(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Janis und ich

Während unserer Sommerferien haben wir eine TV-Dokumentation über die legendäre Sängerin Janis Joplin gesehen. Sie war die Ikone der 68er Flower-Power Bewegung, mit einer Stimme, die bis heute unerreicht ist. Leider verstarb die schon in zartem Alter aufgrund ihrer Drogen Exzesse – eine Lebensgeschichte, die in ihrer Tragik kaum zu überbieten ist. Ihr kurzes Leben lang kämpfte sie um Anerkennung, wurde in ihrer Kindheit oft verspottet, wegen ihrer burschikosen Art. Höhepunkt all der Demütigungen, die sie erdulden musste, weil sie nicht den gängigen Geschlechtsstereotypen folgte, war eine Scherz-Wahl an ihrem College, an dem die Studenten “den hässlichsten Mann” wählten. Es reichte nicht, dass sie dafür nominiert wurde, sie gewann diese Wahl sogar…… und konnte diese Demütigung nie überwinden. Sie schrie ihren Schmerz hinaus, in einer Intensität, die Seinesgleichen sucht, aber schlussendlich zerbrach sie doch an der Härte dieser Welt.

Ihre Lebensgeschichte war mir nicht neu, neu war einzig, dass mir die Parallelen zwischen uns bewusst wurden. Und das gleich in doppeltem Sinn.

Einerseits durchlebte ich selber eine Kindheit und Jugendzeit, in der ich wegen meiner doch nicht ganz zu verbergenden Feminimität oft verspottet wurde. Die in mir verborgene Weiblichkeit machte mich immer wieder zum Gespött, weil ich als “der weiblichste aller Jungen” galt, man belächelte mich für die durchscheinende Weiblichkeit, die eigentlich das einzig Wahre an mir war.

Heute muss ich diese Weiblichkeit nicht mehr verstecken sondern darf zu mir selbst stehen. Aber bezüglich der öffentlichen Wahrnehmung bin ich vom Regen in die Traufe gekommen – oder besser gesagt, mitten ins Gewitter.

Die meisten meiner Mitmenschen – auch die mir Nahestehenden – werden in mir immer den Mann sehen, der ich nie war. Nur, dass die einst nur schemenhaft erkennbare Weiblichkeit nun mein ganzes Sein ausmacht. Wenn eine als “feminimer Junge” wahrgenommene transsexuelle Frau schon derart belustigen ist, um wieviel lächerlicher muss dann eine als Frau lebende transsexuelle Frau sein, in den Augen derer, die in ihr “einen ehemaligen Mann” sehen? Die Trophäe für “den hässlichsten Mann” wird weiter gereicht.

Im Gegensatz zu Janis bin ich nicht daran zerbrochen – jedenfalls nicht ganz. Ich konnte mich befreien und mir mein Daseinsrecht erkämpfen. Das ist wichtiger als alles Andere. Aber es ändert wenig daran, dass es schmerzhaft bleibt, von der Welt derart verkannt zu werden, dass selbst die Ausweisänderung nichts daran ändern wird, dass ich für eine überwältigende Mehrheit immer dieser “persönlichkeitsgestörte Mann” sein werde.

Zu Verdanken habe ich das einerseits einer westlichen Denkweise, die abseits ihrer gerade postulierten Norm keine Abweichungen duldet, ohne sie als abartig zu klassifizieren. Mehr als das verdanke ich es einer psychiatrischen Religionsgemeinschaft, die Menschen wie mich jahrzehntelang als Gestörte hingestellt hat und mich wider aller wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht aus der Gestörten-Schachtel rauslassen will.

“Früher, als Du noch ein Mann warst”, lautet eine Redewendung, die ich gelegentlich zu hören kriege. Es ist nie böse gemeint, aber es zeugt davon, dass niemand wirklich zu verstehen vermag, dass eine transsexuelle Frau nie ein Mann war sondern immer nur einen spielte. An diesem falschen Verständnis von Transsexualität wird sich nichts ändern, zumindest solange nicht, wie die Götter in Weiss in ihren Kristallschlössern sitzen und ihr Wissen um die biologischen Ursachen von Transsexualität für sich behalten. Jahrzehntelang haben sie laut hinaus geschrien, dass transsexuelle Menschen persönlichkeitsgestört seien. Nachwievor werden wir in ihren Diagnose-Bibeln DSM und ICD als Männer klassifiziert, die lieber eine Frau wären – wider besseren Wissens! Solange die Psychiatriegläubigen ihren jahrzehntelangen Irrtum nicht bekennen, werden transsexuelle Frauen weiterhin als “die hässlichen Männer” wahrgenommen und Betroffene werden nie die Würde erhalten, in den Köpfen ihrer Mitmenschen dem Geschlecht zugehörig zu sein, das sie sind.

Es ist unsäglich entwürdigend, als Frau zum “hässlichen Mann” ernannt zu werden. Als hässlich zu gelten wäre verkaftbar, aber dem anderen Geschlecht zugewiesen werden, ist unendlich grausam, weil einem damit die Kernidentität und damit das Selbst abgesprochen wird. Dabei ist es egal, ob das infolge einer burschikosen Art wie bei Janis, oder ob es infolge anatomischer Merkmale wie bei mir geschieht, in beiden Fällen wird man zu etwas gemacht, das man nicht ist, was faktisch die Verleugnung meiner Existenz bedeutet.

Janis und ich, wir haben viel gemeinsam. Wir beide werden belächelt oder verspottet, nur weil wir so sind wie wir sind, weil wir das sind was wir sind, weil wir uns nicht zurecht biegen lassen sondern unseren Weg gehen und uns treu bleiben. Wir beide schreien unseren Schmerz heraus, sie singend, ich schreibend.

Nur in einem unterscheiden wir uns: Ich lasse mich nicht kaputt machen. Ich missgönne der Welt diesen letzten Triumph, diesen Sieg über die Andersartigkeit. Janis konnte mit gesellschaftlichem Anpassungsterrorismus gebrochen werden, bei mir wird das nicht gelingen – nicht zuletzt, weil ich es Janis schuldig bin, ihr und all den Millionen von Menschen, die in irgend einer Form von der “Norm” abweichen und um ihrer Selbst willen verachtet oder ausgegrenzt werden.

Man kann uns, die Andersartigen und Nonkonformen verachten, belächeln, ausgrenzen und dezimieren – aber man wird uns nie ausrotten können, weil “das Andersartige” die Achse der Evolution ist, weil die Natur ohne Vielfalt nicht Natur wäre……… Und vielleicht – nur vielleicht – wird diese Einheitsmensch-Welt irgendwann sogar begreifen, dass die Welt ohne uns “Evolutionsvarianten” eine viel ärmere Welt wäre.

http://www.youtube.com/watch?v=JjD4eWEUgMM


 

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