(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Nicht dazu gehören gehört dazu

Eigentlich wollte ich vor meinem Schatzi-Weekend nichts mehr schreiben, aber man soll Vorsätze ja nicht bierernst nehmen, trinken kann man sie eh nicht.

Heute war unser Firmen-Event, wir feierten sozusagen die Geburt unseres neuen Programmes. Für mich ein prächtiger Zeitpunkt, weil ich ja in gut zwei Wochen meine eigene Geburt feiere. Der Anlass wär schnell erklärt, drei Stunden bowlen und mir dabei wie schonmal den rechten Daumennagel zerstückeln, dann ein mongolisches Barbeque, interessante Gespräche, gute Laune, es stimmte einfach alles. Aber da war wie so oft dieses gewisse Etwas, das irgendwie nur mich selbst betrifft, das mir so bekannt vorkam und doch so ganz anders war.

Seit ich denken kann, fühle ich mich in grösserer Gesellschaft immer als nicht dazu gehörend. Egal wie gut mich die Anwesenden mögen, da ist einfach ein tief sitzendes Gefühl, dass ich da nicht hineinpasse, dass ich irgendwie falsch bin, das war schon in meiner Kindheit so. Und so ging’s mir auch diesmal, nur war es ganz anders.

Es brauchte Jahrzehnte, bis ich begriff, dass mein Gefühl des Falschseins nichts mit den Anwesenden zu tun hat sondern darin begründet ist, dass ich nie mich selbst war, mir selbst etwas vorspielte und infolgedessen auch von den Anwesenden nicht als Ich wahrgenommen werden konnte. Das, was da jeweils anwesend war, war nicht ich und eben deshalb war es da fehl am Platz, es gehörte da einfach nicht hin.

Und nun wird’s echt skuril. Seit ich als die Frau lebe, die in mir so lang verborgen war, hätte ich eigentlich erst Recht Grund dazu, mich als fehl am Platz zu fühlen. Ein Stück weit fühlt es sich auch so an. Ich schaue um mich und sehe soviele Menschen, die irgendwie unbeschwert sich selbst sind, als ob das Ich-sein und die Unbeschwertheit das Selbstverständlichste wären. Es gibt nichts was man an ihnen kritisieren könnte, nichts was “anders” ist, es sind einfach ganz normale Menschen die ein ganz normales Leben führen und eine ganz normale Rolle spielen im Spiel des Lebens.

Und da bin ich, dieses transsexuelle Kuriosum, das eigentlich niemand so richtig verstehen kann. Eigentlich müsste ich mich jetzt noch viel mehr fehl am Platz fühlen als je zuvor. Seltsamerweise geschah das nicht.

Auch wenn ich mir immer wieder bewusst wurde, dass ich eigentlich ein sehr seltsames Exemplar der menschlichen Spezies bin, so ganz anders als die Anderen, auch wenn ich wusste, dass ich halt doch etwas seltsam wirken muss auf mein Umfeld, nichtsdestotrotz fehlte dieses Gefühl des nicht dazu gehörens.

Ich fühlte mich als etwas Andersartiges, vielleicht auch etwas Irritierendes, aber ich fühlte mich als mich selbst und glaubte auch, dass ich von den Anwesenden auch als dieses Ich-selbst wahrgenommen werde. Vielleicht mit Erstaunen, vielleicht mit Irritationen, aber ich war für alle Diana.

Was blieb, war das Gefühl, irgendwie anders zu sein, es blieb dieses Unerhörte das mir anhaftet. Was sich jedoch änderte war das Gefühl, dass es mich nicht geben dürfte, dass ich da nicht hingehöre, nicht dazu gehören darf.

Und das ist – ganz rational betrachtet – mehr als merkwürdig. Früher war ich für Andere ein mehr oder weniger normaler Mensch. Eigenwillig war ich schon immer, aber ich war doch frei von solchen Irritationen. Heute bin ich das nicht mehr, meine Existenz fordert das Umfeld ganz schön heraus. Eigentlich hätte ich mich früher als normal empfinden müssen, als dazu gehörend. Heute wiederum müsste ich mich als dieser Gesellschaft völlig wesensfremd verstehen.

Aber es fühlt sich nicht so an, irre, nicht? Heute bin ich nur noch Ich, man mag mich dafür lieben oder hassen, respektieren oder verabscheuen, aber ich bin nichts Anderes mehr als ein Individuum, das gerade aufgrund der innewohnenden Individualität aufblüht und gerade deshalb dazu gehört, in diese bunte Welt, in der sogar vermeintlich Gleichartige doch jeder für sich seine Eigenartigkeit bewahrt.

Ich gehöre nicht dazu, werde nie dazu gehören, in dem Sinn, dass ich unauffällig im Meer der Menschen untertauchen könnte und den Anspruch auf “Normalität” erheben dürfte. Und doch gehöre ich dazu, weil ich wie alle Anderen einzigartig bin, durch nichts zu ersetzen, halt eben einfach mich selbst bin.

Es ist schlussendlich die Authentizität meines Lebens und meines Wesens, das mir das Recht zugesteht, mich als dazugehörend zu empfinden – aller Andersartigkeit zum Trotz.

Und so geschieht das Unvorstellbare, dass ich trotz meiner Nichtzugehörigkeit oder vielleicht sogar gerade deswegen, irgendwie dazu gehören darf. Weil ich endlich ehrlich bin, mir selbst gegenüber und vor aller Welt.

Und damit landen wir wieder bei einem Paradoxum. Gerade weil ich nicht dazu gehöre, ist die trotzdem wahrzunehmende Zugehörigkeit ein grosses Geschenk, das man mehr zu schätzen weiss, als wenn man dazu gehören würde. So wird Zugehörigkeit zu etwas, das jenseits aller Selbstverständlichkeit liegt, so entstehen wahre Wunder :-)


 

4 Reaktionen zu “Nicht dazu gehören gehört dazu”

  1. Anika

    Liebe Diana,
    Lese hier schon seit Monaten…

    Wollte dir nur endlich sagen, dass man deine Freude richtig merken kann :-) Ich wuensch dir alles Gute fuer die Op!!!

  2. Bad Hair Days

    Nachdem immer noch niemand kommentiert hat… süsses Mädchen warst du :)

  3. Diana

    @Anika: willkommen hier und danke für die Glückwünsche. Meine Freude ist wirklich unermesslich, ich staune selber darüber, mit welcher Heftigkeit das auftritt. Ich bin wirklich langsam halb hysterisch :-)

    @Sarah: danke fürs Kompliment. Mich erschüttert es immer wieder, wenn ich diese Fotos anschaue. Damals wurde ich ausgelacht, weil ich wie n’Mädchen aussehe. Was für eine Ironie des Schicksals. Aber es bestätigt mich auch darin, dass ich halt eben noch irgendwann so geworden bin sondern tatsächlich schon immer weiblich war.

  4. Juliet

    Ein süsses Mädchen warst Du, ein süsses Mädchen bist Du, ein süsses Mädchen wirst Du bleiben und MEINS ;-)

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