(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Rauchfreies Leben – Der grosse Kampf beginnt

Seit bald drei Jahrzehnten rauche ich und die meiste Zeit tue ich das in meiner mir eigenen Art der Exzessivität. Wenn ich etwas mag, dann geniesse ich es auch gern im Übermass. Die unausgesprochene Todesdrohung, dass mich das Rauchen töten kann, in jedem Fall aber körperlich aufreibt, konnte mir nur ein müdes Lächeln abgewinnen. Schädlich? Für diesen Körper? So what? Anfang Jahr hat sich das in verblüffender Weise verändert. Mir liegt etwas an mir, ich will mich weder vergiften noch zusammen mit der Hormontherapie auf eine Trombose hinarbeiten. Ich will leben, dieses Leben das mir erst nach so langer Zeit vergönnt ist und ich will diesem endlich erwachenden Mädel Sorge tragen. Zeit, das Rauchen aufzuhören.

Dieser Entscheid stand so ziemlich am Anfang meiner Transformation fest. Eine 20-fach höhere Trombosegefahr bedroht mein nun endlich wertvolles und schützenswertes Leben, ich finds nicht im Geringsten lady-like, wenn ich mit meinem Raucherhusten die Aufmerksamkeit des gesamten Zugabteils auf mich ziehe. Aber ich wusste, dass ich in der ersten Zeit meiner Metamorphose alle Nerven brauche und dass ein Rauchentzug in so einem Moment definitiv nicht sinnvoll ist. Nun, nach bald zehn Monaten hat sich vieles eingespielt und dieser Schritt, der eine enorme Belastung wird, zu wagen….. weil ich es mir wert bin.

Eine Rauchentwöhnung besteht aus zwei Faktoren. Einerseits ist es die Nikotinsucht, die jedoch nach wenigen Tagen erträglich wird. Anderseits muss man die Gewohnheit durchbrechen und das ist ein lang dauernder Kampf. Bei meinem letzten Versuch war ich auch nach drei Monaten noch so aufgedreht, hatte ständig das Gefühl mir würde etwas fehlen, dass ich wieder aufgab. Da beide Faktoren an die Substanz gehen, habe ich mich diesmal entschlossen, Nikotinpflaster zu nehmen. Die erste Zeit ist der ständige Drang der Gewohnheit sehr zermürbend, wenn dann gleich zu Beginn auch noch der Nikotinentzug mit von Partie ist, steht man ganz schön unter Druck. Bei diesen Pflastern ist es so, dass es die in vier Stärken gibt und die Idee ist, dass man mit der Stärksten anfängt und alle 3-4 Wochen einen Gang runter schaltet. Ich kann mir gut vorstellen, dass das relativ sanft ist und hilfreich in der ersten Zeit. Aber eben, der härteste Brocken kommt zuerst und das gruselt mir schon ziemlich.

Heute morgen habe ich mir mein erstes Plaster auf den Rücken geklatscht. Da diese Pflaster erst nach paar Stunden wirken, hatte ich ursprünglich vor, zuerst noch a bissrl zu qualmen am morgen, bis das Pflaster das Nikotin abgibt. Aber irgend etwas hielt mich davon ab und ich liess es, was den Morgen etwas harzig machte, ich fühlte mich viel träger als sonst – und doch ging es überraschend gut dabei. Ich habe mir vorgenommen, dass ich mich dabei nicht verrückt machen werde. Wenn ich wirklich das grosse Reissen bekomme, dann gönne ich mir auch eine Ausnahme, zumindest in der ersten Zeit. Deshalb nahm ich ein angefangenes Zigipäckli mit, als ich zu meinem Vater und seiner Frau zum Mittagessen ging. Am Bahnhofkiosk deckte ich mich mit Fisherman’s Friend ein (die heizen so schön den Hals runter als ob man rauchen würde). Nach dem Mittagessen (ein riesiges feines Entrecote mit Zeuch dazu) und einem Kuchen war ich so richtig vollgefressen und dann hatte ich erstmals eine unbändige Lust auf eine Zigarette, die gönnte ich mir dann auf dem Balkon. Jetzt ist bald 20 Uhr und bisher war’s das. Klar, ich musste oft so Impulse unterdrücken, aber was war nicht die grosse Qual sondern eher einfach lästig. Damit lässt es sich leben.

Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Wenn ich alleine im Wohnzimmer rumliege, TV gucke oder im Web rumgeistere, dann raucht’s wie blöd vor sich hin. An einem Abend rauch ich mehr als den Rest des Tages zusammen. Es scheint als ob das mit dem Alleinesein verstärkt wird. Als ich früher bei meiner Freundin war, hatte ich wie auch im Geschäft ungefähr einen Stunden-Zyklus. Wenn ich zuhause war, hatte ich pro Stunde 4-5 Stück weggeputzt. Manchmal denk ich scherzhaft, dass ich immer, wenn ich neben mich greife und nix kuschliges finde, mir eine Zigi anstecke. Vielleicht hat’s ja sogar was.

Jedenfalls ist’s tatsächlich so, dass ich seit einer Stunde wieder in der Horizontalen liege, TV gucke und alle paar Minuten von einer heftiger heftigen Lustattacke besprungen werde. Es braucht viel mehr Widerstandskraft um jetzt noch nein zu sagen. Aber ich sags trotzdem, ich bin schliesslich mittlerweile ein renitentes Mädel. Dennoch scheint mir ein harter Abend bevor zu stehen, jetzt wär jemand zum Knutschen wirklich Gold wert ;-) Es fühlt sich jedenfalls so an, als ob es noch ziemlich strub wird heute Abend. Der Drang, an einer Zigi herumzunuckeln, kommt mit penetranter Regelmässigkeit, ich fühl mich irgendwie wie n’Kleinkind dem man den Nuggi weggenommen hat und könnte mich jetzt locker an einem Knochen verbeissen. Aber da ist sowas Trotziges in mir, das sich schützend vor mich stellt….. a T-Girl never give up ;-)

Ich denke, eine wirds heute wohl noch geben, aber selbst dann wär’s ein Riesenerfolg. Von 40 Zigis auf 2 runter am ersten Tag, ohne dabei das Gefühl zu haben, drauf zu gehen. Da beginne ich erstmals daran zu glauben, dass ich diesen Nikotin-Geist doch aus mir exorzieren kann. Möge die Stärkere gewinnen!

UPDATE 21:00 Uhr
Alle Fingernägel sind abgeknabbert, die Lippenstifte leergenuckelt, alle Schuhabsätze sind durchgebissen, alle Katzen aus dem Quartier geflohen……. ne Blödsinn, aber so wär’s rausgekommen, hätte ich da nicht diese grosse Kiste mit sauren Gummidingern und wären da in meinem Kühlschrank nicht ein halbes dutzend Hühner, resp ihre Flügel. Falls jemand ein dutzend flügellose Hühner rumrennen sieht, das sind meine. Hab mir jetzt mal die Hälfte in den Ofen geschmissen. Dumm ist nur, wenn ich viel gegessen hab, krieg ich noch mehr Lust zu rauchen, ein Pyrussieg zwar, aber immerhin fein und knusprig. Grrrrrr, zum Glück hab ich keine Vorhänge, ich würd sie jetzt zerfetzen *fauch*

Fortsetzung folgt sofern mich nicht der Notfallpsychiater abholt…… gibts für uns Mädels eigentlich pinke Zwangsjacken? Und pinke Gummizellen?`Mit Blumenmuster drauf? Echt, die Phase, in der man einen Sandsack sogar noch mehr lieben würde als Lippen die man küssen kann, hat schon irgendwie was Surreales…….. ich muss irgendwo reinbeissen, kann mir mal jemand einen Knochen bringen?

UPDATE 22:45 Uhr
Das grosse Fressen hat lustigerweise die Spannung abgebaut, dafür kam der obligate “ich hab gut und viel gegessen und möcht sooooo gern eine rauchen” Effekt, damit wars Zeit für die zweite Zigi. Aber ich fühl mich recht gut, bin echt gespannt, wie es morgen beim ackern weiter geht. Jetzt geht’s ins Bett, gute Nacht allerseits, die Kommentare beantworte ich morgen.


 

32 Reaktionen zu “Rauchfreies Leben – Der grosse Kampf beginnt”

  1. Bad Hair Days

    Ich wünsch dir ganz viel Erfolg :-) Mögest du für mich zum Vorbild werden.

  2. Juliet

    Wow, das hört sich doch schon recht gut an, von 40 runter auf 2…Hut ab, wenn ich einen auf hätte.
    Ich kann’s Dir nachfühlen, es ist wirklich viel Gewohnheit dabei und nicht nur unbedingt der Nikotinbedarf.
    Ich drücke weiter Daumen, dass Du durchhältst.

  3. Diana

    thanks Ladies, aber eben, ob ich das so durchziehen kann langfristig, bleibt dahin gestellt. Momentan bin ich grad gereizt wie ein angeschossenes Pumaweibchen, aber trotzdem so ein Gefühl der Widerspenstigkeit, dass ich mich diesmal nicht unterkriegen lasse. Bin irgendwie in Endkampf-Stimmung, mein Drang zur Freiheit zeigt da verblüffende Seiten.

  4. Juliet

    Das Gefühl, wie ein angeschossender Tiger durch die Gegend zu laufen kenn ich auch, zwar nicht im Zusammenhang mit Rauchen, eher, wenn mich alle nerven und ich kein Ventil zum Ärger rauslassen habe…Nen Knochen hab gerade nicht da, aber Tischkanten sollen sich zum Reinbeissen auch eignen…Halte durch, wir sind gedanklich bei Dir, gelle Sarah?

  5. Bad Hair Days

    Ich hatte schon in die Maus gebissen… ja, ich bin dabei :-)

  6. Clarissa

    [ironiemode on] juhu mit dem rauchen aufhören [ironiemode off] Das Thema steht bei mir auch vor der Tür , aber ich bleib noch einpaar Tage sturr und mach sie nicht auf. Den wenn ich jetzt mit dem Rauchen aufhöre, fange ich an zu fressen wie der besagte Scheunendräscher. Und da ich ganz gerne noch einwenig abnehmen möchte, warte ich noch bis ich unter meine Mindestgrenze gekommen bin (noch 4 kg). Und dann geht der Terror für meine Mitmenschen los, dann werde ich richtig ätzend wieder. Aber dreimal hab ich die Nummer schon durch und von daher weiß ich dass die ersten beiden Wochen die härtesten sind und danach einfach nurnoch Kopfsache sind.

    Wünsch dir viel glück und bleib locker. unsereins hat ja eh ein sehr starkes durchhaltevermögen also sollte dieser kleine Charaktertest nicht so schwer werden. nur nicht wieder anfangen ist die große sache.

    LG Clarissa

  7. Bad Hair Days

    Es ist schon irgendwie seltsam, dass es einem so schwer fallen kann, etwas einfach Nicht zu tun.

  8. Clarissa

    Naja einfach möchte ich hier mal ignorien den es ist und bleibt eine sucht und süchte sind nie einfach zu beenden sonst wäre es keine sucht.
    zum glück ist die raucherrei nur eine psychisch und minimal körperliche sucht sonst wäre es wirkllich die hölle die man dann hintersich bringen muss.
    aber wie gesagt wen die zwei wochen grenze genommen ist ist der rest einfach ausser man hat einen freundeskreis der wie ein kohlekraftwerk am rauchen ist (leider bei mir der fall). aber meine freunde sind sogar so drauf dass auf Partys eine raucherzone gibt und sonst niergens geraucht wird wen jemand was dagagen hat. und sowas ist recht selten aber auch tierisch hilfreich ^^.

    LG Clarissa

  9. Diana

    gestern konnte ich mich auch bei zwei Zigis halten, heute bisher eine….. aber der Krieg hat ja erst angefangen *seufz*

  10. Juliet

    Schlag Dich tapfer..sagt meine Mum immer, wenn sie “nicht aufgeben” meint.

  11. Diana

    wenn ich dieses Jahr etwas gelernt habe, dann nicht aufzugeben….. anderseits war das schon immer eine meiner Haupteigenschaften, ich sag ja, ich bin störrisch wie ein Muli und das könnte mir hier helfen

  12. Juliet

    Und ausserdem bist Du eine Steinböckin, Du wirst das schaffen.

  13. Diana

    bisher ist der Erfolg eher bescheiden. Es hat sich seit Dienstag auf ca 5 Zigis pro Tag eingepegelt. Das klingt zwar gut, aber in Anbetracht der Nikotinpflaster ist es immer noch viel zu viel. Nun kommt dann noch das Weekend, dann wirds eh nochmal schwerer. Nächsten Montag gehts dann wieder mit Disziplinierungsmassnahmen los…… Steinböckinnen geben ja nicht auf ;-)

  14. Juliet

    Ich weiss zwar nicht ob’s hilft: Ich hab mal ne gnaze Weile gestopft und mir die Kippen rationiert, da hab ich weniger geraucht, damit die Portion bis Abends reicht.
    Aber ganz so stark rauch ich eh nicht, mit ner Bigpack komm ich zwei Tage aus.

  15. Diana

    am meisten hilft mir, wenn ich bei akutem Rauchdrang denke: “ne das Mädel vergiften wir jetzt nicht”, aber auch das hilft leider nicht immer, muss da noch bessere Argumente finden

  16. Juliet

    Mhm, und wenn Du Dir denkst “Mit jeder nicht gerauchten Zigarette spar ich Geld- Mehr zum shoppen” ?

  17. Diana

    in Zürich gabs lange eine lustige Werbekampagne vom Verkehrsverbund. Es ging darum, dass man mit dem Generalabo sowohl Bus, Tram als auch Schiff fahren kann. Da haben sie die Fahrzeuge beschriftet im Stil von (bei einem Tram): “Ich bin auch ein Schiff”. Hab mir damals überlegt ein T-Shirt zu machen, auf dem im gleichen Stil steht: “Ich bin auch ein Mensch”. Na jedenfalls könnte ich ja aufs Zigipäckli raufschreiben: “Wir sind auch Schuhe”, das müsste einen gehörigen Schockeffekt haben :o)

  18. Juliet

    Auja, das lass Dir mal patentieren, find ich gut ;-)
    Ich weiss von einigen, die sich jeden Tag das Geld für die nicht gerauchte Schachtel Ziggis weggelegt haben und sich Ende des Jahres dann richtig was leisten konnten.

  19. Diana

    ist es wirklich verflixt und zugenäht, selbst mit Nikotinpflastern ist der Drang enorm, nicht vom Körperlichen her sondern einfach dieses ich-will-jetzt-an-was-rumnuckeln. Grrrrr, da ist es sogar einfacher, einen Schuhladen nicht zu betreten und das will was heissen

  20. Juliet

    Da soll es doch solche Fake-Zigaretten geben, an denen man nuckeln kann. Müsste es in der Apotheke geben.

  21. Diana

    bin momentan bei Fishermens Friend und Gummibärchen, die Sauren sind speziell entzugsfreundlich, aber ich glaub ich muss mir doch n’Schnuller zulegen

  22. Juliet

    Aber nicht, dass Du Dich dann in Maggie ( Die Simpsons) umtaufst..Wie wäre es mit nem Beissring?

  23. Diana

    oder ein Knochen, bin noch am überlegen was besser zu meinem Outfit passt….. obs Knochen auch in pink gibt?

  24. Juliet

    Mit etwas Lebensmittelfarbe lässt sich das bestimmt machen, auf Wunsch auch mit Geschmack ;-)

  25. Diana

    ok ich nehm einen mit Vanille Geschmack

  26. Juliet

    Ich hätte jetzt eher mit Schololade oder Kirsche gerechnet..aber auch das kriegen wir hin ;-)

  27. Leander

    ich wollte fragen, nach wie langer zeit es “einfacher” wird nicht zu rauchen.
    ich habe lange zeit 2 pakete pro tag geraucht (marlboro rot).
    und hab vor 3 tagen komplett mit dem rauchen aufgehört.

  28. Bad Hair Days

    Meiner Erfahrung nach ist es nach der ersten Woche mit den heftigen körperlichen Entzug vorbei (ist ja fast wie ein Drogenrausch). Der Psychische überrascht einen immer mal wieder, selbst noch Jahre später. Gibt man ihm nicht nach, ist es aber dann meist auch schnell (so nach einer halben Stunde) wieder rum.

  29. Diana

    nach einer Woche musste ich feststellen, dass es so nicht geht, zumindest nicht bei mir. Ein bisschen schwanger sind führt halt doch in letzter Konsequenz zum Wurf von Jungtieren. Zuerst warens zwei Zigis pro Tag, dann fünf und dann bis an die zehn. Man könnte meinen, das sei nicht schlecht, vorher hab ich 30-40 geraucht. Aber zusammen mit den Nikotinpflastern ist das ein Erfolg mehr sondern ein SuperGAU. Gestern habe ich dank einem liebevollen Arschtritt eines Freundes nun die rabiate Variante gewählt und rauche seit gestern morgen nicht mehr. Im nächsten Blogbeitrag gibts mehr zu dem Thema.

  30. Juliet

    Manchmal müssen Freunde ein bischen rabiat sein, was in Ordnung ist, wenn sie es gut mit einem meinen.
    Viel Erfolg beim zweiten Anlauf *wiederdaumendrückt*

  31. Diana

    wenn’s hilft, ist so manches erlaubt, drück mal weiter ;-)

  32. Juliet

    Mach ich, weisst ja, der Zweck heiligt die Mittel

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