(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Hormontherapie auf Pflaster umgestellt

Endlich geht meine Hormontherapie in die richtige Richtung, meine Endokrinologin vom Unispital hat mir heute Pflaster verschrieben, die risikoreichere Pillenschluckerei hat also endlich ein Ende. Bei der meines Erachtens niedrigen Dosierung bin ich skeptisch, aber wir treffen uns in drei Monaten wieder und entscheiden dann ob die Dosis erhöht werden soll.

Alles in Allem hatten wir ein gutes Gespräch und ich bin mega froh um die neue Verabreichungsform, erstens weil sowohl das Thromboserisiko als auch die Leberberlastung deutlich höher ist bei Pillen und zweitens weil ich nun schon mehrfach von Betroffenen gesagt bekommen habe, dass die Hormonaufnahme über die Haut auch eine bessere Feminisierung mit sich bringt, ich könnte mir vorstellen dass das viel zu früh stagnierte Brustwachstum nochmal einen Schub bekommt.

preOp / postOp Dosierungen
Vor der genitalangleichenden Operation wurde ich ja mit Medis geradezu zugebombt, neben erstaunlich hohen 100mg Androcur als Testosteronblocker gab es 8mg Estradiol in Form von 4 Tabletten, nach der Operation wurde auf 2mg Estradiol umgestellt. Der Körper wird bei diesen Tabletten mit Östrogen geflutet, das die Leber belastet und der grösste Teil (ich glaub über 90%) gleich wieder rausgeflutet wird. Vom Körper wirklich aufgenommen wird nur ein kleiner Teil davon. Bei Pflastern oder Cremes geht das Östrogen hingegen nicht durch die Leber, belastet diese also nicht und wird permanent in kleinen Dosen abgegeben, so dass es vom Körper auch gut verwertet werden kann.

Pflaster statt Pillen
Seit heute nehme ich nun alle drei Tage ein Pflaster mit 50mcg Estradiol (Estradot 50). Das sollte mengenmässig in etwa einer Tablette mit 2mg Estradiol entsprechen, dürfte aber wie oben erwähnt eine bessere Wirkung haben, da bin ich nun gespannt, ob ich einen Unterschied merken werde. Aber auf jeden Fall lebe ich nun weniger riskanter, das gibt mir ein gutes Gefühl.

Tiefe Dosierung und dann schauen wir mal
Ich hätte gern eine höhere Dosis gehabt, aber die Endokrinologin vertrat den verständlichen Standpunkt, dass sie nicht zwei Veränderungen aufs Mal machen möchte, weil wir so eher sehen was etwas bewirkt oder verändert. Deshalb nehm ich nun die nächsten drei Monate diese tiefe Dosierung, von der die Endokrinologin glaubt es sollte reichen und dann treffen wir uns wieder und schauen aufgrund der Erfahrungen, ob eine Dosissteigerung Sinn macht.

Grapefruit als Turbo?
Apropos Steigerung, ich erzählte ihr, dass ich kürzlich ein Experiment gemacht habe und zwei Wochen lang täglich zwei Gläser Grapefruit Saft getrunken habe, weil ich von anderen Betroffenen erfahren habe, dass Grapefruit den Abbau des Östrogens im Körper verlangsamt. Damit erhöht sich die Wirkung der Östrogene, aber natürlich auch das Thromboserisiko, es ist als würde man höher dosieren, tut’s aber nicht wirklich. Als ich das ausprobierte, war das gelegentliche Kribbeln in der Brust deutlich spürbarer. Sie bestätigte mir dann, dass Grapefruit tatsächlich diese Wirkung hat. Aber fasst das jetzt bitte nicht als Aufforderung auf, vorallem wenn man eh schon hoch dosiert, darf man keinesfalls noch solche Verstärker nehmen. Aber ich finds eine spannende Alternative, Tiefdosierung mit Grapefruit-Turbo. Fürs Erste werde ich jetzt mal die Pflaster allein nehmen und falls sich da nichts spürbares tut, versuch ich es zusätzlich mit Fruchtkram, ich halt Euch auf dem Laufenden.

Progesteron?
Ausserdem sprachen wir nochmal über die Zugabe von Progesteron. An den meisten Orten werden transsexuelle Frauen nur mit Estradiol behandelt, weil man glaubt, Progesteron sei nur für “genetische Frauen” relevant. Mehrere Betroffene und einzelne Endokrinologen sehen das jedoch anders, sie vertreten den Standpunkt, Progesteron würde helfen, Estradiol in Estriol oder sowas umzuwandeln und erst das wird vom Körper gebraucht. Damit habe ich mich noch zuwenig auseinandergesetzt und kann mir da noch keine Meinung leisten. Aber trotz ihrer Skepsis zeigte sie sich offen, einerseits dürfe ich ihr gerne allfällige Studien zukommen lassen und anderseits könnte man evtl auch darüber reden, es zumindest mal zu probieren. Aber auch da gilt, dass so eine Veränderung nicht zusammen mit anderen Veränderungen gemacht werden. Ich werde also versuchen Infos zu sammeln und falls ich vom Nutzen genug überzeugt bin, werden wir mal schauen ob wir uns da doch mal ranwagen.

Genetische Frauen?
Beim Ausdruck “genetische Frauen” musste ich grinsen, ich hab mir das noch nie so überlegt, aber irgendwie gefällt mir der Ausdruck. Als ich ihr grinsend meine Verblüffung kundtat, sagte sie sinngemäss: na das ist ja auch das Einzige was Sie unterscheidet. Das klingt für mich wie: es gibt Frauen mit weiblicher Genetik und Frauen mit Männlicher, mehr als ein unpassendes und kaum benutztes Y-Chromosom unterscheidet mich nicht von jeder anderen Frau. Zumindest ihre dahinterliegende Sichtweise gefiel mir :-)

Fristenlösung und unterlassene Hilfeleistung
Dann sprachen wir noch über das was ich den Kompetenzzentren als “unterlassene Hilfeleistung” vorwerfe, dass man transsexuelle Menschen erst ein Jahr lang ohne Hormone den zynisch “Alltagstest” genannten Erlebnisalbtraum durchlaufen lässt, bis man dann von heute auf morgen mit der Volldröhnung gesegnet wird. Ich sagte ihr, dass ich es für sinnvoller halte, früher und tiefer dosiert anzufangen und dann zu steigern. Einerseits werden Betroffene so nicht völlig liegen gelassen in dieser Alltagstest-Zeit, profitieren von ersten Verweiblichungen des Äusseren und können auch schon früh spüren, was in ihnen abgeht. Ob man den Wechsel des Hormonsystems als einem entsprechend empfindet, ist für mich eines der deutlichsten Anzeichen die für eine Diagnose von “Transsexualismus” sprechen.

Das brachte uns auf das Thema Alltagstest und Fristenlösung und sie sagte wie bereits der Chef der Psychologieabteilung, dass sie sich da stark im bewegen sind. Das ist sehr erfreulich, erstaunt mich aber doch insofern, weil ich vom Outing bis zur Endokrinologie genau ein Jahr brauchte, also den vollen Umfang dessen was in diesen Behandlungsstandards vorgebetet wird. Nur bei der Anmeldung für die Operation bekam ich einen Teil der Zeit “geschenkt”, aber Hormone gabs ein Jahr lang nicht – jedenfalls nicht von dort.

Schluss mit Informations-Verweigerung
Und das brauchte uns zum letzten Thema, in dem sie zu meiner Überraschung ganz meiner Meinung war. Es darf nicht sein, dass jemand wie ich selber Hormone besorgt und nicht mal ein informatives Gespräch mit der Endokrinologie bekommt. Da fehlte auch ihr jegliches Verständnis, sie ist der Ansicht, dass man klar unterscheiden muss zwischen dem Abgeben eines Rezepts und der Information. Für ein Rezept muss sie die vorher gemachte Diagnose haben, aber wenn jemand wie so Manche selber Hormone bestellt, weil man ja keine bekommt dort, muss zumindest möglich sein, dass man aufgeklärt wird. Nicht so wie es bei mir gelaufen ist. Ein Jahr lang nahm ich selber Hormone, berichtete auch monatlich in der Psychologiestunde was ich wieviel nehme, sagte auch dass ich Diane-35 nehme, alles wird aufgeschrieben und weggeschlossen und ein Jahr später geh ich zur Endokrinologie und die verdreht die Augten und sagt: Ne nicht Diane-35, die hat das höchste Thromboserisiko, gerade Sie als Raucherin hätten die nicht nehmen dürfen. Sowas muss vermieden werden und die Endokrinologin sagte, sie würde das mit den Verantwortlichen besprechen und sich dafür einsetzen, dass Infogespräche unabhängig von erteilten Diagnosen möglich sind.

Fazit
Langer Rede kurzer Sinn, ich kann meine Hormone endlich in vernünftiger Form zu mir nehmen und bekam wieder mal Ausblicke auf positive Veränderungen am Unispital. Was mir auffällt, ist dass man dort freundlich und verständlich vorgebrachte konstruktive Kritik ebenso freundlich entgegen nimmt. Ob es sich auf zukünftige Behandlungen auswirkt, wird sich zeigen, aber bisher habe ich den Eindruck, dass man eingebrachte Argumente doch ernst nimmt. Ich bin gespannt, wie sich die Behandlungsmuster am Unispital in den nächsten Jahren verändern. Umso wichtiger ist es, dass auch Betroffene wie ich sich vor Ort äussern und ihre Erfahrungen teilen.


 

4 Reaktionen zu “Hormontherapie auf Pflaster umgestellt”

  1. Frank

    Was mich mal interessieren würde: Es gibt doch auch Hormone in Gel-Form, die genau dosiert sind. War das auch im Gespräch?
    Gruß
    Frank

  2. Diana

    Gel geht im Prinzip auch, wird teilweise auch gemacht. Die Dosierung dürfte ähnlich einfach sein, da gibts auch Dosiereinheiten. Beides hat Vor- und Nachteile. Ich mag Pflaster weil sie regelmässig Hormone abgeben, hab dafür n’Kleber irgendwo auf der Haut. Beim Gel hat man dafür die Arbeit, was auch schön sein kann. Ich glaub schlussendlich spielt das keine Rolle.

  3. Claudia

    Das Estreva-Gel läßt sich sehr gut anwenden, doch habe ich etwas eigenartiges damit erlebt. Das Steroidhormon Estradiol wurde im Körper in Androgen umgewandelt mit den entsprechenden unerwünschten Wirkungen. Mein Gynäkologe sagte mir, daß dieser seltene Fall schon mal in der Literatur erwähnt worden ist. Nun bin ich wieder auf Pflaster umgestiegen, denn zurück wollte ich nicht.

  4. Diana

    @Claudia: diesen Effekt kenne ich nicht, aber ich bin eh zufrieden mit den Pflastern, ich kriege Estradot und die sind sehr klein und halten gut.

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