(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Transsexualität, Nazidenken, unterlassene Hilfeleistung und Menschenrechtsverletzungen

Manchmal haben wir uns schon so an menschenverachtende Dinge gewöhnt, dass wir gar nicht mehr merken, wie verdreht diese Welt ist. Dann hilft nur noch eine Analogie, um das zubetonierte Denken ein wenig aufzulockern. Mit solchen Analogien möchte ich heute beginnen, weil man das Absurde im Leben manchmal erst sieht, wenn es ad-absurdum geführt wurde.

  1. Jemand kommt zum Arzt und ein Hirntumor wird diagnostiziert. Der Arzt sagt, ja wir können Ihnen helfen, dieses krankhafte Gewebe zu entfernen. Aber dazu muss ich bei Ihnen Schizophrenie diagnostizieren. Aber ich bin ja gar nicht schizophren, antwortet der irritierte Patient. Ja das stimmt schon, das wissen wir auch, antwortet der Arzt, aber krankes Gewebe passt nicht in unser Denkmodell und deshalb müssen wir sie halt als persönlichkeitsgestört deklarieren, um Ihnen zu helfen.
  2. Ein anderer Krebspatient erhofft sich eine Chemotherapie. Das Problem ist, erklärt der Arzt, dass Ihnen nach der Chemotherapie die Haare ausfallen und das Herumlaufen mit einer Glatze kann eine schwere Belastung sein. Um sicher zu sein, dass Sie damit klar kommen, müssen Sie jetzt erst mal ein Jahr lang mit einer Glatze herumlaufen und wir beobachten, ob es Ihnen dabei besser geht. Falls es Ihnen in einem Jahr sichtlich besser geht, werden wir die Behandlung einleiten.
  3. Ein Ausländer beantragt die Einbürgerung, er spricht wie ein Schweizer, verhält sich wie ein Schweizer, alles an ihm ist schweizerisch, ausser der Hautfarbe und dem Pass. Ja klar, antwortet das Einwohneramt, wir können Sie einbürgern lassen, sie sind ja offensichtlich fast vollständig schweizerisch. Aber die Einbürgerung kann erst nach Ihrer Sterilisation resp. Kastration erfolgen. Wir müssen sicher stellen, dass Ihre Reproduktionsfähigkeit eingestellt ist.
  4. Nach einem Autounfall hat jemand ein verbranntes Gesicht und hofft auf medizinische Hilfe. Die Krankenkasse stellt sich auf den Standpunkt, dass es sich hier um ästhetische Massnahmen handelt und Schönheitsoperationen nicht kassenpflichtig sind.

Natürlich wird kein Tumorpatient als geisteskrank diagnostiziert, kein Krebspatient muss ein Jahr Probezeit absolvieren bis zur Chemotherapie und kein Ausländer wird vor der Einbürgerung kastriert – so Sachen gibts nicht mehr im Jahr 2010 – ausser bei Transsexuellen.
Also nochmal das Ganze von vorn, diesmal ohne Analogie:

  1. Obwohl Transsexualität nach neustem Stand der Forschung biologische Ursachen hat, obwohl die anatomische Hirnstruktur ihrem “empfundenen Geschlecht” entspricht und obwohl es genetische Faktoren für Transsexualität gibt, wird eine Behandlung nur ermöglicht, wenn man sich eine Persönlichkeitsstörung “gender identity disorder” diagnostizieren lässt. Zwangspathologisierung nennt man das und damit setzt man Transsexuelle einer gesellschaftlichen Stigmatisierung aus, die wohl einigen das Genick bricht. Die Krankheit ist eine körperliche, die Behandlung verändert den Körper, aber für krank erklärt wird der Geist – wie geistlos muss man sein für so eine Haltung?
  2. Bevor Transsexuelle auch nur die geringste Hilfeleistung erhalten, müssen sie ein Jahr lang einen sogenannten Alltagstest absolvieren, in dem sie das “weibliche Leben” erproben. Ohne hormonelle Veränderungen, ohne Bartepilation, einfach mal ein bisschen Frau spielen, sich der vollen Bandbreite gesellschaftlicher Ächtung aussetzen und ein weiteres Jahr leiden, bis vielleicht – und nur vielleicht – eine Behandlung eingeleitet wird.
  3. Eine Namens- resp. Personenstandsänderung wird nur gewährt, wenn “die Fortpflanzungsfähigkeit” zerstört wurde. Im dritten Reich wurden rund dreihunderttausend Menschen zwangssterilisiert. Heute wird das nur noch in seltenen Fällen gefordert. Transsexuelle dürften die einzigen sein, die eine körperliche Erkrankung haben und zu einer Zwangskastration gezwungen werden, um als das anerkannt zu sein, was sie sind.
  4. Transsexuelle haben – sofern sie Alltagstest und sonstige Schikanen überleben – das Recht auf eine medizinische Behandlung. Diese beschränkt sich auf das Umoperieren des Geschlechtsteils (weil der Mensch ja nur ein Geschlechtsteil mit ein bisschen Persönlichkeit dran ist) sowie die Hormontherapie. Logopädie, Bartepilation u.s.w. werden als ästhetische Behandlung bewertet, ungeachtet dessen, dass eine Frau mit Bart(schatten) sich in dieser Gesellschaft zum Gespött macht.

Warum, fragt sich wer zu fragen wagt, gelten für Transsexuelle Regeln, die sonst in der medizinischen Welt seinesgleichen suchen? Wie kann es sein, dass eugenisches Denken im Stil des dritten Reiches, hier und heute in diesem Land praktiziert wird? Diesen und vielen anderen Fragen geht ein Bericht nach, den die “Aktion Transsexualität und Menschenrecht e.V.” zuhanden der UNO geschrieben hat. Ein erschütterndes Dokument, das nicht nur aufzeigt, dass Transsexuelle in hohem Masse Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sind sondern auch aufzeigt, dass das dahinterliegende Denken seine Wurzeln direkt im dritten Reich hat und das diejenigen, die für Hitler damals die Rassenreinhaltung übernahmen, die Väter derer sind, die heute Transsexuellengesetze schustern. Und es wird aufgezeigt, dass im speziellen die deutsche Psychoanalyse eine biologische Faktenresistenz betreibt, um entgegen aller Beweise weiterhin an ihrem im Nazireich entstandenen Denken festzuhalten.

Der Bericht ist umfangreich, umso mehr ist er lesenswert:
Menschenrechtsbericht von ATME e.V. zur Situation transsexueller Menschen in Deutschland

Das ganze Thema ist viel zu weitläufig, um es in einem einzelnen Blogbeitrag abzuhandeln und doch interessieren mich einzelne Themenbereiche darin genug, dass ich in nächster Zeit ein paar Artikel schreiben werde, die einzelne von ATME aufgeworfene Aspekte thematisieren.


 

7 Reaktionen zu “Transsexualität, Nazidenken, unterlassene Hilfeleistung und Menschenrechtsverletzungen”

  1. Mette

    Hm,
    für mich als deutsche(r) fällt etwas schwer vergleiche mit den Nationalismus zumachen, deswegen mag ich dir nicht folgen. Auch damals war für Transgender unmöglich so zu sein wie sie sind. Ich verstehe auch warum auch warum für Transgender es viele Probleme gibt. Einige sind sicher sinnig, andere sind es sicher nicht.
    Du musst nämlich auch bedenken, es ist eine Einbahnstraße. Es gibt kein zurück mehr.

  2. Diana

    Ein Vergleich mit der NS-Zeit ist immer heikel, trotzdem darf das Thema kein Tabu sein. Das Nazi-Regime hat nicht in Auschwitz angefangen, es endete dort. Deshalb halte ich es für wichtig, mit dem Finger auf Tendenzen zu zeigen, die ähnliche Ansätze haben wie damals. Klar, heute ist vieles besser als damals. Und doch ist einiges von diesem Denken geblieben. Und auch heute gibt es politische Kreise, die ähnliche Denkweisen haben wie damals. Noch haben sie die Macht nicht, aber das kann sich schneller ändern als uns lieb ist und ich möchte nicht geduldig darauf warten, bis man mir den Elektroschocker an die Stirn klebt sondern dieses Denken bekämpfen, solange wir noch dazu in der Lage sind.

  3. Morag

    @Diana: Respekt-ich finde deine Vergleiche eigentlich immer sehr gut, aber mit denen hier hast Du ein echtes Meisterstück abgeliefert. Noch besser kann man diese wahnwitzigen Ideen und Vorgaben nicht nicht als das entlarven, was sie sind: Menschenverachtung allerunterster Schublade.

  4. Diana

    Manchmal sind so Analogien wirklich hilfreich, oft wird etwas erst klar sichtbar, wenn man mit einer Lupe draufzeigt oder das Ganze in eine andere Situation oder auf andere Menschen überträgt.

    Ähnlich habe ich damals den Blick darauf hingewiesen, dass man Transsexuelle genauso wenig als “Transe” betiteln darf wie Invalide als “Krüppel” oder dunkelhäutige Menschen als “Nigger”. Das Groteske wird eben oft wirklich erst in der Übertragung so richtig sichtbar, deshalb mach ich das wenn es sich aufdrängt.

  5. hildner

    Hallo,

    hatte am 27.07.2010 einen Sozialgerichts-Termin
    wegen Nadelepilation, da der MDK die laufende
    Behandlung als nicht mehr notwendig gesehen hat. Habe zwar helle Haare, aber die sprießen an
    den beiden Gesichtshälften sowie Ober-u. Unterlippe. MDK ich solle die Haare mit der Pinzette ausreißen. Das Gericht hat meine Klage gegen die Krankenkasse ( Techniker KK )
    mit der folgenden Begründung abgelehnt; In Ihrem Alter ( 69 Jahre ) besteht bei Frauen eine
    Behaarung im Gesicht und ich bin seit 15 Jahren operiert und sozusagen eine Frau.
    Die langen Pausen ergaben sich, da meine Hautärztin durch den neuen EBM 2000 nur 5 Minuten, 1mal in der Woche tätig werden können und das Honorar wären 4 – 8,00 € gewesen. Deshalb hat Sie diese Leistung aus ihrem Programm gestrichen. Als ich wieder eine Ärztin gefunden hatte wurden mir immer 6 bzw. 3 Monate bewilligt, dann zum MDK und
    Jetzt ganz eingestellt. Finde diese Angelegenheit sehr unfair, da ich seit 32 Jahren Betroffenen helfe und auch vom Ministerpräsidenten Stoiber
    eine Urkunde für Verdienste im Ehrenamt bekommen habe für mein Engagement. Habe auch heute noch eine Selbsthilfegruppe in Nürnberg und bin am Überlegen ob ich nicht die ganze Sache hinwerfe.

  6. Morag

    @Hildner: Unglaublich bei den Verdiensten-das hört sich ja fast an wie in Rumänien zu Zeiten Ceauşescus-da wurden medizinische Leistungen ab einem gewissen Alter auch nicht mehr gewährt.

    Dem betreffenden Mitarbeiter des MDK wäre in guter fränkischer Tradition ein Riesenfurunkel am Allerwertesten zu wünschen und zu kurze Arme zum Kratzen!

    Aber es wäre total schade, wenn die ehrenamtliche Tätigkeit daran zerbrechen würde…

  7. Diana

    @Hildner: hier in der Schweiz ist die Epilation keine Pflichtleistung, wird aber von vielen Kassen übernommen. Ich habe die Gutsprache bekommen, wenn auch erst für die Zeit nach der GaOp. Die verantwortlichen Stellen können leider oft nicht unterscheiden zwischen dem was nötig und dem was wünschenswert ist. Gerade die Epi sollte eigentlich kein Thema sein.

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