(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Sexuelle Gewalt, Scheuklappen und Eiseskälte

Wenn Medien über Vergewaltigungen berichten, die nicht 300% bewiesen sind, erschrecke ich immer wieder über die teils naiven, teils empathiefreien und teils menschenverachtenden Kommentare der Leser.

So geht es mir auch im Fall Kachelmann, ein Klassiker eines Verbrechens, dessen Indizien eine deutliche Sprache sprechen und einen entsprechenden Schluss aufdrängen, aber Mangels Beweisen wohl nie nachgewiesen werden kann.

Ich will mich hier nicht zur Richterin aufspielen, das steht mir nicht zu, aber ich möchte meine Gedanken teilen über die Menschen, die wie mir scheint ein erschreckendes Denken an den Tag legen.

Täterkategorien und Körpersprache
Zur möglichen Schuld möchte ich aber trotzdem etwas voranschieben. Seit Jahren erstaunt mich, dass ich in Gesichtern herausspüren kann, ob ein Verdächtiger das Potential hat für die ihm vorgeworfene Tat. Jahrelang habe ich so TrueCrime Sendungen im Stil von “Autopsie” gesehen und es mir zum Hobby gemacht, dort auftauchende Verdächtige zu “scannen”. Ich bin keine Hellseherin, aber ich sehe in den Gesichtern und der Körpersprache, ob jemand das Potential zu genau so einer Tat hat. Es sind völlig unterschiedliche Menschen, die beispielsweise eiskalt jemanden töten weils halt einfach grad notwendig ist und solchen, die aus Leidenschaft töten. Unzählige Male habe ich Verdächtige gesehen und beispielsweise gedacht: Dieser Kerl ist eiskalt, der tötet ohne mit einer Wimper zu zucken, aber dieses Verbrechen wurde mit soviel “Liebe zum Detail” ausgeführt, dass da eine völlig andere psychologische Konstitution dahinter liegt. In 90% bestätigt sich mein Eindruck im Verlauf der Sendung.

Wenn ich auf dieses Gefühl höre, dann traue ich Kachelmann diese Tat zu, das was ich fühle wenn ich ihm in die Augen schaue, deckt sich mit dem, was beim angeblichen Tathergang passiert ist. Das heisst natürlich nicht, dass er es getan hat, selbst wenn mein Gefühl stimmen würde, aber es ist für mich durchaus denkbar. Interessant dabei ist, dass nach seiner Entlassung ein Körpersprache-Experte sein erstes Interview analysierte und zum Schluss kam, dass er etwas verbirgt, beispielsweise senkt er jedes Mal den Blick wenn er seine Unschuld beteuert. Das soll nichts heissen und wie gesagt, will ich damit kein Urteil fällen. Aber für mich gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich so geschehen ist, wie das Opfer es darstellt.

Erfahrung in Opferbefragungen
Heute berichtete Blick von einer Polizistin, die das Opfer damals befragt hat. Ihre Aussage empfand ich als erschütternd. Die Anklägerin sei “Bleich, fix und fertig” gewesen, “Sie hatte ihre Beine nicht mehr unter Kontrolle, der ganze Körper vibrierte”. Bei einer späteren Befragung sei ihr Zustand noch schlimmer gewesen. Dabei sollte man sich vor Augen halten, dass Polizisten grosse Erfahrung mit Opfern haben und ein Gespür entwickeln, für Menschen, die wirklich “fix und fertig” sind. Es braucht wenig Empathie um den Unterschied zu sehen zwischen einer enttäuschten Geliebten und einer vergewaltigten Frau.

Was ich mit all dem sagen will ist, dass es zumindest den begründeten Verdacht gibt, dass es tatsächlich zu einer Vergewaltigung gekommen ist. Nehmen wir diesen begründeten Verdacht als Basis für die weiteren Betrachtungen, denn was in den Kommentarspalten von Zeitungen da – vorallem von Männern – für Sprüche kommen, entbehrt jeglicher Menschlichkeit.

Vergewaltigung ist kein Sex sondern Machtrausch
Eins der Argumente ist, dass der Weiberheld Kachelmann es doch nicht nötig hätte, eine Frau zu vergewaltigen, er hätte ja genug Frauen gehabt, die ihm nachgelaufen seien. Damit zeigen diese Kommentarschreiber, dass sie keine Ahnung von Psychologie haben. Das wär soweit kein Grund zum Vorwurf, aber wenn man schon nichts über psychische Vorgänge weiss, sollte man sich aus so einer Diskussion halten. Der Denkfehler dabei ist, dass es bei einer Vergewaltigung fast nie um Sex geht sondern um Macht resp. um Machtmissbrauch. Männer, die Frauen vergewaltigen, tun das nicht weil sie Sex wollen oder brauchen und sie tun’s auch nicht, weil eine Frau sie mit einem Minirock “provoziert” hat. Es geht darum, Grenzen zu überschreiten und Macht über einen Menschen zu haben, etwas zu bekommen, das einem nicht zusteht. Sexualität ist Ausdruck von Leidenschaft, Vergewaltigung ist Ausdruck von pervertiertem Machtrausch. Da kann ein Vergewaltiger ein ganzes Harem haben, es wird ihm nicht das bringen, was er sucht, die totale Kontrolle.

Der Mythos der Selbstverschuldung
Das nächste Argument, das nicht mehr mit Unwissenheit erklärbar ist sondern schon eine gehörige Portion Arroganz voraussetzt, ist der Klassiker in diesem Thema. Die Frau hat ihn ja hereingelassen. Ja aber hallo? Wenn ich jemanden in meine Wohnung hereinlasse, ist das dann ein Freibrief mich mit einem Messer zu bedrohen und zu vergewaltigen? Wie krank muss man sein, um so einen Standpunkt zu vertreten? Gewisse Schlaumeier konstruieren daraus dann sogar eine Falle, in die eine “enttäuschte Geliebte” den Ex in eine Falle lockt. Da fehlen mir wirklich die Worte.

Die Frau, das rachsüchtige Monster?
Dann kommen all diejenigen, die Frauen kollektiv Bosheit und Hinterlist unterstellen. Grösstenteils dürften das solche sein, die bei einer Scheidung in den Hammer gelaufen sind. Für die ist das dann eindeutig ein Racheakt, da braucht man weder Beweise noch Indizien, allein die Tatsache, dass eine Frau einen Mann vor Gericht bringt, reicht für diesen Vorwurf. Natürlich gibt es Frauen, die ihrem Ex so richtig über den Tisch ziehen, natürlich gibt es sogar so Extremfälle, die falsche Anschuldigungen vorbringen um sich zu rächen. Aber egal wie gross die Frustration ist, jemanden für Jahre hinter Gitter zu bringen, so weit geht kaum jemand. Das Verrückte ist, dass sogar in vielen Fällen von Kindsmissbrauch dieses Argument hervorgeholt wird und noch verrückter ist, dass Kindsmissbraucher sogar oft damit durchkommen, weil sexuelle Gewalt nur in seltensten Fällen absolut bewiesen werden kann. Bei sexueller Gewalt gibt es nie Zeugen und selbst Spermaspuren können so erklärt werden, dass das Opfer angeblich einverstanden war. Ich staune wirklich Bauklötze, wenn ich in diesen Kommentaren so Sprüche höre im Stil von: “wir kennen Frauen ja, die tun alles um sich zu rächen”. Was für eine üble Verdrehung von Tatsachen!

Gelegenheit macht Vergewaltiger?
Man muss nur mal schauen, wie sich Männer in Kriegen aufführen, wenn sie sich in einem rechtsfreien Raum glauben und es zu Massenvergewaltigungen kommt, seit je her, überall, unzählige Male. Damit will ich keinesfalls behaupten, Männer würden das generell tun wenn sie dazu die Gelegenheit haben, aber es gibt Männer, viel mehr als uns Frauen lieb ist, die diese Form von Gewalt begehen, wenn sich die Gelegenheit bietet.

Wenn sich potentielle Opfer mit Tätern verbünden
Aber was mich bei so Diskussionen am meisten schockiert, ist zu erleben, dass immer wieder auch Frauen diese Standpunkte einnehmen und das Opfer zum Täter machen. Scheinbar vergessen sie dabei, dass sie vielleicht schon morgen die Nächsten sind, die von einem machtbesessenen Gestörten ihrer ganzen Würde beraubt werden und sie für den Rest ihres Lebens kaputt sind. Wenn ich sowas lese, frage ich mich wirklich, was diese Damen über ihre eigenen Zeilen denken werden, wenn es sie irgendwann trifft.

Beihilfe zur Vergewaltigung durch die Gesellschaft
Ich bin ganz klar gegen eine Vorverurteilung eines Angeklagten, auch wenn mein Bauch dabei noch soviel knurrt. Um jemanden für eine Straftat zu verurteilen, bedarf es Beweise. Aber ich finde es unerträglich, wenn Menschen, die den Fall nicht durchschauen können, allein aufgrund ihrer Vorurteile das Opfer verurteilen. Ich glaube wirklich, dass damit das allfällig begangene Verbrechen um ein Vielfaches verschlimmert wird. Und nicht zuletzt sind es solche Menschen, die mit solchen idiotischen Kommentaren unzählige Gewaltopfer davon abhalten, Anzeige zu erstatten, weil sie wissen und tausend Mal gelesen haben, dass sie in den Köpfen dieser Menschen verurteilt sind, sobald die Anzeige eingericht ist…….. und nicht zuletzt motivieren all diese Leute potentielle Gewalttäter, weil sie tagtäglich lesen könne, dass man sie im Falle einer Gewalttat zum Opfer ernennt. Das ist bestenfalls Begünstigung, wenn nicht gar Beihilfe, aber auf jeden Fall ist es menschenverachtend.

Ein Fallbeispiel und ein empfohlener Perspektivenwechsel
Ich empfehle abschliessend, die Kommentare in diesem Blick-Artikel einmal durchzulesen und dieser Gesellschaft mal ins Gesicht zu schauen. Und diejengen von Euch, die wirklich ganz viel Mut haben, sollen diese Kommentare anschliessend noch einmal lesen……….. und sich dabei vorstellen, sie seien das Opfer, über das man hier spricht.

Blick: Polizistin hält Aussage des Opfers für wahr

Ausserdem empfehle ich, diesen Bericht ebenfalls zu lesen, in Anbetracht all dessen das Opfer zum Täter zu machen, scheint mir nun wirklich jenseits des Erträglichen:
20minuten: Seine Erklärung war nicht einleuchtend


 

2 Reaktionen zu “Sexuelle Gewalt, Scheuklappen und Eiseskälte”

  1. Bernadette

    Über das Thema Kachelmann an sich kann ich nichts sagen, ich könnte mir bei diesem Menschen wohl beides vorstellen…
    Mich erschreckt vor allem das viele meiner Freundinnen und auch meine Person zumindest einige Male in ihrem Leben zumindest sexuellen Anzüglichkeiten und Übergriffen ausgesetzt waren – gottseidank ist es nie bis zum Letzten gekommen und das ich kaum eine Frau kenne die nicht diese Erfahrung gemacht hat.
    Angefangen von blöden Sprüchen wie: Ey Baby siehst scharf aus (die noch schlimmeren laß´ich hier mal außen vor – die sind echt unter jedem Niveau) , einem Grapsch an den Busen in einer Disco, beim Joggen Übergriffe von männlichen Jugendlichen und einem erzwungenen Kuss (gottseidank bin ich seeeeehhhhr treffsicher) und einer Verfolgungsjagd auf dem nächtlichen Heimweg durch die Stadt Fahrrad gegen Auto – wenn ich ehrlich bin hätte ich am Liebsten solchen “Männern” schlimmeres angetan (gut hätte ich nicht Gewalt ist nicht mein Ding).
    Allein das Joggen beweist sexy musst du dazu nicht angezogen sein!
    Den letztendlich geht es eben nicht immer darum, ob du besonders aufreizend, hübsch oder sonstwas bist, sondern schlicht und einfach in erster Linie Macht auszuüben und zu demütigen.
    Das sind Erfahrungen die mich dazu bewogen haben sollte ich einmal nachts alleine heimlaufen müssen mich besonders männlich zu verhalten soll heißen:
    ich laufe aufrecht und erhobenen Hauptes mit kräftigen Schritten durch die Nacht,
    ich spucke lauthals auf die Straße (so richtig ekelig) und ich setzte meinen bösen Blick auf, auch wäre ich bereit mich zu wehren – davon ab nehme ich wenn möglich nachts einen Baseballschläger mit und wäre auch bereit selbigen einzusetzen wenn ich gezwungen würde.

    Ich weiß das klingt ziemlich krass und auch das ist keine Sicherheit das mir nichts passiert, aber ich konnte für mich selbst schon einen klaren Unterschied feststellen – es macht mich selbstsicherer (alleine schon die Haltung) und das strahle ich dann auch aus und die Gefahr blöd angemacht zu werden hat sich drastisch reduziert (auch wenn das natürlich keine letztendliche Garantie ist) – alles in allem mag das ziemlich krass klingen, aber gewisse Männer lassen einem keine andere Wahl und ich versuche damit mich so gut es geht vor schlimmerem zu bewahren – denn soetwas zu erleben wünsche ich niemandem und natürlich auch mir nicht!

    Eine für mich wichtige Erfahrung war das mir mein Vater das glaubte und in einem Fall nach dem Joggen die Jungs im Park gesucht hat (mein Vater war fast 2 Meter groß und ein Baum von einem Mann da hätte es nichts mehr zu lachen gegeben) und das war eine wichtige Erfahrung für mich .

    Ein Opfer ist ein Opfer und ich wünsche mir das sich niemand mehr selbst die Schuld für das Verbrechen eines anderen gibt.

    Lg, Bernadette

  2. Diana

    @Bernadette: ein entschlossenes Auftreten ist natürlich viel wert, aber absolut sicher kann man nie sein, weil es nunmal einfach Männer gibt, die Frauen für Freiwild halten. Umso grässlicher ist es, dass Opfer dann wie in diesem Fall auch noch zur Täterin gemacht werden – gerade von Frauen schockiert mich so eine Haltung echt.

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