(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Ist Transsexualität eine Krankheit?

Für 99% der Bevölkerung und für einen Grossteil der Fachleute dürfte diese Frage kaum zur Frage stehen, Transsexualität resp Transidentität ist eine Krankheit. Aber ist das wirklich so? Und wenn Transsexualität eine Krankheit wäre, wäre es dann eine psychische Störung oder eine körperliche Fehlbildung? Als ich mich an der Psychiatrischen Universitätsklinik angemeldet habe, habe ich beim Einweisungsgrund “Geburtsgebrechen” angekreuzelt, somit dürfte meine eigene Haltung klar sein, ob sie den Tatsachen gerecht wird, bleibt aber offen.

Wir können Transsexualismus nicht als eine Störung der Geschlechtsidentität betrachten, sondern müssen ihn als Normvariante ansehen, die in sich, wie alle sexuellen Orientierungen, das ganze Spektrum von psychischer Gesundheit bis Krankheit enthält.
(Prof. Dr. Udo Rauchfleisch)

Interessant in dieser Frage ist der Standpunkt von Prof. Dr. Udo Rauchfleisch, er war jahrelang als klinischer Psychologe und Psychotherapeut an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Basel tätig und hat dort unzählige Transsexuelle behandelt. Nach all seinen Erfahrungen kommt Rauchfleisch zur Überzeugung, dass Transsexuelle nicht krank sind sondern, dass Transsexualität eine “Normvariante” ist. Die Norm ist, dass ein Mensch männlich oder weiblich ist und dass das biologische Geschlecht mit der inneren Geschlechtsidentität übereinstimmt. Transsexuelle sind also eine Variante zu diesen Norm-Fällen. Die gesellschaftliche Akzeptanz wäre wohl deutlich höher, wenn wir es so sehen könnten und die Stigmatisierung Transsexueller wäre ebenfalls stark reduziert. Aber Rauchfleisch ist wohl in der Minderheit mit seinem Standpunkt, betrachten wir also die Alternativen.

Was ist Krankheit? Wann ist jemand krank? Das Kranksein wird in der Regel so verstanden, dass jemand dann krank ist, wenn etwas an seiner psychischen oder physischen Gesundheit zu Leiden führt. Transsexuelle leiden enorm unter der Kluft zwischen ihrem biologischen Geschlecht und der Geschlechtsidentität. Somit kann man also von einem krankhaften Zustand sprechen. Aber was ist krank, Körper oder Geist?

Die offiziell medizinische Haltung ist seit je her so, dass Transsexualität eine Geschlechtsidentitätsstörung ist (Gender Identity Disorder), schon das Wort sagt also, dass die Identität gestört ist und nicht der Körper. Woher man diese Gewissheit nimmt, ist und bleibt ein Rätsel, denn bis zum heutigen Tag konnte niemand den Beweis dafür erbringen und niemand konnte diesen Standpunkt widerlegen.

Das einzige was man mit Sicherheit weiss ist, dass Transsexuelle schwerstem Leiden ausgesetzt sind, weil ihre Geschlechtsidentität nicht mit dem “biologischen Geschlecht” übereinstimmt. Wenn man aber die wissenschaftlichen Arbeiten anschaut, wird verwirrenderweise klar, dass es da verschiedene Denkansätze gibt. Was war zuerst, das Huhn oder das Ei? War zuerst, die Geschlechtsidentität oder das biologische Geschlecht? Tatsache ist, dass ein Embryo die ersten Tage weder männlich noch weiblich ist, selbst das primäre Geschlechtsorgan unterscheidet sich nicht. Erst nach ein paar Wochen beginnt sich der Körper in eine Richtung zu entwickeln. Was, frage ich, wenn die Geschlechtsidentität bis zu diesem Zeitpunkt bereits festgelegt ist?

Es gibt eine Vielzahl sich gegenseitig bestätigender Studien die davon ausgehen, dass eine hormonelle Störung im Körper der Mutter den Prozess der biologischen Geschlechtsbildung beeinflussen kann. Was also, wenn die Identität bereits festgelegt ist und der Körper sich plötzlich anders entwickelt? Es gibt sogar neurologische Studien, die zeigen, dass transsexuelle Frauen dieselbe anatomische Hirnstruktur haben wie andere Frauen auch, der Bereich BSTc der für die Geschlechtsentwicklung zuständig ist, hat dieselbe Grösse und Neuronendichte. Transsexualität hat auf jeden Fall biologische Ursachen.

Über die verschiedenen möglichen Ursachen möchte ich ein anderes Mal detailierter sprechen, fürs Erste möchte ich den Leser einfach mal mit der Frage konfrontieren, was nun krank sein soll, der Körper, der Geist…. oder eine Gesellschaft, nur nur schwarz-weiss Kategorien anerkennt?

Das einzige was wir mit Sicherheit wissen: Transsexuelle leiden und ihr Leiden kann reduziert werden, das alleine ist wichtig und hier soll Betroffenen auch mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln geholfen werden. Welche das sind, werde ich in einem nachfolgenden Beitrag erläutern.

Milton Diamond: Medizinische Ursachen für Transsexualität (Kapitel 2)


 

16 Reaktionen zu “Ist Transsexualität eine Krankheit?”

  1. Kim

    Ich finde, dass es wichtig ist, sich hierüber einmal Gedanken zu machen: “das biologische Geschlecht”. Was ist das? Wie ist es definiert? Wie wurde es definiert (z.B. noch vor 250 Jahren)? Wer hat davon etwas, dass es so oder so definiert wurde? usw. Vielleicht kommt nämlich am Ende dabei heraus, dass die Geschlechtsidentität eines Menschen nichts weiter ist, als das Wissen um das eigene biologische Geschlecht. :-) Davon gehe ich nämlich stark aus…

  2. Diana

    Wenn die Geschlechtsidentität nur das Wissen um das biologische Geschlecht wäre, gäbe es wohl keine Transsexuellen. Ich kenne mein biologisches Geschlecht, trotzdem stimmt es nicht mit meiner Geschlechtsidentität überein.

  3. Kim

    Natürlich gäbe es dann transsexuelle Menschen. Die Frage ist doch: Was ist das biologische Geschlecht? Wie setzt es sich zusammen? Welche Merkmale sind diejenigen, die einen Menschen zu einem Geschlecht zugehörig machen? Ich finde, die Geschlechtsidentität eines Menschen als Wahrheit über das biologische Geschlecht zu betrachten, erklärt – wenn man mutig ist – am Ende ziemlich gut, warum es transsexuelle Menschen gibt. Da es dann (biologische) Mädchen gibt, die mit Penis und Hoden geboren werden (und Jungs, die mit Vagina und Gebärmutter auf die Welt kommen). Dies hat für mich etwas mit dem Unterschied zwischen “sich fühlen wie” und “Sein” zu tun und was mensch denn nun als Basis für Behandlungen (medizinisch, politisch wie persönlich aber auch gesellschaftlich) nehmen soll.

  4. Diana

    Das biologische Geschlecht, also das körperliche Geschlecht, bestimmt sich nunmal durch den Körper und der ist zumindest bei mir unbestritten männlich – im Gegensatz zu Intersexuellen.

    Die Geschlechtsidentität ist viel mehr als einfach “sich fühlen wie”, es ist eben die tiefverankerte und nie mehr veränderbare Identität, das Wesen das sozusagen in meinem Körper sitzt.

    Es würde mir schwer fallen zu behaupten, mein körperliches Geschlecht sei weiblich, obwohl ich ein X und ein Y Chromosom habe und nicht ein einziges Körpermerkmal auf einen weiblichen Körper hindeutet.

    Die Frage ist für mich viel mehr, was macht “mein Sein” aus, ist es der Körper oder ist es mein Inneres, die Seele, die Persönlichkeit oder wie auch immer man das nennen will. Ich betrachte mich nicht als durch den Körper definiert, ich war schon immer weiblich und werde es immer sein – auch wenn mein weibliches Ich in einem bis jetzt noch männlichen Körper wohnt.

  5. Kim

    “Das biologische Geschlecht, also das körperliche Geschlecht, bestimmt sich nunmal durch den Körper und der ist zumindest bei mir unbestritten männlich”

    Ist das tatsächlich so? Ich glaube, dass es viele biologische Geschlechtsfacetten gibt, die heute evtl. noch nicht messbar sind und die auch nicht messbar sein müssen. Ich betrachte meine Seele/Geist nicht als unbiologisches Etwas, sondern als Teil eines biologischen Wesens. Wenn nun dieser Teil weiss, welchem Geschlecht er angehört, dann mag er zwar nach aktueller Definitionslage eine psychische Störung sein (F64.0) – wenn er aber Wissen ist, dann gehört er eben zu dem, was den real-existierenden Menschen ausmacht – und ist eben nicht bloss eingebildet oder Phantasie, sondern Hinweis auf biologische Grundlagen (die ja mittlerweile durch zahlreiche Studien bewiesen wurden). Ach, was solls…

  6. Diana

    Das Eis wird dünn, wenn man “noch nicht messbare” Geschlechtsfascetten als Argument verwenden will. Unter “biologisch” verstehen wir nach heutiger Terminologie das Körperliche, da kann mal höchstens noch damit argumentieren, dass Körper und Geist eine Einheit sind, soweit gebe ich Dir Recht.

    Aber vielleicht hast Du ja Recht, bio heisst ja Leben und das Leben setzt sich aus Körper und Geist zusammen. Vielleicht wird man irgendwann die Vorstellung des Biologischen entsprechend erweitern, ich würde das begrüssen, aber davon sind wir meilenweit entfernt.

    Im Übrigen gehe ich persönlich davon aus, dass TS keine Identitätsstörung sondern eine körperliche Störung ist. Wir sollten den Fokus eher darauf richten als zu versuchen, sex und gender zu vereinen.

  7. Tamila

    Hallo Diana,
    bin über Svenjas Blog auf Deine Website gestoßen. Erst einmal riesen Anerkennung an Dich! Du hast das gewagt zu tun was völlig normal ist. Du lebst endlich das was du wirklich bist und schon immer warst, ein Mädchen bzw. eine Frau. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass fast alle Lebenswege und Schicksalsverläufe von TS oder Transidenten nahezu gleich verlaufen. Auch ich lebe seit naja sagen wir fast 5 Jahrzehnten gefangen in meiner männlichen Hülle, abzüglich der Vorpupertären Entwicklungsphase.
    Jeder Mensch hat so etwas wie eine Seele auch wenn es einige nicht wahr haben wollen. Genau diese Seele gibt uns unsere wahre Geschlechtszugehörigkeit. Denn die Seele das sind wir, dass bin ich wirklich. Nicht das was in der Geburtsurkunde als Geschlechtszugehörigkeit steht. Mich graust selbst vor Worten wie transsexuell, schwull oder lesbisch etc. Ich bin Frau ganz einfach wie auch immer man das bezeichnen mag, es drückt damit jeden Betroffenen in eine Kaste in der er nicht gehört. Ich bin Frau und das schon immer, was kann ich für meine Hülle. Hat man für diese nicht irgendeine abartige Beschreibung außer “Mann” oder männlich? Sehr geehrte Diana ich schreibe diese Zeilen unter Eile meine Frau kann mich jeden Augenblick dabei überraschen, soweit wie Du bin ich trotzt meines Alters leider noch nicht. das ist auch sehr kompliziert wie Du sicher selber nachvollziehen kannst? Wenn du möchtest, erfährst Du an anderer Stelle Deines Bloges mehr über mich.
    Bis dahin herzliche Grüße Tamila

  8. Diana

    @Tamila: Ja da haste Recht, die Lebensläufe von transsexuellen Menschen haben oft Paralellen, vorallem was das Innere anbelangt. Die meisten durchleben lange Phasen der Anpassung und Selbstverleugnung, bis der Druck gross genug ist, um dreist genug zu werden und sich selbst zu entfalten.

    Ob der Mensch eine Seele hat weiss ich nicht, aber ich bin überzeugt davon, dass unser “Ich” nicht durch den Körper definiert ist. Andernfalls wären wir biologische Maschinen und unser Selbst eine Illusion.

    Und klar lese ich gerne mehr von Dir, hier hat’s ne Menge Platz, also füll hier rein was reinpasst ;-)

  9. Tamila

    Hallo Diana,
    gern teile Ich Dir von mir noch mehr mit. Ich lebe noch in einer festen Ehe “”eigentlich”" glücklich. So ist meine Frau noch im Osterurlaub und kann jeden Moment hinter mir erscheinen . Ab Dienstag gehts ins Krankenhaus nein nicht zur GaOp schön wäre es. Nur mein Restless legs abklären lassen. Möchte die Gunst der Stunde nutzen und dort ein erstes vorsichtiges Outing wagen . Wenn nicht jetzt wann dann habe ich auch schon Svenja geschrieben. Die Jahrzente der Last müssen endlich mal durchbrochen werden. Habe vor dem Outing natürlich totalen Bamel, Wie soll es danach weiter gehen? Fragen über Fragen und Angst und nochmals Angst. Wenn Du möchtest erfährst Du meine ganze Geschichte vielleicht gelingt mir das noch vor meinenm Krankenhausaufenthalt?
    Bis dahin danke ich Dir für Deine Hilfe, dass ich mich Dir so einfach mitteilen darf. Es hillft mir sehr.
    herzliche Grüße Tamila

  10. Morag

    @Tamila: Glaub an Dich…du bist, wie Du bist und das ist gut so!!

    Ich glaube, was Svenja in den letzten zwei Wochen widerfahren ist, hat einige wachgerüttelt-als ich das erste Mal in den Kommentaren davon gelesen habe, lief im Radio gerade “if today was your last day” von Nickelback-Gänsehaut pur.

  11. Diana

    @Tamila: Das Outing ist einer der schwersten und angsterfülltesten Dinge. Aber zumindest bei mir war es um ein Vielfaches harmloser, als ich befürchtet habe. Klar die direkt Betroffenen haben da erst mal was zu Beissen, aber wer einem liebt, wird auch damit klar kommen. Im persönlichen Umfeld und bei der Arbeit habe ich extrem viel Akzeptanz erlebt. Die Meisten reagieren im Stil von: ich versteh’s zwar nicht, aber wenn Du so glücklich sein kannst, dann ist das ok. Sei jedenfall herzlich willkommen hier und wenn Du Fragen hast, dann frag einfach, entweder hier oder via Mail.

  12. Tamila

    @ Morag
    Danke für die aufmunternden Zeilen, das tut unwahrscheinlich gut. Wer auch immer Du bist, Danke!
    Liebe Diana,
    melde mich sicher morgen ausführlicher. Dein Blog ist so aufschlussreich und für mich damit auch sehr hilfreich. Schön das Menschen wie Dich mit so viel Mut gibt.
    herzlichen Grüße Tamila

  13. Morag

    @Tamila: Lies Dir mal bei Gelegenheit Deine Mails durch-der Stein liegt bei Dir im Brett.

  14. Tamila

    @ Morag
    Hallo Morag gern können wir uns per E- Mail austauschen, freue mich darauf. Doch ich muss jetzt erst einmal ins Krankenhaus, ich werde mich bei Dir melden sobald ich wieder zu hause bin.
    Anbei bitte ich um Diskredition, da ich wie schon mal erwähnt in einer intakten Familie lebe. Ich stehe trotzt meines Alters erst am Anfang (trage viele Jahre diese Tonnenlast). Deshalb musss ich mich sehr vorsichtig und zaghaft vorwärts tasten. Also Schritt für Schritt den meine geliebte Familie zu verlieren wäre der absolute Absturz. Ich hoffe Du/Ihr vertseht mich?
    herzliche Grüße Tamila

  15. Morag

    @Tamila: Die Gesundheit geht vor, ist doch keine Frage :-).
    Hinsichtlich Diskretion brauchst Du Dir wirklich absolut keine Sorgen zu machen, es wird nichts weitergetragen!!

  16. Tamila

    @Morag,
    danke lieber /liebe Morag Melde mich sobald ich wieder da bin per e-mail bei Dir, versprochen. Du kannst mir ja über Dianas Blog (falls das möglich ist) ein Zeichen geben wer Du in etwa bist? Wäre sehr nett. Jetzt muss ich aber wirklich Schluss machen.
    herzliche Grüße von Tamila

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