(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

T-Girl in der Kleider-Euphorie

Heute wurde ich von einer Leserin auf etwas angesprochen, sie fragte sich, weshalb Kleider, Schuhe und sonstige Äusserlichkeiten so eine grosse Rolle spielen. Da ich die Frage spannend finde, möchte ich versuchen, das hier auch zu erklären.

Regelmässige LeserInnen haben vorallem Anfang letzten Jahres erlebt, mit welcher Begeisterung ich mich in Kleiderläden gestürzt habe, dass ich hochhakige Schuhe sammelte wie Eichhörnchen Nüsse und dass sich vieles hier im Blog um Äusserlichkeiten drehte. Die Frage, wie ich auf Andere wirke, wie ich aussehe, was ich optisch aus mir machen kann, war sehr present und war wie alles hier im Blog Ausdruck dessen, was mich beschäftigt und bewegt. Gerade StammleserInnen dürfte auch aufgefallen sein, dass sich das in letzter Zeit deutlich gelegt hat. Der Grund für die anfängliche Euphorie und für das Abflauen desselben möchte ich nun erklären…….

Eigentlich sind es zwei Gründe, die Äusserlichkeiten in meinem neuen Leben so wichtig machten. Zum einen hat es damit zu tun, dass ich eben vier Jahrzehnte in ein männliches Äusseres gezwungen war und das löste eine riesige Sehnsucht nach einem weiblichen Äusseren aus. So kompensierte ich gerade in dieser ersten Zeit vieles, was ich früher verpasst habe. Dabei geht es weniger um Röcke und Schuhe als mehr darum, dass diese Dinge weibliche Attribute repräsentieren und es für mich eine wahre Wohltat ist, nach so langer Leidenszeit endlich anziehen zu dürfen, was ich möchte und endlich so aussehen zu dürfen, wie ich mich innerlich immer fühlte. Es ist wie wenn jemand aus einer armen Familie kommt und nie gutes Essen bekam, wenn er das irgendwann hat, wird er fürs Erste masslos sein. Das legt sich in der Regel, aber gerade in der ersten Phase geniesst man einfach die neue Freiheit. Schon jetzt nach einem Jahr hat meine anfängliche Euphorie in Kleidersachen deutlich abgenommen, weil das einst Aussergewöhnliche einfach zur Normalität wurde, aber ich geniesse es natürlich nachwievor, dass ich nun so in die Welt treten kann, wie ich mich auch fühle.

Der zweite Punkt ist der, dass ich durch betont weibliche Kleidung oder Schminke viel weniger auffalle. Das menschliche Gehirn funktioniert so, dass es sich an markanten Punkten orientiert um etwas einzuordnen. Wenn ich in T-Shirt, Hosen und Turnschuhen heraumlaufe, ist das Gesicht fast der einzige Punkt an dem ich geschlechtlich klassifiziert werden kann und da dürfte ich eher schlecht abschneiden, vorallem ungeschminkt. Wenn ich aber auf hohen Absätzen, mit Rock, langen Haaren und Lippenstift herumlaufe, werde ich von allen, die nicht sehr genau hinschauen, automatisch als Frau einsortiert und falle so nicht mehr auf. In meiner Anfangszeit vor einem Jahr war das noch nicht so und es war sehr anstrengend, ständig diese prüfenden Blicke über mich ergehen zu lassen und nur zu oft sah ich den Blicken an, dass da Gedanken aufkamen im Stil von: “was ist denn das für ein Kerl”. Betont weibliches Äusseres ist für eine transsexuelle Frau ein grosser Schutz, um einfach unauffällig sich selbst zu sein.

Sowohl die körperlichen Veränderungen als auch Kleidung u.s.w. sind schlussendlich auch Mittel zum Zweck, sie dienen vorallem dem, dass ich in dieser Welt als die Frau leben kann, die ich innerlich schon immer war, ohne ständig blöd angeguckt oder angepöbelt zu werden. In dieser Gesellschaft wird eine Frau mit männlichem Körper nicht respektiert und so sind all diese Äusserlichkeiten enorm wichtig, um ein einigermassen ruhiges und ungestörtes Leben zu führen.

Und schlussendlich ist es auch eine Frage der Selbstwahrnehmung. Wenn man sich voll und ganz als Frau empfindet, nicht weil man sich das einbildet oder einfach lieber eine Frau wäre sondern weil man eine weibliche Hirnstruktur und sozusagen “eine weibliche Seele” hat, fühlt man sich einfach verkrüppelt, wenn das Äussere dem Inneren derart widerspricht. Da tut es einfach gut, sich betont feminim zu zeigen, egal ob der Öffentlichkeit oder sich selbst im Spiegel. Als transsexuelle Frau muss ich damit leben, dass viele mich als Mann betrachten, der halt lieber eine Frau wäre. Je feminimer das Wesen wirkt, das ich im Spiegel sehe, umso mehr kittet dieser Anblick die Risse im Selbstbewusstsein, die Bewertungen von aussen verursachen können.

Last but not least sind auch körperliche Aspekte, die meine Begeisterung für weibliche Kleidung verstärken. Auf hochhakigen Schuhen verändert sich die ganze Haltung, der Rücken biegt sich, der Hintern streckt sich mehr raus, die Hüpften schwingen automatisch mehr und der ganze Gang wird katzenhafter, das fühlt sich unglaublich weiblich an (das bestätigen mir auch Bio-Mädels). Das TicTac Geräusch von Pumps erinnert mit jedem Schritt daran, dass ich jetzt in meiner wahren Geschlechterrolle lebe. Ein Rock oder Jupe streichelt die Beine bei jedem Schritt und jedem Windstoss und erinnert mich wieder daran, was für ein Wunder da geschehen ist. Und die morgentliche Gesichtsbemalung wird zu einem Ritual, mit dem ich meine Metamorphose täglich neu inszeniere. All das gibt mir immer wieder, mit jedem Schritt, jedem Windstoss und jedem Pinselstrich die Bestätigung……….. ja, ich habe es geschafft………. ich bin Ich!


 

7 Reaktionen zu “T-Girl in der Kleider-Euphorie”

  1. CoraCora

    Das hast du sehr schön geschrieben, Diana =)

    Es gibt einfach so viel schönes zu entdecken, wenn du seit Jahren das erste mal damit konfrontiert bist. Aber auch wenn es schon Normalität ist, gibt es immer wieder neue Sachen auszuprobieren, das ist aber nicht nur auf Kleidung, Schuhe oder Kosmetik beschränkt. Viel mehr tut sich endlich ein großer Raum auf, das Leben wird wieder bunt und vieles macht einfach viel mehr Spaß, ich glaube man nennt das Lebensfreude :3

    Alles Liebe, deine CoraCora

  2. Diana

    klar gibts immer wieder Neues und ständig Zeuchs was man unbedingt braucht ;-) aber letztes Jahr war schon extrem, ich war ja sowas von aus dem Häuschen, vorallem im Sommer als es mit Jupes und Pumps losging, da war ich echt ausser mir. Es war unmöglich, einen Katalog durchzublättern ohne da auch was zu bestellen. Heutzutage blättere ich sie oft erfolglos durch, nicht dass ich da nix finden würde, aber oft denk ich, dass ich was Ähnliches eh schon hab und da ich finanziell nicht grad auf Rosen gebettet bin, siegt die Vernunft doch meistens. Und wenn man mal den Schrank voll hat und genug Auswahl, hört auch dieses suchtartige auf, zumindest bei mir.

  3. Svenja-and-the-City

    Oh, Diana, das hast du ganz wunderbar zusammengefasst. Ich habe noch heute einen Klamotten- und Schuhtick, aber ich denke ein harmloseres Vergnügen gibt es nicht. Und wenn ich die flippigen Modeblogs vieler junger Frauen anschaue, dann weiß ich, dass ich mit meiner Eitelkeit und dem Wunsch danach, toll auszusehen, überhaupt nicht alleine bin.
    Inzwischen habe ich meinen eigenen Style gefunden und das ist eben der Svenja Style.
    Ein ganz toller Beitrag. Liebe Grüße aus Kiel, Svenja

  4. Diana

    Ich erfreue mich natürlich nachwievor über neue Erwerbungen, vorallem mit Schuhen ist das ja so ne Sache bei mir. Vor einem Jahr stand ich eines Tages vor einem leeren Schrank, wusste nicht was mir steht und war überhaupt total überfordert. Damals dachte ich beispielsweise, dass ich Jupes eh erst nach der GaOp tragen kann. Aber bis im Sommer hatte ich’s dann drauf und da war ich natürlich völlig am Durchdrehen, alle Läden waren voll von den Dingern und alles war nur für mich da :-) Heute freue ich mich zwar immer mal wieder über spezielle Fundstücke und trag die stolz nachhause wie eine Hündin die das Stöckchen gefunden hat, aber es ist nicht mehr so ein zentrales Thema. Als ich mein Blogtagebuch in gedruckter Form las, war ich selber etwas verblüfft, wie domant dieses Thema vorallem letzten Sommer war, man könnte wirklich den Eindruck bekommen, dass es nur um Äusserlichkeiten geht. Gegen Herbst beruhigte sich das langsam und jetzt haben Kleider für mich wohl einen ähnlichen Stellenwert wie für andere Frauen auch. Wir lieben die Abwechslungsmöglichkeiten und die Vielfalt, drehen aber nicht komplett durch bei jedem gekauften Rock :-) ey und bald geht die Pumps-Zeit wieder los, ich freu mich echt drauf :-)
    Auch Dir liebe Grüsse, irgendwann schaff ich’s mal nach Kiel, das ist ein Versprechen!

  5. Andi

    Ich bin eine biologisch geb. Frau und fühl mich aber nicht so. Ich hatte Albträume in denen ich unterwegs mit anderen Frauen war. Die blieben bei Geschäften stehen die Hohe Schuhe, Handtaschen und natürlich schöne Kleider hatten. Alle waren voll im Element, euphorisch und hatten Freude, nur ich stand draußen vor dem Geschäft weil mich keine Stöckelschuhe, schöne Kleider für Randevous oder Handtaschen interessieren.
    Für eine Frau ist es sehr wichtig hübsch zu sein.

    Als ich ca. 10 Jahre alt war hatte ich eine kleine Unebenheit im Gesicht.
    Hat mich selber nicht gestört, doch der Arzt sagte bei einem Mädchen müsse das entfernt werden, bei einem Jungen würde man es lassen.
    Dann hat man bei Vollnarkose operiert.
    Der Aufwand erschien mir zu groß wegen dem Pünktchen.
    Frauen sollen ständig schön sein und auf gepflegtes Äußeres achten damit sie Respekt bekommen.
    (Männer sollen erfolgreich sein)

    Sie träumen auch gerne selber davon.
    Schöne Kleider zu kaufen und schönen Schmuck. Das gehört bei vielen zu den Wünschen erster Stelle.

  6. Diana

    @Andi: Frauen werden in der Tat von Vielen auf das Äussere reduziert und das setzt sie unter enormen Druck. Für mich ans transsexuelle Frau ist es noch extremer, weil ich nicht nur Schönheitsidealen nachrennen (muss) sondern auch weiblicher als jede Frau wirken muss, um nicht als Freak abgestempelt zu sein. Damit kann ich zwar gut leben, weil ich das “exzessive Frausein” zumindest momentan sehr geniesse. Ich musste mich viel zu lange als Mann tarnen, so ist es ein Genuss, nun jeden weiblichen Akzent zu setzen, der mir zur Verfügung steht.

    Ich denke, alle Menschen wären glücklicher und vorallem freier, wenn sie nicht all diesen Geschlechtsstereotypen gehorchen müssten, sie engen jeden von uns ein, ohne Ausnahme. Und gerade das macht das Leben von transsexuellen Menschen so schwierig, vorallem in der Zeit, in der sie nicht ihrem Geschlecht entsprechend leben. Weil sie dann tausend Wesenszüge imitieren müssen, die in diesen ungeschriebenen Gesetzen stehen.

  7. cookiemonster

    hallo, respekt vor dieser frau! ich selbst habe einen transhintergrund und lebe jetzt geschützt in heidelberg. die übergrigffe kosteten mich zuzletzt in fürth in bayern fast das leben. jetzt nehme ich im spiegel eine wunderbare frau wahr.

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