(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Transsexualismus – Faktenresistenz der Psychologie

Mehrmals habe ich mich hier lauthals über die Psychopathologisierung von transsexuellen Menschen beklagt und dabei immer wieder die Faktenresistenz der Psychologen, Sexologen und Psychiater angeprangert, die ungeachtet wissenschaftlicher Fakten um die biologischen Ursachen von Transsexualität nachwievor an ihrer jeglicher Menschenwürde spottenden Psychopathologisierung festhält. Momentan lese ich das Buch einer Psychotherapeutin namens Brigitte Vetter mit dem Titel “Transidentität – ein unordentliches Phänomen”, in dem die Authorin in faszinierender Weise ihre eigene Faktenresistenz demonstriert und so ein prächtiges Fallbeispiel ist für die Ignoranz einer Parawissenschaft namens “Psychologie”. Schon die Tatsache, dass die Authorin transsexuelle Frauen als transsexuelle Männer betitelt, das Begehren transsexueller Menschen als “Wunsch” qualifiziert oder geschlechtsangleichende Massnahmen als Geschlechtsumwandlung benennt, zeugt von einem radikalen Fehldenken. Dieses Buch möchte ich zum Fallbeispiel machen und die dort präsentierten Denkfehler analysieren. Dabei geht es nicht um die Authorin, die sich als Expertin aufspielt, obwohl sie in ihrer Schreiberei ein völliges Unverständnis demonstriert. Viel mehr geht es um das dahinterliegende Denken, das sie repräsentiert, das in der Psychologensekte leider weit verbreitet ist.

Ein kleiner geschichtlicher Rückblick
Seit je her gab es in allen Kulturen Menschen, die Geschlechtergrenzen überschritten. Die Psychopathologisierung nahm ihren Anfang Ende des 19. Jahrhunderts, als Richard von Krafft-Ebbing 1886 in “psychiatrisch-wissenschaftlichen Falldarstellungen” berichtet von “Männern, die dranghaft Frauenkleider tragen, unter ihrer Geschlechtszugehörigkeit leiden und sich dem anderen Geschlecht seelisch zugehörig fühlen”. 1870 beschrieb der Psychiater Carl Friedrich Otto Westphal solche Fälle erstmals mit dem Begriff “konträre Sexualempfindung”. Damit begann die Psychiatrie dieses Phänomen unter skurilsten Bezeichnungen aufzunehmen wie beispielsweise “Geschlechtsumwandlungstrieb” oder “erotischer Verkleidungstrieb”. Wie immer, wenn die Psychiatrie sich resp. den Betroffenen nicht zu helfen weiss, wurden Betroffene erst mal in psychiatrische Kliniken zwangseingewiesen und dort mit Elektroschocks, Insulinschocks bis hin zu Hirnoperationen “behandelt”, so wie man das auch mit homosexuellen Menschen machte oder mit “frigiden Frauen”. Im Jahr 1910 prägte der deutsche Sexualforscher Magnus Hirschfeld den Begriff “Transvestitismus”, im Jahr 1923 unterschied derselbe Hirschfeld erstmals zwischen “Transvestitismus” und wie er es nannte “seelischem Transsexualismus”. Im Jahr 1949 setzte sich im anglo-amerikanischen Raum durch David Oliver Cauldwell der Ausdruck “Psychopathia transsexualis” durch. Eine ernsthafte Unterscheidung dieser zwei komplett unterschiedlichen Phänomene wurde erst 1953 durch Harry Benjamin geprägt, der “Transvestitismus” und “Transsexualismus” klar unterschied und auch den Verdacht äusserte, dass Transsexualismus eine Form von Intersexualität sein könnte (Harry Benjamin Syndrom), was jedoch von den anderen Psychologiegläubigen nicht in Betracht gezogen wurde. Erst in den letzten zwanzig Jahren begannen auch andere Wissenschaftszweige dieses Phänomen zu untersuchen und man entdeckte, dass Transsexualität biologische Ursachen hat. Einerseits fand die Molekularbiologie genetische Marker, die aufzeigten, dass transsexuelle Menschen beispielsweise im Bereich der Androgen-Rezeptoren “genetische Auffälligkeiten” hatten. Der Durchbruch kam dann aus der Hirnforschung, als das Wissenschaftsmagazin “Nature” Studien veröffentlichte, die zeigten, dass die für die Geschlechtsentwicklung zuständige Hirnregion BSTc bei transsexuellen Frauen dieselbe Neuronendichte hat wie bei anderen Frauen, dass transsexuelle Frauen also faktisch eine weibliche Hirnanatomie haben (Zhou, Hofman, Gooren, Swaab). Diese Fakten über biologische Ursachen wurden von der Psychiatriesekte zwar zur Kenntnis genommen, ohne sie jedoch ernst zu nehmen, man war nach einem Jahrhundert Psychopathologisierung viel zu sehr auf die angebliche “Geschlechtsidentitätsstörung” eingeschossen.

Zwischenbemerkung
Bis hierhin ist dieses Buch informativ, so konnte ich auch diesen geschichtlichen Rückblick aufgrund ihrer Angaben zusammenfassen, einzig der Schluss musste von mir ergänzt werden, weil die Authorin bezeichnenderweise gerade in diesem Bereich blind zu sein scheint auf einem Auge, denn beispielsweise die Forschungsresultate betreffend der Hirnregion BSTc werden von ihr vollständig ausgelassen – es ist nicht, was nicht sein darf. Irrwitzig wird das Buch – wie alle Bücher aus der Ecke der Psychologiegläubigen – wenn es um die Ursachen von Transsexualität geht. Hier zeigt sich auf geradezu groteske Weise, dass die Psychologiegläubigen wie alle anderen religiösen Fanatiker mit unterschiedlichen Massstäben messen. Was ihren heiligen Büchern widerspricht, wird kategorisch als “nicht erwiesen” dargestellt. Was ihren heiligen Büchern entspricht, wird bis zum unumstösslichen Gegenbeweis aufrecht gehalten, mag es auch noch so realitätsfremd und widersprüchlich sein. Diese einseitige Wahrnehmung ist jeder Wissenschaft unwürdig, aber wie bereits erwähnt, ist Psychologie keine exakte Wissenschaft sondern eher eine Parawissenschaft. Sie beruht nicht auf Beweisen sondern auf willkürlich aufgestellten Thesen, die als gültig gelten, bis sie widerlegt sind. Da kann man auch wie der koksende Psychologengott Sigmund Freud mal schnell allen Frauen kollektiv einen Penisneid unterstellen oder wie der Zürcher Psychiater und Eugeniker Auguste Forel andersartige Menschen wie beispielsweise Fahrende (Zigeuner) als “geistesschwach” klassifizieren und zwangskastrieren. Welche obskuren Auswüchse diese akademisch gesegnete selektive Wahrnehmung mit sich bringt, zeigt sich in diesem Buch auf faszinierende und wie ich meine demaskierende Weise.

Biologische Ursachen von Transsexualität
Bei der Beschreibung der “biomedizinischen Ursachen” hält sich die Authorin kurz und spürbar ablehnend. Sie beschreibt kurz die Forschungsresultate des Neuroendokrinologe Günter Karl Stalla und seiner Mitarbeiter vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München (2006), die ein hormonelles Ungleichgewicht während der Embryonalentwicklung nahelegen, fegt das aber vom Tisch mit der abwertenden Aussage, dass diese Ergebnisse keine “biologischen Beweise” für Hormonstörungen seien. Bei den “hirnanatomischen Befunden” (BSTc), nennt sie nicht mal die Authoren der Studie oder sagt etwas über die Hirnquerschnitte, die sogar vom Auge betrachtet werden können, anstelle dessen fegt sie auch das vom Tisch, das sei “wissenschaftlich nicht gesichert”. Zu diesem Thema äusserte sich auch mein Oberarzt vom Zürcher Universitätsspital anlässlich eines Vortrags, sinngemäss sagte er: “Wenn man einen Hirnquerschnitt mit dieser Hirnregion BSTc einer transsexuellen Frau einem Neurologen auf den Tisch legt, wird er das Hirn ohne zu zögern als weiblich klassifizieren”. Nicht gesichert? Weiters geht sie kurz auf die Erkenntnisse aus der Genetik ein, beginnt sicherheitshalber mit dem Hinweis: “Chromosomenaberrationen konnten bislang als Ursache nicht nachgewiesen werden” und erzählt dann kurz von Studien, die Veränderungen in drei Genen zeigten, die für die Ausbildung von Androgenrezeptoren und Östrogenrezeptoren zuständig sind (z.B. CYP17). Ist beispielsweise das Gen für die Ausbildung der Androgenrezeptoren länger, ist die Testosteronaufnahme geringer. Dass das für Transsexualität ursächlich sein könnte, hält sie aber eben für “nicht gesichert”.

Unterschiedliche Massstäbe
Soweit, sogut, könnte man sagen, all die Forschungsresultate zeigen zwar klar, dass Transsexualität in verschiedener Weise körperliche Ursachen hat. Ein absoluter Beweis ist das nicht. Auch wenn transsexuelle Menschen genetische Auffälligkeiten haben, die zuuuuuufällig mit der körpereigenen Hormonverwaltung in Zusammenhang stehen und auch wenn die Hirnregion die für die Geschlechtsentwicklung zuständig ist, zuuuuuufällig dieselbe anatomische Struktur (Neuronendichte) hat wie die “normalen weiblichen Gehirne”, so ist das kein absoluter und unumstösslicher Beweis für deren Ursächlichkeit. Aber – und hier wird es entlarvend – weshalb wird im Bereich der Genetik und der Neurologie ein absoluter und unumstösslicher Beweis verlangt, auf Seiten der psychologischen Erklärungsansätze jedoch jede auch noch so bizarre These als möglich betrachtet, auch wenn all diese psychologischen Thesen einander gegenseitig widersprechen. Bei den biologischen Ursachen sagt die Psychologie, diese seien nicht bewiesen bei den psychologischen Thesen, die sich auf keinerlei wissenschaftliche Studien stützen, sagt man, sie seien nicht widerlegt? Selektive Wahrnehmung?

Psychologische Thesen – Geschlechtsidentitätsstörung
In den nächsten Kapiteln beschreibt die Authorin dann umso leidenschaftlicher verschiedenste psychologische Thesen für die Ursachen von “Geschlechtsidentitätsstörungen”. Dort wird nie darauf hingewiesen, dass die Thesen “nicht bewiesen” sind und die Authorin stört sich auch nicht an der Widersprüchlichkeit dieser Theorien, mittels derer transsexuelle Menschen für gestört erklärt werden. Um die Widersprüchlichkeit der psychologischen Wahrsagekunst zu kaschieren, beginnt die Authorin mit der Einleitung: “Aufgrund der Vielfalt der Entwicklungen, die in Transsexualität münden können, ist eine einheitliche, spezifische oder gar monokausale psychologische Verursachungstheorie nicht möglich”. Dann geht es los mit einer Auswahl an psychologischen “Meinungen”, die vorallem in der Gegenüberstellung an Realsatire kaum zu überbieten sind.

  1. Transsexualität sei die Folge einer erfolglosen Loslösung von der Mutter, aufgrund dessen die Entwicklung einer innerpsychischen Selbstständigkeit scheiterte (z.B. Person und Ovesey 1974 resp. Socarides 1969).
  2. Transsexualität sei eigentlich eine verdrängte Homosexualität. Weil diese verdrängt wird, würde es zu einem “Geschlechtsumwandlungswunsch” kommen, um damit die Sexualität zu legitimieren (z.B. Socarides 1969). In Anbetracht davon, dass es lesbische TransFrauen gibt, ist das mehr als absurd.
  3. Transsexualität sei eine Form des Borderline-Syndroms. Es hat zwar eine völlig andere Symptomatik und transsexuelle Menschen erfüllen die Diagnosekriterien für ein Borderline-Syndrom nicht annähernd, aber man kann’s ja trotzdem mal so postulieren.
  4. Transsexuelle Menschen seien so geworden, weil die Eltern unbewusst ein Kind des anderen Geschlechts wünschten. Das ist statistisch längst widerlegt, aber man kanns ja trotzdem weiter für möglich halten.
  5. Transsexualität sei eine “narzistische Plombe”, mit der vereinfacht gesagt Verlustängste kompensiert werden indem man selbst zur gegengeschlechtlichen Bezugsperson wird (z.B. Morgenthaler 1974).
  6. Transsexualität sei eine Folge eines fehlenden oder mangelhaften gegengeschlechtlichen Vorbildes. Auch das ist statistisch widerlegt, klingt aber so gut, dass man es weiter für möglich hält.
  7. Transsexualität sei eine Reaktion auf eine emotional abwesende und männlich identifizierte Mutter (z.B. Stoller 1979).
  8. Für Stoller-Schüler Lohstein (1979) ist Transsexualität Folge verhinderter Verselbstständigung, weil diese nur in geschlechtsneutralen Bereichen zugelassen worden sei.
  9. Wer’s ganz skuril mag, hält sich an Stoller (1979), der die Ursache darin sieht, dass die Grossmutter die Mutter als Neutrum behandelt hat. Man fragt sich da spontan, was für Drogen dieser Stoller geraucht hat und weshalb er so hoch dosierte.

Die Liste liesse sich beliebig verlängern und soll auch nur eine kleine Auswahl an Absurditäten aufzeigen. Diese neun Beispielthesen sind natürlich stark verkürzt, sagen aber grad in dieser kurzen Vereinfachung die Widersprüchlichkeit untereinander. Diese psychologischen Erklärungsmodelle sind zu vielfältig um sie hier detailierter zu betrachten, ich werde aber einzelne dieser Thesen in separaten Beiträgen beleuchten, zwei davon sind bereits fast fertig und werden bald hier zu lesen sein.

Auffällig ist, dass diese Thesen grösstenteils zwischen 1960 und 1980 postuliert wurden, mittlerweile also bestenfalls dreissig Jahre alt sind. Fast ausnahmslos konnten diese Thesen statistisch widerlegt werden, für möglich gehalten werden sie aber von Psychologiegläubigen bis heute.

Dass diese Authorin im Jahr 2010 solchen Quatsch auflistet, diese widersprüchlichen und grösstenteils widerlegten Thesen für möglich hält, im Gegenzug dazu jedoch wissenschaftliche Fakten aus der Genetik und Neurologie als “nicht erwiesen” abtut, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Aber aller Realsatire zum Trotz, solche Bücher betonieren eine Stigmatisierung von transsexuellen Menschen mit veralteten Vorurteilen, solche Bücher haben das Potential, Menschen zu töten.

Fortsetzung:
Transsexualität und Homosexualität
Transsexualität und Borderline-Syndrom
Primäre und sekundäre Transsexualität
Mein zwiespältiges Verhältnis zur Psychologie

Ergänzend möchte ich noch auf spannenden Beiträge hinweisen, die diese Thematik gut ergänzen:
BadHairDays: Die Suche nach dem heiligen Gral
ATME: Biologische Ursachen
Wissenschaftliche Dissertation von Eva Krause
Milton Diamond: Medizinische Ursachen für Transsexualität (Kapitel 2)

NACHTRAG: Aller Kritik an diesem Buch zum Trotz muss ich der Authorin doch zwei Dinge zu Gute halten. Erstens hat sie richtig erkannt, dass eine transsexuelle Frau mit einer auf Männer fixierten Geschlechtsorientierung heterosexuell ist resp. umgekehrt ich als transsexuelle Frau die auf Frauen fixiert ist lesbisch ist. Zweitens betont sie die Vielfalt von Geschlechtern oder postuliert teilweise im Sinne Rauchfleischs Transsexualität als Normvariante. Auch sonst findet man in diesem Buch teils gute Denkansätze im Vergleich zu früheren Abhandlungen anderer Psychologen. Aber wenn jemand in Jahr 2010 Transfrauen als “transsexuelle Männer” betitelt, von Geschlechtsumwandlung oder Wunschgeschlecht spricht und sogar wissenschaftliche Fakten die eine Entstigmatisierung bedeuten würden auslässt, dann ist das ein Armutszeugnis für so ein Buch resp. ihre Authorin – und verdient somit trotz guter Ansätze den Vorwurf der Faktenresistenz.


 

14 Reaktionen zu “Transsexualismus – Faktenresistenz der Psychologie”

  1. Kim

    Liebe Diana,

    ich lese gerade das Buch “Stonewall” von Martin Duberman. Es erzählt u.a. die Geschichte kurz vor und bis zum Stonewall-Riot in NYC, auf dem heute noch die “gay-pride”-Movement und auch die hiesigen CSDs basieren. Dieses Buch ist lustigerweise wie eine Beschreibung der augenblicklichen Realität in Sachen Transsexualität… nur, dass es damals um “Homosexualität” ging. Die Abläufe sind ja fast dieselben.

    In den 60ern gab es immer mehr Gruppen, welche die Thesen der Psychoanalyse ablehnten – auch wenn viele konservative homophile Organisationen ja lange der Zeit waren, mit den Psychos zusammenzuarbeiten (auch das lässt sich in Sachen trans ja beobachten… ich will hier keine Namen nennen, doch die Gruppen lassen sich gut daran identifizieren, indem du mal genau hinschaust wer auf seinen Webseiten schreibt Transsexualität sei eine “Geschlechtsidentitätsstörung” oder der Wunsch sein “Geschlecht zu wechseln”).

    Homophobe Medienberichte waren die Antwort, in denen Psychoanalytiker weiter ihre kruden Thesen verbreiten konnten. U.a. auch Socarides.

    Interessant ist, dass sich die Emanzipationsbewegung Lesben und Schwulen dann doch durchgesetzt hat – nämlich zu dem Zeitpunkt, als Menschen auf die Strasse gingen. Der Wendepunkt war hier sicherlich der Stonewall-Riot 1969. Im Jahr darauf gab es ja den ersten “gay-pride”-Protestzug.

    Schon lustig… wir sind quasi gerade Mitten in den 60ern….

    Aber ja. Ich glaube Unsinn wird irgendwann konsequenterweise auch als Unsinn erkannt werden. Und die Theorie um “Geschlechtsidentitätsstörungen” wird auch, da bin ich mir sicher, als paradoxer transphober Quatsch (ein Quatsch, der vielen transsexuellen Menschen bis heute das Leben gekostet hat) in die Geschichte eingehen. Welch spannende Zeiten, Diana…

    Liebe Grüsse, Kim

  2. Bad Hair Days

    Diese “möglichen” Ursachen wurden nicht nur widerlegt, sie sind heute grösstenteils Ausschlusskriterien in der Differentialdiagnose.

    Vor kurzem hatte ich eine Diskussion mit einem Arzt. Der reagierte etwas verwirrt auf meinen “Aktivismus”? Die körperlichen Zusammenhänge seien doch längst bekannt und würden in der Ausbildung (er ist Gynekologe) auch vermittelt.

    Komisch, das trotzdem niemand etwas davon Wissen will? Sogar unter Betroffenen wird es oft geleugnet oder als Unbewiesen hingestellt.

    Warum?

    Die letzten Monate hat sich mein Fokus weg vom reinen Informieren hin zu dieser Frage bewegt.

  3. Diana

    @Kim: das fällt mir immer wieder auf, dass die Geschichte der Homosexualität genauso lief wie jetzt die Geschichte der Trannssexualität, wir sind nur ein paar Jahrzehnte hinterher. Aber genau das darf uns auch Hoffnung geben. Der Tag wird kommen, an dem die Psychopathologisierung und damit die Stigmatisierung von transsexuellen Menschen zuende ist. Aber das geschieht nur, wenn wir wie damals die Homosexuellenbewegung für unsere Rechte kämpfen.

    @Sarah: das erstaunt mich auch immer wieder von Neuem. Wenn ich neuere Fachliteratur lese, wird da nicht im Geringsten bezweifelt, dass Transsexualität biologische Ursachen hat und als ich im Zürcher Unispital danach fragte, antwortete man mir, dass bei ihnen niemand mehr von einer psychischen Störung ausgehe, die biologischen Ursachen seien ein Fakt. Trotzdem sind wir nach ICD und DSM nachwievor Gestörte. Eben deshalb mein Vorwurf der Faktenresistenz, in meinen Augen hat das wirklich pathologische Ausmasse. Deine Änderung der Fragestellung scheint mir sinnvoll, darüber muss ich mal nachdenken :-)

  4. Buzzy

    Du hast das Buch entweder gar nicht gelesen oder leider überhaupt nichts verstanden. Es wird ausdrückich drauf hingewiesen, dass es keine Umwandlung, nur eine Angleichung gibt.Über die Parallele zum Umgang mit Homosexuellen wird an mehren Stellen hingewiesen. Es gibt sogar 2 Abschnitte, die sich nur mit der korrekten Bezeichnung von Transidenten beschäftigen. Da ist nichts verwechselt worden oder falsch bezeichnet.Das mit den Ursachen hast du überhaupt nicht verstanden, denn sie schreibt immer wieder, dass sie alle nicht wissenschaftl. gesichert und nur im Stadium der Hypothesenbildung sind. Was wissenschaftl. nicht gesichert hast, hast du nicht verstanden, dann schreib auch nicht drüber. Zum glück gibt es auch andere meinungen, schau mal unter Secret of Bianca”.
    Buzzy

  5. Diana

    @Buzzy: Nichts gegen Kritik, aber wenn Du mir schon Unverständnis unterstellen möchtest, dann wäre eine Widerlegung besser als ein Pauschalrundschlag.

    Das Buch liegt grad neben mir, wir müssen also davon ausgehen, dass ich nichts verstanden habe oder dass jemand von uns Zweien selektiv wahrgenommen hat.

    Eigentlich disqualifziert sich diese Authorin allein schon dadurch, dass sie das ganze Buch hindurch Transfrauen als “transsexuelle Männer” betitelt. Da hilft es wenig, wenn sie in Kapitel 2+3 Begriffe erklärt, wenn sie dann im weiteren Verlauf diesen Kapitalfehler macht. Es hilft auch wenig, wenn sie teilweise von geschlechtsangleichenden Massnahmen spricht, wenn sie dann doch immer wieder von Geschlechtsumwandlungen redet.

    Was meine obige Kritik an der Homosexualitätsthese angeht, geht es nicht um den Umgang mit Transsexuellen im Vergleich zu Homosexuellen sondern um die These, dass transsexuelle Frauen – wohlgemerkt nur diejenigen die auf Männer stehen – homosexuell seien und es deshalb lesbische Transfrauen nicht transsexuell seien. Ob das ihre Meinung ist, kann ich nicht beurteilen, aber sie breitet diese uralte und längst widerlegte These in einer Selbstverständlichkeit aus, dass ich nur noch Bauklötze staune.

    Es spricht für sich selbst, dass die Authorin gerade mal ein Kapitel (41) mit 4 Seiten über biologische Ursachen schreibt, natürlich ohne beispielsweise die neurologischen Untersuchungen zu beschreiben (weil die halt nicht in ihr Geschlechtsidentitäs-Weltbild passen), aber dann 5 Kapitel lang (42-47) auf 12 Seiten lang und breit psychologische Thesen ausbreitet, die allesamt mindestens 30 Jahre alt sind, selbst für die widersinnige Borderline-These hat sie ein ganzes Kapitel übrig. Das wiederum ist nicht selektive Wahrnehmung sondern selektive Information. Auf diese Weise breitet sie ein Bild aus, das im Jahr 2010 nunmal nicht mehr dem aktuellen Wissensstand entspricht.

    Aber es kann ja sein, dass ich gar nichts verstanden habe und all die neurologischen und endokrinologischen Forschungen unterwegs mit der Post aus meinem Buch rausgefallen sind. Falls Du mir dabei helfen kannst, beispielsweise die Forschungen über die BSTc Hirnstruktur in diesem Buch zu finden, dann nehme ich natürlich gerne alles zurück.

    Vorerst muss ich aber bei meinem Standpunkt bleiben, dass diese Dame eine in diesen Kreisen leider übliche Faktenresistenz betreibt und was in meinen Augen am Schlimmsten ist, eine unerträgliche Respektlosigkeit an den Tag legt, eben dann wenn sie unzählige Male Transfrauen als transsexuelle Männer betitelt. So bleibt mein Urteil vorläufig……… durchgefallen!

    Als Letztes muss ich aber doch noch betonen, dass es in diesem Artikel nicht um dieses Buch selbst geht sondern um die allgemein in diesen Kreisen verbreitete Faktenresistenz. Dieses Buch dient nur als Fallbeispiel resp. roter Faden, meine Kritik lässt sich auf viele andere Bücher zu diesem Thema übertragen.

  6. Buzzy

    Mit deiner völlig ungerechtfertigten kritik schadest du den Transsexuellen und der ganzen Bewegung. Sie setzt sich für die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten und Geschlechtsvarianten ein, das steht schon auf dem Einband. Einzelne biologische Befunde sind keine Beweise, das hat mit Wissenschaft zu tun, von der du offensichtlich nichts verstehst. Sie hat keinerlei eigene meinung geäußert, sondern Fakten aufgelistet, die offensichtlich du nicht zur kenntnis nehmen willst. Sie fovorisiert nicht die psychologischen erklärungen. Die kann man aber auch nicht in einem Sachbuch unter den Tisch fallen lassen, nur, damit es dir in den Kram passt.
    Ich werde nicht mehr antworten, das hat keinen Sinn. Wenn du auf guten Aufklärungsbüchern weiter herumhackst, schadest du allen.

  7. Diana

    @Buzzy: Argumentationsnotstand?

    Ich fands auch nett, dass diese Authorin wenigstens die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten postuliert, aber solange sie Transfrauen zu Männern erklärt und eine längst überholte Psychopathologisierung betoniert, hilft sie transsexuellen Menschen nicht. Transsexualität als Normvariante hat Udo Rauchfleisch schon vor Ewigkeiten postuliert, das ist nichts Weltbewegendes.

    Aber solange es transsexuelle Menschen gibt, die sich solchen Leuten wie dieser Authorin zu Füssen werfen und sich für gestört erklären lassen und dann noch diejenigen angreifen, die darauf bestehen, dass neurologische Erkenntnisse, die uns entstigmatisieren könnten, ausser Acht gelassen werden, nur damit ein wenig Vielfalt innerhalb des postulierten Gestörtseins sein darf, solange werden wir weiter von dieser Gesellschaft verachtet.

  8. Diana

    @Buzzy: Weil es tatsächlich auch gute Aspekte hat in diesem Buch, habe ich oben im Blogbeitrag noch einen kleinen Nachtrag eingefügt. Aber eben, nur weil etwas weniger schlecht ist als Anderes, wird es dadurch noch lange nicht gut. Und wenn wir jemand der uns etwas weniger verkennt als Andere hoch halten, tauschen wir nur die eine Narrenmaske gegen eine etwas Hübschere. Oder anders gesagt, nur weil jemand auch Gute sagt, heisst das nicht, dass Kritik am Schlechten nicht notwendig ist.

  9. Bad Hair Days

    @Buzzy

    >Sie setzt sich für die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten und Geschlechtsvarianten ein, das steht schon auf dem Einband

    Das macht mittlerweile sogar Sophinette Becker. Schaden richtet dieses Buch trotz allem an.

    Gehst du denn davon aus, das eine biologische Ätiologie automatisch Zwischenformen ausschliesst? Tut sie nicht, im Gegenteil:
    http://badhairdaysandmore.blogspot.com/2009/01/mehr-von-der-biologie-dazwischen.html

    Keine einzige psychosexuelle Äthiologiehypothese glänzt mit statistischem Material, dass diese Unterstützen könnte, die meisten lassen sich statistisch oder durch einfache Logik widerlegen.

    Aber bei den zahllosen, unterschiedlichen Nachweisen einer Biologischen Ätiologie(!) wird Himmel und Hölle in Bewegegung gesetzt, um sie ins lächerliche zu ziehen. Allen voran von Betroffenen selbst. Besonders beliebt ist das isolierte Betrachten einzelner Studien um dann von viel zu kleinen Fallzahlen zu sprechen, oder davon, dass sie nie Nachvollzogen wurden …. völlig ignorierend, dass die Entdeckungen aufeinander aufbauen. Soll heisen, man findet heraus das der BSTc geschlechtsspeziefisch gepträgt ist, dann müsste zum Beispiel die Reaktion auf Pheromone entsprechend ausfallen. Tut sie dass (und dass tut sie) bestätigt sie damit erneut den BSTc Fund, ohne dass das ursprüngliche Experiment wiederholt wurde.

    Für mich ist das längst die spannendere Frage, warum nur? Vor allem bei der ganzen Agression, die mir da immer wieder entgegenschwappt. Ich glaube, hier habe ich eine Antwort gefunden:

    http://www.questioningtransphobia.com/?p=3084

    Zitat
    I’ve long thought that the “born gay” or HBS-like theories are going to back-fire someday. If one day our lab-coated friends found out that there is some kind of biological determined “cause” of sexuality or gender identity it wouldn’t suddenly make the people who hate us embrace us. Instead, they’d simply use it as a weapon against us by characterizing as “birth defect” and use Christianist or eugenic arguments against our existence.

    That being said, the latter article scares the hell out of me. What if researchers found out why some transsexual people are transsexual? What if they use that as a “test” for access to medical treatment? What if you desperately need to transition but don’t pass the test?

  10. Diana

    @Sarah: danke für diesen Nachtrag, ich hätte eigentlich selber auf die Idee kommen müssen und darauf hinweisen, dass diese einzelnen Forschungsresultate sich gegenseitig bestätigen. Aber ich wolle eh schon lange mal einen Beitrag zu dem Thema machen. Du hast da zwar schon einen ganz tollen Beitrag geschrieben, aber man kanns ja nicht oft genug betonen.

    Deine Bedenken teile ich – leider – in einer Zeit, in der man auf dem Spielplatz bereits angegriffen wird, weil man ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt gebracht hat, mit dem Argument, dass es sowas heutzutage nicht mehr geben müsste, kann der Nachweis biologischer Ursachen schlussendlich die Tür zur Eugenik öffnen. Und nicht zuletzt können so neue Diagnoseraster entstehen, durch die so manche Betroffenen durchfallen. Aber das darf uns nicht davon abhalten, die Wahrheit zu suchen und zu postulieren, wir müssen jedoch aufpassen, dass diese Wahrheiten nicht irgendwann missbraucht werden.

  11. Bad Hair Days

    Es sind ja nicht meine Bedenken… sondern die, auf die ich immer wieder stosse. Hier zitiert, weil der Post so wunderbar das ganze Spektrum der Bedenken abdeckt und die Urängste aufzeigt.

    So ganz einverstanden bin ich nicht, mit dem was da gesagt wird, denn auch jetzt besteht ja eine völlig an der Realität vorbeigehende Gatekeeperkultur.

  12. Diana

    achso sorry, da hab ich Dich missverstanden. Aber ich find die Bedenken von QuestioningTransphobia berechtigt, nur eben dürfen sie uns nicht davon abhalten, die Wahrheit zu verhindern aus Angst, sie könnte missbraucht werden.

    Was die Gatekeeper anbelangt, hast Du natürlich Recht, aber das Risiko der Eugenik müssen wir schon ernst nehmen. Vor wenigen Monaten las ich über Forschungen, in denen es darum geht, mittels Chemotherapie bei Embryos eine mögliche “lesbische Entwicklung” zu verhindern. Diese Vorstellung ist blanker Horror, aber es erstaunt wenig, dass im evangelikalen Amerika so eine Möglichkeit genutzt würde, wenn sie denn irgendwann wirklich funktioniert.
    http://www.queer-news.at/archives/1728
    Echt gruslig, was da abgeht, aber das darf nie ein Argument zur Selbstverleugnung sein.

  13. Transsexualität: Psychologische Sichtweise ohne Scheuklappen | T-Girl Diana

    [...] ist höchst erstaunlich, dass die psychologischen Gilden im Jahr 2010 mit unerhörter Faktenresistenz alle wissenschaftlichen Forschungsergebnisse aus der Endokrinologie, Neurologie und Genetik [...]

  14. Robbie

    Danke, Diana. Es tut gut, das alles zum Thema Trans* zu lesen. Leider hilft mir das momentan nur als Selbstbestätigung, denn im Prozess der Vornamen- und Personenstandsänderung (VÄ/PÄ) stecke ich gerade in einem Dilemma.
    Ich war vor 4 Jahren für 3 Moante stätionär in der Psychiatrie, da ich hochgradig depressiv und akut suizidgefährdet war. Um nicht gestehen zu müssen, dass ich mich als Mann empfinde, suchte ich eine Ausfluch, indem ich den Ärzten das Wort Borderline präsentierte. Das bricht mir jetzt buchstäblich das Genick.
    Eines der zwei nötigen Gutachten kommt zu dem Schluss, dass ich psychisch gesund und eindeutig transsexuell bin. Dieser Gutachter hat mich dazu rund 300 Fragen (per Fragebogen) beantworten lassen und meinen Lebenslauf mit mir durchgesprochen.
    Der zweite Gutachter stelle mir die 3 Gretchenfragen der Gutachter sowie die Frage, ob ich Transvestit sei (lach, nein!). Dann las er im Lebenslauf das Wort Borderline und war sofort darauf fixiert. Er ließ sich alle Arztbericht von Klinik und Hausarzt schicken und zweifelte daraufhin im Gutachten meine Transsexualität an.
    Dazu kommt, dass ich bereits seit 6 Monaten Hormone bekomme, da ein anderer Psychologe auf Anhieb Borderline verneinte und Transsexualität diagnostizierte. Er schrieb mir sofort die Indikation für Hormone.
    Nun bin ich soweit vermännlicht, dass ich mich sozial unauffällig als Mann bewegen kann, aber mir wird voraussichtlich vom Richter die VÄ/PÄ verweigert werden.
    Wer möchte sich da nicht am liebsten den Strick nehmen? Aber den Gefallen tue ich denen nicht.
    Es bestätigt nur. wie menschenverachtend und subjektiv der ganze Angleichungprozess verläuft.

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