(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Spiegel-TV Dokumentation über Transsexualität: Endlich Ich – der richtige Körper für mein Leben

Ich war mir ganz sicher:
Lieber sterbe ich,
bevor ich dieses Leben im falschen Körper weiter lebe
(Balian Buschbaum)

Mit einem Tag Verspätung konnte ich nun die Spiegel-TV Reportage “Endlich Ich – der richtige Körper für mein Leben” sehen, die im Rahmen der Serie “Grosse Samstagsdokumentation” auf VOX gesendet wurde. Darüber möchte ich hier schreiben, kann dies aber aufgrund des grossen, vierstündigen Umfangs, nur in reduzierten Mass tun.

Bereits in der ersten halben Stunde hatte ich mehrmals Tränen in den Augen und war teils zutiefst gerührt. Einerseits weil all das, was Betroffene schilderten, schmerzhafte Erinnerungen in mir wach riefen, weil all diese Schilderungen mir einen Spiegel vorhielten und mich an all den Schmerz erinnerten, den ich ein Leben lang zu ertragen hatte. Auf der anderen Seite war ich tief berührt, weil ich zum ersten Mal eine Dokumentation über Transsexualität sah, in der ich mich im wesentlichen repräsentiert fühlte, in der meine etwas andersartige Wesensart nicht psychopathologisiert wurde sondern die Macher der Reportage offenbar ihre Hausaufgaben gemacht haben und uns nicht als völlig Gestörte darstellten sondern der Sache etwas tiefer auf den Grund gingen, als ich bisher gewohnt war.

Klar, es gab auch hier falsche Sichtweisen und Formulierungen, es war die Rede vom “Zwang, als Frau leben zu wollen” oder dem “Wunsch, Frau zu sein” und sonstigen Falschbildern. Aber im Gegensatz zu anderen Dokumentationen über Transsexualität wurde beispielsweise korrekt von einer “geschlechtsangleichenden Operation” gesprochen und die Betroffenen wurden zumindest in der Gegenwart meist in der korrekten geschlechtsspezifischen Form tituliert. Teilweise wurden Betroffene sogar in der Vergangenheitsform korrekt benannt. Ebenfalls schön war, dass alle Betroffenen auf mich sehr authentisch wirkten. Die transsexuellen Frauen wirkten von ihrer ganzen Wesensart als Frau und die transsexuellen Männer wirkten so männlich, wie man sich das nur vorstellen kann.

Eine kleine Zwischenepisode streifte das Thema Alltagstest, die Praxis, in der transsexuelle Menschen wider aller Vernunft gezwungen werden, vor einer medizinischen Betreuung erst mal mindestens ein Jahr lang in der korrekten Geschlechterrolle zu leben. Dass ein Leben als Frau in einem männlichen Körper schlicht unmöglich ist, wird von Fachleuten konsequent ignoriert. Man will die Ernsthaftigkeit testen und riskiert dabei, dass die Betroffenen aufgrund dieser unterlassenen Hilfeleistung unterwegs drauf gehen. Die Moderatorin Erika Berger brachte diese Problematik deutlich auf den Punkt:

Ich glaube, der Alltagstest, bevor Du überhaupt zur Tat schreiten kannst, ist das Schlimmste was jemandem passieren kann. Weil – es hilft Dir übrigens auch keiner wie Du Dich kleiden kannst – man sagt Dir dann einfach, ok, Du gehst jetzt heute mit dem Bus oder mit der Bahn oder gehst zum Einkaufen und ziehst Dich so an wie Du glaubst, dass Du als Frau wirkst – eine Katastrophe! Weil Dich jeder anglotzt. Da würd ich jetzt auch schau’n.
(Erika Berger)

Auch der Leidensdruck, den ein Leben im falschen Körper verursacht, der bei Vielen zu selbstverletztendem Verhalten oder Alkohol- oder Drogenmissbrauch führt, wurde verschiedentlich thematisiert und von Carola Kretschmer, der Gitarristin von Udo Lindenberg, in geradezu spürbarer Weise ausgedrückt:

Ich habe 48 Jahre innerlich gelitten und äusserlich hatte ich meine Ruhe. Und wenn ich jetzt innerlich meine Ruhe habe, dann kann ich vielleicht auch mal äusserlich leiden, wenn ich irgendwie komisch angekuckt werde oder was auch immer da passiert.
(Carola Kretschmer)

Noch deutlicher beschrieb es der klinische Sexualpsychologe Dr. Christoph J. Ahlers:

Das erlebt man wie ein Gefängnis, als wenn man gefangen ist im falschen Körper. Das löst extremes Leid aus! In jeder Situation, in der ich mit einem anderen Menschen in Kontakt trete und aufgrund meiner von mir als falsch erlebten Körperlichkeit als Mann oder Frau angesprochen werde, eigentlich aber das Gefühl habe: Ich bin das gar nicht! Immer dann tritt diese Verzweiflung auf, dieses Hoffnungslose, dieses “wie komm ich da nur raus”.
(Dr. Christoph J. Ahlers)

Im weiteren Verlauf der Sendung kamen Themen zur Sprache wie DragQueens und Transvestiten, jedoch nicht ohne darauf hinzuweisen, dass der “Spass am Geschlechterwechsel” wie bei diesen Gruppierungen nichts mit Transsexualität zu tun haben. Weiters wurde über Intersexualität berichtet, ohne zu verschweigen, dass Zwitter in der Regel wider aller Menschenrechte chirurgisch verstümmelt werden. Die Abstecher zu diesen Themen dienten meines Erachtens vorallem der Abgrenzung, um zu zeigen, dass Transsexualität, die Gewissheit, im anderen Körper zu stecken, nicht verwechselt werden darf mit anderen geschlechtsübergreifenden Phänomenen. Vorallem das Thema Intersexualität wurde eindrücklich thematisiert, aber dazu möchte ich hier und jetzt nichts schreiben, weil diese Form medizinischer Barbarei eines gesonderten Blogbeitrags bedarf.

Ich bin unbeschreiblich dankbar, all den Betroffenen die sich in dieser Dokumentation präsentiert haben und einen Einblick ermöglichten, in das Denken, Fühlen und Leiden von transsexuellen Menschen. Und ich bin Spiegel-TV und VOX dankbar, dass sie dieses schwer zu begreifende Thema doch ein wenig begreifbar machten.

Einziger Kritikpunkt meinerseits ist, dass vorallem wissenschaftliche Fakten fehlten, die in den letzten zehn Jahren beweisen konnten, dass Transsexualität biologische Ursachen hat und transsexuelle Menschen eine anatomische Hirnstruktur haben, die dem sogenannten “Gegengeschlecht” entspricht. Das möchte ich hier noch ergänzen mit folgenden Links:
Transsexuelle Frauen haben eine weibliche Hirnstruktur
Transsexualität in Frankreich keine Geisteskrankheit mehr
Transsexualität – eine psychische oder Störung?
Vortrag – Tootsie oder Transsexualismus

Meine Transsexualität ist seit 30 Jahren begraben.
Ich bin eine heterosexuelle Frau
und möchte auch weiter so leben.
(Romy Haag)

PS: falls jemand von den Betroffenen, die an dieser Doku mitgearbeitet haben, dies lesen, bitte kontaktiert mich, ich finde Euch ausnahmsweise toll, bin Euch allen dankbar für Eure Öffentlichkeitsarbeit und würde mich gerne mit Euch austauschen.


 

18 Reaktionen zu “Spiegel-TV Dokumentation über Transsexualität: Endlich Ich – der richtige Körper für mein Leben”

  1. Sam

    ich hab zwar nicht mitgewirkt aber ich danke dir für das Resumée… ich habs noch immer nicht ganz gesehen aber teilweise und auch ich musste immer wieder lauthals mitrufen.. “Ja das sind meine Worte.. der erzählt von mir…”

    sensationell gut geglückt.. die Doku und deine Worte dazu sowieso… ich darf auf deinen Beitrag hinweisen bitte… apropo hinweisen… kennst du das Buch “Transidentität – ein unordentliches Phänomen” von Brigitte Vetter? Ist mir nur letztens in die Hände gefallen… ligru Sam

  2. Chrisi

    Ich habe mir die Sendung komplett angeschaut und ich habe wirklich nur die “Pinkelpausen” genutzt um ja nichts zu verpassen.
    Die relative neutrale Berichterstattung kam meines Erachtens auch durch die lange Zeit der Vorbereitung zustande. Denn wenn man 10 Jahre und länger mit jemanden zusammen kommt, dann ändert und schärft sich die Sichtweise. Interessanterweise habe ich feststellen müssen, dass zwei der Mitwirkenden aus dem gleichen Landkreis stammen wie ich.
    Alles in Allem würde ich mir mehr von solchen Berichten wünschen. Leider befürchte ich, dass nur wenige der “normalen” Bevölkerung sich diese Sendung angeschaut haben…zu wenig Aktion und zu wenig Schäh.

  3. Chrisi

    … ups + m, so dass es dann Schmäh heißt.

  4. Diana

    @Chrisi: ich hab gelesen, es hätten 1.3 Millionen zugeschaut, das klingt ja gar nicht mal so übel. Wenn der Fussballmatch nicht 10 Millionen absorbiert hätte, wären es sicher mehr gewesen.

  5. Chrisi

    Klar sind 1,3 Millionen schon recht anständig. Aber immer noch viel zu wenig um in den Köpfen der Menschen anzukommen.

  6. Diana

    ich seh das eher von der positiven Seite her, bisher haben Millionen den gewohnten Quatsch gesehen, nun sahen die ersten 1.3 Millionen etwas Besseres. Das ist ein guter Anfang. Auf jeden Fall war das eine Entwicklung in die richtige Richtung, das ist viel wert

  7. Tamila

    Liebe Diana,
    habe lange nichts von mir hören oder lesen lassen. Bin mit Morag im ständigen Mailaustausch.
    Die Sendung auf Vox war leider nur ein Zusammenschnitt von mehreren bereits gesendeten Beiträgen zu dieser unserer Problematik. Habe ich, wenn auch heimlich, alle schon irgendwann einmal in mich hineingesogen. Also es war wirklich nichts neues dabei, war aber sehr interessant mit guten Kommentaren gestaltet.
    alle Deine in dieser Rubrik beschriebenen und angeführten Zitate sprechen mir aus der Seele. Genauso fühle ich mich in meinen ach so gehassten Männerkörper. Übrigens ein Meilenstein für mich ist in Sicht, ich habe einen Beratungstermin bei Gerede e.V. Dresden. Danke für Deinen Blog er hilft mir und sicher auch vielen anderen Betroffenen.
    Liebe Grüße Tamila

  8. Anna-Marie Metzgera

    Leider bin ich 51 und für eine Operation vermutlich zu alt. Aber um mich besser zu fühlen, müsste ich es tun.

  9. Morag

    @Anna-Marie: Wieso zu alt? Meines Wissens gibts da inzwischen keine Altersgrenze mehr…und es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit :-)

  10. Diana

    @Anna-Marie: ich schliesse mich meiner Vorrednerin an, es ist nie zu spät, sich Menschenwürde zu erkämpfen ;-)

  11. Juliet

    Also, ich weiss von einem Transmann, der mit 63 die OP noch gemacht hat.

  12. Lena-Angelique

    Hallo liebe Menschen und Diana die diese Seite betreut!
    Also ich Lena, habe in dieser Doku mit meiner Familie mitgewirkt. Ich selber stelle mich hinter den vielen Positiven Meinungen. Ich habe sicher auch kleine Kritikpunkte an der Sendung, die aber aufgrund der guten Resonanzen, eher nicht wesentlich sind. Es ist nicht das erste Mal das ich in der Öffentlichkeit gestanden habe. Und ohne das ich es wirklich wollte, bin ich politisch sehr aktiv. In meinem Buch das ich geschrieben habe, sind ebenso viele spannende und Lesenswerte Dinge enthalten, wie in meinem Leben. Ich habe mich jedenfalls sehr gefreut, das ich in dieser Doku meinen Beitrag leisten durfte

  13. Patrick

    Hallo alle zusammen, wie bereits mehrmals hier schon erwähnt, dachte ich bei dieser Doku echt:”Das bin ich, das ist mein Leben, von dem die hier reden!” Ich konnte mich vor allem mit George gut identifizieren und würde auch gerne Kontakt aufnehmen, vor allem weil ich mich jetzt für diesen Dr. Liedl entschieden habe. Ich bin mittendrin, noch nicht ganz fertig aber endlich ICH.
    Viel Glück für alle , die auch diesen Mut aufbringen!!
    LG

  14. Patrick

    PS: An alle wie ich :-)
    Schreibt doch einfach mal. Ein Infoaustausch ist immer gut.
    Und: George, wenn Du das hier liest, dann setz Dich doch bitte mit mir in Verbindung. Danke

  15. Diana

    @Patrick: Ich hab mit Juliet in den Ferien die Doku nochmal angeschaut und war erneut überrascht, wie oft doch korrekte Formulierungen eingebracht wurden. Das habe ich bisher so nie erlebt, das gibt Hoffnung, dass sich Medien doch langsam ändern.

  16. Fiona

    Ich denke dass man das Gefühl – diesen gelebten Ist-Zustand garnicht mit Worten beschreiben kann. Es sind nur Versuche die einen Momant darstellen. Der Spargat zwischen Mann sein und als Frau zu leben oder umgekehrt ist eigentlich nicht aushaltbar. Der Leidensdruck ist gewaltig bis zur Angleichung. Gegebenenefalls noch schlimmer dürfte es wohl die intersexuellen Menschen treffen deren Körper, Hrmone und Empfinden das einer Frau ist aber wegen OPs als Kleinkind sind neue Entscheidungen schlecht bzw. nicht möglich.
    Ausserdem soll man männlich werden oder weiblich? Dieser unlösbaren Option entziehen sich leider etwa 40% der IS-Menschen mit Suizid.
    30% fristen in Psychiatrien das Dasein der Rest sitzt meistens zu Hause … und hat wenig Kontakte zu den “richtigen” männlichen und weiblichen Menschen. (Nicht Klienefelter, die haben wieder ganz andere Probleme).
    Obwohl die männlichenund weiblichen Menschen nur weniger als 1% voneinander abweichen.
    Fiona

  17. Andreas

    …das ist sehr gut gesagt Fiona.
    Bei mir ist es nähmlich so das ich halb halb bin. Das jedoch nicht biologisch sondern innerlich.
    Es wird gefordert eines von beidem zu sein.

    Ich gehöre zu jener Gruppe die Zuhause sitzt und wenig Kontakte zu anderen Menschen hat.
    Was mich mal weniger belastet, mal ausserordentlich.

    Da möchte ich sagen das bei indianischem Geschlechterverständnis, 4 und mehr Geschlechter
    bekannt waren. Das sogenannte 3 Geschlecht.
    Die europäische Sichtweise der ausschliesslich zwei Geschlechter, macht es denen die nicht zuzuordnen sind, unmöglich ihre Persönlichkeit zu zeigen. Weil die anderen Menschen einem in ihren Köpfen nicht zuordnen können.

    danke das ich das mal äussern konnte hier

  18. Diana

    leider bin ich mit den Kommentaren arg im Rückstand, aber lieber spät als nie……

    @Fiona: Ich gehe mit Dir einig, dass die Zerrissenheit dieser Geschlechts-Inkongruenz unaushaltbar ist, daran gehen wohl viele kaputt, bevor sie überhaupt je eine Diagnose erhalten und selbst die diagnostizierten zerbrechen öfter als nötig am beschwerlichen Weg zur Selbstentfaltung.

    Sekptisch bin ich jedoch bei der Frage, ob intersexuelle Menschen wirklich härter getroffen werden. Klar ist die chirurgische Barbarei, die man an ihnen begangen hat, unsäglich grausam und das daraus resultierende Leid unvorstellbar. Aber dafür werden Intersexuelle nicht in diesem Ausmass stigmatisiert, sie sind Opfer einer dem Machbarkeitswahn verfallen Medizinerschaft, das dürften viele ihrer Mitmenschen so sehen. Transsexuelle werden jedoch nicht als Opfer wahrgenommen, es gibt keine Täter, sie werden von einer Mehrheit als geistesgestört oder pervers abgeurteilt. Aber schlussendlich muss man das Eine nicht gegen das Andere aufwägen, beide sind Opfer, Intersexuelle sind Opfer einer grössenwahnsinnigen Medizinerschaft und Transsexuelle sind Opfer einer schwarz-weiss denkenden Gesellschaft – kaputt macht einem Beides – aber aus Beidem gibt es einen Ausweg, wenn man renitent genug auf seinem Recht auf Selbstbestimmung beharrt.

    @Andreas: in einer dualistischen Welt, die ein schwarz-weisses Geschlechterbild predigt, ist alles schwer zu leben, was dieser Norm widerspricht. So wie Du Dich beschreibst, geht das meines Erachtens wirklich stark in Richtung two-spirit. Auch mit dieser Wesensart hast Du wenig gesellschaftliche Akzeptanz zu erwarten, was traurig ist, weil indigene Völker uns eigentlich vorlebten, wie wertvoll gerade two-spirits sind. Und doch hast Du in dieser “Zwischenwelt” eher die Möglichkeit, Dich mit dem “Hebammengeschlecht” abzufinden und Deine anderen Wesensanteile etwas unauffälliger auszuleben. Einfach ist auch das nicht, aber ich muss ehrlich sagen: Ich hätte mir diesen Weg durch die gesellschaftliche Stigmatisierung erspart, wenn ich einen Zwischenweg ausgehalten hätte. Diesbezüglich bin ich einfach zu sehr auf der falschen Seite gelandet, so dass ein Zwischenweg nicht mehr gangbar war. Aber ich finds toll, dass es Menschen gibt, die diese Spannung aushalten können, auf diesem Weg wünsche ich Dir alles Gute ;-)

Einen Kommentar schreiben

Please copy the string rZDuUM to the field below:



Copyright © 2018 by: (t)-Girl Diana • Template by: BlogPimp Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.