(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Mein zwiespältiges Verhältnis zur Psychologie

Nachdem ich mich in letzter Zeit vielfältig über die “Psychologie-Sekte” ausgelassen habe, scheint es mir höchste Zeit, mein Verhältnis zur Psychologie resp. Psychiatrie zu erklären, weil so Manches das ich geschrieben habe, ein zu einseitiges Bild ergeben könnte.

Denn, so vielfältig meine Kritik an Psychologen, Psychiatern und Sexologen auch ist, so vielfältig ist auch meine Begeisterung und Dankbarkeit dieser Wissenschaft gegenüber.

Das mag nach meinen Kritiken der letzten Beiträge verwundern, umso mehr muss ich das endlich klarstellen.

 

Meine Liebe zur Psychologie
Ich liebe Psychologie, finde sie faszinierend und hilfreich. Ich hätte nicht dutzende von Psychologie-Büchern gelesen, wenn ich die Erkenntnis über psychische Vorgänge nicht schätzen würde und ich wäre nicht seit Jahren in einer Psychotherapie, wenn ich psychotherapeutische Unterstützung nicht als hilfreich betrachten würde. Die Psyche eines Menschen ist ein ulkiges Ding, sie tut so Manches, von dem wir nicht mal was mitkriegen. Probleme werden verdrängt oder auf Ersatzobjekte projeziert oder es entstehen Ängste oder Zwänge, die einem einschränken, wider aller Vernunft. Und es gibt psychische Zustände, die für Betroffene die Hölle sind, wenn ich nur schon paranoide Schizophrenie als ein Beispiel anführe. Die eigene Psyche zu verstehen ist enorm hilfreich, weil man sonst nur allzu schnell zum Spielball unbewusster Vorgänge wird. An all dem will ich nichts meckern und möchte all dieses Wissen auch nicht missen.

Differenzierung
Aber darüber hinaus gibt es Zustände in den heiligen Hallen der Psychologie, die menschenverachtend sind und die bekämpft werden müssen. Was da so störend ist möchte ich jetzt einzeln erklären um dann zum Schluss verständlich zu machen, weshalb ich trotz meine Liebe zur Psychologie immer wieder von Psychologensekten spreche.

Psychologie – eine Parawissenschaft?
Psychologie ist keine “exakte Wissenschaft”, die auf empirischen Beweisen beruht. Im Gegensatz zur Mathematik, Physik oder sonstigen exakten Wissenschaften, ist Psychologie nicht beweisbar. Psychologie funktioniert nach dem Prinzip, dass man etwas beobachtet, dafür Erklärungen sucht, schlussendlich Erklärungsthesen aufstellt und je nach Notwendigkeit Behandlungsmöglichkeiten sucht. Das ist an sich nichts Schlechtes, aber man muss sich dessen bewusst sein. Psychologische Thesen bleiben schlussendlich Vermutungen, aufgrund derer Menschen möglicherweise stigmatisiert oder ihrer Menschenrechte beraubt werden. Wenn ich in meinen Beiträgen die Psychologie gelegentlich eine Parawissenschaft nenne, dann ist das zugegebenermassen zynisch überspitzt formuliert, hat aber in gewissen Belangen auch eine wörtliche Berechtigung, wenn sich Psychologen über wissenschaftliche Erkenntnisse aus anderen Wissenschaftszweigen hinwegsetzen (mehr dazu später).

Psychopathologisierung zwecks Gesellschaftssäuberung
Wenn wir die Geschichte der Psychologie betrachten, fällt auf, dass dieser Wissenschaftszweig ursprünglich vorallem der Reinhaltung einer sauberkeitswahnsinnigen Gesellschaft diente. Die damals übermoralisierte Welt forderte Normalität und Konformität, was von dieser Normalität abwich, musste weg. Damalige Psychologen und Psychiater begannen, alle Normabweichungen fein säuberlich aufzulisten und jede Andersartigkeit mit lustigen Namen zu benennen und in Krankheitskataloge einzugliedern. Der ursprüngliche Sinn dieses Tuns lag weniger darin, den Betroffenen zu helfen, als viel mehr die Welt zu säubern und als abnormal klassifizierte Menschen zu reparieren oder notfalls wegzusperren – im Dienste einer zu säubernden Welt.

Menschenrechtsverletzungen damals
Infolgedessen kam es zu unvorstellbaren Auswüchsen dieses Katalogisierungswahns. Homosexuelle Menschen wurden zu Perversen ernannt, Kinder die in ihrer jugendlichen Neugier Selbstbefriedigung betrieben, wurden als potentiell gestört und behandlungsbedürftig ernannt und selbst Frauen, die ihrem Mann nicht jederzeit gefügig waren, wurden als frigide oder hysterisch klassifiziert. Der Irrsinn lag aber vorallem darin, dass man versuchte, diese angeblich Kranken zu heilen, um jeden Preis, mit allen Mitteln. So wurden Menschen mit Verhaltenstherapien, Elektroschocks, Insulinschocks, Zwangseinsperrungen bis hin zu Hirnoperationen “behandelt”. Fassungslos erinnern wir uns beispielsweise daran, dass in der psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich unter Leitung von Auguste Forel jenische Menschen (Zigeuner) zwangstherapiert und zwangssterilisiert wurden. Forel ziert heute noch die Schweizer Tausendernote, als sei dieser Eugeniker ein Nationalheld. Mit noch mehr Schrecken erinnern wir uns an die Rassenreinhaltung des dritten Reichs, in der deutsche Psychologen alles nicht-arische als geistesschwach und nicht vermehrungswürdig klassifizierten, die Betroffenen sterilisierten oder hinrichteten. Die Hinrichtungen erledigten sie natürlich nicht, sie stellten nur die dazu notwendige Diagnose. Unzählige Male war die Psychologie das Schwert, mit dem die Gesellschaft gereinigt wurde von unliebsamen Menschengruppen – stets basierend auf psychologischen Thesen, die irgendwelche Gruppen psychopathologisierten und damit jede Behandlung rechtfertigten – bis hin zur Totalvernichtung.

Die Fratze der Eugenik
Diese aus der Psychologie postulierte Unterteilung in normal und abnormal, war das Fundament auf dem die Eugenik entstand, die Unterteilung der Menschen in lebenswert und vernichtungswürdig. Hitlers angestrebte Judenvernichtung wäre kaum denkbar gewesen, wenn es nicht Psychologen gegeben hätte, die als seine Lakaien den Unwert des jüdischen Volkes postuliert hätten. Genauso wäre das Schweizer Projekt “Kinder der Landstrasse”, das Jenischen ihre Kinder wegnahm, sie in Heimen mit Verhaltenstherapien weichkochte und ihre Eltern in psychiatrischen Kliniken sterilisierte, undenkbar gewesen, hätten nicht Eugeniker wie Auguste Forel die psychiatrischen Grundlagen dafür geschaffen. Natürlich kann man argumentieren, dass Eugenik schon vor der Psychologie da war. Völkerausrottungen wie mit amerikanischen Ureinwohnern gab es schon vorher. Aber die Psychologie hat die Eugenik wissenschaftlich legitimiert und damit unendlich viel Unheil über diese Welt gebracht.

Menschenrechtsverletzungen heute
Die Schatten der Eugenik sind bis heute spürbar, wenn auch nicht mehr in dem Ausmass wie früher. So wird beispielsweise transsexuellen Menschen nachwievor nur nach einer Sterilisation eine Personenstandsänderung zugesprochen und es erstaunt wenig, dass beispielsweise die “Erfinder” des deutschen Transsexuellengesetzes Schüler von den Ärzten sind, die damals für Hitler die “Volksreinhaltung” erledigten. Die Methoden haben sich geändert, das dahinterliegende Denken hat jedoch überlebt. Auch menschenrechtswidrige Forderungen wie der sogenannte Alltagstest, mit dem transsexuellen Menschen ein Jahr lang die medizinische Hilfe verweigert wird, sind auf dem Mist der Psychologie gewachsen, die wider wissenschaftlichen Fakten Transsexuelle als gestört klassifiziert. Ein weiteres Beispiel ist die Tatsache, dass es heutzutage nicht nur legitim ist sondern schon fast erwartet wird, dass Embryos, bei denen mittels pränataler Diagnostik Trisomie-21 diagnostiziert wurde, abgetrieben werden. Menschen die an Mongoloismus leiden, sind die erste Menschengruppe der Neuzeit, die hochoffiziell ausgerottet werden darf.

Von Menschenrechtsverletzungen zur Religion
All diese Menschenrechtsverletzungen und Grausamkeiten im Namen der Wissenschaft sind ein Grund, weshalb sich Psychologen den Vorwurf der Sektiererei vorwerfen lassen müssen. Was die Kirchen in ihren Kreuzzügen und Hexenverbrennungen angefangen haben, hat die Psychologie in gewisser Weise weiter geführt. Aber diese Menschenrechtsverletzungen sind nur ein Grund für diesen Vorwurf, der zweite Punkt, der Psychologen mit religiösen Fundamentalisten vergleichbar macht, ist der Dogmatismus und das Scheuklappendenken, das einer Wissenschaft unwürdig ist.

Dogmen, Faktenresistenz und Realitätsverweigerung
In einem Fachartikel, den ich mal gelesen habe, der verschiedene Erkenntnisse aus der Transsexualitätsforschung verglich, beklagte sich der Author darüber, dass es mit der Psychologie schwierig sei. Im Gegensatz zu anderen Wissenschaftszweigen seien die nur schwer empfänglich für Erkenntnisse aus anderen Wissenschaftszweigen und eine Zusammenarbeit sehr schwierig. Und in der Tat, wenn man psychologische Schriften zum Thema Transsexualität liest, wird offensichtlich, dass Psychologen nur ungern über den Tellerrand schauen. Da mag die Genetik noch soviele genetische Veränderungen finden und die Neurologie nochsoviele anatomische Auffälligkeiten nachweisen, für die Psychologie bleibt all das unbewiesen, wenn es nicht mit ihren eigenen Thesen übereinstimmt. Solange nicht das hinterletzte Transsexuellenhirn in Scheiben geschnitten auf dem Tisch liegt, wird die Psychologie diese Erkenntnisses in Frage stellen. Diese Art von Realitätsverweigerung ist viel mehr Religion als Wissenschaft.

Die Kirche der Psychologen-Sekte
In Anbetracht von all dem kommt man nicht umhin, die Wissenschaft der Psychologie resp. ihre Vertreter mit einer Kirche oder gar einer Sekte zu vergleichen. Das willkürliche Aufstellen von Dogmen, das Festhalten an ihnen auch im Falle einer Widerlegung, das Ignorieren von erwiesenen Tatsachen bis hin zur Vergötterung einzelner Führer wie Sigmund Freud, der beispielsweise von Psychoanalytikern bis heute wie ein Unfehlbarer angesehen wird, obwohl heutzutage jeder nur noch lachen kann über seine Postulierung des Penisneides aller Frauen. Wenn angesehene Priester dieser Kirche Dogmen aufstellen, wird Widerspruch gegen diese Dogmen zur Ketzerei. So kann auch heute, wider allen Wissens über biologische Ursachen von Transsexualität, eine Geschlechtsidentitätsstörung postuliert werden und so werden auch heute noch intersexuelle Babies genitalverstümmelt, weil weisse Götter wie John Money in die psychologischen Bibeln geschrieben hat, dass die Geschlechtsidentität mit Skalpellen und Verhaltenstherapien gesteuert werden könnten. Widerspruch dringt nicht durch, Transsexualität und Intersexualität werden auch 2011 im DSM-V wieder als psychische Störungen klassifiziert.

Psychopathologisierung kann töten
Die Tragik hinter all dem ist, dass neben allen Menschenrechtsverletzungen aufgrund solcher psychologischen Klassifizierungen auch eine gesellschaftliche Stigmatisierung einhergeht, die schlussendlich hauptverantwortlich dafür ist, dass beispielsweise transsexuelle Menschen in vielen Belangen des Lebens massiven Diskriminierungen ausgesetzt sind und hunderte von Transgendern zutode geprügelt wurden. Wenn eine Menschengruppe ein Jahrhundert lang zuerst als pervers und dann als gestört klassifiziert wird, angeblich wissenschaftlich abgestützt, dann sind sie irgendwann zum Abschuss freigegeben. Gerade deshalb müsste sich die Psychologie ihrer Verantwortung und auch ihrer eigenen Grenzen bewusster sein und mit der Pathologisierung von Andersartigen vorsichtiger umgehen. Schlussendlich basiert all das wie zu Beginn erwähnt auf blossen Vermutungen und relativ willkürlichen Einteilungen. Aber hier geht es nicht ums Einsortieren von gesammelten Briefmarken, es geht um fühlende lebendige Menschen, deren Leben im Falle von Fehlklassifizierungen zur Hölle gemacht wird.

Fazit: Ja zur Psychologie, nein zum Psychologismus
So bleibt meine Haltung trotz aller Kritik bestehen. Psychologie ist eine wundervolle Wissenschaft, die unglaublich viel helfen kann, deren Erkenntnisse ich nicht missen möchte. Ich hätte diese vierzig Jahre Leben nicht überlebt, wenn ich mir nicht psychologische Erkenntnisse über mich selbst und psychologische Techniken hätte aneignen können. Aber wie Paracelsus richtig erkannte, die Dosis macht das Gift aus. Psychologie soll helfen zu verstehen und helfen zu überwinden, aber wenn sich Psychologen in den Rausch der Allmacht ziehen lassen, dann wird Psychologie zur tödlichen Waffe, die gegen die gerichtet ist, denen sie eigentlich helfen möchten. Es liegt mir fern, Psychologen böse Absichten zu unterstellen, ich bin mir sicher, dass sie das Gute versuchen. Aber der in diesen Kreisen verbreitete Grössenwahn, der diese Fachleute glauben lässt, sie seien allwissend, ist beispielsweise für Menschen wie mich eine tödliche Bedrohung. Gerade wenn es darum geht, Menschen für gestört zu erklären und damit einer unerträglichen Stigmatisierung auszusetzen, sollten sich Psychologen ihrer Verantwortung endlich bewusst sein, es geht eben nicht nur um Thesen, es geht um Menschen, das wird wie mir scheint von Vielen vergessen.


 

Eine Reaktion zu “Mein zwiespältiges Verhältnis zur Psychologie”

  1. Chrisi

    Es ist doch schon klar, man muss ja nichts gegen die Psychologie haben. Denn per se ist die Psychologie erst einmal vollkommen neutral. Es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Das ist aber nicht nur ein Problem der Psychologie sondern ein Problem auf vielen Feldern auf denen Menschen involviert sind. Insofern wieder mal eine Gratwanderung auf des Messers Schneide

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