(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Transsexualität und Borderline-Syndrom

Weiter gehts zum Thema Faktenresistenz der Psychologie. Während die These, Transsexualität sei in Wirklichkeit verdrängte Homosexualität, nur noch von Ewiggestrigen aufrecht gehalten wird, verbeissen sich einige Psychologen, Sexologen und Psychiater nachwievor gern in die These, Transsexualität sei eine Unterform des Borderline-Syndroms. Auch diese These spottet jeglicher Logik und lässt sich nur vertreten, wenn man sich die Realität massiv zurechtbiegt. Der Widersinn der Homosexualitätsthese ist schnell zu durchschauen, bei der Borderline-These wirds schwieriger, weil das Borderline-Syndrom eine sehr komplexe Sache ist und weil selbst unter Fachleuten umstritten ist, ab wann man von einem Borderline-Syndrom sprechen kann. Kritiker bemängeln gar, dass diese Diagnose zum Sammelbecken geworden ist für alle psychischen Auffälligkeiten, für die man keinen eigenen Namen hat. Versuchen wir trotzdem eine Betrachtung, mit welchen Tricks gewisse Psychologiefundamentalisten sogar Transsexualität in dieser Schublade versorgen wollen.

Neurose, Psychose und das dazwischen
Als Erstes brauchen wir eine kleine und zugegebenermassen arg vereinfachte Einführung in die Psychologie. Man unterscheidet bei psychischen Störungen im Wesentlichen in zwei Gruppen, Neurosen und Psychosen. Neurosen sind beispielsweise Ängste (Phobien) und Zwangshandlungen (Manien), die jedoch immer mit der Realität übereinstimmen. Psychosen sind wiederum Zustände, bei denen Betroffene den Bezug zur Realität verlieren (wie z.B. gewisse Psychoanalytiker). Um ein Beispiel zu nennen, wenn jemand Angst hat vor Spinnen (Arachnophobie), dann weiss er, dass die eigentlich harmlos wären, trotzdem fürchtet er sich vor ihnen, das ist eine Neurose. Wenn jemand sich verfolgt fühlt (Paranoia) und ernsthaft glaubt, der Geheimdienst sei ihm auf den Fersen oder Verwandte wollten ihn vergiften, dann ist das in der Regel eine Psychose, der Betroffene ist wirklich überzeugt von einer ernsthaften Bedrohung. Um ein weiteres Beispiel zu nennen, Selbstüberschätzung kann neurotisch sein, aber wenn jemand sich ernsthaft für Gott hält oder für unfehlbar (wie der Papst), dann ist es eher eine psychotische Störung. Es gibt so einen witzigen Spruch, der den Unterschied recht gut auf den Punkt bringt:

Neurotiker bauen Luftschlösser,
Psychotiker wohnen drin
und Psychiater kassieren die Miete ;-)

Das Borderline-Syndrom
Nun gibt es aber auch Grenzfälle, die irgendwo dazwischen liegen oder viel mehr Menschen, die trotz vielfältiger Symptome meist ihren Realitätsbezug behalten, ihn aber stellenweise verlieren oder zumindest dieser etwas eingeschränkt ist. So entstand der Begriff “Borderline-Syndrom“, der vom englischen Wort Borderline=Grenzlinie stammt. Gemäss den medizinischen Diagnosebibeln müssen Betroffene mindestens 5 von folgenden 9 Punkten aufweisen:

  1. Der Betroffene will nicht alleine sein, will Trennungen vermeiden, und das auf jeden Fall
  2. Zwischenmenschliche Beziehungen sind zwar intensiv, aber auch sehr instabil, Hass und Liebe wechseln sich häufig ab
  3. Der Betroffene hat eine gestörte Identität. Er hat eine gestörte Selbstwahrnehmung.
  4. Der Betroffene ist sehr impulsiv. Er lebt oft ohne Rücksicht auf Verluste.
  5. Der Betroffene droht oft mit Selbsttötung und Selbstverletzung.
  6. Der Betroffene ist auffällig unausgeglichen und instabil. Häufig sind auch Angst und Reizbarkeit oder depressive Stimmungen zu bemerken. Diese Stimmungen sind jedoch nur kurz vorhanden.
  7. Der Betroffene fühlt sich leer und ihm ist langweilig
  8. Der Betroffene kann seine starke Wut nicht unterdrücken
  9. Der Betroffene mißtraut phasenweise jedem, in Krisen schaltete er komplett ab. Er erlebt sich selbst fremd und verändert.

Aufmerksamen Lesern dürfte aufgefallen sein, dass diese Kriterien sehr gummig sind und mit etwas “gutem Willen” auf so manche Menschen zutreffen. Wie stark diese Punkte erfüllt sein müssen, um von einem pathologischen Zustand ausgehen zu können, liegt im Ermessen des Analysierenden. Kein Wunder, dass Kritiker diese Diagnose als “Verlegenheitsdiagnose” betrachten. Wenn man gar kein Etikett findet, lässt sich diese Persönlichkeitsstörung notfalls gut überstülpen.

Borderline-Diagnose im Selbsttest
Wenn ich mir den Spass erlaube und diese neun Kriterien an mir selbst überprüfe, dann zeigt sich die Skurilität dieser Zuweisung sehr gut, fast so gut wie die Trans=Homo-These in Anbetracht davon, dass ich auf Frauen stehe.

  1. Ich bin sehr oft alleine, die meiste Zeit sogar, früher war ich sogar tagelang allein im Wald um etwas Ruhe zu habe. Trennungen scheue ich nicht mehr als Andere, ich versuche sie nicht zu vermeiden, aber scheue sie auch nicht wenn sie notwendig werden.
  2. Zwischenmenschliche Beziehungen sind zwar intensiv, aber sehr wohl stabil, ich wechsle weder Partnerschaften noch Freundschaften regelmässig aus. Meine wichtigsten Beziehungen dauerten 11 und 6 Jahre. Ich kann hassen und lieben, aber nicht dieselbe Person, da wechselt nichts, beide Gefühle sind beständig.
  3. Eine gestörte Identität und Selbstwahrnehmung könnte man mir wenn überhaupt bei der Geschlechtsidentität unterstellen, aber meine Geschlechtsidentität ist alles andere als instabil. Auch sonst verfüge ich über ein grosses Mass an Selbstreflektion und kann sehr gut objektiv in mich hineinsehen.
  4. Ich habe sehr intensive Gefühle, im Guten und im Schlechten und ich stehe auch dazu, aber ich versuche dabei stets Rücksicht zu nehmen auf Andere.
  5. Suizid ist für mich absolut keine Option und die einzige Selbstverletzung die ich ausübe ist das Rauchen.
  6. Da ich sehr intensiv fühle, wechseln sich positive und negative Gefühle auch ab, zwar manchmal heftig aber meist situationsadäquat.
  7. Ich und langweilig? Für mich müsste der Tag mindestens 72 Stunden haben, weil ich soviel tun möchte, langweilig ist mir definitiv nie, sonst könnte ich kaum tagelang allein im Wald rumsitzen und nichts tun.
  8. Wut kann ich unterdrücken und tue das auch wenn es nötig ist, aber ich stehe zu meinem Gefühlen und äussere Wut genauso wie Begeisterung offen und ehrlich.
  9. Ich misstraue nur denen, die mein Vertrauen missbraucht haben, reagiere da also ebenfalls realitätsadäquat. In Krisen schalte ich nicht ab sondern gehe auf Konfrontation, Probleme müssen ausgesprochen werden. Mich selbst erlebe ich nicht als fremd, abgesehen von meinen Geschlechtsmerkmalen.

Wer mir anstelle von Transsexualität ein Borderline-Syndrom unterjubeln möchte, begibt sich auf dünnes Eis. Ohne eine gehörige Portion Realitätsverdrehung führt so ein Versuch zwangsläufig in bodenlose Lächerlichkeit. Diese Diagnose passt genauso gut zu mir wie Alzheimer, ich bin nämlich sehr vergesslich.

Transsexualität als Form des Borderline-Syndroms?
Weiters dürfte sich aufmerksame Leser nun fragen, wo da der Zusammenhang sein soll. Die feste Überzeugung, “im falschen Körper” zu leben, lässt sich mit diesen neun Kriterien kaum erklären, geschweige denn diagnostizieren. Wie in aller Welt kommt man also auf die Idee, Transsexualität sei eine Form des Borderline-Syndroms? Abgesehen von einer Verlegenheitsdiagnose, die nur Ausdruck psychiatrischer Ratlosigkeit wäre? In der Tat weisen transsexuelle Menschen in der Regel keine fünf dieser neun Punkte auf – so meistern die Meister der Psychologie diese unlogische Zuweisung nur mit einem fasziniernden Trick. In schlauen Psychologiebüchern, die sich mit diesen Themen beschäftigen, heisst es dann kurzgefasst und sinngemäss in etwa: “Für die Diagnose eines Borderline-Syndroms müssen fünf von neun Kriterien erfüllt sein……… ausser bei Transsexuellen, die sind auch ohne diese Kriterien Borderliner”. Hmmm, okeeeeee, aber was bitte sind denn nun die Kriterien, mittels denen man transsxuellen Menschen diese “Persönlichkeitsstörung” unterjubeln kann? Das klingt etwa wie wenn man sagen würde: “Vögel erkennt man daran, dass sie Federn und Flügel haben”, ausser Kamele, die sind auch Vögel, obwohl sie keine Flügel haben. Jo klar, oder? Wie schon bei der Trans=Homo-These begegnet uns wieder eine Form der Argumentationszurechtbiegung, die jeglichen Verstand missen lässt und ansonsten nur bei religiösen Fanatikern zu finden ist.

Geschlechtsangleichung als selbstverletzende Handlung?
Wie haarsträubend diese Kriterien zurechtgebogen werden, um aus Transsexualität doch noch ein Borderline-Syndrom zu basteln, zeigt beispielsweise das Argument des selbstverletzenden Handelns (SVV). Im Zuge ihres Argumentationsnotstands postulieren gewisse Psychologiewahrsager, der “Wunsch” nach einer geschlechtsangleichenden Operation sei eine Extremform der Selbstverletzung – sozusagen Kastration als Selbstbestrafung. Auf den ersten Blick mag das oberflächlich betrachtet einleuchten, aber es hält einer genaueren Betrachtung nicht im Geringsten stand. Selbstverletzung wird gerade bei Borderlinern oft gemacht, weil sie das Gefühl der Leere überwinden möchten. Sie spüren sich in gewissen Momenten nicht mehr und holen sich so das Gefühl und damit sich selbst zurück ins Bewusstsein. Das tun sie genau in dem Moment, in dem diese Leere unerträglich wird. Es wäre völlig sinnlos, diese Leere mit einer geschlechtsangleichenden Operation aufzufüllen, weil diese Leere jetzt in diesem Moment gefüllt werden muss und nicht in zwei Jahren. Das Planen einer Selbstverletzung in zwei Jahren würde dieser Person nichts, einfach gar nichts bringen.

Fazit: erneuter Realitätsverlust
Wer bei dieser Faktenlage transsexuellen Menschen ein Borderline-Syndrom unterjubeln möchte, muss sich genauso wie die Vertreter der Trans=Homo-These die Frage gefallen lassen, ob er nicht unter einer gehörigen Portion Realitätsverlust leidet und sich eine Traumwelt zusammenbastelt, die ernsthaft behandlungswürdig wäre. Ich habe in meinem Leben so um die 50 Psychologiebücher gelesen, einige davon behandelten auch das Borderline-Syndrom. Aufgrund dessen was ich über Borderliner gelesen habe, blicke ich ehrlich gesagt fassungslos auf diese Psychologiesekten, die Transsexualität in diese Schachtel packen wollen, weil es da einfach keine Gemeinsamkeiten gibt. Dafür finde ich nur noch eine Erklärung: religiöser Wahn – und dieser wäre behandlungsfähig, diese Leute sollten sich wirklich endlich mal helfen lassen.

Nachtrag: ein äusserst informativer Blogbeitrag im BadHairDays-Blog geht unter Anderem auf die Borderline-Hypothese ein, der ganze Beitrag ist sehr empfehlenswert, aber vorallem dieses Kapitel ist eine gute Ergänzung zu meinem hier vorliegenden Text:
BadHairDays: Die Borderline-Hypothese (Sigusch)


 

5 Reaktionen zu “Transsexualität und Borderline-Syndrom”

  1. Bad Hair Days

    2. Kommentar zum benennen der Täter:

    Die Borderline Hypothese wurde von Volkmar Sigusch(*) ins Leben gerufen.
    Sigusch war langjähriger Leiter des “Deutschen Instituts für Sexualforschung”, die unter anderem die Magnus Hirschfeld Medallie verleihen. Sigusch ist auch im Ruhestand fleissig:
    http://www.zeit.de/2010/09/L-P-Sigusch?commentstart=1#cid-620201

    “Der Arzt und Soziologe Volkmar Sigusch hat zwei neue Standardwerke zur Sexualforschung vorgelegt.”

    Seine Nachfolgerin, welche die Haushypthese eins zu eins übernommen hat, ist Sophinette Becker.

    In diesem Werk führt sie ihre Religion, Verzeihung, These aus:
    http://www.lsf-graz.at/cms/dokumente/10077889_2172212/f5fed54c/Sophinette_Becker.pdf
    (übrigens passenderweise, siehe dein vorangegangener Post, in einem Werk namens; “Sexualstörungen”)

    Sie räumt ein, dass die Borderlinethese alleine nicht funktioniert und baut die BBL These in ihr werk mit ein.

    Zu merkende Namen:
    Volkmar Sigusch
    Sophinette Becker

    Wiederauftauchende Namen:
    Magnus Hirschfeld
    Ray Blanchard
    J. Michael Bailey
    Anne Lawrence

    (*) Volkmar Sigusch war Homosexuell

  2. Bad Hair Days

    Weshalb die Borderlinethese so Verführerisch aus der oberflächlichen Betrachtung ist und warum sie auf Betroffene nicht zu trifft, erklärte Angelika Franz schon 1989. Leider kann ich nur darauf verweisen, die zulässige Länge der Kommentare reicht wohl nicht aus:
    http://badhairdaysandmore.blogspot.com/2009/03/die-suche-nach-dem-heiligen-gral.html#borderline

  3. Bad Hair Days

    Bitte erst Frau Franz Text lesen, sonst ist das folgende Unverständlich:

    Frau Beckers Schriftstück ist von 2004, also 15 Jahre danach geschrieben, ohne dass diese, so einfach nachvollziehende Beschreibung berücksichtigt wurde.

    Sie geht statt dessen von einem verlorenen Selbst aus, dass, wie eben bei Borderlinern üblich, mit einer vorgeschobenen Identität geschützt wird.
    Sie spricht davon, dass sich im Rahmen der Geschlechtsumwandlung (Autsch) diese Schutzidentität, sie nennt sie “transsexuelle Abwehr”, stablisiert und das ursprüngliche vollständig ersetzt. Dass borderlineinduzierte Identitäten nie lange halten und ausgerechnet hier, wo körperliche Konsequenzen erfolgen, das ganze sich stabilisieren soll?

    Ganz schön an den Haaren herbeigezogen. Auch ein weg, Haare zu sträuben.

    Frau Becker hatte die Projektleitung bei der Erstellung der deutschen Standards of Care (Behandlungsstandards) die sich ja massiv von den Internationalen unterscheiden.

    Nun wird auch klar, wo die irrsinnige Forderung nach einem einjährigem Alltagstest vor der Einleitung somatischer Massnahmen her kommt. In Frau Beckers Welt muss erst sichergestellt werden, dass dieses fragile Ich sich stabilisiert.

    Und da Frau Becker auch als Gutachterin tätig ist, schreibt sie Betroffenen dann auch ganz ungeniert in die Gutachten:
    “Die transsexuelle Abwehr is stabil.” – und niemand hat überhaupt eine Ahnung, was das Überhaupt bedeutet.

  4. Diana

    Und grad noch einmal vielen Dank für Deine Ergänzungen. Vorallem Dein Blogbeitrag vom heiligen Gral ist genial und unglaublich demaskierend. Ich habe meinen Beitrag da oben ergänzt mit einem Verweis auf diesen Beitrag, er ist mehr als nur lesenswert.

    Die Ideologie vom “instabilen Selbst” ist geradezu grotesk in Anbetracht davon, dass sich Transsexualität eben genau durch die Beständigkeit des Ich-Gefühls auszeichnet. Mir ist niemand bekannt, der einfach mal schnell transsexuell wurde, alle die ich kenne, haben diese Gewissheit seit sie denken können. Wenn ich mir vorstelle, dass ich vier Jahrzehnte davon überzeugt bin, eine Frau zu sein, dann ist die Idee, diese Überzeugung zu einem Wunsch zu degradieren und die Beständigkeit dieses Ich-Gefühls zu überprüfen, komplett realitätsfremd und ignorant. Und solche Leute machen dann Transsexuellengesetze und Behandlungsstandards? Na dann gute Nacht.

  5. kieran

    Hey,
    ich bin ftm, denke ich zumindest, und zur Zeit dabei mich fleißig bei Familienmitgliedern zu outen.
    Jetzt bekam ich einen extremen Panikanfall, weil ich Angst habe, das mein Unterbewußtsein dieses Transsein nur “aufbaut” als Schutzwall vor einem anderen, gut verdrängten Trauma/Störung. Vielleicht hab ich was ganz anderes, will das aber nicht angehen, und schiebe diese Transsache vor, um vom eigentlichen Problem abzulenken, also, unterbewußt? Kann mein Unterbewußtsein so was? Mir Trans vorgaukeln? So gut, das ich es voll glaube und will und muss? So gut, das es nicht mal von Therapeuten erkannt wird? Was wenn es wirklich falsch ist?
    Wie kann ich das noch überprüfen? Habe echt panik deswegen, vielleicht kann mir auch jemand hier irgendwas hilfreiches dazu sagen…

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