(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Transsexualität und Selbstsicherheit

Transsexuelle stehen vor einer riesigen Herausforderung, wenn sie in einer Gesellschaft, die Transsexualität stigmatisiert, Selbstsicherheit entwickeln wollen. Es braucht ganz neue Denkstrategien um trotz allen Vorurteilen eine stolze Frau zu sein. Wenn ich zurück denke und mein Selbstbewusstsein von Anfang Jahr mit dem von heute vergleiche, dann staune ich Bauklötze, wieviel sich da verändert hat. Ich wünschte mir, ich könnte anderen T-Girls mit Worten erklären, wie ich diese Veränderung ausgelöst habe, aber das dürfte mir kaum gelingen – versuchen will ich es trotzdem.

Schon an anderer Stelle habe ich betont, dass Menschen so konditioniert sind, dass sie ihren Wert daran messen, ob sie von ihrem Umwelt gutgeheissen werden oder nicht. Transsexuelle sind da in der Regel auch nicht anders, aber sie müssen anders werden, weil sie sich sonst mit einer abwertenden Zerrbrille bemessen, die Ihr Selbstbewusstsein in Schutt und Asche legt.

Aber wie kann ich mich ok finden und stolz auf mich sein, wenn mich Leute angucken, als ob ich eine singende Kröte auf dem Kopf hätte? Wie kann ich Achtung vor mir selbst haben, wenn mir immer wieder Menschen begegnen, die mich verachten?

Fremdbewertung vermeiden
Der wichtigste und schwerste Teil ist der, zu erkennen, dass der Wert von etwas nie durch einen Beobachter gemessen wird. Wenn etwas wertvoll ist, spielt es keine Rolle, ob jemand es nicht für wertvoll hält, der Wert liegt in etwas oder nicht. Wenn ich einen Diamanten mit Dreck verschmiere, werden ihn die meisten für einen dreckigen Stein halten, hat er wirklich an Wert verloren? Dasselbe ist mit uns. Ich bin nicht eine Frau, weil die ganze Welt mir dies attestiert, ich bin eine Frau, weil ich weiblich bin. Und ich bin auch nicht weniger weiblich, wenn man mir meine Weiblichkeit mit Blicken abspricht.

Wenn ich heute so eine negative Wertung zu bemerken glaube, betrifft mich das nicht wirklich. Ich nehme zur Kenntnis, dass da jemand ein falsches und verzerrtes Bild von mir hat, aber das ändert meine Persönlichkeit und mein Geschlecht nicht. In der Regel kenne ich diese Person ja nicht mal, was interessiert es mich, ob diese Person mir Weiblichkeit attestiert?

Ich bin eine TransFrau – na und?
Der grösste Fehler, den wohl die meisten Transfrauen vorallem am Anfang machen, ist der Versuch eines hundertprozentigen Passings. Das ganze Denken wird vernebelt vom Gedanken: “Hoffentlich sieht niemand was ich bin, hoffentlich werde ich als Frau wahrgenommen”. Gerade am Anfang ist der Versuch, als “biologisch korrekte Frau” durchzugehen, zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Resultat ist, dass man von einem “Mist sie habens gemerkt” zum Nächsten geschleudert wird.

Aber ich bin keine biologisch korrekte Frau und da kann ich auch nix dafür, warum sollte ich mich also dafür schämen? Ich bin eine TransFrau, also eine Frau mit männlichen Geschlechtsmerkmalen. Aber ich bin eine Frau – das alleine ist für meine Geschlechtsidentität wesentlich. Wir T-Girls sollten nicht versuchen, unser ‘T’ loszuwerden und zu verleugnen. Ich bin eine TransFrau und das ist ok so.

Während ich früher, wenn mich jemand blöd musterte, etwas im Stil von “Mist sie habens bemerkt und halten mich jetzt für einen rocktragenden Mann”, denke ich heute in derselben Situation eher etwas im Stil von: “Ja Du siehst richtig, vor Dir steht eine transsexuelle Frau” und bin nicht im Geringsten der Meinung, dass dies etwas Schlechtes ist. T-Girls sieht man nicht täglich und oft dürften Leute in so Situationen viel weniger Schlimmes denken als wir befürchten. Nicht jeder der uns genau mustert, denkt: “wäh eine Transe”, bei vielen dürfte es eher so in ihrem Kopf klingen: “gibts ja nicht, ist das nicht eine transsexuelle Frau? hätte nicht gedacht, dass mir mal so jemand begegnet”. Heutzutage haben viele Menschen schon etwas darüber erfahren, in Medizinsendungen oder sonstigen Dokus.

Ich bin der festen Auffassung, dass man als TransFrau nur dann mit der Öffentlichkeit klar kommt, wenn man die eigene Transsexualität nicht als Makel betrachtet sondern zu seiner andersartigen und ungewöhnlichen Wesensart steht.

Identifikation mit den positiven Aspekten transsexueller Menschen
Aber Transsexuelle stehen von Anfang an im Sumpf der Vorstellung, dass Transsexuelle krank, kaputt oder minderwertig sind. Ok, wir haben körperliche Makel, aber wir haben dafür auch Wesensarten und Fähigkeiten, die im positiven Sinn aussergewöhnlich sind. Unser “Leben unter erschwerten Bedingungen” hat uns stark und hart gemacht, es lernte uns Toleranz und Einfühlungsvermögen, es öffnete uns den Vorhang zum Geheimnis der Geschlechtsunterschiede. Ich bin wirklich der festen Überzeugungen, dass viele meiner Wesensarten, die von meinem Umfeld speziell geschätzt werden, eine direkte Folge meines Lebens im falschen Körper und eines Lebens in falschen Rollenmustern sind. Ja ich bin ausser-gewöhnlich, aber wer will schon gewöhnlich sein? An diesen positiven Aspekten muss sich eine TransFrau festhalten, denn das ist es, was unser Wesen ausmacht, nicht diese kleinen anatomischen Anomalien.

Fazit und Ratschlag
Solange eine TransFrau versucht, eine BioFrau zu sein, wird sie endlos in die Wand rennen. Jedes Lebewesen muss stolz sein auf das was es ist, das ist bei uns T-Girls nicht anders. Alle Menschen sind einzigartig und ihre Einzigartigkeit macht sie zu dem, was wir schätzen oder ablehnen. Transsexuelle müssen lernen, ihre Einzigartigkeit als das anzunehmen was sie ist. Wenn eine TransFrau das ist, was sie ist und dieses so-sein ganz entfaltet, dann hat sie allen Grund stolz zu sein – egal ob Andere das auch so sehen.


 

4 Reaktionen zu “Transsexualität und Selbstsicherheit”

  1. Ulli

    Das ist ja alles nicht so einfach, die neue Frau will ja Frau sein.
    Doch denke ich du hast recht man kann ja seine Vergangenheit nicht ungeschehen machen.
    Danke für den Text.

  2. Diana

    es ist alles andere als leicht, aber es wird auch kaum jemand erwarten, dass der Weg einer Geschlechtsangleichung leicht ist. Die “neue Frau” will ganz Frau sein und das soll sie auch tun im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Aber sie soll die Frau sein die sie ist und nicht die, die sie sein möchte. Eine TransFrau kann sehr weiblich sein, aber sie kann immer nur sich selbst sein. Damit zufrieden sein ist eine schwierige Angelegenheit, ich brauchte ein Jahr bis zu dieser Lebenshaltung. Aber mit dieser Haltung kann ich heute ganz die Frau sein die ich bin ohne mich zu zermürben indem ich Träumen nachlaufe, die mich nur stetig frustrieren.

    Niemand kann die Vergangenheit ungeschehen machen, wozu auch? Du lebst nur im hier und jetzt, das ist Dein einzig wahres Leben und nur das zählt. Es gilt sich mit der Vergangenheit zu versöhnen, sie loszulassen als eine schwere Zeit um sich dann ganz im hier und jetzt der Zukunft zuzuwenden.

  3. Kim

    Hi Du,

    wieder mal ein sehr schöner Text. Ich möchte nur etwas anhängen, wenn ich darf… nämlich folgendes: Ich glaube nicht, dass es so etwas gibt wie den binären Unterschied zwischen einer sogenannten “Bio-Frau” und einer “Nicht-Bio-Frau”, da jeder Mensch anders ist (auch was die unterscheidlichen biologischen geschlechtlichen Facetten eines Menschen angehet), und daher diese Gegenüberstellung gar nicht nötig ist (und selbst mehr ein Konstrukt des Denkens ist, als eine Abbildung der biologischen Realität). Die Natur ist nämlich weit vielfältiger, als wir das manchmal wahrhaben wollen und Menschen befinden sich auch biologisch nicht nur entweder auf der seinen Seite oder der anderen.

    Insofern brauche ich mich als transsexuelle Frau gar nicht sogenannten “Bio”-Frauen gegenüberstellen, da ich selbst biologisch bin – und zwar so anders gegenüber allen anderen “biologischen” Menschen, die selbst wieder anders sind, als alle anderen “biologischen” Menschen.

    Liebe Grüsse,

    Kim

  4. Diana

    Klar darfst und sollst Du noch etwas anhängen, hier hats ja Platz genug ;-) Deine Zeilen kann ich alle unterschreiben, das sehe ich genauso. Wenn man weiblich ist, ist man weiblich, ob mit oder ohne Trans-Etiquette. Aber die meisten Transidenten dürfen in diese Falle rutschen und dort hängen bleiben. Deshalb finde ich es hilfreich, auch die positiven Aspekte unserer Andersartigkeit zu betonen. Würde der Mensch Andersartigkeit als Solche anerkennen und damit die Individualität jedes Wesens annehmen, würde sich diese Frage nicht stellen. Aber leider sind wir noch meilenweit davon entfernt, deshalb ist es für mich eine Art Nothilfe, wenn ich mir zum Kontrast gegen herrschende Vorurteile auch positive Aspekte von Transidenten vor Augen halte.

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