(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Nachhaltig zerstört

Es ist fünf Uhr morgens und ich krieg immer noch kein Auge zu, mein Verstand dreht sich wieder im Kreis und stellt immer wieder dieselbe Frage. Wie unwichtig muss ich sein, dass man für einen Operationstermin ein halbes Jahr braucht? Mein psycho-emotionales Reparaturprogramm, das diese Woche endlich wieder seinen Dienst aufnahm, scheint erstmals in meinem Leben am Ende seines Lateins zu sein. Selbst die kluge Stimme in meinem Kopf, die ansonsten für jeden Irrsinn eine Erklärung findet, schüttelt nur ratlos den Kopf, wenn diese Frage zum tausendsten Mal gestellt wird. Im Mai wurde ich für die GaOp angemeldet, Mitte November wird sie nun stattfinden – so Gott will – so die Ignoranz nicht weiter siegt. Was soll ich von so einem Saftladen halten, der ein halbes Jahr braucht um einen Operationstermin festzulegen?

Diese universitäre Gleichgültigkjeit hat viel mehr in mir zerstört, als ich zu Beginn geahnt hätte, weil es zur letzten Bestätigung wurde, dass ich dort genauso wie in der grossen freien Welt kein Verständnis erwarten kann. Gestern wollte ich wieder mal ins Pub, hatte dort bereits abgemacht und freute mich darauf. Aber daraus wurde nichts, weil der Widerwillen, Menschen zu begegnen, einfach zu gross war. Morgen Nachmittag habe ich ebenfalls abgemacht, aber wenn diese Nacht so weiter geht, werde ich auch da absagen müssen.

Ich bin todmüde, möchte endlich schlafen, aber sobald ich die Augen schliesse, taucht diese Frage wieder auf und die Augen nässen sich, ohne dass ich richtig weine. Fassungslos betrachte ich die Tatsache, dass man ein verdammtes halbes Jahr braucht, um einen Op-Termin festzulegen. Resignierend muss ich anerkennen, dass diejenigen, von denen ich Hilfe erwartet hätte, sich einen Dreck darum scheren, ob ich gesund werden kann oder auf dem Weg dahin drauf gehe.

Wie soll ich je wieder Menschen vertrauen können, die keine Ahnung von Transsexualität haben, mir einreden, sie könnten mich verstehen, wenn selbst diejenigen offensichtlich null Verständnis haben, die angeblich Fachleute sind auf diesem Gebiet? Wenn ich nicht mal meinen behandelnden Ärzten vertrauen kann, wenn selbst die mich im Stich lassen und nicht im Geringsten ernst nehmen, wie soll ich da noch Vertrauen haben in diese Welt?

Immer wieder erschrecke ich, wenn ich mir vor Augen halte, wie zuversichtlich ich war bis zu dem Tag, an dem ich den Op-Termin bekam, an dem Tag, an dem das Fass übergelaufen ist. Wieviel Gleichgültigkeit muss in dieser Institution UniSpital herrschen, dass man sich so einer Ignoranz hingibt? Jaja ich weiss, es sind ja nur zwei Monate später, das ist ja nicht viel. Sorry, aber wer mir das einzureden versucht, reiht sich bei denen ein, die keine Ahnung haben, welchem Leidensdruck transsexuelle Menschen ausgesetzt sind. Jedes weitere Mal, wenn ich im Zug den Ausweis vorlege oder über Lautsprecher in männlicher Form ausgerufen werde, werden mir weitere Wunden in die Seele geschnitten.

Seit ich diesen Termin bekommen habe, dreht alles in mir komplett durch. Ich esse nachwievor kaum noch, kann oft nicht schlafen und wenn ich doch schlafen kann, erschüttern mich wildeste Albträume, so dass ich patschnass aufwache. Mein Zigarettenkonsum hat sich mehr als verdoppelt, weil meine Nerven permanent blank liegen und ich staune Bauklötze, dass ich deswegen immer noch nicht an einer Embolie abgekratzt bin.

Hilflos wie ein Blatt im Wind, fühle ich mich ausgeliefert, zum Spielball akademischer Idiotie geworden. Als gestört erklärt, einem EMRK-widrigen Behandlungsstandard unterworfen, meiner Menschenrechte beraubt. Nicht Frau, nicht mal Mensch, ich bin Nummer 10407503, Geschlecht “m”, mein Name in Klammer gesetzt, in Misshandlung Behandlung wegen Transsexualismus, mit erfolgreich abgeschlossenem Alltagstest, durchlaufener Hormontherapie, auf die lange Bank geschoben wegen prinzipieller Unwichtigkeit.

Unglaublich, wieviel Verbitterung man in einen Menschen pferchen kann, mit einem einzigen Brief, einem einzigen Datum, das nebst einem Zeitpunkt so viel sagt über die dahinterliegende Haltung, fern jeglicher Achtung, fern jeglichem Mitgefühl, jegliche Menschlichkeit vermissend.

Aber kann ich der Chirurgie überhaupt einen Vorwurf machen? Wie sollen sie die Dringlichkeit so eines Eingriffes begreifen, solange die Psychiatrie weiter den Mythos eines “Wunschgeschlechts” postuliert? Wunscherfüllung hat keine Priorität, so betrachtet handeln sie korrekt. Aber dürfte man in einem angebliche Kompetenzzentrum nicht erwarten, dass die beteiligten Abteilungen wissen, was sie da tun?

Ein Jahrhundert lang wurden transsexuelle Menschen von der Psychiatriesekte zu Gestörten ernannt und damit zum gesellschaftlichen Abschuss freigegeben. Die Elektroschocks und Hirnlobotomien fanden ein Ende, das dahinterliegende Denken ist geblieben, sowohl bei Fachleuten als auch in der Gesellschaft, die ein Jahrhundert lang die Verhöhnung Transsexueller erlernt hat. Die Zermürbungsstrategien sind subtiler geworden, man schindet Zeit mit sogenannten Alltagstests und verschleppten Terminen – der Zerstörungsgrad ist nachwievor unmenschlich – nicht zuletzt wegen der weiterhin aufrecht gehaltenen Psychopathologisierung..

Mit diesem letzten Vernichtungsschlag hat mich das UniSpital an einen Punkt gebracht, an dem ich von dieser Welt nichts mehr erwarte, als dass die Chirurgie im November endlich ihren verdammtene Job macht und die Welt mich dann in Ruhe leben lässt. Den Traum von Verständnis begrabe ich, spätestens jetzt, morgens um fünf Uhr, müde, erschöpft und verbittert. Nur noch eines erwarte ich, diese letzte medizinische Massnahme, dann kann mir diese Welt den Buckel runter rutschen.

Ein halbes Jahr für einen Termin! Ich fass es echt nicht…….


 

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