(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Transsexualität und die Achterbahn der Gefühle

Meine LeserInnen sind wie auch all die Menschen in meinem persönlichen Umfeld immer wieder irritiert über die Tatsache, dass ich an einem Tag in Trümmern liege und am nächsten Tag schon wieder frohlocke.

Mich erstaunt das selber immer wieder, aber ich habe den Vorteil, dass ich weiss warum dem so ist und warum es gar nicht anders sein kann. Ich möchte heute versuchen, dieses Wissen zu teilen.

Als transsexuelle Frau in dieser Gesellschaft ein Leben zu führen, ist eine Herausforderung, die ich meinen ärgsten Feinden nicht zumuten würde. Zuerst geht man kaputt an der Tatsache, dass man sich selbst ein Leben lang verleugnet und so nie sich selbst sein kann. Und dann, wenn die Grenzen des Erträglichen überschritten sind und man sein Recht auf Selbstbetimmung und Selbstentfaltung einfordert und in der dem Inneren entsprechenden Geschlechterrolle lebt, wird man von der Gesellschaft stigmatisiert und diskriminiert, wird bestenfalls für gestört gehalten und schlechtestenfalls für pervers. Unter diesen Umständen zu leben und zu überleben und dennoch seine Würde zu behalten, bedarf einer gehörigen Portion Kraft und Leidensfähigkeit. Ich glaube nicht, dass ich mich auf dünnem Eis bewege wenn ich hier und jetzt behaupte, dass die meisten Menschen nie in der Lage wären, unter solchen Umständen zu überleben.

Aber so lebensfeindlich das Leben eines transsexuellen Menschen im hier und heute auch ist, es gibt auch eine andere Seite, die wir erleben, die Anderen genauso fremd ist.

Während für die Mehrheit das Leben als “Ich” selbstverständlich ist, sie im Einklang zwischen Innen und Aussen leben, ja nicht mal erahnen, dass es da eine Diskrepanz geben könnte, ist für uns Selbstentfaltung alles Andere als eine Selbstverständlichkeit. Wir glaubten ein Leben lang, wir hätten kein Recht dazu, wir fürchteten die Stigmatisierung so sehr, dass wir unser Selbst lebendig begraben haben. Wir glaubten, dass wir nie wirklich zu leben beginnen würden und dann, wenn es unumgänglich wird, tun wir das was wir vermeintlich nie hätten tun dürfen, das wovor wir uns so sehr gefürchtet haben, wir graben unser scheintotes Ich aus und beginnen zu leben, als das was wir sind.

Niemand kann sich vorstellen, was für ein Glücksgefühl es ist, wenn man nach langer Leidenszeit plötzlich sein kann, wer man nie hätte sein dürfen. Wenn man wie ich vier Jahrzehnte einen Menschen spielt, um dann von heute auf morgen ein Mensch zu sein. Ich bezweifle wirklich, dass nicht-transsexuelle Menschen jemals so dankbar sein können für das vermeintlich Selbstverständliche, für die Gunst, sich selbst zu sein.

Es sind unzählige Momente, tagtäglich, in denen ich in Tränen ausbrechen könnte, weil ich so glücklich bin, dass ich nun existiere. Ich bin mir selbst so dankbar, dass ich diesen unerhörten Mut fand und ich bin meinem Umfeld so dankbar, dass sie mich annehmen, auch wenn sie noch so irritiert sind ob meiner Wesensart und meiner Veränderung. Da ist jedes angezogene Kleid, jeder in Pumps schmerzende Fuss, jeder gezeichnete Lidstrich und jede Namensnennung eine Wohltat. Nicht weil Kleider, Pumps, Schminke und Namen so toll sind sondern weil mir all das ständig vor Augen hält und beweist, dass ich nun endlich frei bin, das ich ICH bin.

Das nun erkämpfte Leben ist so schön, gerade weil es jenseits des Selbstverständlichen liegt und weil es all meine Hoffnungslosigkeit der Vergangenheit überwältigt hat, dass ich niemals Worte finden werde, die das auch nur annähernd umschreiben könnten – dieses unvorstellbare Glücksgefühl, wahrhaft leben zu dürfen.

Ungeachtet dessen bleibe ich jedoch stigmatisiert, verkannt, von Vielen ungeachtet, verpönt, verspottet, belächelt, für gestört erklärt……….. es braucht unvorstellbar viel Kraft, all das zu ertragen, das wird von Aussenstehenden unterschätzt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht wieder mit dieser Wahrheit konfrontiert wird, sich plötzlich wieder als Opfer von Menschenrechtsverletzungen findet und daran fast verzweifelt. Unzählige Male stolpert man und liegt in Trümmern, unzählige Male steht man wieder auf, trotzig, widerspenstig, der Lebenslust folgend, die man soeben für einen Moment verloren hat, um dann wieder umso glücklicher und dankbarer aufzujubeln, wenn man wieder steht und einmal mehr bemerkt, dass man nicht mehr unterzukriegen ist.

Das Leben als transsexuelle Frau ist schwer, viel schwerer als ich ausdrücken könnte und viel schwerer, als sich Aussenstehende vorstellen könnten, es ist ein nie endender Kampf. Aber es ist auch schöner, als sich Aussenstehende vorstellen können, weil man den Wert von etwas erst durch die Sehnsucht danach wirklich zu schätzen weiss.

So kommt es halt, dass wir ein Leben führen wie auf einer Achterbahn, in dem sich Himmel und Hölle täglich berühren. Kein Leben in Mittelmässigkeit, keine gemütliche Ausgeglichenheit, es ist ein Leben in den Extremen, hin und her geschleudert zwischen Glück und Unglück, zwischen alles übersteigender Lebensfreude und abgrundtiefer Verzweiflung.

Vielleicht hilft das meinen LeserInnen ein wenig zu verstehen, dass ich mich so sehr über ein neues Kleid oder über ein Kompliment freuen kann wie ein kleines Kind vor dem Weihnachtsbaum – und dass ich handkehrum scheinbar aus dem Nichts in Trümmern liege.

So ist nunmal das Leben eines Menschen, der unter erschwerten, ja geradezu verbotenen Bedingungen zu leben versucht. Das wirkt von Aussen betrachtet verwirrend und irritierend, aber so sind die Regeln unseres Lebens.

Es mag seltsam klingen und unvorstellbar sein, aber solange ich mich so sehr über mein Leben freuen kann, nehme ich alle Widrigkeiten gerne in Kauf, ungeachtet davon, was häufiger vorkommt, ungeachtet all dem, was mich immer wieder in Stücke reisst. Weil mir etwas vergönnt ist, das alles Andere als selbstverständlich ist, ich darf glücklich sein einzig aufgrund der Tatsache, dass ich lebe, dass ich ICH sein kann. Die Dankbarkeit für dieses für mich nicht Selbstverständliche, macht mich zur glücklichsten Frau der Welt.

Manchmal frage ich mich allen Ernstes, ob Transsexualität vielleicht doch kein Fluch ist sondern ein Segen. Vielleicht ist es sogar das grösste Geschenk, das einem Menschen gegeben werden kann, Lebensumstände, die zu der Wertschätzung des Lebens führen können, die das Leben wirklich verdient hat. Man mag mich jetzt für verrückt halten, aber ich möchte nicht mehr tauschen, gegen ein Leben, das ich für selbstverständlich halte. Mir würde diese alle Grenzen sprengende Lebensfreude wirklich fehlen. Dafür, dass ich mein Leben und mein Selbst nicht als selbstverständlich erachte sondern den wahren Wert der Freiheit erkennen darf, dafür bin ich bereit, jeden Preis zu zahlen.

Nichts macht einem den Wert von etwas so sehr bewusst wie die Sehnsucht danach, das erlebe ich gerade jetzt mit Juliet wieder in wunderschöner Weise. Ohne diese Sehnsucht nach einem meinem Selbst entsprechenden Leben, würde ich das Leben und damit mich selbst nicht annähernd so schätzen.

Wenn ich also wieder mal am Boden zerstört bin, habt kein Mitleid und trauert nicht, ich hole dann nur Anlauf, um umso mehr wieder in Höhen zu gleiten, die nur Wenige jemals sehen können ;-)


 

3 Reaktionen zu “Transsexualität und die Achterbahn der Gefühle”

  1. ab

    Danke Diana,
    Du drückst genau das aus, was ich fühle. Bei mir hat das Theaterspiel in der Männerrolle über 5 Jahrzehnte gedauert. Inzwischen glaube ich, obwohl das Leben nun bisweilen ganz schön schwer ist, dass alles ein Geschenk/eine Gottesgabe ist. Es gibt viele schöne Erlebnisse. Und vor allem: Endlich bin ich bei mir und ganz normal!
    Dein Tagebuch ist sehr wichtig. Nichtbetroffene können unsere Gefühle kaum und selbst Betroffene oft nur wenig ‘verstehen’…
    Mach so weiter! Nicht unterkriegen lassen!!
    Eine xy-Frau

  2. Sam

    Hi Diana! Ich musste Teile deines Blogs zitieren! Du hast mir aus der Seele gesprochen! So ein toller Eintrag! Bist eine Virtuosin der Worte! Ich hoffe das ist ok dass ich dich zitiert habe! Hier der Link zum Artikel http://schweigsamer.blog.at/2010/09/26/herausfordernde-uberforderung-oder-die-kunst-sich-zu-vertrauen/
    Lieben Gruß! Sam

  3. Diana

    @ab: Willkommen hier im Blog und vielen Dank für Deine motivierenden Worte. Es scheint mir auch wichtig, dass Aussenstehende hier einen Einblick in das Leben einer transsexuellen Frau finden, der tiefer geht als das was man in Talkshows zugemutet bekommt. Deshalb gehe ich auch manchmal weiter als mir lieb ist und schreibe über Dinge, die ich eigentlich nicht in die Welt rausposaunen möchte. Aber gerade diese Offenheit, scheint mir der einzige Weg zu sein, dass man sehen kann, dass wir auch Menschen sind, mit Gefühlen, die ein respektiert werden müssen. Natürlich kann und will ich nicht als Prototyp der transsexuellen Frau fungieren, ich bin nur eine von Vielen, aber ich glaube, dass ich Menschen so mehr Verständnis bringen kann, wenn ich mich als ein Beispiel offenbare und einen Blick in mich hinein anbiete, der eben diese kompromisslose Offenheit bedingt. Und nicht zuletzt hoffe und glaube ich auch, dass ich auch Betroffenen so etwas geben kann, sei es, dass ich wie in diesem Beitrag das Gute ausgrabe oder sei es, dass ich auch die schweren Seiten zeige.

    @Sam: Zitiert zu werden ist eine grosse Ehre und als Virtuosin der Worte betitelt zu werden ebenfalls, danke für diese Blumen…… schön, dass es Dich gibt :-)

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