T-Girl Diana

Tagebuch einer transsexuellen Frau

Kann man eine Trans-Frau lieben?

Eigenartig
wie das Wort eigenartig
es fast als fremdartig hinstellt
eine eigene Art zu haben
(Erich Fried)

mischwesenAuch wenn ich noch so glücklich darüber bin, endlich mich selbst zu sein, gibt es doch etwas, das mich immer wieder an die Wand klatscht – heute ist es wieder mal soweit. Ich wusste von Anfang an, dass ich für meine Selbstwerdung einen unvorstellbar hohen Preis zahlen werde und ich habe bewusst ja dazu gesagt, weil kein Preis zu hoch ist dafür, dass ich endlich meine wahre Identität leben darf. Von Anfang an war klar, dass einer der Preise höher ist als alle anderen zusammen, es war die Aussicht, dass ich aufgrund meiner Andersartigkeit vielleicht nie wieder eine Beziehung haben werde.

Ich liebe zwar die Einsamkeit, kann tagelang allein im Wald unter einem Baum sitzen ohne jemanden zu vermissen. Aber das kann ich nur, wenn ich weiss, dass ich irgendwann zurück gehe und dort jemand auf mich wartet, der mich liebt, in den Arm nimmt und mir die Geborgenheit gibt, die ich mehr brauche als die Luft zum atmen.

Doch als transsexuelle Frau bin ich diesbezüglich in einer ziemlich hoffnungslosen Lage. Ich zweifle zwar nicht daran, dass jemand wie ich liebenswert sein kann. Als Trans-Frau werde ich zwar nie so “makellos” sein wie eine Frau, die biologisch korrekt geboren ist und doch verfüge ich als Trans-Frau auch über Vorteile, die in einer Beziehung sehr wertvoll wären. Beispielsweise gehöre ich zu der seltenen Spezies, die sowohl in die männliche als auch in die weibliche Denk- und Gefühlswelt hineinsehen kann und sich hineinfühlen kann. Ich weiss wie Männer denken, weil ich 40 Jahre lang in dieser Rolle gelebt habe und ich weiss was Frauen fühlen, weil ich ein Leben lang innerlich wie eine Frau fühlte.

Wenn zwei Menschen sich in einander verlieben, dann ist das in der Regel nicht aufgrund irgendwelcher anatomischer Vorzüge oder sonstigen Äusserlichkeiten, man verliebt sich, weil zwei Seelen sich begegnen, sich berühren und dabei Funken schlagen. Liebe ist unerklärlich, egal was man sucht und sich vorstellt, die Liebe fällt oft in ganz andere Gefilde. So gesehen zweifle ich nicht daran, dass sich irgendwann jemand in mich verlieben kann, trotz oder gerade wegen meiner Andersartigkeit. Und doch verliere ich von Woche zu Woche mehr von diesem bisschen Resthoffnung, die mir geblieben ist.

Es dürfte schon schwierig sein, ein Wesen wie mich zu lieben, erst Recht in dieser chimärenartigen Zwischenphase in der ich gerade bin. Viel schwieriger wäre jedoch die Tatsache, dass man als PartnerIn einer transsexuellen Person selbst stigmatisiert wird. Es ist kein Problem, eine Trans-Frau als Kollegin zu haben, sowas klingt sogar irgendwie spannend. Aber so eine Frau seinen Kollegen als Lebenspartnerin vorzustellen, sie mit zu seinen Eltern zu nehmen, ans Weihnachtsessen im Geschäft oder sich auch nur schon in der Öffentlichkeit mit ihr zu zeigen, all das würde eine enorme Grösse und Eigenständigkeit erfordern, die den meisten Menschen zu weit ginge.

Der moderne Mensch ist so konditioniert, dass sein Ansehen in der Gesellschaft das Wichtigste ist. Ich bin das, was die anderen über mich denken, ich bin so wertvoll wie die anderen mich einschätzen. Mit dieser Denkweise wird eine Beziehung mit einer Trans-Frau zu etwas bedrohlichem. Jemand der eine Trans-Frau als Partnerin hat, stellt sein Umfeld vor die Frage, ob er/sie nun hetero oder schwul/lesbisch ist, weil eine Trans-Frau von vielen weiterhin als Mann betrachtet wird oder gerade weil sie als Frau gesehen wird. So entzieht man sich selbst jeglicher Schubladisierung und wer in keine Schublade passt, wird in dieser Welt abgelehnt, weil der moderne Mensch in der Regel nur schwarz-weiss denkt.

Ich glaube, es wird sehr schwierig jemanden zu finden, der mich so liebt wie ich bin. Und ich glaube, dass es nahezu unmöglich ist, jemanden zu finden, der mich liebt und auch renitent genug ist um in dieser Gesellschaft zu einer transsexuellen Frau zu stehen und sich all den (oft unausgesprochenen) Fragen zu stellen.

Diese Aussicht zermürbt mich immer wieder von Neuem, weil ich ein sehr liebesbedürftiges Wesen bin, weil das Geliebtwerden für mich die grösste Kraftquelle ist um allen Widrigkeiten des Lebens zu trotzen. Die Befürchtung, vielleicht nie wieder im Herzen berührt zu werden, treibt mich manchmal fast in den Wahnsinn. Doch bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt und auch wenn die Hoffnung mit jedem Crash etwas kleiner wird, wird sie von der Sehnsucht doch immer wieder neu zum Leben erweckt. Aber manchmal ist diese Hoffnung nur noch wie eine Kerzenflamme im Wind, sie vermag nicht wirklich zu wärmen und mit jedem Windstoss erwacht erneut die Angst, dass dieses Licht ausgeht.

Dum spiro spero, heisst der Slogan meiner Pipe Band, solange ich atme hoffe ich……. da kann ich froh sein darüber, Piperin zu sein, denn Piperinnen haben einen langen Atem…… den werde ich wohl brauchen.


 

5 Reaktionen zu “Kann man eine Trans-Frau lieben?”

  1. tamila

    Liebe Diana,
    allen voran, ich bin nicht schwul. Ich finde dieses Kastendenken völlig absurd. Auch hasse ich alle diese Bezeichnungen. Klar hoffe ich das sehr stark das man eine Transfrau lieben kann. Natürlich kann ich mir den Vortbestand meiner Liebe zu meiner Frau nach allem Prozedere gut vorstellen. Aber nach einer GaOp möchte ich die Erfahrung von einem Mann geliebt zu werden auch nicht ganz bei Seite schieben. Außerdem weiß ich ja nicht welchen Einfluß die Hormonbehandlung auf mein Gefühls- und Liebesleben haben wird? Doch was ist mit dem liebenden Mann? Gute Frage! Ich gehe dann davon aus, das dieser Mann total hetero ist und mich oder die Transfrau nicht als Transfrau sieht sondern als richtige Frau! Damit wäre doch der Normalität völlig Rechnung getragen. Wer wenn liebt ist doch jedem selbst überlassen. Schön ist es doch zu wissen, dass wir einander zur Liebe fähig sind alles andere ist dabei völlig zweitrangig. Leider denken nicht alle Menschen so und das Wort Toleranz existiert für solche Menschen nur im Duden und Sprachgebrauch aber gelebt wird es sicher nicht!
    herzliche Grüße Tamila

  2. Diana

    @Tamila: grundsätzlich kann ich gut mit so Schubladen leben, sofern sie denn mir entsprechen. Ich betrachte mich beispielsweise als lesbische Frau und habe damit nicht das Geringste Problem. Trotzdem habe ich nie ganz ausgeschlossen, dass ich auch mal einen Mann lieben könnte und habe mich sogar mal in einen netten Herrn verliebt, wenn auch nur kurz. Aber mein Fokus ist ganz klar auf Frauen fixiert und dementsprechend passt mir das L-Etikett auch. Man soll sich einfach selber da nicht einengen, alles kommt wie es kommen muss und man sollte nie “nie” sagen, weil man heute nicht weiss, wer und wie man morgen ist ;-)

  3. Tamila

    Liebe Diana,
    ja so bin auch ich total auf Frauen fixiert. Männer sind für mich eigentlich und in meinem momentanen Zustand total out. Also auch ich wäre damit später erst einmal lesbisch. Aber wie Du schreibst man weiß nie wie es mal kommt und wie man später einmal fühlt.
    herzliche Grüße Tamila

  4. Juliet

    Genau, sag niemals nie…ich hab mir auch nicht träumen lassen, dass ich mal ein Mädel als feste Freundin habe..ich hatte vorher nie was mit Mädels am Hut, bin nicht lesbisch und auch nicht bi. Ausschlaggebend war Diana als Mensch, irgendwie war es egal, dass sie ein Mädel ist. Wenn mich dann jemand in die Bi-Schublade stopft, weil es erstmal beim Verstehen hilft, ok, aber ich stopf mich da nicht rein.
    Die Art und Weise, wie wir ein Paar wurden, war ja auch etwas ungewöhnlich, aber gerade deswegen ist es etwas Besonderes.

  5. Diana

    @Tamila: das bleibt tatsächlich offen, ich habe schon gelesen, dass Manche aufgrund der Hormontherapie auch Veränderungen in der sexuellen Orientierung erfahren haben, das ist nicht die Regel, kommt aber scheinbar vor.

    @Juliet: wir sind einfach ein so ungewöhnliches Paar, dass wir gar nicht anders können als zusammen zu sein. Du könntest sogar ein Erdferkel sein und ich würd Dich lieben :-)

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