(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Operation gelungen, Patientin gestorben?

Seit meinem “Nervenzusammenbruch” der durch die Verschleppung meines zugesicherten Op-Termins ausgelöst wurde, hat sich mein Rauchkonsum infolge des emotionalen Stresses verdoppelt – darüber habe ich hier irgendwo mal berichtet. Das ist insofern bedauerlich, weil das Rauchen genauso wie die Hormontherapie das Tromboserisiko ums zwanzigfache erhöht, was wiederum tödliche Embolien auslösen könnte. Eine Verdopplung des Nikotins ist brandgefährlich, aber in meiner jetzigen Verfassung kaum zu verhindern. Aber – wie ich soeben erfahre – ist die Tragweite dessen noch viel grösser und wirft erneut Fragen auf, die mich zusätzlich aufreiben.

Aufgrund meiner Schilderung hat mir mein Vater einen Zeitungsartikel geschickt, in dem es um die Heilungschancen von Operationswunden geht, im Speziellen um die Frage, inwiefern Rauchen da mit reinspielt. Was ich da zu Lesen bekam, war schockierend, im doppelten Sinn. Da Rauchen die Durchblutung des Gewebes behindert, halbiert sich sozusagen die Wundheilung. Das Worst-Case Risiko bei einer geschlechtsangleichenden Operation wäre ein Absterben der Klitoris aufgrund unzureichender Durchblutung. Dieses Risiko ist zwar klein, aufgrund meiner grad überbordenden Nikotinsucht dennnoch mindestens verdoppelt.

Schockierend daran ist, dass ich nicht zuletzt aufgrund der ärztlichen Vernachlässigung emotional so aufgerieben bin, dass ein Rauchstopp absolut undenkbar ist, es wäre nur eine Frage von Tagen, bis ich ganz zusammenklappen und irgendwo in einer psychiatrischen Klinik landen würde. Das Einzige, das ich mir jetzt noch zugute kommen lassen kann, ist ein Umstieg auf Nikotinersatzprodukte. Die sind zwar in vielerlei Hinsicht genauso schädlich, aber im Gegensatz zum Rauchen erhöht sich der Kohlenmonoxidgehalt im Blut nicht, der für die schlechte Durchblutung hauptverantwortlich ist. Ich kann wenigstens versuchen das Risiko zu vermindern, dank dem Hinweis meines Vaters.

Damit lande ich beim zweiten schockierenden Fakt, nämlich bei der Frage, weshalb ich so etwas von meinem Vater erfahren muss und nicht vom Chirurgen oder von der Endokrinologin, mit denen ich gesprochen habe. Der Chirurg erzählte mir zwar, dass man uns Raucherinnen im Spital auf Nikotinersetzprodukte umstellt, weil wie er sagt ein Entzug während dieser Heilungsphase einem psychisch so sehr zusetzen würde, dass damit die Heilung massiv behindert würde. Aber warum, muss ich mich heute fragen, hat er mir diese Sache mit der Durchblutung nicht erklärt und vorallem, warum hat er mir nicht wie in diesem Zeitungsbericht geraten, dass ich wenigstens ein paar Wochen vor der Op auf Ersatzprodukte umsteige?

Diese Frage reiht sich an eine Serie von anderen Fragen, die mich mit dem Gefühl konfrontieren, dass Menschen wie ich in dieser Institution irgendwie egal sind, dass unsere Gesundung keine Bedeutung hat. Man behandelt uns pflichtgemäss, treu den Behandlungsstandards folgend, zu mehr fühlt man sich nicht verpflichtet.

Einmal mehr bin ich diejenige, die versuchen muss, mein Überleben irgendwie zu gewährleisten. Einmal mehr fühle ich mich in den Händen von Fachleuten, für die ich mehr Patientennummer bin als Mensch. Einmal mehr wird mir die Bedeutungslosigkeit meines Daseins vor Augen gehalten – für gestört erklärt und im Stich gelassen.

Ich muss mir jetzt Gedanken machen, wie ich das Beste herausholen kann. Ein Rauchstopp ist wie gesagt undenkbar in dem Zustand, in den ich versetzt wurde. Es geht zwar langsam aber stetig aufwärts, aber nachwievor spüre ich, wie angeschlagen ich bin, sowohl körperlich als auch geistig. Fürs Erste muss ich weiter daran arbeiten, wieder einigermassen fit zu werden. Dann, spätestens in ein paar Wochen, muss ich meine Rauchgewohnheiten umstellen. Dass ich allein mit Ersatzprodukten klar komme, bezweifle ich in höchsten Mass, aber ich muss versuchen, wenigstens eine Teillösung zu finden. Das wird zu einer Gratwanderung, bei der ich dem Körper soviel Gutes tun kann wie es geht, ohne auf der psychischen Seite im selben Mass bachab zu gehen.

An manchen Tagen frage ich mich – zugegebenerweise als Ausdruck von purem Zynismus – ob diese Behandlungsstandards und der lieblose Umgang mit uns transsexuellen Menschen nicht eher eine Art Endlösung der Transsexuellenfrage sind. In einer Zeit, in der man uns nicht mehr mit Elektroschocks und Hirnlobotomien zerstören kann, scheint diese Zermürbungstaktik, die man beschönigend Behandlungsstandard nennt, die einzige Waffe zu sein, zur Reinhaltung des geschlechtsspezifischen Schwarz-Weiss-Denkens. Natürlich weiss ich, dass dem nicht so ist, da ist keine böse Absicht dahinter, zumindest nicht bei den “ausführenden Stellen”. Und doch bleibt die Erfahrung, dass man nichts tut, das es uns einfacher machen würde, zu überleben. Und das macht wirklich traurig.


 

2 Reaktionen zu “Operation gelungen, Patientin gestorben?”

  1. Bea

    Ich will Dir nicht zu nahe treten (das weißt Du wohl auch), aber ist es nicht ein offenes Geheimnis, dass Rauchen Durchblutungsstörungen (mit allen daraus folgenden Konsequenzen für das Herz-Kreislauf-System) verursachen kann?

  2. Diana

    klar weiss ich, dass Rauchen die Durchblutung verschlechtert, aber dass das Risiko von Heilungsproblemen sich dadurch verdoppelt, ist schon eine andere Risikokategorie. Wenn ich schon ein Infogespräch mit dem Chirurgen habe und ich ihn auf das Rauchen anspreche, wäre ein Ratschlag wirklich angebracht gewesen……. es sei denn, das Wohl der Patientin geht einem ganz einfach am Arsch vorbei

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