(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

TSG – Transsexualität und Gutachter-Dilemma

Während die meisten Betroffenen wie auch ich in kollektives Gejubel ausgebrochen sind, weil das deutsche Verfassungsgericht den Operationszwang im Transsexuellengesetz (TSG) als verfassungswidrig eingestuft haben, hat die Menschenrechtsorganisation ATME nebst ebendieser Freude aber auch besorgniserregende Fragen aufgeworfen. Denn mit dem Wegfall des Kriteriums der genitalangleichenden Operation, stärkt sich umso mehr die Rolle der Gutachter. Sind wir nun vom Regen in die Traufe gekommen? Ich kann das noch nicht beurteilen, transsexuelle Menschen waren seit je her im Würgegriff der Gutachter, womit Selbstbestimmung nur noch eine Farce blieb. Ob das nun noch schlimmer wird, muss sich zeigen resp. dagegen müssen wir kämpfen, beispielsweise wenn wie ich erwarte nun das TSG neu geschrieben werden muss wegen des Wegfalls von Artikel 8. Deshalb möchte ich mir jetzt hier ein paar Gedanken zum Gutachter-Dilemma machen und aufzeigen, weshalb diese Praxis nicht nur absurd ist sondern auch gegen Menschenrechte verstösst.

Das Dilemma der Gutachter
Von Gesetzeswegen wird die Transsexualität und damit da Geschlecht von Betroffenen nur anerkannt, wenn in der Schweiz ein resp. in Deutschland zwei Gutachter diese Diagnose stellen. Das Dilemma dahinter ist, dass Transsexualität gar nicht bewiesen oder widerlegt werden kann, man kann es bisher nicht eindeutig messen. So stehen Gutachter vor der Pflicht, eine Diagnose zu stellen über ein Phänomen, das nicht diagnostiziert werden kann. Damit beginnt eine Odysee der Willkür. Gutachter stehen unter Druck, eine allfällige Fehldiagnose würde ihre Fähigkeit in Frage stellen, aber weil sie eigentlich keine Diagnose stellen können, haben sie das Messer am Hals. Infolgedessen sind Gutachter oft überkritisch und bewerten Betroffene beispielsweise aufgrund der Einhaltung geschlechtsspezifischer Stereotypen. Sie können die Geschlechtsidentität ja nicht anschauen, man kann sie nicht messen, man hat nur die Wahl, Betroffenen zu glauben oder ihnen zu unterstellen, sie seien gestört.

Das Dilemma der Betroffenen
Für Betroffene wird das zum Albtraum. Sie haben die unumstössliche Gewissheit, welchem Geschlecht sie angehören. Wer sollte besser als sie selbst wissen, welchem Geschlecht sie angehören? Betroffene kennen sich selbst seit Jahrzehnten, sie wissen aus Erfahrung um der Unverrückbarkeit ihres Geschlechts. Trotzdem müssen sie sich nun analysieren lassen und auf ein Gutachten hoffen, das wie oben erwähnt eigentlich nicht ernsthaft gestellt werden kann. Sie wissen, dass sie diese Anerkennung erarbeiten müssen, unabhängig wer sie sind, sie müssen dem hilflosen Gutachter nun genügend Hinweise liefern, die ihre Ernsthaftigkeit bestätigen.

Das Dilemma des therapeutischen Verhältnisses
Damit stehen sich Betroffene und Gutachter ohne grosses Vertrauen gegenüber. Betroffene fürchten eine verweigerte Diagnose, empfinden sich wie auf der Anklagebank, müssen ihre Unschuld beweisen. Der Gutachter ist jemand, der einem die Zukunft verweigern kann, der unvorstellbare Macht innehat. Bei diesem Machtgefälle ist ein vertrauensvolles Verhältnis völlig unmöglich. Gutachter wiederum wissen das und gehen grundsätzlich davon aus, dass Betroffene sie reinlegen wollen. Es herrscht gegenseitiges Misstrauen, unter dem kein ehrliches Gespräch möglich ist.

Das Dilemma der Entmenschlichung
So sind Betroffene gezwungen, teilweise jahrelang mit Gutachtern zu palavern, sie müssen sich selbst beweisen, obwohl Transsexualität nicht beweisbar ist. Sie müssen die Entscheidung, wer und was sie sind, einem Fremden überlassen. Man spricht ihnen faktisch das Recht auf Selbstbestimmung ab, weil man den Wahrheitsgehalt ihrer Selbstbestimmung per defintionem in Frage stellt.

Das Dilemma der Absurdität
Damit finden sich Betroffene in einer völlig absurden Situation. Stell Dir mal vor, Du würdest jemandem sagen, Du seist ein Mensch und dieser würde das in Frage stellen. Wie willst Du das beweisen? So müssen Betroffene – im Bewusstsein ihres Geschlechts – ihr Geschlecht einem Gutachter beweisen, der grundsätzlich befürchtet, er würde angelogen oder die Betroffenen wären nicht zur Selbstreflektion fähig.

Menschenrecht als Ausweg aus dem Dilemma
Eigentlich wäre es einfach, aus diesem Dilemma auszusteigen, wir müssten nur das Recht auf Selbstbestimmung ernst nehmen und schon wären wir all die Dramen los, die sich immer und immer wieder abspielen. Nur ich weiss, wer und was ich bin, nur ich alleine kann beurteilen, welchem Geschlecht ich zugehörig bin. Würde man uns dieses Menschenrecht zusprechen, würde es keine Gutachten brauchen, keine Fristen, keine zermürbenden Alltagstests, nichts. Solange die Gesellschaft das nicht tut sondern anstelle dessen dieses Gutachter-Dilemma inszeniert, solange sind Menschen unter Vormundschaft, ihre Selbstwahrnehmung steht unter Generalverdacht.

Das Dilemma der geforderten Sicherheit
Dagegen wird dann als ewiges Todschlagargument eingewandt, man müsse sich da schliesslich sicher sein. Ja klar muss man das, aber die einzige Sicherheit die wir hier haben, ist die Selbstwahrnehmung der Betroffenen. Gutachter können nicht mal diese sehen, geschweige denn weitere Kriterien. Heute muss ich, die ich um mein Geschlecht weiss, jemanden der dies nicht sehen kann fragen, welchen Geschlechts ich bin – wie absurd ist das denn? Als letztes Blödelargument kommt dann stehts der Einwand: aber wenn man einfach so selber entscheiden kann, könnte man ja ständig hin und her wechseln. Was für ein Quatsch: erstens ist es äusserst selten, dass transsexuelle Menschen je zurück wollen und zweitens, selbst wenn dem so wäre, wen hat das zu interessieren?

Selbstbestimmung als Fundament des Menschseins
Die ganze Diskussion rund um Gutachten, Alltagstest und erzwungenen Operationen wäre mit einer einzigen Frage vom Tisch zu wischen: Hat der Mensch ein Recht auf Selbstbestimmung? Die EMRK sagen klar ja, das TSG sagt klar nein, entscheiden muss die Gesellschaft, ob sie das Menschsein auch in selbstbestimmter Weise erlauben will. Dass sich diese Frage überhaupt stellt, ist an sich der Gipfel dieser Absurdität, darüber sollten wir endlich ernsthaft nachdenken.

Dr. Horst Haupt hat in seinem Blog zwei fundierte Beiträge zu diesem Thema, ich empfehle das zur Vertiefung meiner hier niedergeschriebenen Gedanken: Trans-Health Blog


 

11 Reaktionen zu “TSG – Transsexualität und Gutachter-Dilemma”

  1. Kim

    Liebe Diana,

    die Realität ist noch viel enttäuschender. Als transsexueller Mensch denkst du, dass es darum ginge, deine Geschlechtszugehörigkeit zu “überprüfen”, in Wirklichkeit geht es bei den Begutachtungen darum aber gar nicht. Es geht vielmehr nur und ausschliesslich um die Frage ob…

    a) ein Mann in der Frauenrolle leben kann
    b) eine Frau in der Männerrolle leben kann
    (Nachzulesen in den Nachschlagewerken der Sexologie)

    Viele transsexuelle Menschen sind sich nicht bewusst darüber, dass ihre als “gefühltes Geschlecht” bezeichnete Geschlechtlichkeit für einen Sexologen nichts weiter ist, als der Wunsch eine bestimmte Geschlechtsrolle einzunehmen. Um das Selbstwissen transsexueller Menschen über ihre Geschlechtszugehörigkeit geht es nur am Rande… dieses Geschlechtswissen gilt immer noch als “psychische Störung” bzw. “genderatypischen Verhalten”.

    Was also geprüft wird ist lediglich: Die Rolle. Sprich: Ob du es als Mann schaffst durch Kleidung, Auftreten usw. unauffällig in der Frauenrolle zu leben. Da man einem solchen Mann nicht zumuten kann, sich zu outen, erhälst du auch Papiere, die dich als Frau ausweisen.

    Um die Anerkennung transsexueller Menschen ist es in den letzten Jahrzehnten niemals gegangen. Nicht in der sog. Sexualwissenschaft und nicht bei denen, die die Gesetze machen. Und es geht auch im aktuellen Urteil nicht um die Anerkennung deiner Geschlechtlichkeit. Es geht lediglich darum, dass ein Mann sich jetzt nicht mehr operieren lassen muss, um in der Frauenrolle leben zu dürfen.

    Das ist leider Realität.

    Liebe Grüsse, Kim

  2. Diana

    @Kim: Wenn ich das Unispital Zürich als Beispiel nehme, dann scheint das in der Schweiz doch anders betrachtet zu werden. Offiziell dient der Alltagstest:

    1. die innere Stimmigkeit und Konstanz des Identitätsgeschlechts;
    2. Umgang mit den persönlich sozialen Auswirkungen einer Geschlechtsangleichung;
    3. die realistische Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen hormoneller und
      operativer Behandlung, damit eine angemessene weitere Behandlungsstrategie
      festgelegt werden kann.

    das verstehe ich so:

    1. geht eben davon aus, die Konstanz der Identität könne unstabil sein. Das ist Unsinn, weil gerade transsexuelle Menschen sich dadurch auszeichnen, dass sie seit Langsam unter der falschen Geschlechtszuweisung leiden und sich diese Identität eben nicht verändert. Aber hier will man vorallem wissen, ob es nicht nur eine spontane Spinnerei sei. Das ist absurd, weil niemand einfach so aus ner Laune raus so einen Weg einschlägt.
    2. man will wissen, ob jemand das Leben unter der gängigen gesellschaftlichen Stigmatisierung überhaupt aushält. Diese Frage ist an sich berechtigt, weil man eben gerade durch die anhaltende Psychopathologisierung offiziell als gestörter Mensch gilt. Das Absurde daran ist, dass der Alltagstest noch viel härter ist als das Leben, das man in Zukunft führt. So wird diese Verzögerung zu einer allesentscheidenden Prüfung.
    3. Betroffene müssen natürlich wissen, was wirklich auf sie zukommt und was eine Illusion ist. Aber diese Informationen lassen sich in einer Sitzung rüberbringen, da braucht es nicht jahrelange Therapien.

    Ich habe hier in der Schweiz den Eindruck, dass man wie es bei Psychologen ja logisch sein müsste, das Gehirn als wesensbestimmend versteht. Und hier anerkennt man auch all die Studien die biologische Ursachen von Transsexualität. Ich hatte stehts das Gefühl, dort klar als Frau verstanden zu werden, zwar zuerst mit eben obgenanntem Generalverdacht, aber schlussendlich doch klar als Frau. Das war hier nicht immer so, aber man sagte mir auch ganz klar, dass sich in den letzten Jahren vieles verändert hat, eben gerade wegen den wissenschaftlichen Fakten, die sich seit zwei Jahrzehnten stapeln.

    Langer Rede kurzer Sinn, in letzter Zeit häufen sich die Risse im System, einer nach dem Anderen. Ich bin zuversichtlich, dass sich noch vieles ändern wird. Aber dazu müssen wir uns engagieren, so wie ATME das eben tut. Wir sind bereits dran, das System zu verändern, aber das geht nur langsam und in kleinen Schritten – und eines Tages kracht da Fundament der Sexologen mit lautem Getöse zusammen ;-)

  3. Bad Hair Days

    Es gibt noch ein paar andere Probleme, die ich mal nur ganz kurz andeuten will:

    - Die juristische Gestärkte Bedeutung des Hebammengeschlechts
    - Das Gerichtsurteil kam letztlich als Stärkung des binären Geschlechtersystems in der Form, dass die Bedeutung des Geschlechts für den Schutz der Institution Ehe als zwischen Mann und Frau gestärkt wurde.

    Ein schwerer Rückschritt für die juristische Abschaffung von Geschlecht oder zumindest eine flexible Option “other”

    Ich werde auch noch einen Blogbeitrag schreiben, aber es ist kein Zufall, dass ich mir so viel Zeit damit lasse.

  4. Diana

    Da bin ich gespannt :-) Es fällt mir bisher schwer mir vorzustellen, weshalb sich diese Aspekte verschlimmern sollten.

    Aber ich bin überzeugt, dass wir niemals alles am Stück umformen können, wir können nur Aspekt um Aspekt aus diesem System rausreissen – die Op-Fixierung hätten wir immerhin hiermit. Was nun folgen muss ist der nächste Teil, die Gutachtergeschichte, aber das wird ein schwerer Brocken.

  5. Inka

    Auch nach der Gesetzesreform werden wir uns mit ziemlicher Sicherheit weiterhin, wie Du schreibst, im “Würgegriff der Gutachter” befinden. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass es noch schlimmer wird als bisher.
    Was könnte passieren?
    Es könnte passieren, dass die Zahl der notwendigen Gutachten verdoppelt wird. Das wäre natürlich schon ein erheblicher zusätzlicher Stress- und Kostenfaktor. Vielleicht werden wir Antragsteller dann aber auch gleich vor ein Gutachter-Tribunal geladen, vor dem wir dann drei Stunden lang Seelen-Striptease betreiben dürfen. Ich hoffe nicht, dass diese Horrorvorstellung wahr wird.
    Insgesamt bin ich vorsichtig optimistisch, denn vor dem Hintergrund der Empfehlungen der EU kann es sich die Bundesregierung eigentlich gar nicht erlauben, das Gesetz jetzt gewissermaßen durch die Hintertür zu verschärfen.

  6. Bad Hair Days

    Hallo Inka. Aus TS Sicht die Festschreibung der deutschen Standards of Care nach Sophinette Becker et. al.

  7. Bad Hair Days

    Es ist vollbracht:
    http://badhairdaysandmore.blogspot.com/2011/01/das-tsg-ist-gefallen-jetzt-sind-alle-tg.html

  8. Bad Hair Days

    Urgs, die gekürzte Form des Titels in der URL könnte für Missverständnisse sorgen.

  9. Diana

    *grins* na dann sind halt alle TG ;-) danke für Deinen Blogbeitrag, wie immer fundiert und den Punkt treffend.

  10. Zürcher Obergericht: Kein Sterilisierungszwang für transsexuelle Menschen | (t)-Girl Diana

    [...] sich nun auch hier, ob wie beim kürzlichen Fall des deutschen Transsexuellengesetzes nun die Macht der Gutachter umso grösser werden könnte. Das kann noch niemand sagen, weder beim deutschen TSG noch bei diesem [...]

  11. Armanda Scheidegger

    ich nehme als TS Estradot Pflaster 375 2x/ Wo
    und habe einen tägl. Blutverdünner Cardiax ASS
    100mg, lebe ich gefährlich ?
    Nach 1 1/2 Jahren habe ich die Körpchengrösse
    A80 und bin sehr glücklich auf meine kleinen Brü-
    ste.
    Darf ich von Ihnen eine Antwort erhalten ?
    Herzlichen Dank !
    Mit freundlichen Grüssen Armanda

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