(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Machs gut, meine liebe Tochter

Eigentlich wollte ich heute ein Gedicht veröffentlichen, das ich erhalten habe, das sich an das Kind einer transsexuellen Frau richtet. Aber das Schicksal geht manchmal seltsame Wege, denn heute kam das wovor ich mich solange gefürchtet habe. Meine Tochter will nicht mehr zu mir kommen. Ich wusste, dass dieser Tag kommen würde und bin auch zuversichtlich, dass das nicht für ewig sein wird. Trotzdem zerreisst es mir das Herz. Nicht wegen mir sondern weil es mir einfach so sehr leid tut, dass meine Situation für sie so eine enorme Belastung ist. Wie sehr muss ein Mädchen leiden, bis es nicht mehr zu “ihrem Vater” gehen will, weil sie diese Veränderungen nicht mehr erträgt? Wie verwirrend muss es sein, wenn der Vater, der einst ein Vorbild war, zu etwas wird, wofür man sich schämt?

Diese Situation gab es schon einmal, dass sie sagte, sie wolle nicht mehr zu mir kommen und als “unser Wochenende” wieder vor der Tür stand, änderte sie ihre Meinung doch. Ich wusste, dass diese Trennung auf Zeit nicht aufgehoben sondern nur aufgeschoben war. Ich glaube, dass es diesmal wirklich zum Break kommt.

Ich fühle mich schuldig, obwohl ich weiss, dass ich mir mein Schicksal nicht ausgesucht habe und keine andere Wahl mehr hatte. Trotzdem bin ich Verursacherin dieses Leids. Es ist meine Selbstentfaltung, die meiner Tochter soviel abverlangt. Klar weiss ich, dass sie eigentlich nichts verloren hat. Wäre ich diesen Weg nicht gegangen, gäbe es mich heute nicht mehr. Den Vater hätte sie so oder so verloren. Aber so ist ihr wenigstens etwas erhalten geblieben, etwas Seltsames, etwas Verwirrendes, aber wenigstens etwas, das sie über alles liebt.

Aber ich denke, für sie ist es gut, etwas Distanz zu schaffen. Die Situation ist für sie zu verwirrend. Es wird vielleicht eine Zeit kommen, in der sie lernt zu verstehen und lernt, das Unannehmbare anzunehmen. Ob bis dahin Wochen, Monate oder Jahre verstreichen, bleibt ungewiss. Bis dahin bleibe ich in der Hoffnung, dass diese tiefe Liebe, die uns immer verbunden hat und heute noch verbindet, stark genug ist, dass wir lernen damit umzugehen und wir irgendwann wieder zu einander finden…….. bis dahin werde ich warten, mit der Rose in der Hand, die sie mir einst schenkte.

Das Gedicht werde ich verschieben, weil ich es nicht in den Kontext der Verzweiflung stellen möchte sondern in den Kontext des Trostes und der Hoffnung.

Can you forgive me again?
I don’t know what I said
But I didn’t mean to hurt you

I heard the words come out
I felt that I would die
It hurt so much to hurt you

Then you look at me
You’re not shouting anymore
You’re silently broken

(Evanescence – Forgive Me)


 

13 Reaktionen zu “Machs gut, meine liebe Tochter”

  1. kus

    liebe diana
    das tut mir so leid für dich und deine tochter! ich weiss nicht wie alt sie ist, aber ich vermute irgendwo im teenie-alter. da muss sie sich erst mal selber finden – das ist schon schwierig genug. plötzlich eine zweite leibliche mutter zu haben anstelle ihres vaters, macht die sache nicht einfacher. ich bin fast sicher, irgendwann wird sie das akzeptieren können. als deine tochter mit deinen genen wird sie später vermutlich mal sehr stolz auf dich sein. für den mut und die courage, die du aufgebracht hast diesen weg zu gehen. es braucht einfach zeit. ich wünsche dir viel geduld und zuversicht.

  2. Kim

    “Trotzdem bin ich Verursacherin dieses Leids.” … da widerspreche ich einmal definitiv. Ein Mensch, der ist, was er ist, verursacht kein Leid sondern ist ein Geschenk. Dass manche Geschenke etwas länger brauchen, bis sie ankommen, macht sie letztendlich dann am Ende noch wertvoller.

  3. Tülay Benz

    Hallo Prinzessin !
    Es tut mir leid, dass Ihr zwei diesem Schmerz nun gemeinsam spühren und gehen müsst. Gebt Euch Zeit und lässt die Sonn- und Mond- Aufgänge für Euch sprechen. Den diese heilt die Wunden und spendet Trost und Weisheit. Hab Euch beide Lieb und schick Euch einen Dicken Kuss ! Eure Tülay

  4. Sam

    du bist sehr stark in deinen worten aber trotzdem spürt man die trauer, die qual und den schmerz… deine tochter stammt von dir und sie wird erkennen, das deine liebe nicht geschlechtsabhängig ist.. du gibst ihr im moment all das was du kannst und sie muss sich momentan mit sich selber auseinandersetzen.. es ist sehr stark wie du agierst aber du wirst reich dafür belohnt werden.. deine tochter liebt dich mit dem herzen aber ihre realität und ihre augen können es noch nicht fassen und sehen!! kopf hoch Diana! alles gute… sam

  5. Diana

    Ach was würd ich nur ohne Euch machen, es tut so gut, zu spüren, in so Momenten nicht allein zu sein………

    @Kus: es ist halt eben schon ein grosser Schritt. Solange man Leute wie mich als gestört klassifiziert, sind unsere Kinder auch dem Stigma unterworfen, Kind eines Gestörten zu sein. Aber diesbezüglich gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass sich das Denken dieser Gesellschaft ändert und man uns als andersartige aber nicht abartige Wesen anerkennt.

    @Kim: ja da hast Du vollkommen Recht. Sich selbst zu sein, wäre ein Grund für eine Auszeichnung und nicht für eine Stigmatisierung. Trotzdem sieht die Welt das vorläufig noch anders und somit ist meine Andersartigkeit für meine Tochter eine Art von Ehrverletzung. Wenn meine Tochter in ihrem Umfeld erzählt, dass ihr “Vater” eine transsexuelle Frau ist, wird man sie deswegen auslachen. Aber eigentlich wäre das eher ein Grund für Anerkennung, da ist ein Wesen, das für seine Wesenhaftigkeit einsteht, zu sich selbst steht und für sich einsteht.

    @Tülay: ja ich gebe uns beiden Zeit, soviel wie wir brauchen und ich bin mir auch sicher, dass unsere Liebe sogar diese ausserordentliche Situation meistern kann. Aber fürs Erste bleibt ihr Schmerz, die Verzweiflung, dass ihr “Vater” eine Frau ist und dass diese Gesellschaft uns deswegen auslacht. Ich denke, sie wird lernen, damit zu leben und sie wird daraus wachsen und grösser werden als Andere, weil sie lernt, dass Menschen nicht aufgrund von Äusserlichkeiten beurteilt und verurteilt werden dürfen.

    @Sam: ja meine Trauer ist gross und mein Schmerz ebenfalls, weil es mir so unsäglich leid tut, dass meine Tochter sich mit all dem rumschlagen muss. Aber genauso sicher bin ich mir, dass unsere Liebe grösser ist als all das. Meine Tochter verliert sehr viel, aber sie gewinnt auch vieles, nicht weniger als das was sie verliert.

  6. Bea

    Die Vater-Tochter-Bindung wird immer bestehen bleiben, für beide, egal wie die Situation gerade ist oder sich entwickeln wird.
    Alles Liebe für Euch beide. :-)

  7. Britta

    Ufff… ich denke, ich kann in etwa einschätzen, wie du dich gerade fühlst… Meine Tochter ist ja erst acht, hat aber auch immer mal wieder Probleme mit mir und meiner Andersartigkeit. So klein sie auch ist: Sie spürt die zumindest unterschwellige Ablehnung der Gesellschaft. Gleich dir habe ich ein furchtbar schlechtes Gewissen für das, was ich ihr – wenn auch schuldlos – aufbürde, aufbürden MUSS.
    Alex’ Tochter wird im August 16. Und rebelliert offen. Wir sind ihr furchtbar peinlich. Und sie hat schreckliche Angst, ihre “Mutter” (die Alex ja so oder so immer bleiben wird).
    Entsetzlich… aber nicht zu ändern, oder? Und ich bin mir sicher, dass alle unsere Kinder früher oder später ihren Frieden mit uns und der Situation machen werden.
    Wenn wirklich Liebe zwischen Eltern und Kind ist, kriegt nichts auf der Welt die auf Dauer wirklich klein.
    Ich denk an dich… Britta

  8. Britta

    Hnngh… “ihre “Mutter” … zu verlieren” sollte das eigentlich heißen…
    Zu viel Emotion… :-/

  9. Morag

    Liebe Diana.

    Fühl Dich tröstend gedrückt-ich hatte so gehofft, daß dieser Kelch an Euch vorübergeht.
    Ich wünsch Euch beiden ganz viel Kraft und Liebe, damit Ihr wieder zueinander findet.

  10. Diana

    @Bea: ja die Beziehung selbst ist unkündbar, mein Blut fliesst in ihren Adern, das dürfte weniger das Problem sein. Das Problem ist mehr, dass es für sie unglaublich schwierig ist, das anzunehmen.

    @Britta: Das grösste Problem ist schon die Frage, was Andere darüber denken und die Angst, deswegen ausgelacht zu werden. Das ist vorallem in der Frühpupertät eine enorme Herausforderung resp. Überforderung. Für meine Tochter ist es halt doch so, dass sie ihren Vater verliert, auch wenn dieser Vater eine Frau ist oder eine Väterin oder was weiss ich. Ihre Mutter kann ich nicht sein, der Platz ist belegt. In ihrem Kopf bleibe ich Vater, das ist soweit auch ok, aber es wäre wünschenswert, sie könnte annehmen, dass Väter in seltenen Fällen auch Frauen sein können.

    @Morag: Gehofft habe ich es auch, aber ich bin davon ausgegangen, dass es halt doch irgendwann soweit kommt. Für mich zählt nur eines, dass sie einigermassen damit klar kommt. Wenn eine Distanz hilft, dann finde ich das gut so. Ich hoffe einfach, dass ihr Schmerz wegen all dem nicht zu gross ist und dass sie lernt damit umzugehen.

  11. Bea

    ” … Für mich zählt nur eines, dass sie einigermassen damit klar kommt. Wenn eine Distanz hilft, dann finde ich das gut so. Ich hoffe einfach, dass ihr Schmerz wegen all dem nicht zu gross ist und dass sie lernt damit umzugehen.”

    Dieser Satz zeigt, wie groß Deine Liebe zu ihr ist. Auch wenn es Dir Probleme macht und weh tut und all das, so sollte doch das allerwichtigste für Dich sein, dass es IHR gut geht. Und das hast Du mit diesem Satz ganz deutlich gemacht.

    “Liebe ist, wenn das Glück des anderen wichtiger ist als das eigene.” … das andere nennt man Egoismus.

  12. Diana

    @Bea: genau das ist der springende Punkt, mir ist nur eines wichtig, dass sie einigermassen heil durch diese Entwicklung durch kommt. Ich kann mein Frausein zwar nicht ausradieren, wenn diese Tür mal offen ist, geht sie nie wieder zu, das ist sozusagen ein one-way-ticket. Aber sonst würde ich alles geben, um es ihr so “einfach” wie möglich zu machen. Und wenn es für sie momentan ohne mich einfacher ist, was ich sehr gut verstehen würde, dann bin ich froh, dass sie sich so entschieden hat. Ja meine Liebe ihr gegenüber ist riesig, unvorstellbar gross. Was auch immer ihr diesen Prozess erleichtert, soll mir recht sein.

  13. Warum muss sie den höchsten Preis zahlen? | (t)-Girl Diana

    [...] von ihr bekommen habe. Seit letztem Frühjahr haben wir uns nicht mehr gesehen oder gehört, seit damals, als es ihr zuviel wurde und sie sagte, sie wolle oder könne nicht mehr zu mir kommen. Ich liess [...]

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