(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Irgendwie kaputt gegangen…… oder gemacht

Gestern ist etwas in mir gröber kaputt gegangen. Ich weiss nicht mal genau was da geschieht, aber es ist alles andere als gut, es ist beängstigend, und es ist so verdammt unnötig. Mein Vertrauen in die Institution, die mein Leben in den Händen hält, ist auf dem Nullpunkt. Die Zuversicht, dass ich die bald stattfindende GaOp trotz aller möglichen Komplikationen gut läuft, ist einem unguten Gefühl gewichen. Und damit wird ein Fundament geschaffen, auf dem die um zwei Monate sinnlos verzögerte Op schon fast mit Sicherheit Probleme bringen wird.

Innerlich war ich bereits am Packen, machte mir schon Gedanken wegen der Post-Zurückhaltung, wollte die Gemeinde kontaktieren wegen der bevorstehenden Personenstandsänderung, ich war voller Tatendrang, voll Zuversicht, das baldige Ende dieses vierzigjährigen Irrsinns der sich Leben nennt, hat mir soviel Kraft gegeben. Ich wurde per September angemeldet, die Op wäre kurz nach den Sommerferien gewesen, der Moment hätte nicht besser sein können…… und vorallem hatte ich mich innerlich total auf diesen Termin eingestellt.

Nun wird es von heute aus noch drei Monate und Zehn Tage dauern, das klingt nach wenig, aber es sind hundert Tage, an denen ich jeden Morgen aufstehe und feststelle, dass dieser Albtraum immer noch nicht zuende ist. Weitere Male werde ich wieder als Frau mit männlichem Pass und männlicher Bordingkarte nach Deutschland fliegen, drei Monate lang weiter bei jeder Ticketkontrolle Blut und Wasser schwitzen, weil ich dem Ding in meinem Ausweis überhaupt nicht mehr ähnlich sehe.

Der gesamte Prozess einer Geschlechtsangleichung dauert ein Jahr. Hier dauert es zwei Jahre, als ob ein zusätzliches Leidensjahr zumutbar wäre. Man stützt sich dabei auf Behandlungsstandards, die völlig veraltet sind, die sogar gegen die europäischen Menschenrechte verstossen. Man fordert zur Anerkennung der Persönlichkeit eine Sterilisation, was ebenfalls gegen die Menschenrechte verstösst. Und bei denen, die diese Sterilisation, also die GaOp, tatsächlich wollen, die bis dahin faktisch dahinvegetieren, die lässt man hängen.

Ab Mitte September werde ich nicht anders können, als jeden Tag daran zu verzweifeln, dass dieser Irrsinn immer noch kein Ende hat, obwohl es so abgemacht war. Diese Tage werden brutaler sein als die Bisherigen, weil sie einfach unnötig sind, einfach eine Folge unmenschlicher Inkompetenz.

Mir wird klarer denn je, dass ich dort am Unispital kein Mensch bin sondern ein Fall, eine Nummer die von Abteilung zu Abteilung gereicht wird, der man den Leidensdruck abspricht. Die Leichtigkeit, mit der diese Leute mein Leiden um zwei Monate verlängern, empfinde ich als zutiefst unmenschlich.

Damit sitze ich nun definitiv in der Falle. Ich werde den schwierigsten Teil dieses Prozesses, da wo Vertrauen und Zuversicht am Wichtigsten wäre, ohne all das durchlaufen müssen. Eigentlich ist es blanker Wahnsinn, diese Op an dem Ort zu machen, an dem ich kein Vertrauen mehr habe. Aber was für eine andere Wahl habe ich? Ich verfüge nicht über das Kapital um die Op im Ausland zu machen. Momentan überlege ich, ob ich die Op evtl ans Basler Unispital verlegen kann, aber ich befürchte, dass die Krankenkasse da quer liegt und dass sich die GaOp so noch mehr verzögern wird.

Es ist wirklich zum verrückt werden. Noch letzte Woche hatte ich Tränen der Rührung in meinen Augen, als ich erstmals durch die Gänge der Chirurgie lief. Da würde mir bald geholfen, hier würde dieser Albtraum endlich zuende sein, bald, bald………….. und heute morgen musste ich nochmal kurz ins Unispital zur Dermatologie…….. und der Anblick des Unispitals löste in mir nur noch Wut und Ekel aus. Da ist nichts Vertrautes mehr, diese Gebäude stehen plötzlich nur noch für den Hort der Ignoranz, der mich einfach nicht ernst nehmen will.

Seit Mittwoch Abend liege ich krank im Bett, halb so wild, husten, Halsschmerzen, Kopfschmerzen, einfach so n’Krankheitsding, das ein funktionierendes Immunssystem schnell wegfegt. Ich kenne meinen Körper gut, ich habe gelernt auf ihn zu hören und bemerke kleinste Veränderungen. Aus Erfahrung weiss ich, dass ich bei guter emotionaler Lage jeden Käfer aus mir ausmiste. Gerade das gab mir auch die Zuversicht, dass ich auch die Op gut überstehe. Mit der Zuversicht und dem Immunsystem und der emotionalen Lage wäre das ein Klacks. Nachdem ich gestern das Couvert öffnete und diesen Termin las, begann innert wenigen Stunden ein körperlicher Zerfall, der wirklich gruslig ist. Es fühlt sich an, als ob das Immunsystem völlig weggeknickt wäre. Ich krieg keinen Bissen mehr runter, liege trotz extremer Erschöpfung stundenlang wach. Heute morgen war fast ein Quadratmeter meines Bettes patschnass, beide Deckenseiten nass, die Haare waren selbst eine Stunde nach dem Aufstehen immer noch nass. Ich fühl mich wie ausgekotzt.

Das kann ich nicht einfach ein und ausschalten, die Wechselwirkungen zwischen Körper und Geist sind Selbstläufer. So gut wie erst grad noch alles zusammen gespielt hat, so schlecht wirkt jetzt das Eine auf das Andere. Ja, gestern ist wirklich etwas kaputt gegangen und ich befürchte, dass das viel tiefer geht, als man es von lausigen zwei Monaten gestohlenem Leben erwarten würde.

Ich war der tote Winkel
Seit jeher – der tote Winkel
Nicht sichtbar – aber vermeidbar
Unsichtbar – aber vermeidbar
(Lacrimosa – Der tote Winkel)

PS: manchmal wünschte ich mir, ich könnte zaubern und könnte den medizinischen aber auch politischen Verantwortlichen wenigstens für einen Tag lang falsche Geschlechtsteile ranzaubern. Ich wette jeden Betrag, dass von da an transsexuelle Menschen auch die Würde zugesprochen bekämen, die angebracht wäre.


 

9 Reaktionen zu “Irgendwie kaputt gegangen…… oder gemacht”

  1. kus

    Hallo Diana
    Ich weiss nicht, wie da im Unispital die internen Abläufe sind, aber es gibt doch sicher offene Termine für Notfälle. Und Du bist sicher so einer. Schreib denen, was Du uns in Deinem Blog offenbart hast, emotional, damit die Deinen Leidensdruck nachvollziehen können. Am besten an Deinen Chirurgen, ich nehme nicht an, dass er es war, der den Termin auf den November verlegt hat. Oder sprich direkt mit ihm.
    Alles Gute
    Kus

  2. Tülay Benz

    Hallo meine Kleine !
    Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass der Doc nichts mit den Terminen zu tun hat. Er gibt die Daten an die Administration weiter und diese machen die Termine einfach klar. Eine nach dem anderen auf dem Stabel wird bearbeitet und du bist im Moment leider nicht die einzige die operiert werden muss. Amore verlier das Vertrauen nicht und ruf doch mal dem Chirurgen an und schildere Ihm Dein Problem. Wer weiss, vielleicht kann er da was drehen. Mädel Kopf hoch und Brust raus, lass Dich von dieser Welt da draussen nicht einschüchtern. Pass auf Dich auf !
    Besitos
    Tütü

  3. Morag

    Liebe Diana.

    Ein direktes Gespräch mit dem Chirurgen ist eine prima Idee-vielleicht (wahrscheinlich) weiß der garnicht, was die “Helden” in der Terminvergabe für Sachen drehen.

    Und wenn das nicht möglich ist oder nicht das von Dir dringend benötigte Ergebnis bringt:

    Ich weiß nicht, wie gut Du “Deinen” Sachbearbeiter bei der Krankenkasse kennst (und wie gut der Draht zu ihm oder ihr ist).
    Aber Du beschreibst sehr eindringlich, daß Dein Vertrauen als wichtigste Voraussetzung für das Gelingen einer größeren OP verloren ist-und ein reibungsloser und komplikationsloser Verlauf dieses Eingriffs ist doch auch im Interesse Deiner Krankenkasse (wenn schon nicht menschlich/persönlich, dann zumindest finanziell)…vielleicht lassen sie mit sich reden und Du kann die GaOP doch in Basel machen lassen.

    Fühl Dich aufmunternd gedrückt, Morag

  4. Diana

    Hallo an alle. Wie Tülay richtig sagt, hat der Chirurg nichts mit der Terminierung zu tun. Einmal mehr ist nicht eine einzelne Person schuld sondern das dahinterliegende System, das jede Menschlichkeit vermissen lässt. Ich wurde im Mai für die Op angemeldet, aber anstatt dann gleich die Op zu terminieren, hat man mir erst mal einen Gesprächstermin in zwei Monaten gegeben und mich wie alle anderen Kärtchen in die Kartei geschoben. Und nun, zwei Monate später, ist der September ausgebucht. Damit erübrigt sich alles Weitere, Gespräche nützen da nichts mehr. Wäre im September noch etwas frei gewesen, hätte ich den Termin gekriegt. Aber es war zu spät, weil für diese Pappnasen eine Überweisung zur Op nichts mit der Reservierung des Termins zu tun haben. Würde man Menschen wie mich ernst nehmen und die Dringlichkeit des Eingriffes entsprechend hoch werten, hätte man den Termin vor zwei Monaten gefixt. Aber so Kreaturen wie ich haben keine Priorität in einer Welt, die sowas wie mich bestenfalls duldet.

  5. Chrisi

    Hallo Du,
    nicht das Du denkst ich würde nichts dazu zu sagen haben, aber mir sind diesbezüglich die letzten Tage so viel Gedanken durch den Kopf gegangen, dass ich überhaupt nicht wusste, ob ich etwas dazu zu sagen habe. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass jedes Wort zu dem Thema zu viel wäre. Also “drücke” ich Dich einfach nur mal ganz fest und hoffe, dass Du die Zeit einigermaßen gut überstehst.

  6. Diana

    @Chrisi: Es ist wirklich so, dass es nicht viel dazu zu sagen gibt. Eine Dinge sind gesagt und die haben mich auch gefreut. Diese heftige Wirkung die dieser Vorfall hat, ist nicht rational zu erklären und vorallem gibt es da keine Ratschläge, ich muss einfach damit klar kommen, irgendwie. Aber so seltsam es klingen mag, es tut gut zu wissen, dass Ihr da seid und ein wenig mitfühlt. Ok, ist in dem Fall fies, ich will eigentlich nicht, dass Ihr das mitfühlen müsst. Trotzdem tut es gut, in diese Gewirr vertraute Stimmen zu hören :-)

  7. Chrisi

    Quatsch, viel sind ja nicht hier um von Dir “bespaßt” zu werden. Sie sind hier weil sie Interesse an Dir und Deinem Weg haben. Viele sind sicherlich auch schon zu so etwas wie Freunde geworden und dazu gehört nun mal auch, dass man die schlechten Zeiten zusammen durchsteht.

  8. Tamila

    Liebe Diana,
    möchte mich nach langer Abstinenz mal wieder melden.
    Kann Deinen Schmerz und Frust absolut nachvollziehen.
    Aber besteht nicht im Zeitalter der EU Erweiterung die Möglichkeit Deine Op in Deutschland durchführen zulassen? Die Erfahrungswerte lt. Internetangaben sind ja hier zu Lande für GaOps sehr gut. Leider habe ich keine Ahnung ob die Krankenkassen in der Schweiz diese Op auch für Deutsche Hospitäler bezahlen? Vorstellen kann ich mir das schon. Trotzdem Liebe Diana Du hast doch schon viel geschafft das sollte Dich aufbauen. Deine neue Geburtstunde wird kommen. Aber natürlich bei aller Vorfreude, die Wahl der “Entbindungsklinik” will es mal so nennen,
    muss schon wohl bedacht sein! Kopf hoch es geht immer irgendwie weiter. Ich dagegen hänge immer noch wie ein Uhrenpendel am Anfang, weiß nicht so recht wohin ich schwingen soll ? Das Gegengewicht Angst, meine Familie zu verlieren ist momentan noch zu groß . Im Oktober winkt mein erster wirklicher Termin bei einer eigens für TS autorisierten Psychologin. Tausche mich dazu auch immer noch mit morag aus.
    Kopf hoch liebe Diana meine Gedanken sind bei allen Menschen, die diesen schweren Weg gehen müssen.
    Liebe Grüße Tamila

  9. Diana

    @Tamila: schön Dich wieder mal zu lesen. Hierzulande zahlt die KK nur lokale Behandlungen, es sei denn, es gäbe hier niemanden der es tun kann. Wenn das hier in Zürich gemacht werden kann, habe ich keine Chance auf Kostenübernahme im Ausland. Ausserdem ist fraglich, ob ich dann nicht nach TSG das ganze Gutachter-Theater absolvieren müsste. Dir wünsche ich jedenfalls auch viel Glück und Kraft auf Deinem Weg.

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