(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

In der Stille des Wassers treibend

Wie fast jeden Sonntag, lag ich vorhin wieder mal in einem gut beheizten Bad, mit einem kühlen Bier am Badwannenrand, gab mich der Körperpflege hin und versank wie immer in dieser Stille, die nur das Wasser einem zu schenken vermag. Die Badewanne ist der Ort, an dem die Gedanken sich in alle Richtungen ausbreiten können, sie gleiten über das stille Wasser und wecken Gefühle die dann sanft aus dem Wasser aufsteigen.

Wie so oft kam dieser beiläufige Blick nach unten, der plötzlich magisch angezogen hängen blieb, das Erstaunen über den Anblick der sich mir bietet. Stille, glückseelige Stille, der Blick zwischen den Brüsten dem Venushügel entgegen, offenbart ein Bild der Harmonie, die mich tief berührt und mir Frieden schenkt. Nicht, dass dieser Anblick so toll wäre, dass ich daraus gleich einen Pinup-Kalender machen würde, darum geht es auch nicht. Es ist diese Stimmigkeit, nun wirklich im “richtigen Körper” zuhause zu sein, der mir soviel Frieden schenkt.

Ich erinnere mich an die unzähligen Moment, in denen ich in kindlichem Alter in der Badewanne sass, dieses fehlplatzierte Ding zwischen den Beinen “versteckend”, den Anblick dieser hügellosen Landschaft betrachtend, aller Vernunft zum Trotz an der Hoffnung hängend, dass sich das hier Hängende irgendwann auflöst – und der Schmerz, wenn ich mir mal wieder bewusst machte, dass diese Sehnsucht ein unerfüllbarer Traum ist.

Und nun liege ich da, erblicke dieses unerfüllbare und doch wahr gewordene Wunder – und entschwebe in das was ich nur als Stille annähernd umschreiben kann – keine tobenden Gefühle, keine stürmischen Gedanken, keine Hilflosigkeit, keine Hoffnungslosigkeit, keine Aufschreie – es ist wie wenn man einen Stein in einen stillen Teich wirft, der rundum Wellen produziert, die sich immer mehr verlaufen und dann irgendwann der Teich wieder zu vollkommener Ruhe kommt.

Natürlich werde ich weiterhin meine Probleme haben, Wellen die mir meine ruhe durchbrechen. Momentan droht mir der Zahnarzt, die Laserepilation, Kontrolltermin in der Chirurgie, Termin in der Endokrinologie, Augenarzt drängt sich wegen aufkommender Alterskurzsichtigkeit auf…….. mit nicht mal 45 Jahren, ey was soll denn der Scheiss – dann sind relativ knappe finanzielle Verhältnisse, Angst vor zukünftigen Stigmatisierungen und Diskriminierungen, die kaum bin ich frei zu Verblühen beginnende Jugend……. ich könnte noch lange aufzählen, was mir weiterhin Sorgenfalten ins Gesicht pflügt – aber das ändert nicht viel an der Tatsache, dass ich auf dieser “Stille des Wassers” gebettet bin, das ist trotz aller Unvollkommenheit des Lebens und Meinerselbst unglaublich stabil.

Im Frieden mit sich selbst leben zu dürfen, ist wohl das grösste Geschenk das einem das Leben bieten kann – abgesehen von einem Menschen den man über alles liebt und von dem man über alles geliebt wird – beides habe ich nun – shalom :-)


 

2 Reaktionen zu “In der Stille des Wassers treibend”

  1. Ruby

    Herzlichen Glückwunsch, hast ja alles gut überstanden. Habe schon richtig lange nicht mehr bei Dir mit gelesen.

    Inwiefern Angst vor zukünftiger Stigmatisierungen und Diskriminierungen? Weil Du Dein Leben mehr oder weniger öffentlich gemacht hast?

    Eventuell wird Dir so ein stealthes Leben vergönnt bleiben, beziehungsweise läufst Du Gefahr, von anderen immer wieder mit Deiner Vergangenheit konfrontiert zu werden. So gesehen bezahlst Du natürlich einen hohen Preis. Hast es dafür aber vielleicht ein bisschen geschafft, einige Vorurteile innerhalb der Gesellschaft gegenüber Menschen, die mit gegengeschlechtlich entwickelten Körper- und Geschlechtsmerkmalen geboren wurden, abzubauen.

    Ich wünsche Dir und Deiner Juliet ein langes glückliches Leben.

    Lieben Gruß aus der Ferne…

  2. Diana

    @Ruby: Dein Kommentar ist leider liegengeblieben, trotzdem noch schnell eine Antwort.

    Ein Stealth Leben strebe ich definitiv nicht an, weil ich davon ausgehe, dass ich mich völlig verrückt machen würde. Deshalb habe ich den umgekehrten Weg gewählt. Ich lauf zwar nicht grad mit einem Schild rum, auf dem steht, dass ich transsexuell war, aber ich stehe offen dazu, so muss ich mich nicht verrückt machen mit der Angst, enttarnt zu werden. Und bisher bin ich gut damit gefahren. Ich muss zwar vorläufig leider weiterhin eine gewisse Rücksicht nehmen aus familiären Gründen, aber der überwältigende Teil meines Lebens verläuft in totaler Freiheit – Offenheit ist entwaffnend ;-) Und nicht zuletzt ist es halt auch eine Art Mission für mich, nur wenn Betroffene das Fenster zu ihrer Seele öffnen, können Nichtbetroffene hineinsehen und so vielleicht lernen zu verstehen.

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