Wolfheim genau getroffen (“kein Zurück”):
    “Deine Träume schiebst du endlos vor dir her.
    Du willst noch leben, irgendwann.
    Doch wenn nicht heute, wann denn dann?
    Denn irgendwann ist auch ein Traum zu lange her…”

    Dann nimm Mark Twains Zitat (das Du auf Deiner Sprüchseite hast) dazu und Du weißt, wieso so viele Zombies da draußen rumlaufen :-(

    Die wenigen, die trotzdem den viel zu oft gehörten und viel zu selten befolgten Spruch “träume nicht Dein Leben, sondern lebe Deine Träume” umsetzen, stehen dann natürlich raus.

  9. Juliet

    Ach Morag, welch schöne Zeilen und wie wahr…

    Diana, Du nimmst mir gerade die Worte aus dem Mund, was dieses “man” betrifft, die Frage stell ich auch immer, wer ist denn “man”. Andere eben, aber wir sind nicht andere, wir sind wir.
    Oder, wenn mir einer sagt “die anderen machen das auch so”, kennst Du bestimmt die Gegenantwort “Und wenn die anderen von der Brücke springen, springst Du dann auch?”
    Mit anderen Worten, lass Dich nicht zu sehr von anderen lenken und beeinflussen und pass Dich nicht an, nur weil “man” das so macht, wenn es gar nicht das ist, was Du willst.

  10. Diana

    @Morag: Zombies hat irgendwie was, zumindest wirken viele Menschen von der Wesensart her irgendwie ferngesteuert, von einer unsichtbaren Macht die Gesellschaft heisst. Aber das Träumen wird den Kids halt auch verlernt, man soll ja vernünftig sein und immer alles korrekt machen. Damit wird jegliche Individualität zertrümmert.

    @Juliet: Wenn jemand mit sowas kommt im Stil von “man tut dies (nicht)”, dann reagiere ich meist naiv zurückfragtend: “wer ist man”? Sollte ich den kennen?

  11. Juliet

    Mit solchen Gegenfragen kannste den Leuten ganz wunderbar den Wind aus den Segeln nehmen ;-)

  12. TaraWillowB

    Spät was…?
    Normal? Warum haben so viele Leute ein Problem mit normal?
    Bitte nehmt euch nicht so wichtig! Nicht falsch verstehen, man sollte sich und seine Interessen schon ernst nehmen, nur sind wir alle eben nicht allein auf der Welt.
    Sich ein wenig anpassen ist nichts Verwerfliches. Eine Gesellschaft. bestehen aus Selbstdarstellern, dem ich bin dagegen weil andere dafür sind Typen usw. , wird nicht funktionieren.
    Alles was Du aufgezählt hast ist so normal wie sich nach der Toilette die Hände zu waschen, älteren Leuten im Bus einen Platz anzubieten, jemanden eine Tür aufzuhalten, …. eben alles was unser Leben zu dem macht was es ist. Selbst der Versuch sein “anderssein” – entschuldige bitte die Wortwahl – zu rechtfertigen in dem ich mich aus der Masse abzuheben versuche – ich bin nicht normal – ist so normal, wie überhaupt nur etwas normal sein kann!
    Ich glaube, hier wird normal mit unauffällig verwechselt, aber auch unauffällig – vermeidlich unscheinbar -zu sein ist nichts, für was man sich schämen muss.
    Auch der unauffällige Menschen sind zu großem in der Lage, wenn es die Situation erfordert. Bedenklich, weil leicht zu manipulieren sind nur die Mitläufer und immer Ja-Sager. Die sind (meiner persönlichen Meinung nach) nicht normal.
    Leben und leben lassen, akzeptiert euch wie ihr seid, genauso wie die Tatsache, dass andere schlussendlich immer anders sind. Das geht jedem Menschen genauso, völlig egal ob hetero, homo, trans oder was auch immer. Wenn ich mich selbst nicht akzeptiere, wie kann ich das dann von anderen erwarten?
    Zugegeben, es gibt Lebenswege die weniger und solche welche mehr zu dummen Kommentaren führe oder sogar auf Unverständnis und Ablehnung stoßen. Wenn man aber nicht völlig abgestumpft ist oder ein vollkommen übersteigertes Ego hat, ist jeder schon mal von andern verunsichert, missverstanden oder sogar vermeintlich ausgegrenzt worden. Zweifel sind normal, Fragen und hinterfragen (auch sich selbst) sind es auch, denn nur so können wir uns weiterentwickeln.
    “Die Hölle, das sind die anderen…” [Jean-Paul Sartre]

  13. Diana

    @TaraWillowB: Ich glaube nicht, dass wir uns so wichtig nehmen, es ist eher so, dass in der Gesellschaft viele Menschen sind, die unsere vermeintliche Nicht-Normalität so wichtig nehmen. Deshalb versuchte ich mit diesem Beitrag diese gesellschaftliche Forderung nach sogenannter Normalität zu relativieren. Nur weil die Mehrheit etwas für richtig hält, muss es nicht das Rechte sein. Will der Mensch ein Individuum sein, muss ihm auch Individualismus zugestanden werden.

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