(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Lob auf die Transsexualität – über den Zauber der Two Spirits

Kürzlich habe ich hier erzählt, dass indigene Völker in Transgender Menschen etwas Besonderes sahen, für sie waren Transgender Two Spirits, Wesen die beide Geschlechter vereinen und sozusagen eine Vollkommnung des Menschen darstellen. Two Spirits waren Weltenwandler, die beide Seite von Ying und Yang kennen und die durch ihren Weltenwandel die ganze Welt aus zwei Perspektiven kennen. Two Spirits waren die besten Ratgeber, weil sie allen eine andere Sichtweise bieten konnten. Ich finde, es lohnt sich, das mal etwas näher zu betrachten.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht mir hier nicht darum, Transsexuelle über Nichttranssexuelle zu stellen, es geht mir darum, das herrschende Bild zu kontrastieren, dass Transsexuelle minderwertige Menschen sind. Auf den ersten Blick mögen wir seltsam sein, vielleicht für verrückt gehalten, aber schlussendlich sind wir Menschen wie alle anderen, unsere Wesensart hat Vorteile und Nachteile. Wir sollten uns Bewertungen verweigern und Andersartigkeit als das annehmen, was es ist: eine andere Art die nicht mehr oder weniger Daseinsberechtigung hat als die Wesensart der Mehrheit.

Harte Schule
Transsexuelle gehen ihr Leben durch eine herausfordernde Schule. Schon als Kinder, wenn für alle Anderen alles Friede, Freude Eierkuchen ist, werden TransKinder vor unlösbare Probleme gestellt. Ihr biologisches Geschlecht hindert sie daran, ihre Wesensart zu leben und zu entfalten. Sie müssen sich Rollenklischees aneignen, die ihrem Innersten radikal widersprechen und sie müssen lernen etwas zu sein, was sie nicht sind.

Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen
Dieser Grad der Selbstverleugnung lässt sich aber nur bewerkstelligen, wenn man die Welt genau beobachtet und genau lernt, wie man(n) zu sein hat. Transsexuelle Mengen fangen so zwangsläufig sehr früh damit an, die Welt zu beobachten, feinste Unterschiede herauszuspüren, genau zu analysieren, wie Menschen funktionieren, wie sie denken und fühlen, wie sie sich verhalten. Transsexuelle entwickeln so eine enorme Beobachtungsgabe und ein enormes Einfühlungsvermögen. Diese Beobachtungsgabe macht uns mit der Zeit zu sehr aufmerksamen Menschen, die sich in andere hineinfühlen und für vieles Verständnis aufbringen können, weil wir sozusagen hinter den Vorhang blicken.

Hinterfragen – wenn der Schein trügt
Damit verknüpft sich auch die Anforderung, alles zu hinterfragen. Früh lernen Transsexuelle, dass nichts so sein muss wie es scheint, dahinter kann sich immer etwas anderes verbergen. Sie erkennen früh, dass das Leben einem Bühnenstück gleicht, in dem jeder seine Rolle spielt und die meisten ihre Rolle für ihr eigenes Selbst halten. Zu hinterfragen, ist der Beginn aller Philosophie und Transsexuelle stehen mehr als die Meisten vor philosophischen Fragestellungen, die anderen ein Leben lang erspart bleiben.

Akzeptanz von Andersartigkeit
Während viele Menschen Andersartigkeit als Bedrohung oder zumindest als etwas Falsches wahrnehmen, ist Andersartigkeit für Transsexuelle Normalität und Alltag. Sie beginnen, Andersartigkeit zu hinterfragen und kommen zwangsläufig zum Schluss, dass Andersartigkeit nur Ausdruck von Individualität ist und somit Ausdruck eiens Lebens, das nur Individualität kennt. Kein Mensch gleicht dem Anderen, jeder ist für sich einzigartig und somit andersartig als der gesamte Rest der Menschheit. Das führt zu einer Offenheit gegenüber jeder Form von Andersartigkeit. Ich bin nicht länger Mass aller Dinge, wenn ich dieses Wesen des Individualismus erkenne, anders zu sein ist nicht länger eine Frage der Wertschätzung.

Frage = Antwort = Frage
Mir fällt oft auf, dass meine Mitmenschen sich mit jeder einfachen Antwort zufrieden geben, vorallem Politiker und Marketingspezialisten nutzen das schamlos aus. Meist würde es nur eine einzige Folgefrage erfordern, die die gegebene Antwort als Lüge entlarven würde. Aber Viele fragen nicht weiter, wenn sie eine Antwort bekommen. Ich funktioniere da anders und ich glaube, dass auch das eine Folge meines transsexuellen Lebens ist. Jede Antwort kann und muss hinterfragt werden. Wer Antworten nicht hinterfragt, wird manipulationsanfällig. Da hat sich bei mir schon mancher die Zähne ausgebissen. Und genau das macht Two Spirits zu guten Ratgebern.

Männlein und Weiblein
Aber die grösste Fähigkeit von Two Spirits ist ihre doppelte Sichtweise in Geschlechterfragen. Wie oft hört man von Jungs: “ach ich versteh diese Weiber einfach nicht” und wie oft hört man Mädels mit demselben Klagelied. Nicht, dass mich Menschen nicht auch in Verwunderung stürzen könnten, aber in der Regel kenne ich das so nicht, ich kann meistens sehr gut nachvollziehen, weshalb jemand so oder so ist oder sich verhält. Ich verstehe, weshalb Frauen über Männer klagen und umgekehrt. Und ich verstehe, weshalb Männer sich so verhalten, dass Frauen sich darüber an den Kopf langen und umgekehrt. Ich denke immer wieder, dass Transsexuelle die perfekten Beziehungsberater wären. Bei indigenen Völkern war das eine ihrer wichtigsten Aufgaben, weil es ihrer zentralsten Fähigkeit entspricht.

Konsequenz und Kompromisslosigkeit
Spätestens wenn transsexuelle Menschen den Schritt wagen, in ihrem richtigen Geschlecht zu leben, kommt die nächste Fähigkeit zum Einsatz – oder sie gehen auf diesem Weg jämmerlich zugrunde. Wer sich erdreistet, in dieser schwarz-weiss denkenden Welt sein öffentliches Geschlecht zu ändern, muss dazu bereit sein, die Welt vor dem Kopf zu stossen und sich mit grossen Widrigkeiten herumzuschlagen. Eine Geschlechtstransformation erfordert eine ungehörige Renitenz, enorme Willenskraft, unvorstellbare Belastungsfähigkeit, es erfordert den Willen, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen und jeden Schmerz zu erdulden, um das Ziel zu erreichen. Wer diesen Weg geht, geht den Weg der Kriegerin (mehr darüber demnächst). Wer diesen Prozess durchläuft, hat die härteste Schule des Überlebenskampfes ausgehalten. In diesem Jahr, seit ich mein weibliches Leben lebe, bin ich mehr gewachsen als in den 42 Jahren vorher. Und ich bin erstaunt über Kräfte in mir, die ich mir niemals zugetraut hätte. Das war die Fremdenlegion in Geschlechterfragen, dabei wächst man über sich hinaus, weit über das, was man sich einst zugetraut hätte.

Fazit
Ja, wir Two Spirits sind seltsame Wesen, wir sind anders, aber wir sind wie alle Anderen einfach Individuen, einzigartige Persönlichkeiten die wie alle Anderen ihre Vorzüge und ihre Nachteile haben. Ich werde nie die zarte Stimme einer Frau haben, werde nie so schöne Kurven haben wie eine BioFrau und werde nie Kinder zur Welt bringen können, da mag man mir Minderwertigkeit attestieren. Aber dann sollte auch nicht ignoriert werden, dass ich in anderen Aspekten sogar einen Mehrwert habe – weil ich ein Two Spirit bin.

Es gibt Tage, an denen ich mich als TransFrau einer BioFrau gegenüber als minderwertig fühle. Aber es gibt auch Tage, an denen ich mich als Two Spirit gegenüber One Spirits überlegen fühle. Die Wahrheit liegt in der Mitte und sie zeigt nur eines……… jeder, wirklich jeder, ist einzigartig.

Wikipedia: Two-Spirits (englisch)
Wikipedia: Two-Spirit Identity Theory (englisch)
Link-Sammlung: The Two-Spirit Tradition (englisch)


 

4 Reaktionen zu “Lob auf die Transsexualität – über den Zauber der Two Spirits”

  1. Bad Hair Days

    > Ich denke immer wieder, dass Transidente die perfekten Beziehungsberater wären.

    Gerade im fernen Osten ist es erklärte Aufgabe der zwischengeschlechtlichen Kasten. Aber das letzte was ich will, ist eine Sonderstellung wegen meiner medizinischen Kondition, für die heute Heilung möglich ist. Ich will ich sein, und ich ist unter anderem eben auch Frau. Sicher habe ich auch einen “Spionage”-Einblick ins andere Geschlecht genossen, der mir ermöglicht, Männer nicht nur als geile Böcke mit schlechten Anmachsprüchen zu kennen ;-)

  2. Diana

    das mit dem fernen Osten wusste ich nicht, es bestätigt aber immerhin meine Meinung :-)

  3. Andi

    Harte schule hab ich gerade durchgelesen und bin bei jedem Satz in Tränen ausgebrochen.
    fast unerträglich für mich das so zu lesen…

    Ich habe lange nach meiner Identität gesucht
    und habe sie als Two spirit gefunden. fzm.
    Die Indianer unterschieden halt einfach wenn ein Mensch sich psychosozial mit dem anderen Geschlecht als sein biologisches identifizierte und ließen dann ab diesen Menschen zu zwingen die Arbeitseinteilung der Geschlechter einzuhalten.

    Die berdachen oder two spirit bereichern
    das Leben aller in der Gemeinschaft.
    Das die Indianer dies bemerkten ist ein bleibendes Zeugnis für die psychologische Raffinesse der einheimischen Stämme. Dass sie zwei-Spirit Menschen erkannten als den Motor der Kreativität, des Wandels und Innovation.
    Wie viel sie in anderen Kulturen waren weiss ich nicht, doch das sie weiterhin in unserer sein werden.
    Vor 40 Jahren untersuchte ein englischer Arzt Buben auf Geschlechtsidentität entdeckte das gender und sex nicht immer zusammenpassten.
    (psychisches und biologisches)
    Das ist doch schon mal was, es erleichtert Menschen wie mir sich als normal wahrzunehmen. Und Verständnis für sich selber zu haben. Im Sinne von ich versteh es endlich.

    Diana
    Du hilfst sehr bei der Schaffung des heiligen Raums, in dem solche sich solche Leute manifestieren können.
    Ich dachte je älter ich werde umso schlimmer wird es, es ist halt leider so. Du weißt von was ich rede.

    “Wir verschwenden keine Menschen mehr, wie der Weg der weißen Gesellschaft das tut.

    Jede Person hat ihr Geschenk”

  4. Diana

    @Andi: Würde unsere westliche Gesellschaft TwoSpirits als das wahrnehmen, das sie sind, wären wir wirklich eine Bereicherung, davon bin ich überzeugt. Ich habe mein halbes Leben “indianisch gedacht und gefühlt”, mich haben diese Kulturen seit je her fasziniert und ihr Denken entspricht total dem Meinen. Es gibt kaum etwas, in dem sie uns nicht überlegen waren, weit überlegen. Sei es der Umgang mit der Natur, sei es in der Medizin, sei es in solchen Themen. Ob wir je zu diesem Ansehen kommen, wage ich zu bezweifeln, der Westen ist viel zu entgeistigt. Hier zählt nur was in Dollars gemessen werden kann, nur was man anfassen kann, der westliche Mensch hat kaum noch Spiritualität oder Religiösität. Da ist kein Platz für etwas, das sich dem Schwarz-Weiss-Denken entzieht.

    Das mit dem “heiligen Raum” berührt mich sehr. Diesen Ausdruck verwenden nur wenige Menschen und die, die ihn kennen, sind sehr spirituelle Menschen.

    Dieses Blog war von Anfang an verschiedenen Zielen verpflichtet, einerseits für mich als Psychoventil, mehr als das aber für Freunde und Bekannte, damit sie mich etwas besser verstehen können und schlussendlich auch damit Menschen einen Einblick bekommen in die Wesensart von TwoSpirits, damit sie sehen, dass wir keine Freaks sind sondern einfach ein wenig anders, als die Anderen. Und vorallem sollte es denen helfen, die selber auf diesem Weg sind oder davor stehen, es soll Mut machen, soll aber auch aufzeigen, wie schwer der Weg ist. Es tut immer wieder gut zu erleben, dass zumindest der letzte aber nicht unwichtigste Punkt immer wieder das Ziel erreicht.

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