(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Transsexualität und Homosexualität

Wie im letzten Beitrag über die Faktenresistenz der Psychologie berichtet, begegnet einem in dieser Thematik ein realitätsfremder Fundamentalismus, wie er sonst nur unter ultraorthodoxen Fanatikern üblich ist.

Es werden Thesen aufgestellt ohne sie belegen zu können, die wiederum werden schon bald mal zu Dogmen ernannt und von da an herrscht selektive Wahrnehmung in diesen psychiatrischen Hirnen.

Ich möchte nun die wichtigsten dieser Hypothesen beleuchten und beginne mit einer der ältesten Mythen der Transsexuellen-Psychologie, der Behauptung, Transsexualität sei eine Art verdrängte Homosexualität.

Realitätsfremdes Festhalten am Trans=Homo Mythos
Obwohl diese These in Fachkreisen kaum nicht ernst genommen wird, gibt es nachwievor einzelne Psychologiegläubige, die wider aller Vernunft an dieser These festhalten. Tragisch daran ist die Tatsache, dass die jahrzehntelange Predigt dieses Mythos in den Köpfen der Bevölkerung ihren Platz gefunden hat und dort kaum noch rauszukriegen ist. Ich erlebe immer wieder völlig erstaunte Gesichter, wenn ich jemandem sage, dass ich auf Mädels steh. Ja aber warum machst Du denn sowas, wenn Du doch auf Mädels stehst? Na weil es eben um die Geschlechtsidentität geht und nicht um die sexuelle Orientierung. Es gibt heterosexuelle Frauen und es gibt lesbische Frauen, warum soll das bei transsexuellen Frauen anders sein? Die Vorstellung, eine transsexuelle Frau könne nicht lesbisch sein, ist etwa so absurd wie die Behauptung, Asthmatiker könnten keine Bauchschmerzen haben. Schauen wir uns das mal in Ruhe an.

Freiwillige Vervielfachung der Stigmatisierung?
Homosexualität ist unterdessen hierzulande recht akzeptiert, man kann niemanden mehr erschüttern mit einem homosexuellen Outing. Es gibt da zwar noch viel Diskriminierungen auszuräumen, aber ein Drama ist Homosexualität bestenfalls noch bei strengreligiösen Familien. Transsexuelle Menschen lösen hingegen nachwievor ein Vielfaches mehr Irritationen aus, dieses Phänomen ist viel schwerer zu verstehen und die Stigmatisierung geht viel viel weiter als bei homosexuellen Menschen. Würde also jemand seine Homosexualität verdrängen und sich anstelle dessen eine Transsexualität einreden, was in aller Welt hätte er damit gewonnen? Tauscht man eine gesellschaftlich doch recht akzeptierte Andersartigkeit ein gegen etwas, das von den Meisten für komplett gestört betrachtet wird? Spätestens seit 1973 Homosexualität aus den medizinischen Diagnosebibeln gestrichen wurde und nicht mehr als krankhaft betrachtet wird, dürfte es – würde diese Trans=Homo-These stimmen – gar keine transsexuellen Menschen mehr geben. Ich würde ehrlich gesagt gerne tauschen, mein Leben wäre tausend mal einfacher, wenn ich nur eine nicht der Mehrheit entsprechende sexuelle Orientierung hätte.

Angestrebter Sexualitätsverlust aus sexuellen Gründen?
Alleine schon die Idee, Transsexualität in den Bereich der Sexualität zu verlegen, ist an sich schon völlig absurd. Durch eine geschlechtsangleichende Operation besteht etwa eine 30% Chance, dass man anschliessend keine funktionierende Sexualität mehr hat. Aus sexuellen Gründen zu riskieren, dass man die Sexualität ganz verliert, ist jenseits des Vorstellbaren – es sei denn man ist so von einer psychologischen These angefressen und so sexualitätsfixiert, dass man sich so einen Irrsinn einreden kann.

Lesbische Homosexuelle? Wie geht denn das?
Die Grenze zum diagnostischen Hirntod wird spätestens dann überschritten, wenn man bedenkt, dass ein doch beachtlicher Teil der transsexuellen Frauen auf Frauen steht, also lesbisch ist. Würde diese These stimmen, könnte ich ja jetzt meine angeblich verdrängte Homosexualität ausleben. Aber ich hab mich wieder in n’Mädel verknallt und mich nun sogar verlobt. Homosexuell? Hä?

Pathologische Realitätsverleugnung
Und hier zeigt sich deutlicher als sonstwo die selektive Wahrnehmung und Faktenresistenz der Psychologen und Sexologen. Weil die Existenz transsexueller Frauen, die auf Frauen stehen, offensichtlich ist, macht man damit das, was alle religiös Verblendeten tun. Wenn ein Dogma nicht mit der Realität übereinstimmt, dann hinterfragt man nicht das Dogma sondern leugnet die Realität. In diesem Fall läuft das so, dass die Verfechter dieser Trans=Homo-These einfach behaupten, transsexuelle Frauen, die auf Frauen stehen, seien gar nicht transsexuell sondern halt einfach sonstwie gestört. Wie geil ist das denn? Ich hab mal rund 800 Beiträge lang in einem Forum mit evangelikalen Fundamentalisten diskutiert, diese Argumentationsweise kenne ich nur von dort, wenn beispielsweise die Existenz von Dinosauriern als völlig unmöglich betrachtet wird, weil in der Bibel nichts davon steht, dass Noah auch Dinos in die Arche brachte. Dass man diesen Grad an Realitätsverweigerung bei religiösen Fundamentalisten findet, ist ein Stückweit nachvollziehbar. Aber wenn eine angeblich wissenschaftliche Akademie diese Denkweise an den Tag legt, dann wird Wissenschaft zu Esoterik.

Der neurologische Gegenbeweis
Doch selbst wenn wir den gesunden Menschenverstand weglassen und diese realitätsfremde These für möglich halten würden, kämen die Verfechter dieser These spätestens beim Betrachten der Hirnstruktur in einen Argumentationsnotstand, der selbst für einen evangelikalen Prediger zur unlösbaren Herausforderung würde. Im Jahr 1995 publizierte “Nature” eine Studie (Zhou, Hofman, Gooren, Swaab), die Hirnquerschnitte von verstorbenen Männern, Frauen, homosexuellen Männern und transsexuellen Frauen untersuchten. Es ging um die Hirnregion BSTc, von der man wusste, dass sie mit der Sexual- oder Geschlechtsentwicklung zu tun hatte. Es zeigte sich, dass die Neuronendichte dieser Hirnregion bei homosexuellen Männern mit heterosexuellen Männern übereinstimmte. Damit war klar, dass die sexuelle Orientierung nicht durch diese Hirnregion beeinflusst wird. Die Überraschung war jedoch gross, als man feststellte, dass diese Hirnregion bei transsexuellen Frauen nicht wie man annahm mit denen von Männern übereinstimmte sondern die gleiche Neuronendichte hatte wie bei anderen Frauen. Wären transsexuelle Frauen “nur” Männer mit verdrängter Homosexualität, dürfte ihre geschlechtsbestimmende Hirnregion nicht mit der von Frauen übereinstimmen – tut sie aber – im Gegensatz zu homosexuellen Männern.

Verdrängte Homosexualität und psychoanalytische Projektion
Spätestens hier müssten auch die letzten Ewiggestrigen der Psychologiekirche merken, dass das dünne Eis, auf dem sie sich bewegt haben, längst eingebrochen ist. Aber anstatt das einzugestehen, halten sich diese (in der Regel Psychoanalytiker) plötzlich für Jesus und laufen übers Wasser. So kann man schlussendlich nicht anders als anerkennen, dass das Festhalten an dieser vielseitig widerlegten These viel mehr aussagt über die Verfechter dieser These als über die Analysierten. Und diese Psychoanalytiker müssen sich die Frage gefallen lassen, weshalb ihre Homofixiertheit ihr Denken derart beeinträchtigt. Es ist höchste Zeit, dass sich diese “Fachleute” endlich selber auf die Couch legen und versuchen herauszufinden, was in ihrem Kopf nicht stimmt, dass sie unter einem solchen Realitätsverlust leiden – wer weiss, vielleicht stellt sich ja dann heraus, dass sie ihre eigene verdrängte Homosexualität auf ihre Patienten projeziert haben ;-)

Genitalien als Zentrum psychoanalytischen Denkens
Es fällt auf, dass im Speziellen Psychoanalytiker alles und jedes auf die Sexualität zurückführen und jede nur erdenkliche Andersartigkeit auf “sexuelle Perversionen” zurückführen. Und so stellt sich die Frage, was für ein perverses Denken diese Menschen treibt, dass sie derart in einem phallozentrischen Weltbild gefangen sind. Die Genitalien sind – auch wenn Sigmund Freud in seinem Koksrausch das so gesehen hat – nicht das Zentrum der Welt und sie sind auch nicht das Zentrum der menschlichen Persönlichkeit. Wer die Wichtigkeit seiner Genitalien derart überschätzt, leidet an einer schweren Denkstörung, die meines Erachtens behandlungswürdig wäre. Diese Psychoanalytiker wären gut beraten, beispielsweise Freuds “Zwang, Paranoia und Perversion” nochmal zu lesen und sich dabei fragen, inwiefern der gute Freud seine eigenen psychischen Störungen in die Welt hinaus projeziert hat. Vielleicht haben Psychoanalytiker ja auch nur deshalb so ein Problem mit dem Phänomen Transsexualität, weil gerade transsexuelle Frauen den von Freud postulierten Penisneid aller Frauen ad Absurdum führen ;-)


 

5 Reaktionen zu “Transsexualität und Homosexualität”

  1. Bad Hair Days

    Benennen wir mal die Täter.
    Die Grundidee findet man ja letztlich schon bei Hirschfeld, richtig “in Szene” gesetzt hat sie aber Ray Blanchard (*). Da er aber an der Tatsache nicht vorbeikam, dass, wie du richtig sagst, nicht alle transsexuellen Menschen heterosexuell sind, stellte Blanchard die Theorie auf, dass es zwei Arten von Transsexuellen gibt:
    homosexuelle Transsexuelle (also eigentlich Heterosexuelle)
    und autogynephile Transsexuelle – ein auf sich selbst gerichtetes Fetisch. Eine art fetischistisch motivierter Transvestitmus, der “unter die zweite Haut” geht. (Transvestiten sind nicht immer fetischistisch motiviert und es gibt vielfältige Gründe, beim Karneval angefangen).

    Aus derselben Argumentation heraus kann es keine autogynephilen, transsexuelle Frauen (also homosexuelle Männer im Umkehrschluss) geben, da Frauen (*hust*) keine Fetische entwickeln.

    So die These.

    Es ist noch heute die verbreitetste psychologische These obwohl sie schon mit den vorselektierten Daten Blanchards nicht nachweisbar war und die Realität auch keine einfach zu unterscheidende zwei Typen hergibt, wie später ein gewisser J. Michael Bailey ableitete. Allerdings fanden sie eine Person, die perfekt ins Schema passt und zum grossen Fürsprecher mutierte: Anne Lawrence.

    Daraus abgeleitet wird diese Glaubensthese heute nach Blanchard, Bailey und Lawrence BBL getauft.

    In diesem Zusammenhang ist noch wichtig, dass es eine vierte Person gibt, die hier eine ganz wesentliche Rolle spielt Alice Dreger:
    http://www.thehastingscenter.org/Bioethicsforum/Post.aspx?id=4569&blogid=140
    “Actually, our experience indicates that plenty of people continue to use the term to describe themselves, but that these are people with no known sex atypicality who use their adopted identity to pursue people with actual sex atypicality to satisfy their own paraphilic interests”

    Gerade in amerikanischen Veröffentlichungen, z.B. selbst solchen, in denen eine hirnorganische Ursache nachgewiesen wird (!), von homosexuellen Transsexuellen (Männern) geschrieben. Die vielfach nun einmal existierenden homosexuellen Männer werden einfach ignoriert.

    Diese Einteilung nach sexuellen Orientierungen wird nicht nur nach wie vor Bertrieben, sondern zum Beispiel auch hier verteidigt:
    http://akikos-planet.cocolog-nifty.com/blog/files/psychiatry_research__transsexual_subtypes_clinical_and_theoretical_significance.pdf (unter anderem: Cohen-Kettenis)

    Ein Dokument, dass sich nicht die geringste Mühe gibt, Ursache und Wirkung mal zu untersuchen. So wird Kostatiert, dass “nonhomosexual Transgender” im allgemeinen später nach Hilfe suchen – das dies dem simplen Fakt geschuldet sein könnte, das besagte Personen sich eher in eine Ehe flüchten und daraus Verantwortungen erwachsen, wird gar nicht erst in Betracht gezogen. Das die spätere Suche nach Hilfe zusätzliche Probleme mit sich bringt, die sich dann folglich auch wieder in den Statistiken zeigen (z.B. schlechteres Passing) wird nicht in einem Ursache-Wirkungsschema gesehen.

    (*) Auf den ersten Blick ein unwichtiges Details: Blanchard ist Homosexuell

    Und noch einmal, auch das kann vielleicht mal in einem weiteren Kommentar wichtig werden, alle Namen:

    Ray Blachard
    J. Michael Bailey
    Anne “the man” Lawrence
    Alice Dourmant Dreger (Durmant)

    und Peggy Cohen-Kettenis.

  2. Bad Hair Days

    Kleiner, aber vielleicht wichtiger Nachtrag:
    Auch Hirschfeld war Homosexuell.

  3. Diana

    Vielen Dank für diese umfangreichen Zusatzinformationen. Ich war mir bewusst, dass meine Darstellung viel zu verkürzt ist, allein über dieses Thema könnte und müsste man ein ganzes Buch schreiben. Aber ich will grad über soviele Teilaspekte schreiben, dass ich mich entsprechend kurz halten muss. Und nicht zuletzt verfüge ich nicht über das umfangreiche Wissen wie Du, wie ich kürzlich sagte, Du bist ein wandelndes Lexikon und ich bin extrem froh, dass Du meine Beiträge hier so bereicherst. An dieser Stelle mal ein herzliches Dankeschön :-)

    Übrigens, es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass die Psychopathologisierung von transsexuellen Menschen von Psychologen stammt, die selber homosexuell sind. Wie kann jemand der selber stigmatisiert wird oder wurde, Andere mit derselben Waffe bekämpfen, die ihn einst traf? Posttraumatisches Stresssymptom oder was soll das?

  4. Andi

    Hallo Diana,
    ich habe diesen Beitrag nicht ganz gelesen muss ich gestehen. Dennoch möchte ich über Transsexualität und Homosexualität etwas sagen.
    Ich muss es mir von der Seele schreiben, ich will es mir von der Seele schreiben.

    Ich hatte 2000 bis 2010 ein coming out über meine Homosexualität
    Bisexualität und Transidentität. Alle 3 sind Tabuthemen. Welches am
    schwersten ist, kann ich nicht sagen weil alle 3 sehr
    tiefgreifend sind.
    Ich kanns nicht ändern und will es auch gar nicht. Es ist nichts was ich mir wünsche oder aussuchen könnte.
    Ich bin gesund und habe ein
    heil gebliebenes Selbst. Ich kann mich durchsetzten weil ich jetzt zum
    Glück etwas über meine Identität und meine sexuelle Orientierung weiß.
    Es hat mir aus der Seele gesprochen in deinem Blog wo du geschrieben hast das die Hälfte der Transsexuellen keine OP wollen weil es Beispielsweisweise sexuelle Gründe haben kann wenn eine lesbische Transfrau ihre Möglichkeiten mit ihrer Partnerin nicht verlieren möchte.
    Danke!!!!
    Bei mir ist es so das ich meine Identität als “er” habe (als soziales Wesen,) jedoch auf sexueller Ebene eindeutig mehr weiblich ausgerichtet bin und das erklärt natürlich warum ich keine Operation wünsche.
    Niemand versteht das, habe ich gedacht.
    Dein Beitrag das dies sexuelle Gründe haben kann hat mir sehr geholfen.
    Ich finde deine sachlichen Informationen toll.
    Du bist eine starke Frau. Alle Achtung.

  5. Diana

    @Andi: Identität und Ausrichtung sind nunmal unterschiedliche Dinge und gerade bei einer lesbischen Transfrau ist eine GaOp natürlich auch ein “weggeben” einer gewohnten Sexualität. Es ist schlussendlich eine Interessenabwägung, ob man in einer “Zwischenform” leben kann und will oder ob man diesen letzten Schritt der GaOp machen muss. Deshalb verstehe ich auch jede transsexuelle Frau, die nicht soweit gehen will, weil ihr der Preis zu hoch ist.

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