(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Transsexualität und die Schatten der Vergangenheit

Ich stehe an der Theke meines Stamm-Pubs und bestelle den letzten Drink, da höre ich eine Stimme neben mir die sagt: “ER hat vor mir bestellt”. Ich bin die einzige, die ausser ihm etwas bestellt hat, ich bin gemeint mit diesem “er”. Da ist er wieder, der Schatten meiner Vergangenheit, das Stigma das mir in roten Lettern auf die Stirn tätowiert ist, diese scheinbar so harmlosen zwei Buchstaben, die trotz aller Trivialität doch irgendwie schmerzen. Ich bezweifle, dass ich mich je daran gewöhnen werde und ich muss davon ausgehen, dass mich dieser Schatten den Rest meines Lebens verfolgt. Egal wie gut es mir geht, egal wie erfolgreich ich mein Leben bestreite, dieses “er” klebt an mir, für immer.

Dabei war es ein so schöner Abend, ich sass drei Stunde mit einer Freundin zusammen an einem Tischchen, zusammen mit einem netten Bekannten den sie mitbrachte, es war St. Patricks Day, ein guter Grund zum feiern, ein guter Grund das Leben zu geniessen. Das taten wir auch, wir plauderten, lachten, philosophierten, tranken und erfreuten uns an einem gemütlichen Beisammensein. Meine Bekannten aus dem Pub begrüssten mich wie immer liebevoll, gaben mir wie immer die Bestätigung, dass sie in mir die Frau wahrnehmen, die ich bin – und doch taucht immer wieder dieser Schatten auf – unerwartet, heimtückisch – und reisst wieder diese nie heilende Wunde auf.

Eigentlich unbedeutend, denn der Troll der es aussprach, ist mir nicht wirklich bekannt, seine Meinung kann mir egal sein, ist mir eigentlich auch egal – und doch trifft dieses “er” mit der Präzision eines vergifteten Pfeils, bohrt sich tief in mein Herz hinein, wenn auch nur für einen kurzen Moment, wie es bedeutungslose Dinge an sich haben, so tut es doch für diesen kurzen Moment weh, die Leinwand eines menschenwürdigen Lebens reisst für einen Moment auf…………

Es ist St. Patricks Day, Grund zu feiern, ich nehme meinen Gin Tonic, zahle meine Getränke weil eh gleich Torschluss ist, geh zurück an meinen Tisch und versuche zu vergessen, versuche zu ignorieren, dass dieser Albtraum nie wirklich zuende sein wird, versuche mich meines Lebens zu erfreuen, das Leben einer ungeachteten und trotzdem glücklichen Frau – missverstanden, aber sich selbst treu und frei – so frei, dass nicht mal Ignoranz sie ausbremsen könnte.

Nun, zwei Stunden später, liege ich auf dem Sofa und tippe vor mich hin, noch immer klafft dieses kleine Loch in meinem Herz, noch immer spüre ich den Stich, noch immer steht mir die Gewissheit vor Augen, dass es nie enden wird. Es wird immer Menschen geben, die mich nicht ernst nehmen, es wird immer wieder Verletzungen geben, der Schmerz wird mein Begleiter sein, bis ans Ende meiner Tage.

Aber genau das zeigt mir auch die Grösse meiner Seele, es wird zur Demonstration meiner Macht. Solche Situationen können mich nicht mehr brechen, mein Rückgrat bleibt gestreckt, meine Würde bewahrt, nicht weil man mir Würde zuspricht sondern weil ich sie in mir trage.

Den Weg der Meisten zu gehen ist leicht, das wusste schon Hermann Hesse zu berichten, unserer ist schwer, verdammt schwer. Und so bleibt es letztendlich Ausdruck meiner Grösse und Stärke, dass ich an all dem nicht zerbreche, mich nicht brechen lasse, dass ich meinen Weg gegangen bin, meinen Weg gehe und meinen Weg weiter gehen werde.

Keine Respektlosigkeit kann mir noch die Würde nehmen, weil meine Würde aus sich selbst entsteht. Kein Schmerz kann mich noch töten, weil das Leben mich hart genug gemacht hat um allen Widrigkeiten zu trotzen. Keine Beleidigung kann mich noch beschämen, weil ich allein schon deshalb stolz sein kann, weil ich all das zu ertragen vermag.

Weh tut’s trotzdem, immer wieder, mal mehr, mal weniger, aber der Schmerz bleibt Teil meines Weges, Teil meines Lebens. Doch dieses Leben ist es mir wert zu leiden, mag es auch manchmal noch so grausam sein, so sind die Wunden die immer wieder gerissen werden schlussendlich doch nur Mahnmale die mir zeigen, dass ich wahrhaftig mir treu bin – vielleicht unverstanden, vielleicht belächelt, aber wahrhaft ich selbst – was für ein Triumpf.


 

2 Reaktionen zu “Transsexualität und die Schatten der Vergangenheit”

  1. Frank

    Liebe Diana,
    Es tut mir leid, dass es immer noch genügend Trampel und Idioten gibt, die so reden! Hast Du eigentlich Infos, ob es bei Stimmband-OPs inzwischen auch Fortschritte gibt oder ist das Risiko immer noch unkalkulierbar? Wie ging das bei Dir mit dem Sprachtraining weiter?
    Kopf hoch!
    Frank

  2. Diana

    @Frank: ja so Situationen erleben wir zwangsläufig immer mal wieder, die einen mehr, die anderen weniger. Aber es scheint mir wichtig auch hier auf solche Aspekte hinzuweisen, dieser Weg fordert einem schon einiges ab.

    Über Stimmband-Ops bin ich nicht auf dem Laufenden, soviel ich weiss ist es immer noch riskant ob einem das Resultat passt. Ich hab das mit Logopädie etwas verbessert, aber es bleibt weit vom Traumziel entfernt. Wenn man mich sieht, stört die etwas zu tief klingende Stimme nicht so, aber wenn ich telefoniere, werde ich nachwievor klar dem falschen Geschlecht zugeschrieben. Aber damit lässt es sich leben, ich bin soweit ganz zufrieden.

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