(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Transsexualität: Leidensdruck nicht verstanden

Diese gleichgültige Verschiebung meiner GaOp hat mir definitiv vor Augen geführt, dass die Experten, die uns behandeln, die Dringlichkeit ihrer Patienten nicht annähernd verstanden haben. Sie sind sich offenbar nicht im Geringsten bewusst, wie hoch der Leidensdruck eines Menschen sein muss, bis man sich in ihre Hände begibt, im Bewusstsein, fortan ein geächtetes Leben zu führen. Wer sein Ich-sein um diesen Preis einfordert, muss einem ungeheuren Leidensdruck folgen.

Dass man mich auf September für die GaOp anmeldet und ich dann Mitte November einen Termin bekomme, zeigt in aller Deutlichkeit, dass ich nicht als dringend taxiert werde. Transsexuelle sind ja nur n’bisschen persönlichkeitsgestört und es macht ja nix, wenn ein “Wunsch” etwas später in Erfüllung geht.

Die Fachleute selbst bestätigen zwar, dass ich eine weibliche Hirnstruktur habe, ich denke und fühle mich wie eine Frau, seit ich denken kann…….. aber sie können sich nicht vorstellen, dass es für eine Frau wirklich ein beschissenes Gefühl ist, ständig einen Penis mit sich rumtragen zu müssen. So etwas Surreales kann schon irgendwie zu Leiden führen, ist das so verwunderlich? Es ist auch verdammt erniedrigend, wenn man als Frau am Zoll einen männlichen Ausweis hinlegen muss. Das macht echt kein Spass, da geht man jedes Mal mal kurz durch die Hölle.

Aber die Experten sind der Ansicht, dass so etwas nicht eilig ist. Ich hab ja schon vierzig Jahre gelitten, da sind Monate oder Jahre zusätzlich ja halb so wild. Wie sonst könnte man erklären, dass transsexuelle Menschen die Einzigen sind, die mit einem medizinischen Problem zu Medizinern gehen und diese verweigern erst mal kategorisch ein Jahr lang die Behandlung, weil das so in den Behandlungsstandards steht?

Verweigerte Hilfeleistung als Behandlungsstandard? Was soll denn sowas?

Wenn jemand wie ich – und ich denke ich spreche da für eine Mehrheit – zwei Jahrzehnte bewusst mit allen Mitteln dagegen ankämpft, so zu sein wie man wäre, wenn man dann diesen Kampf aufgibt, ist man in der Regel ziemlich an den Grenzen des Erträglichen angelangt, andernfalls würde man diesen Schritt nicht wagen. Mir in diesem Fall zu sagen, dass ich jetzt erst mal ein Jahr so tun soll als ob man mir hilft, bis man mir dann hilft, ist wirklich menschenverachtend und wie der EU-Ministerrat kürzlich deutlich ausdrückte, ein klarer Verstoss gegen die europäische Menschenrechtscharta.

Ich bezweifle, dass man bei anderen Patientengruppen Menschenrechtsverletzungen zu Behandlungsstandards ernennen würde. Wäre den Verantwortlichen der Leidensdruck der Betroffenen auch nur ansatzweise bewusst, würden sie nicht vor dem einjährigen Behandlungsprozedere ein zusätzliches Jahr Durchhaltetraining fordern, das ist einfach absurd.

Rein aus medizinischer Sicht wäre meine GaOp Anfang 2010 möglich und sinnvoll gewesen. Es gibt kein einziges medizinisches Argument, weshalb das nicht geschehen ist. Aber es wäre geschehen, wenn die medizinische Kaste begreifen würde, wie unerträglich gerade auch dieses Zwischenstadium ist. Eine rechtliche Anerkennung kriegen wir ja nicht vor der Sterilisierung, wir müssen also zwei Jahre lang als Frau das Leben bestreiten, mit männlichen Ausweispapieren und davon das erste Jahr sogar ohne medizinische Hilfe, keine Hormone die mit der Zeit ein unauffälligeres Leben ermöglichen würde………

Leidensverlängerung als medizinischer Lösungsweg? Mann oh Mann!

Ich glaub es ist bald ein Jahrzehnt her, seit die englischen Behandlungsstandards, auf denen die Deutschen beruhen, überarbeitet wurden und anstelle von einem Jahr Alltagstest drei Monate gefordert werden. Aber hierzulande tut man so, als hätte Moses selbst die veralteten deutschen Standards auf Steintafeln vom Berg geschleppt. Zugegeben, man ist mir wenige Monate entgegen gekommen, vorallem weil ich jahrelange Therapie hinter mir hatte. Faktisch dauerte dieser einjährige Heilungsprozess trotzdem ein Jahr und elf Monate. Das waren elf Monate zuviel.

Weil Elf Monate über dreihundert mal aufstehen bedeutet, sich dreihundert mal anziehen, dreihundertmal fehlplatzierte Geschlechtsorgane verpacken, eine Vielzahl an entwürdigenden Ausweis- oder Ticketkontrollen, dreihundert mal einschlafen und hoffen, dass dieser Albtraum endlich zuende ist……….

Es ist schon ein verrücktes Gefühl, wenn man im Wartezimmer auf den Arzt wartet, mit dem man dann ein Gespräch führt, damit er einem dann in einem Jahr – vielleicht – medizinische Hilfe gewährt. Und es ist nicht weniger verrückt, wenn man auf September angemeldet wird und für November einen Termin kriegt, weil man halt irgendwie nicht so wichtig ist.

Halte jetzt die Fackel
An mein Gesicht
Ein Vogel gleitet übers Wasser
Doch er sieht mich nicht

Mein Schiff ist längst gesunken
Ich bin am ertrinken
Ich kenne so viele Hilfeschreie
Doch kein Schiff in Sicht

(Lacrimosa – Seele in Not)

Was sind schon zwei Monate mehr, sind ja nur sechzig Tage, nur noch sechzig Tage weiter schwimmen, bedeutungslos weiter treiben, weiter durchhalten, weiter weinen weil man im Salzwasser ja nicht ertrinken kann…….

Wenn ich abschliessend mal noch schnell zynisch sein darf: Falls das Ganze doch nur eine verdeckte Ausrottungsstrategie ist, dann muss ich die Akteure enttäuschen, egal wie schwer Ihr meinen Weg macht, ich gehe ihn, notfalls krieche ich ihn, aber ich lasse mich nicht davon abbringen. Aber ich glaube eher nicht an eine Strategie, ich glaube es ist einfach Mitgefühlslosigkeit, Empathielosigkeit. Ärzte müssen sich ein Stückweit distanzieren, sonst wäre der Druck zu gross. Das lernt man früh in diesen Akademien. Vielleicht wurde einfach zuviel gelehrt.


 

4 Reaktionen zu “Transsexualität: Leidensdruck nicht verstanden”

  1. Kim

    Liebe Diana,

    ich weiss, es ist kein Trost für Dich, aber in Deutschland gibt es Betroffene, die mehrere Jahre auf OPs warten und diese dann letztendlich nur “genehmigt” bekommen, wenn sie sich vorher auf lange Gerichtsprozesse eingelassen haben.

    Wir kennen einen Fall eines Transmannes, der seit 1998 auf medizinische Hilfe wartet, in unserem Verein gibt es Betroffene, die auch bereits mehrere Jahre Wartezeit hinter sich haben.

    Es ist leider eines der Märchen, dass die medizinische Hilfe in Deutschland gegeben wäre. Es gibt auf Grund der Einstufung von TS als Geisteskrankheit bis heute keine Garantie auf eine rechtzeitige körperliche Behandlung – aus den Papieren des deutschen MDK geht ganz klar hervor, dass die Grenzen der Wartezeit bis oben hin offen sind. Sprich: Die Regelungen in Deutschland kennen keine Höchstwartezeit. Da kann von den Kassen geschoben werden, bis zum St. Nimmerleinstag.

    Unser Verein setzt sich schon seit langem genau deswegen dafür ein, dass endlich einmal das deutsche TSG so geändert wird, wie es z.B. die Grünen vorgeschlagen haben: Die unmittelbare Anerkennung als existent (ohne GaOP UND psychiatrische Begutachtung) – um dann später als rechtsfähige Person (die du ja erst mit den richtigen Papieren bist) dann das Recht auf medizinische Leistungen zu haben.

    Liebe Grüsse,

    Kim
    ATME e.V.

  2. Diana

    Wie Recht Du leider hast, liebe Kim. So gesehen habe ich es in der Schweiz verhältnismässig gut. Man versucht uns zwar auch hier mit Alltagstest-Schikanen weichzukochen, auch hier bekommen wir nur Hilfe wenn wir uns als gestört diagnostizieren lassen, aber schlussendlich sind gerade diese menschenverachtenden Fristenlösungen auch ein Schutz, damit die Behandlungsverweigerung irgendwann doch mal ein Ende hat.

    Und doch bleibt es grotesk, dass ich mir von Menschen helfen lassen muss, die täglich beweisen, dass sie nichts begriffen haben.

    Schlussendlich ist es ein schwacher Trost, dass es noch viel grössere Menschenrechtsverletzungen gibt. Das eigene Leid wird direkt empfunden, es ist keine Theorie sondern gelebter Alltag.

    Ob man es wahrhaben will oder nicht, Hitler und Mengele sind nicht tot, sie leben weiter im Denken eines Gesellschaftskollektivs, das noch immer glaubt, es gäbe unwertes Leben. Und sie leben weitter in den Köpfen der Ärzte und wir dürfen uns vertrauensvoll in ihre Hände begeben. Sie möchten Hilfe? Ja klar, gehen Sie aber erst mal ein Jahr durch die Hölle. Sie wollen Anerkennung? Da müssen wir sie aber erst sterilisieren.

    Menschenwürde – was für eine Farce!

  3. Frank

    Hallo Diana,
    Ich überlege schon länger, ob ich nicht auch transsexuell bin. Du schreibst, dass Du es sehr störend empfindest, mit einem Penis herumlaufen zu müssen. Hattest Du dieses Gefühl schon immer oder war das früher mit anderen Testosteron-Werten anders? Ich habe zu wenig Testosteron als Mann und bei mir entwickeln sich deshalb Brüste, wenn auch nicht schnell. Mein Endokrininologe hat mir Testosteron verschrieben – das verändert zwar die Lust und das Lebensgefühl, aber die Frage, ob ich nicht besser weibliche Hormone bräuchte, stellt sich bei mir innerlich um so mehr. Schon als Jugendliche(r) wollte ich immer einen Busen haben… – dann Heirat und mein Frau will mir das immer ausreden, aber ich spüre: Irgendwie wird die Sehnsucht, als Frau zu leben immer stärker. Kennst Du solche inneren Schwankungen auch?

  4. Diana

    @Frank: Bei mir war es weniger das Ding selbst das mir das Leben schwer macht, es war einzig das sichtbare Symptom des dahinterliegenden Problems. Für mich war die Frage, wer ich bin, der Punkt, der mich von klein an erschütterte. So gesehen kann ich Deine Frage nicht direkt beantworten.

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