(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Transsexuelle Menschen in der Behandlungshölle

Die letzten Wochen habe ich viele emotional arg angespannte Beiträge geschrieben, entweder unter dem Eindruck einer heftigen Depressionsphase oder eines überbordenden Wutausbruchs. Nach meinem Ausraster letzte Nacht, möchte ich nun mal versuchen, etwas rationaler zu beschreiben, was ich an der Behandlung von transsexuellen Menschen kritisiere, vielleicht gelingt es mir so verständlich zu machen, weshalb diese GaOp Verschleppung in mir zu einem emotionalen Orkan wurde.

Der Weg von Verzweifelten
Um die Absurdität dieses Behandlungsprozesses verstehen können, muss man sich vor Augen halten, dass transsexuelle Menschen meistens erst zu einem späten Zeitpunkt Hilfe suchen. Viele von uns haben Jahrzehnte damit verbracht, das eigene Ich zu bekämpfen, versuchten sich zu konditionieren und scheitern doch zwangsläufig früher oder später, weil die Geschlechtsidentität nicht veränderbar ist und weil auf der anderen Seite ein Leben im falschen Körpergeschlecht eine nicht aushaltbare Diskrepanz zwischen Innen und Aussen bedeutet, an der man nur zerbrechen kann. Niemand will “dem anderen Geschlecht” angehören, niemand will lebenslang Hormone essen, sich einer so heftigen Operation unterziehen und eine allumfassende gesellschaftliche Stigmatisierung auf sich nehmen, das versucht man bis an die Grenzen des Erträglichen zu verhindern. Wer also eines Tages an die Tür eines Kompenzzentrums für Transsexualität anklopft, ist in der Regel seelisch ausgebrannt, hat die Grenzen des Erträglichen bereits weit überschritten und braucht dringend Hilfe, nicht irgendwann sondern jetzt in diesem Moment.

Stigmatisierung Geschlechtsidentitätsstörung
Um Hilfe zu erlangen, muss man sich eine Diagnose überstülpen lassen, die den Fakten spottet. Man wird etikettiert als geschlechtsidentitätsgestört, ungeachet der Forschungen aus der Hirnforschung oder der Genetik, die biologische Ursachen nachweisen konnten. Fakt ist, dass Hirn und Restkörper nicht demselben Geschlecht angehören. Unter dem Eindruck einer jahrhundertelangen Psychopathologisierung wird natürlich ein Hirndefekt vorausgesetzt, obwohl niemand den Nachweis erbracht hat und genausogut der Restkörper sich dem falschen Geschlecht entsprechend entwickelt haben könnte (wovon Betroffene aufgrund ihrer Selbstwahrnehmung ausgehen). Man muss sich einreden lassen, man hätte den “Wunsch” dem “anderen Geschlecht” anzugehören, obwohl dieser angebliche Wunsch eine Gewissheit und feste Überzeugung ist und obwohl man nicht dem anderen Geschlecht angehören will sondern nur den Restkörper dem wirklichen Geschlecht angleichen will. Diese Verdrehungen der Tatsachen und die daraus resultierende Psychopathologisierung werden nicht nur zum Fundament einer inadäquaten Behandlung und damit einer Reihe von Menschenrechtsverletzungen sondern wird auch zum Fundament für eine gesellschaftliche Diskriminierung, in der transsexuelle Menschen als gestört bis hin zu pervers stigmatisiert sind.

Der Alltagstest – unterlassene Hilfeleistung der radikalen Art
Um in den Genuss dieser Psychopathologisierung zu kommen und sich damit die medizinische Behandlung zu verdienen, wird von transsexuellen Menschen ein sogenannter Alltagstest gefordert. Ein Jahr lang müssen sie in der wirklichen Geschlechterrolle leben (was von den Zynikern der Psychiatrie dann “Wunschgeschlecht” genannt wird). Gerade die erste Zeit ist unvorstellbar schwer, weil sich der Körper erst durch die Hormontherapie ein Stück weit dem wirklichen Geschlecht angleicht. Fürs Erste sieht beispielsweise eine transsexuelle Frau einfach aus wie ein Mann in Frauenkleidern. Erst durch die Hormontherapie wird der Gang an die Öffentlichkeit irgendwann einigermassen erträglich. Vorallem die Gesichtszüge sind dabei enorm wichtig. Die medizinische Versorgung wird jedoch während diesem Jahr verweigert. Man soll erleben, ob man den Alltag als transsexuelle Frau durchsteht, was faktisch eine Farce ist, weil man nicht das Leben als transsexuelle Frau sondern das Leben eines Mannes im Rock in die Gesellschaft tragen soll. Diese erste Zeit, die so schmerzhaft ist, wird durch diese unterlassene Hilfeleistung enorm in die Länge gezogen, was Betroffenen massiv zusetzt. Ein weiterer Grund für diesen Alltagstest soll darin liegen, dass die Psychologen eine Diagnose stellen können. Einerseits ist das purer Unsinn, weil niemand auf dieser Welt Transsexualität diagnostizieren kann, die Diagnose können nur Betroffene selbst stellen. Das Einzige, was Psychologen können, ist die Authentizität überprüfen – ungeachtet der Tatsache, dass wohl so manche nicht-transsexuelle Frau bei dieser Überprüfung durchfallen würde, weil sie die notwendigen Geschlechtsstereotypen zuwenig erfüllt. Absurd ist es aber im Speziellen bei jemandem wie mir. Ich kam dahin, mit einem Bericht meines Psychotherapeuten, der fast ein Jahrzehnt lang mit mir nach anderen Auswegen suchte. Sein Bericht wurde nicht in Frage gestellt, der Alltagstest trotzdem ein Jahr lang eingefordert.

Frau “spielen” ohne Identität?
Man soll während dieses Alltagstests als Frau leben, eine Ausweisänderung wird jedoch verweigert, weil die Anerkennung an die Sterilisierung gebunden ist. Reproduktionsfähige transsexuelle Menschen darf es nicht geben – ein letztes Erbe von Dr. Mengele und Konsorten. Für Betroffene bedeutet das, dass man im Alltag in unzählige Situationen kommt, die von unangenehm bis absolut entwürdigend empfunden werden. Ausweiskontrollen mit nicht zum Aussehen passenden Angaben, Probleme mit Kreditkarten, an Bankschaltern, man wird an offiziellen Stellen als Mann angesprochen, wird im Fall eines Unfalls oder im Fall juristischer Probleme in die Männerabteilung gesteckt u.s.w.

Zwangstherapie und Zwangssterilisierung
Man schätzt, dass etwa die Hälfte aller Betroffenen keine geschlechtsangleichende Operation machen wollen. Das kann verschiedene Gründe haben, die Angst vor den Strapazen und möglichen Komplikationen, das kann auch mit der sexuellen Ausrichtung zu tun haben, weil beispielsweise eine lesbische transsexuelle Frau ihre sexuellen Möglichkeiten mit der Partnerin nicht aufgeben möchte. Warum auch immer jemand sich gegen eine GaOp entscheidet, eine offizielle Anerkennung wird in diesen Fällen verweigert, Diagnose hin oder her, bleiben diese Menschen auf dem Papier dem falschen Geschlecht zugesprochen. Faktisch bedeutet das für Einige einen Sterilisationszwang und es gibt tatsächlich Betroffene, die gegen ihren Willen eine GaOp machen, damit sie die rechtlicher Anerkennung bekommen.

Hormontherapie
Nach einem Jahr Alltagstest-Folter wird dann die Diagnose offiziell bestätigt und man wird in die Endokrinologie überwiesen für die Hormontherapie, die dann ein Jahr dauert. Da viele der Betroffenen den Alltagstest nicht ohne Hormone durchstehen können oder wollen, greifen viele zur Selbstmedikation. Es ist ja mit sehr sehr viel Fantasie noch vorstellbar, dass Ärzte einem ein Jahr lang die medizinische Hilfe verweigern. Der Irrsinn übersteigt das Vorstellbare jedoch in Anbetracht der Tatsache, dass zumindest mir sogar ein informelles Gespräch mit der Endokrinologin verweigert wurde. Man akzeptiert die Selbstmedikation, weil man weiss, dass man dies eh nicht verhindern kann, wäscht aber lieber seine Hände in Unschuld resp erfüllt die Behandlungsstandards, als dass man das Überleben der Betroffenen sichern würde. Ich habe beispielsweise regelmässig bei den psychologischen Gesprächen berichtet, was ich wie hoch dosiere. Als ich dann der Endokrinologin sagte, was ich ein Jahr lang genommen hab, war sie entsetzt, weil ich ausgerechnet die Pille erwischte, die das grösste Tromboserisiko hat, was bei einer Raucherin wie mir tödlich sein kann. Ein 30 Sekunden langes Telefon hätte gereicht, um mich zu warnen, damit ich auf ein anderes Präperat umstelle. Aber so Behandlungsstandards scheinen sakrosankt zu sein, da müssen Opfer in Kauf genommen werden.

Geschlechtsangleichende Operation
Die sogenannte GaOp – so glaubte ich – war der einzige Punkt in dieser Behandlungsodyssee, bei dem es nichts zu klagen gibt. Die plastische Chirurgie ist gerade bei uns transsexuellen Frauen zu wahren Wundern fähig und die Resultate sind sehr befriedigend – sofern es nicht zu schweren Komplikationen kommt (bei ca 10% der Betroffenen). Das Problem hier scheint aber, dass zumindest in Zürich die Chirurgie sich der Ernsthaftigkeit und der Dringlichkeit dieses letzten Schrittes nicht bewusst ist. Nur so lässt sich erklären, dass mein auf September frühzeitig angemeldeter Termin auf November verschleppt wurde. Als ich das erste Mal in der Chirurgie antrabte, fragte die Dame am Empfang allen Ernstes: “Gehen Geschlechtsumwandlungen unter kosmetische Operationen oder als Normale?”. Beängstigend, sich in so Hände zu begeben. Wie ich verschiedentlich gehört und gelesen habe, tun sich viele Chirurgen schwer mit GaOps. Sie kennen die Hintergründe zu wenig, sie sehen einfach die vermeintlich gesunden Zellklumpen und es fällt ihnen teils schwer, dieses als unversehrt wahrgenommene Organ zu zerlegen. Das dürfte einer der Hauptgründe sein, dass wir dort nicht grad mit Begeisterung empfangen und ernst genommen werden.

Zusammenfassung
In Kurzfassung heisst das also: Ich muss mich psychopathologisieren lassen, vor der ganzen Welt als gestört erklären lassen. Mit dieser Stigmatisierung wird dann erst ein Jahr lang die medizinische Hilfe verweigert, damit ich ein Jahr lang diese gesellschaftliche Stigmatisierung in vollen Zügen und unter erschwerten Umständen erleben darf. Falls ich mir selber helfe und selber Hormone nehme, verweigert man mir sogar dann eine Information, wenn ich falsche Medikamente nehme. Falls ich eine GaOp will resp brauche, wird das von der Chirurgie nicht genug ernst genommen und ich muss mit Verzögerungen rechnen. Falls ich keine GaOp will, verweigert man mir die Identität, eben weil transsexuelle Menschen sich nicht fortpflanzen dürfen.

Da kann man halt schon irgendwann durchdrehen
Wenn jemand wie ich all das durchlaufen hat, auch einen einjährigen Alltagstest, der spätestens in Anbetracht meiner jahrelangen Psychotherapie medizinisch völlig unbegründet ist, wenn ich nach einem Jahr erfahre, dass ich falsche Hormone erwischt habe, dies regelmässig berichtete und keinen Widerspruch erntete, wenn ich nebst dieser Behandlung all den gesellschaftlichen Verhöhnungen ausgesetzt war – dank einer unwissenschaftlichen Psychopathologisierung – wenn ich dann glaube, diesen Irrlauf endlich beenden zu können, kurz vor dem Ziel stehe und der versprochene Termin dann um zwei Monate verschleppt wird – aus purer Ignoranz heraus……….. ist es dann so schwer zu begreifen, dass vielleicht mit diesen lausigen zwei Monaten die Grenze meiner persönlichen emotionalen Misshandlungstoleranz überschritten wird und ich so gehörig ausflippe, dass erstmals ernsthaft eine Psychopathologisierung in Frage käme?

Die Kettenreaktion der Stigmatisierung
In diesen eineinhalb Jahren habe ich öfters als erträglich in Medien erleben müssen, dass diese sich dazu ermächtigt fühlen, transsexuelle Frauen mit dem Schimpfwort “Transe” zu belegen oder ignorant in der männlichen Form über uns sprechen. Und ich habe öfters als erträglich in Internetdiskussionen erlebt, dass man uns für gestört hält, dass man mir sogar den Wortlaut der Diagnosebibel ICD um die Ohren schlug, als Todschlagargument, das beweisen soll, dass wir ja nur Frauen sein wollen aber eigentlich gestört sind. Und ich habe öfters als erträglich bei gleichen Gelegenheiten erlebt, dass man uns für pervers hält, mit Verweis auf die Psychiatriebibel DSM, in der wir mit Pädophilen und Exhibitionisten in einen Topf geworfen werden. All das nagt an einem, reisst immer mehr Wunden in die Seele und bei all dem bleibt das Bewusstsein, dass all das der Verdienst einer Psychiatrie ist, die uns ein Jahrhundert lang fehldiagnostiziert hat und bis heute nicht bereit ist, diesen Fehler wiedergutzumachen………… dieser Medizinindustrie zu vertrauen, wird so von Monat zu Monat schwerer…….. man möge mir also bitte verzeihen, dass ich diesen Kreisen gegenüber langsam bissig werde.


 

2 Reaktionen zu “Transsexuelle Menschen in der Behandlungshölle”

  1. Bea

    Ich kann Dich voll und ganz verstehen und ich wünsche Dir, dass Du ganz bald endlich ein bisschen zur Ruhe kommen kannst, zumindest was Deinen ganz persönlichen Teil angeht. Alles Liebe für Dich! :)

  2. Diana

    Seit mein Reparaturprogramm wieder vor sich hinackert, bin ich auch zuversichtlich, dass ich meine Ruhe finden werde. Doch all das was sich da an Frust angesammelt hat, braucht viel Stehvermögen oder in meinem Fall eher Wiederaufstehvermögen. Wir gehören beide zu denen, die lernen mussten, zu kämpfen und auszuhalten, zwar aus unterschiedlichen Gründen, aber wir Beide dürften unsere Narben eingesammelt haben. Schlussendlich macht uns das auch stärker, es macht uns kampferprobter, das gibt viel Mut.

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