(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Selbstmord – die vorweggenommene Niederlage

Ein Plädoyer gegen die Selbstaufgabe…….

Anlässlich eines Films den ich kürzlich sah, erinnerte ich mich an Zeiten, in denen mein Leben keinen Sinn mehr hatte. Zu leben bedeutete auszuharren, weiter zu leiden und in einem Meer aus Hoffnungslosigkeit zu schwimmen. Es gab viele Momente, in denen ich mir nichts mehr wünschte, als dass dieser Albtraum der sich Leben nennt, endlich enden würde. Aber ich habe nie gelernt, aufzugeben und allzuoft verfluchte ich die Tatsache, dass ich die Gabe der Selbstaufgabe nie erlernt hatte. Ich war absolut davon überzeugt, dass ich niemals wirklich glücklich sein könnte und das mein Leben für immer unter diesem Fluch stehen würde. Aber ich konnte nicht aufgeben, weil dann alles bisherige Leiden umsonst gewesen wäre. Ich musste weiter einem Ziel folgen, das ich für unerreichbar hielt, einfach weiter machen, weiter ausharren und hoffen, dass irgendwann die Erlösung folgt.

Heute blicke ich zurück zu diesen Zeiten und frohlocke darüber, dass ich die Gabe der Selbstaufgabe nie erlernt hatte. Carl Jaspers sagte einmal: “Hoffnungslosigkeit ist die vorweggenommene Niederlage”. Ich ahnte immer, dass er Recht hat, auch wenn mir die Hoffnung fehlte, wirklich daran zu glauben.

Nun finde ich mich selbst an einem Punkt, an dem es mir eiskalt den Rücken runter fährt, wenn ich mir vorstelle, dass ich doch fähig gewesen wäre, aufzugeben – mein Gott was hätte ich alles weggeworfen!

Alles was unvorstellbar war, alles woran ich nie zu glauben wagte, ist heute mein Leben. Ich bin eine unbeschreiblich glückliche Frau, jeder Tag der beginnt ist ein Grund zum feiern und im Gegensatz zu früher schreckt mich die Vorstellung, irgendwann sterben zu müssen.

Es gibt viel zu viel Menschen, die nicht mehr daran glauben, dass sie je glücklich sein würde. Und viele von ihnen verwechseln diese Unvorstellbarkeit mit Unmöglichkeit. Und sie geben auf, beenden eine Geschichte, die noch lange nicht fertig geschrieben wäre. Sie bestehlen sich selbst um die letzten Kapitel, von denen sie glauben, dass da nur Schmerz und Trauer drin stehen würde. Und sie zerreissen das Buch ihres Lebens und werfen die letzten Kapitel ins Feuer – und verbrennen vielleicht den schönsten Teil ihrer Geschichte.

Vielleicht hatte ich ja Recht, dass mir im Leben kein Glück geschenkt würde. Aber meine Unfähigkeit aufzugeben zwang mich dazu, mir mein Glück zu erkämpfen – und heute, blicke ich tief gerührt in die neuen Kapitel im Buch meines Lebens und sehe all das Glück, das ich nie zu erhoffen wagte, das ich mir nichtsdestotrotz erkämpft hatte.

Hätte ich damals wirklich aufgegeben, wäre mein Leben nur eine widersinnige Ansammlung von Leiden geblieben, aber nur deshalb, weil mir die Geduld und die Kraft gefehlt hätte, auszuharren und auf die Tage des Glücks zu hoffen. Was für eine grässliche Vorstellung, ich hätte diese Geschichte beendet, bevor ich mir mein Leben aus Frau erzwungen hätte. Wieviele Glücksmomente, wieviel Lachen, wieviele wunderschöne Gefühle hätte ich mir gestohlen, wenn ich nicht die Renitenz gehabt hätte, wider aller Hoffnungslosigkeit weiter zu gehen.

Deshalb möchte ich an all die appellieren, die aufgeben möchten, die glauben am Ende der Kraft angelangt zu sein, denen jegliche Hoffnung fehlt und die sich nicht mehr erträumen können, dass ihr Leben eines Tages von Glück erfüllt sein könnte.

Mir kommt spontan eine Geschichte in den Sinn, die in der schottischen Pipe Musik zu finden ist. Ich glaube, es war Anfang des letzten Jahrhunderts, als ein schottisches Regiment einen Hügel stürmen musste, ein Unterfangen, das nicht viel Hoffnung zulässt. An der Seite dieser Kämpfer war auch ein Piper, der zu Beginn des Gefechts schwer getroffen zu Boden fiel. Aber trotz seiner Verletzungen und trotz den schlechten Chancen für so ein Himmelfahrtskommando, gab er nicht auf, sondern spielte sein War-Tune weiter, das er begonnen hatte. Er spielte “Cock of the north” weiter und seine Gefährten kämpften diesen aussichtslosen Kampf weiter, getragen von der Renitenz ihres Pipers, der ihnen mit diesem War-Tune den Rücken deckte und sie antrieb, wider aller Hoffnungslosigkeit weiter zu gehen. Ich weiss nicht, ob dieser Piper das überlebt hat, aber wenn ich mich recht entsinne, haben sie den Hügel erstürmt und das Unmögliche möglich gemacht – weil sie nicht aufgaben und weil ein Piper unter ihnen war, der selbst verletzt am Boden nicht bereit war, aufzugeben.
NACHTRAG: Morag hat im Kommentarteil darüber informiert, dass der Piper George Findlater hiess. Er hat das “1st Battalian Gordon Highlander” 1897 am “Battle for the Heights of Dargai” begleitet, wurde von zwei Schüssen getroffen, hat überlebt und wurde mit dem “Victoria Cross”, dem höchsten militärischen Orden ausgezeichnet.

Wer sein Leben aufgibt, verschenkt jedes einzelne Lachen, das er in Zukunft noch ausgestossen hätte, er verschenkt jeden Kuss, den er noch empfangen hätte.

Mein Leben scheint mir wie ein Mahnmal und mit meiner Geschichte möchte ich die Hoffnungslosen ermuntern, nie, wirklich nie aufzugeben. Ich bin eine unbeschreiblich glückliche Frau geworden, was vier Jahrzehnte unmöglich erschien und ich habe seit Kurzem die tollste Frau dieser Welt die mich liebt und die ich lieben darf. Mein Leben ist erfüllt von soviel Glück, dass ich immer wieder erschüttert bin, über so eine drastische Veränderung des Lebens.

Das Leben endet an der letzten Seite im Buch des Lebens. Wer vorher aufgibt, betrügt sich um alle folgenden Kapitel und betrügt sich möglicherweise um ein Happy End, das allen bisherigen Schmerz hätte vergessen lassen.

Vor Dir der Berg Du glaubst Du schaffst es nicht
Doch dreh’ Dich um und sieh’ wie weit Du bist
Im Tal der Tränen liegt auch Gold
Komm lass es zu dass Du es holst

Wenn Du jetzt aufgibst wirst Du`s nie versteh`n
Du bist zu weit um umzudrehen
Wenn es auch weh tut so wird es doch gescheh`n
die dunkle Nacht wird mal vergeh’n

(Rosenstolz – Wenn Du jetzt aufgibst)

http://www.youtube.com/watch?v=GbbPEXybNFA


 

8 Reaktionen zu “Selbstmord – die vorweggenommene Niederlage”

  1. Morag

    Hi Diana.

    Ich kann Dir nur vorbehaltlos recht geben. Denn auch diese “Abkürzung” erfordert unglaublich viel Mut -den man aber genauso gut darauf verwenden könnte (und sollte!), dem Lockruf des Schattens nicht nachzugeben.
    Gut, daß Du um Deiner selbst willen unbeirrbar weiter gemacht hast, denn nur “wer kämpft, kann verlieren-wer aufgibt, hat schon verloren.”

    Hoffen wir, daß Du mit Deinem Licht immer zur Stelle bist, wenn jemand sich in den Schatten zu verlieren droht.

    Ganz liebe Grüße, Morag ^..^

    PS: Der Piper hat überlebt: “…In 1897 at the battle for the Heights of Dargai, piper George Findlater played ‘Cock o’ the North’ to motivate the troops of the 1st Battalian Gordon Highlanders. Despite being shot twice in the battle, piper Findlater continued to play until the battle was finished and was awarded the Victoria Cross, the highest British Military Honor for his service…”

  2. Kim

    Diana, danke dafür :-)

  3. Diana

    @Morag: danke für die Infos, ich faule Tante hätt das ja selber nachgoogeln können, wollte ich ursprünglich aber ging irgendwie vergessen. Freut mich jedenfalls, dass der Piper überlebt hat. Ich bin ja sonst nicht grad kriegsverherrlichend, aber ich finds eine schöne Geschichte weil sie zeigt, dass man auch am Boden liegend noch weiter kämpfen kann und soll.

    @Kim: gern gesehen :-) ich habe selber zu oft erlebt, dass ich keine Hoffnung für die Zukunft hatte und deshalb ist es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass auch wider aller Hoffnungslosigkeit die grössten Wunder möglich sind. Das soll allen Mut geben, die den Mut verloren haben. Viele von uns erleben schlimme Dinge und durchleben Zeiten, in denen sie kaum Hoffnung finden. Wer da aufgibt, so verständlich es auch ist, bringt sich um den Rest des Lebens, der möglicherweise wunderschön sein könnte. Das ist der beste Grund um nicht aufzugeben.

  4. Diana

    ich habe Morags Informationen noch als Nachtrag in den Blogbeitrag eingebaut und zusätzlich einen Link auf ein youTube Video reingetan, dieses hier:
    http://www.youtube.com/watch?v=-XpokInM11c

  5. Ewald

    Hallo Diana,

    da hast Du recht, man darf nie aufgeben, auch wenn man meint, es geht nicht mehr. Dein Blog ist wirklich super, lese gerne darin und es freut mich, dass es Dir jetzt gut geht und dass Du glücklich bist mit Juliet. Ist sie vielleicht ein Engel vom Himmel runter?

    Viele Grüße

    Ewald

  6. Diana

    Hallo Ewald, schön wieder einen Leser kennenzulernen. Ob Juliet ein Engel ist, weiss ich nicht, aber auf jeden Fall hat der Himmel sie geschickt :-) Viel Spass beim Weiterlesen.

  7. Isabella M

    Hallo,

    dieser Text ist wunderschön geschrieben! Vielen Dank für’s Mitteilen und schreibe bitte mehr!

    LG, Bella

  8. Diana

    @Isabelle: danke, ich geb mein Bestes, dran zu bleiben ;-)

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