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Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Macht der Worte: Bildwelten

Wie angekündigt, wollen wir uns mit der “Macht der Worte” beschäftigen, eine wichtige Grundlage für diese Betrachtungen ist das Bewusstsein von Bildwelten. Worte sind nicht einfach nur eineinandergereihte Buchstaben und sie sind mehr als das was in einem Duden steht. Worte portieren Bilder, manchmal ganze Bildwelten, die bei der Verwendung eines Wortes mitschwingen. Wer Worte verwendet, deren Bildwelt beim Empfänger nicht der geplanten Aussage entspricht, wird missverstanden oder er verletzt oder manipuliert. Deshalb ist es wichtig, sich einerseits bewusst zu sein, dass Worte eben Bildwelten beinhalten und es ist wichtig, dass man im Bewusstsein dessen Worte adäquat wählt.

Beispiel: Schimpfworte
Ein gutes Beispiel sind Schimpfworte. Wir alle verfügen über ein grosser Arsenal von Schimpfworten, die wir in der Regel unbewusst aber doch oft situationsadäquat verwenden. Betrachten wir ein paar Beispiele.

  • Ein Schwein ist dreckig, in der Übertragung auf den Menschen nicht nur körperlich sondern auch geistig
  • Eine Drecksau ist ein ganz übles Tier
  • Ein Esel ist dumm, nicht böse aber halt doch etwas doof
  • Eine Schlange ist hinterlistig, ihr ist nicht zu trauen, ihr Biss kommt unerwartet und ist tödlich
  • Ein Idiot ist dumm, man nimmt ihn nicht ernst
  • Ein Arschloch wird mit Fäkalien assoziiert
  • Eine Ratte, lebt im Untergrund, ist Überbringer der Pest, also eine grosse Gefahr

Dabei spielt es keine Rolle, ob Schlangen tatsächlich hinterlistig sind, sie ist es in unserer Vorstellung und wenn man jemanden so betitelt, überträgt man diese Vorstellung und die damit verbundene Wertung.

Beispiel: Wertzumessungen
Ein anderes Beispiel sind all die Attribute der Wertzumessung:

  • Billiges ist auch wertlos, schlecht verarbeitet, nicht wirklich empfehlenswert
  • Preiswertes ist den Preis wert, also nicht zu teuer aber auch nicht schlecht
  • Günstiges ist als würde man in der Gunst stehen, etwas zu speziell guten Konditionen zu erhalten

Worte der Liebe
Gerade die Liebe kennt eine Vielzahl von Bildwelten, die im Speziellen in der Poesie ihren höchsten Ausdruck finden:

  • Ein Sonnenschein bringt Licht ins Dunkel, wärmt einem und erhellt das Gemüt
  • Ein Schatz ist ausserordentlich wertvoll, nahezu unbezahlbar und schwer zu finden
  • Die Liebste ist einzigartig, nicht zu übertreffen, weil der Superlativ keine Steigerungsform kennt
  • Ist jemand liebenswert, liebt man ihn nicht nur, er ist es auch wert so geliebt zu werden
  • Süss zu sein bedeutet, mit dem angenehmsten Geschmackstoff verglichen zu werden

Worte sind Wertungen
Für vieles gibt es verschiedene Worte, die vermeintlich dasselbe sagen, in Wirklichkeit aber ganz andere Bildwelten darstellen. Nehmen wir Transsexualität als Beispiel:

  • Eine transsexuelle Frau ist primär eine Frau, das Attribut “transsexuelle” ist nur eine Spezifizierung, die etwas genauer sagt, was für eine Art von Frau sie ist, aber die zentrale Aussage ist: Sie ist eine Frau – und zwar eine transsexuelle.
  • Beim Wort TransFrau gilt dasselbe, wie die Putzfrau, die Kauffrau oder die Hausfrau, geht es immer um eine Frau, der vorangestellte Teil gibt nur näher Auskunft über die Art des Frauseins.
  • Nennt man jemanden eine Transsexuelle, reduziert man sie durch das Weglassen des Wortes “Frau” auf das Attribut, so als würde man von einer Putze sprechen bei einer Putzfrau. Im diesem Fall reduziert man die transsexuelle Frau auf ihre Krankheit resp. ihre Andersartigkeit und beraubt sie um ihr Frausein.
  • Wird eine transsexuelle Frau “ein Transsexueller” genannt, wird dieser Frau das Geschlecht sogar explizit abgesprochen, es ist Ausdruck höchster Ignoranz.
  • Das Wort “Transe” wiederum ist ein sehr abschätziges Schimpfwort, das genauso verletzend ist wie wenn man invalide Menschen Krüppel nennt oder dunkelhäutige Menschen Nigger. Es ist despektierlich und entwürdigend.

Analog dazu kann man auch geistige Behinderungen betrachten, auch da kann jemand eine Behinderung haben, ein Behinderter sein bis hin zum Gestörten. Was für ein Wort man verwendet, zeigt wieviel Achtung man diesem Menschen entgegenbringt und wie ernst man ihn nimmt.

Das Bild muss nicht dem Wort entsprechen
In der Sprache gibt es viele Formulierung, deren Bildwelt nicht dem wörtlichen Sinn entsprechen.

  • Eigenartig heisst, eine eigene, nicht dem Normalfall entsprechende Art zu sein. Wir assoziieren Eigenartigkeit aber mit etwas Befremdendem, eigenartig ist seltsam und suspekt, obwohl eigentlich nichts dagegen spricht, eine eigene Art zu sein oder zu haben.
  • Transsexualität bedeutet, dass das biologische Geschlecht (englisch ‘sex’) verkehrt ist. Aber weil das Wort “Sexualität” im Gegensatzu zur englischen Sprache auf Deutsch nur Sexualität und nicht auch Geschlecht bedeutet, kann man sich der Vorstellung nicht entziehen, dass es sich hier um ein sexuelles Phänomen handelt.

Das ist einer von vielen Gründen, weshalb Texte nie klar eins-zu-eins übersetzt werden können. Weil Worte nicht in jeder Sprache oder Kulturraum oder Gesellschaftsschicht dieselbe Bedeutung haben resp. gleich verstanden werden.

Diskrepanz zwischen Sprechendem und Hörendem
Fatal an Bildwelten ist die Tatsache, dass nicht der Absender die Bildwelt bestimmt sondern der Empfänger. Wenn mich jemand eigenartig nennt, liegt es allein an mir, ob ich das als Kompliment oder als Beleidigung auffasse. Wer etwas ausspricht, muss sich bewusst sein, dass das von ihm verwendete Bild möglicherweise vom Angesprochenen völlig anders verstanden und empfunden wird. Anderseits muss sich der Angesprochene bewusst sein, dass seine Interpretation des Gehörten möglicherweise nicht mit der gemeinten Aussage übereinstimmt. Daraus haben wir zwei Dinge zu lernen. Wer spricht, sollte bildhafte Worte so adäquat wie möglich wählen. Wer hört, sollte seine eigene Interpretation als möglicherweise falsch verstanden wissen. Viele Missverständnisse und viele Konflikte entstehen allein deshalb, weil jemand Worte verwendet, deren Bildwelt er anders sieht als der Angesprochene sie dann interpretiert. So kann ein gesprochenes Wort zu einer scharfen Klinge werden.

Fazit: Sich der Bildwelten bewusst sein und respektvoll damit umgehen
Allein über das Thema “Bildwelten von Worten” könnte man Bücher schreiben, ich belasse es mal bei diesem kurzen Einblick, das sollte reichen als Fundament für die weiteren Betrachtungen. Wichtig ist, dass man sich dieser Bildwelten bewusst ist und versucht, Worte wirklich adäquat zu verwenden. Weil man sonst im besten Fall missverstanden wird, im schlimmsten Fall verletzt.


 

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