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Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

TSG Operationszwang ist verfassungswidrig

Am heutigen Tag jubeln transsexuelle Menschen im deutschsprachigen Raum, vorallem diejenigen aus Deutschland – denn das deutsche Verfassungsgericht hat Paragraph 8 des sogenannten Transsexuellengesetzes als verfassungswidrig eingestuft – der Paragraph, der wie hier in der Schweiz transsexuelle Menschen nur nach erfolgter irreversibler Sterilisierung anerkennt. Damit endet zumindest in Deutschland der letzte Schatten der Eugenik. Es ist verfassungswidrig, transsexuelle Menschen nur in ihrem Geschlecht anzuerkennen nach erfolgter “irreversibler Sterilität”. Die geschlechtsangleichende Operation ist eine für die meisten Betroffenen essentielle medizinische Hilfe. Für Andere ist es faktische Zwangssterilisation.

Die Dauerhaftigkeit und Irreversibilität des empfundenen Geschlechts eines Transsexuellen lässt sich nicht am Grad der Anpassung seiner äußeren Geschlechtsmerkmale an das empfundene Geschlecht mittels operativer Eingriffe messen, sondern ist daran festzustellen, wie konsequent der Transsexuelle in seinem empfundenen Geschlecht lebt und sich in ihm angekommen fühlt.
(Bundesverfassungsgericht)

Man kann davon ausgehen, dass etwa 20% der transsexuellen Menschen auch ohne geschlechtsangleichende Operation mit ihrem Leben klar kommen. Diese waren bisher zu einer Sterilisierung gezwungen, wenn sie wirklich eine echte Personenstandsänderung wollten. Für die nimmt nun der Druck deutlich ab. In der Vergangenheit gab es Betroffene, die diese risikoreiche Operation nicht gebraucht hätten, denen das Risiko zu gross war, die es aber trotzdem machten, weil ihnen die amtliche Anerkennung so wichtig war.

Aber nicht nur für diese Betroffenen ist das ein Meilenstein, er betrifft uns alle. Einerseits ist es nicht mehr haltbar, die Personenstandsänderung bis zur GaOp hinauszuschieben, anderseits ist es eine ethische Grundsatzfrage. Ob ich männlich oder weiblich bin, ist eine Frage meines Wesens, meines Ichs, also meines Gehirns. Solange die Anerkennung des Geschlechts an die Genitalien geknüpft ist, verkennt man die Tatsache, dass das Geschlecht im Hirn festgelegt ist. Das zeugt von einer ganz neuen Denkweise oder kann zumindest dahin führen. Wesentlich ist nicht, was man zwischen den Beinen hat sondern was man im Kopf hat. Der Mensch ist somit nicht mehr ein Genital mit einem Zellhaufen dran, der Mensch ist nun Mensch, der was auch immer für Körperteile hat.

Einmal mehr verweise ich auf diese Analogie: Es gibt krebskranke Menschen, die keine Chemotherapie machen, aus welchen Gründen auch immer. Niemand käme auf die Idee zu sagen: “Du bist nicht krebskrank, solange Du die Therapie nicht machst, denn die Meisten machen sie ja”. So lief es bisher mit transsexuellen Menschen. Ihre Transsexualität und damit ihr richtiges Geschlecht, wurden nur anerkannt, wenn man alle “verordneten” medizinischen Massnahmen abgeschlossen hat. Aber ob jemand krank ist, entscheidet sich nicht dadurch, dass man eine Therapie macht. Genauso entscheidet sich das Geschlecht nicht dadurch, ob man irgendwelche körperlichen Veränderungen ausführen lässt.

Auch mit der dauernden Fortpflanzungsunfähigkeit hat der Gesetzgeber in § 8 Abs. 1 Nr. 3 TSG eine unzumutbare Voraussetzung für die personenstandsrechtliche Anerkennung des empfundenen Geschlechts eines Transsexuellen gesetzt, soweit für die Dauerhaftigkeit der Fortpflanzungsunfähigkeit operative Eingriffe zur Voraussetzung gemacht werden. Die Realisierung des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung aus Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG wird damit von der Preisgabe des Rechts auf körperliche Unversehrtheit abhängig gemacht, ohne dass Gründe von hinreichendem Gewicht vorliegen, die die hierdurch bei den betroffenen Transsexuellen entstehenden Grundrechtsbeeinträchtigungen rechtfertigen könnten.
(Bundesverfassungsgericht)

Vorallem ein Erfolg ist es aber deshalb, weil das durch europäische Menschenrechtskonventionen geschützte Recht auf Selbstbestimmung endlich auch uns in einem der wesentlichsten Punkte zugesprochen wird. Und auch wenn mich das faktisch nicht betroffen hat, weil die GaOp für mich überlebensnotwendig war, ist es doch grausam und irgendwie entwürdigend, wenn ich zu den Wenigen gehöre, denen das Recht auf Selbstbestimmung verweigert wird. Das hat so etwas von Unter-Mensch, etwas entwürdigendes. Ich hoffe, dass auch die Schweiz da nachzieht.

Beschluss des Bundesverfassungsgerichts
ATME: Transsexuellengesetz für verfassungswidrig erklärt
Marie Karsten: Was mach ich jetzt bloss?
Inka: Bundesverfassungsgericht kippt Transsexuellengesetz
Launen einer Blüte: Bundesverfassungsgericht erteilt dem TSG erneut eine Ohrfeige
Svenja: Geschenk aus Karlsruhe
Sara: Das ist der Hammer! Danke Deutschland!
Fremde Angst – Bundesverfassungsgericht entscheidet: Der OP-Zwang entfällt!

dieStandard: Verfassungsgericht stärkt Rechte Transsexueller
Süddeutsche: Gericht kippt Transsexuellengesetz – Das gefühlte Geschlecht


 

9 Reaktionen zu “TSG Operationszwang ist verfassungswidrig”

  1. Andi

    Das nun das gefühlte Geschlecht für die Personenstandsänderung reicht finde ich total stark!
    Die Probleme die Transsexuelle Menschen haben, die ihnen oft die Grundlagen des Lebens nehmen, finden in den Köpfen ihrer Mitmenschen statt.

    - meiner Meinung nach findet ein Paradigmenwechsel statt den ich sehr erfreulich finde, denn das bedeutet das in Zukunft weniger betroffene Menschen daran sterben werden.

  2. Inka

    Das Urteil ist ein weichtiger Schritt in die richtige Richtung. Es stärkt nicht nur die Rechte transsexueller Menschen in Deutschland, sondern wird zwangsläufig auch eine Debatte über die Zukunft des Transsexuellengesetzes auslösen und hoffentlich auch eine Grundsatzdiskussion über die Anerkennung der geschlechtlichen Vielfalt in Gang bringen.

  3. ZaraPaz

    Das genitale Weltbild gerät ins Wanken – jetzt auch in Bratwurstland!! Schade, dass man die Regierungen der letzten 30 Jahre nicht für ihr verbrecherisches Handeln und Verschleiern nachträglich an die Wand stellen kann. Wie würden die das rechtzufertigen versuchen, wenn sie mal jemand darauf ansprechen würde??

  4. Christina

    Das versüßt mir den Tag ungemein! Eine Gerechtigkeit scheint es ja doch zu geben auch wenn man lange dafür kämpfen muss. Aber ich muss auch Kim von ATME recht geben: Wir müssen weiter kämpfen!!!
    So ein Urteil ist auf jeden Fall schon mal ein richtig guter Start ins neue Jahr!

  5. Horst

    Naja, das ist ganz erfreulich. Andererseits: die elende Gutachterpraxis wird bekräftigt. Also darf weiter mit sog. “Gutachten”, die wirklicher Gutachtenkultur Hohn sprechen und ein trauriger Witz sind, Geld verdient werden. Weiterhin also peinliche Psychiatrie …

  6. Kim

    Dazu auch der Hinweis auf das hier:

    “Denn der Gesetzgeber hat, wie ausgeführt, die Möglichkeit, in § 8 Abs. 1 TSG für die personenstandsrechtliche Anerkennung des empfundenen Geschlechts eines Transsexuellen spezifiziertere Voraussetzungen zum Nachweis der Ernsthaftigkeit des Bedürfnisses, im anderen Geschlecht zu leben, als in § 1 Abs. 1 TSG aufzustellen[...]”

    Die Folgen dieses “spezifiziertere” könnten schlimm werden, wenn wir uns hier nicht zur Wehr setzen. Da das BVerfG grundsätzlich die Gutachterverfahren bestätigt hat, gibt es jetzt dummerweise einen neuen dicken Brocken. Möglicherweise wird der Zurgang zu einer PÄ auf Grund des aktuellen Urteils verschärft werden (wie das Gericht ausführte, darf der Gesetzgeber an einer PÄ höhere Anforderungen stellen, als an eine VÄ). Möglicherweise eine neue Einnahmequeller für die Sexologen-Psychiater? Wir sollten langsam auf die Strasse gehen, anstatt uns wieder einmmal an der Nase herumführen zu lassen…

  7. Diana

    @Kim: von der Seite her habe ich da nicht betrachtet, ich hoffe, dass Du mit Deiner Befürchtung nicht Recht hast. Die Gutachterverfahren waren ja auch bisher ein harter Brocken, ob das noch schlimmer werden kann, weiss ich nicht.

    Aber grundsätzlich freue ich mich darüber, dass eine Personenstandsänderung nicht mehr an Genitalien festgemacht wird, da sehe ich eine ganz neue Sichtweise.

    Ebenfalls Hoffnung weckt, dass das TSG nun faktisch verfassungswidrig ist, dementsprechend muss jetzt das TSG endlich und längst überfällig überarbeitet werden. Wir müssen Wege finden, da mitzuwirken, dann können wir vielleicht wirklich etwas Gutes rausholen.

  8. Kim

    “…dass eine Personenstandsänderung nicht mehr an Genitalien festgemacht wird, da sehe ich eine ganz neue Sichtweise.”. Die Sichtweise wäre dann eine für uns positiv neue, wenn damit klar wäre, dass eine transsexuelle Frau eine Frau wäre. So sieht das das Gericht auch nicht… es erkennt nur an, dass ein MANN sich jetzt nicht mehr operieren lassen muss, um in der Frauenrolle leben zu dürfen. Dafür muss ER nun aber noch mehr als zuvor beweisen, dass er in der Frauenrolle leben kann (Gutachter). Wo ist da der Wandel? Der würde vielleicht eintreten, wenn das Begutachtungsverfahren gekippt wäre – das Gericht hat dieses aber in seiner Urteilsbegründung aber im Gegenteil ja noch gestärkt.

  9. Diana

    @Kim: ja bis man eine Frau auch als Frau anerkennt, dürfte noch ein weiter Weg sein, so absurd da auch klingen mag. Aber immerhin sind die Genitalien nicht mehr das Killer Kriterium, darin sehe ich einen Schritt in die richtige Richtung.

    Zum Gutachter Thema habe ich soeben einen Beitrag geschrieben, als Ergänzung zu diesem…….. http://diana.tgirl.ch/tsg-transsexualitat-und-gutachter-dilemma

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