(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Leben als TransFrau – Über die Normalität des Aussergewöhnlichen

Als ich Anfang Jahr begann, meinem inneren Geschlecht entsprechend zu leben, war die erste Zeit eine unbeschreiblich euphorische Phase. Ich war ängstlich und scheu, aber von wilder Entschlossenheit beflügelt, nun endlich mein wahres Leben zu leben und all das zu sein und zu tun, was meine Seele sich vier Jahrzehnte vergeblich ersehnte – als Frau zu leben, die Frau, die ich immer war und nie sein konnte.

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Arbeitstag als Diana, als sei’s gestern gewesen. Gestern noch gab es mein Leben nicht, heute sollte ich es meistern. Aber wer bin ich, wie bin ich? Mein erster Arbeitsweg als Frau war voller Angst und gleichzeitig voller fassungsloser Freude. Ich konnte irgendwie nicht glauben, dass das nun wirklich mit mir passiert. Im Büro wurde ich erstmals mit Diana angesprochen und bei mir setzte jedesmal fast das Herz aus, wenn ich meinen Namen hörte. Immer wieder der Gedanke: “ich lebe, verdammt ich lebe wirklich, ich existiere und werde wahrgenommen”. Niemand kann sich auch nur annähernd vorstellen, wie man sich fühlt, wenn man nach einer so langen Leidensstrecke plötzlich beginnt zu atmen. Der ganze Tag war voll emotionaler Ekstasen.

Es braucht wenig Fantasie um sich vorzustellen, dass ein Trans-Mädel wie ich schon bald Schuh- und Kleiderläden stürmt als ob der Krieg soeben zuende wäre. Alles bisher verwehrte lag vor mir und war mir zugänglich. Und so füllte sich der Schrank von Woche zu Woche und die morgentliche Euphorie vor dem Kleiderschrank wurde zu einem Highlight des Tages. Es war berauschend und irgendwie unfassbar, plötzlich von diesem steten TicTac begleitet zu werden, das mich mit jedem Ton ansingt, dass ich jetzt tatsächlich als Frau lebe. Es war fast wie mein Herzschlag und meine Seele lächelte mit jedem Schritt ein wenig mehr. Bei einem halbstündigen Arbeitsweg kommt man da quietschvergnügt bei der Arbeit an. Und die Kleider, all diese bunten Farben und Blumen drauf….. die ersten Hormone, die ersten Anzeichen einer Brustveränderung, das Kribbeln in der Brustwarze…….. und tausend Dinge die neu waren und tausend Dinge die alt waren, aber plötzlich ganz neu erschienen und sich ganz anders anfühlten.

Heute, zehn Monate später, stelle ich immer wieder verblüfft fest, dass diese Euphorie grösstenteils verschwunden ist. Ich krieg zwar immer noch Glubschaugen in Schuhläden und geniesse nachwievor das tägliche Vordemschrankstehen, auch das TicTac erfreut mich immer wieder von Neuem.

Aber all das hat nicht mehr diesen euphorischen Charakter. Da ist nichts Aussergewöhnliches mehr – all das, ist ganz einfach normal geworden für mich. Es ist selbstverständlich, dass ich täglich was Hübsches aus dem Kleiderschrank auswähle, es ist das Normalste der Welt, dass ich beim Schuhe anziehen ein paar Centimeter wachse, sich mein Kreuz etwas biegt und den Hintern etwas keck rausgucken lässt. Das TicTac ist nachwievor mein Herzschlag, aber wer hört noch sein eigenes Herz? All ist nicht mehr spektakulär……. sondern vertraut.

Und da fällt mir auf, wie nah diese Gefühle doch der Liebe sind. Die Euphorie des Verliebtseins nimmt einem den Atmen, katapultiert einem in den Himmel und versetzt einem permanent in Euphorie und Ekstase. Wenn diese Beziehung reift, man einander kennenlernt, sich einlebt, dann wird aus dem Verliebtsein Liebe. Was aussergewöhnlich war, gibt einem jetzt diese wohlige Vertrautheit, Geborgenheit und Sicherheit. Die Liebe ist sozusagen in den nächsten Level aufgestiegen.

Ja, irgendwie war ich glaub wirklich in mich verliebt resp in mein neues Leben, das sich mir da eröffnet hat. Wie ein Fohlen das erstmals auf einer Weide steht, gallopierte und hüpfte ich wie verrückt herum, immer wieder ängstlich umblickend, aber immer von Neuem wieder losgallopierend. Und aus dieser Verliebtheit entstand etwas Neues, Grösseres – die Liebe zu meinem neuen Leben. Ich bin mir vertraut geworden, fühle mich authentisch, habe mein Leben angenommen und fülle es ganz aus. Geschlechtstransformation hat irgendwie doch etwas mit Liebe zu tun.

Und doch gibts heute auch noch euphorische Momente, die mir fast den Atem rauben. Beispielsweise dann, wenn mir mal wieder bewusst wird, wie normal und vertraut doch plötzlich all das Aussergewöhnliche ist – wenn ich realisiere, dass ich wirklich in mir angekommen bin und dass wirklich ich diejenige bin, die dieses Leben lebt. Dann ist es wieder da, dieses berauschende Gefühl das mir Tränen in die Augen drückt und in mir den Wunsch auslöst, laut heraus zu jubeln.


 

17 Reaktionen zu “Leben als TransFrau – Über die Normalität des Aussergewöhnlichen”

  1. Juliet

    Hey, was ist das denn? Eine lächelnde Diana? Steht Dir gut ;-)

  2. Bad Hair Days

    So wirst du sie live öfter sehen :-)

  3. Juliet

    Ja, ich rechne da mit mittelschweren Muskelkatern ;-)

  4. Diana

    Hi Ladies

    Sarah hat Recht, im realen Leben lache ich öfters als auf so gestellten früh-am-morgen-Fotos…… und die Gründe um zu lachen mehren sich ja wöchentlich :-)

    In diesem Fall ist mein Dad schuld, er hat mich zum lachen gezwungen *jammer*, dabei lach ich sowas von nicht gern, wenns um Fotos geht. Erstens ist mein Lachen schief (darüber hab ich mich schon als Kind geärgert) und anderseits sind meine Zähne nach 30 Raucherjahren und unzähligen Zahnarztbesuchen nicht grad meine beste Seite. Aber was tut man nicht alles, um ein braves Mädel zu sein :o)

  5. Cui

    Schöner Beitrag, schönes Foto.

  6. Juliet

    Dein Dad hat Dich zum Lachen gezwungen?? Er hat doch nicht etwa nen schmutzigen Witz erzählt?
    Ich finde, Du wirkst gleich ganz anders, wenn Du lächelst, im postiven Sinne.
    Und ich muss mich beeilen, Du hast inzwischen längeres Haar als ich…

  7. Kus

    Deine Einträge lese ich schon seit geraumer Zeit – über diesen habe ich mich am meisten gefreut. Deine Euphorie über Dein neues Leben steckt an, Du siehst toll aus und strahlst wirklich wiä en Maiächäfer.

  8. Diana

    @Kus: Maiächäfer find ich süss, danke für diesen schmeichelnden Vergleich und fürs Mitlesen

    @Juliet: Nein er sagte einfach ich soll lächeln und als braves Mädel hör ich natürlich auf meinen Vater…. ok das war glaub nicht immer so ;-)

    und weils allen so gefällt, hab ich im neusten Blogbeitrag grad noch eins aus dieser Serie. Ich muss mich häufiger dort zum Essen einladen, wenn da so gute Bilder dabei rausspringen :o)

  9. Juliet

    Na als Tochter darfste Deinen “Pabba” ja auch anstrahlen – ich mag auch nicht auf Kommando lächeln, aber auf Fotos, die mein Vater von mir gemacht hat, strahl ich auch immer wie ein Honigkuchenpony ;-)
    Das zweite Foto ist auch klasse ;-)

  10. Diana

    klar darf ich das und es kam auch von Herzen, abgesehen davon, dass meine diesbezüglichen Komplexe mich zu hindern versuchten. Bei meinem Vater und seiner Frau fühle ich mich wirklich wohl und voll und ganz angenommen. Dementsprechend war auch dieser Besuch etwas sehr Schönes und ich fühlte mich ganz “ich”. Da fällt sogar einem verkrampften Mädel wie mir das Lächeln einigermassen leicht :-)

  11. Juliet

    Sieht aber überhaupt nicht verkrampft aus, eher so ne Mischung aus lieb und rotzfrech und das passt zu Dir ;-)

  12. Diana

    lieb und rotzfrech passt, damit kann ich mich identifizieren……. zum Thema passend lief jetzt grad “Fuck you” im Radio und wie immer sang ich den Refrain vergnügt mit. Da sagte einer meiner Jungs aus Spass: “ja das würde Dir jetzt gefallen”…… darauf konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen und antworte kec und schnippisch: “Ja”…… darauf lachte er und sagte: “Das wollte ich jetzt nicht hören” :o)

  13. Juliet

    Ha, Treffer versenkt ;-)

    Warum fragt er denn, wenn er die Antwort nicht hören will ;-)

  14. Diana

    die Welt ist immer wieder überrascht, wie keck wir T-Girls an guten Tagen sein können, das erschreckt sogar mich manchmal :-)

  15. Juliet

    Überraschungen sind doch gut, sonst wirds langweilig und nicht auf-die-Schnauze-gefallen zu sein ist durchaus von Vorteil ;-)

  16. Diana

    vorallem wenn man von Jungs umzingelt ist ;-)

  17. Juliet

    Wie gesagt, wenn man auf dem Bau gross wird, lernt man so einiges ;-)

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