(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Gratwanderung zwischen Glücklichsein und Verzweiflung

Langsam aber sicher geht es wieder aufwärts nach meinem Crash diese Woche, aber ich bin noch immer ziemlich durch den Wind. Je höher man fliegt, desto tiefer fällt man. Seit Anfang Jahr fliege ich sehr hoch, entsprechend heftig fällt dann der Fall auch aus. Hesse kritisierte am modernen Menschen mit Recht deren Hang zur Mittelmässigkeit, nur ja in kein Extrem verfallen, alles soll immer schön neutral gelebt werden. Der Weg einer Geschlechtstransformation ist genau umgekehrt, man lebt in vielerlei Hinsicht fast ausschliesslich in den Extremen, vorallem wenns um Emotionen geht.

Niemand kann sich vorstellen, was für Glücksgefühle es auslöst, wenn jemand beginnt in seiner wahren Geschlechtsidentität zu leben, die man ein Leben lang unterdrückte. Sich selbst zu sein, etwas das für Andere eine absolute Selbstverständlichkeit ist, wird zu einem unfassbaren Wunder. Ich wünschte mir, ich wüsste Worte, die dieses Gefühl auch nur annähernd ausdrücken können, aber mir fällt nicht mal ein bildhafter Vergleich ein, weil es einfach unvergleichlich ist. Eigentlich wären wir hier bereits beim Happy-End einer tragisch beginnenden Lebensgeschichte angelangt, wären da nicht auch die Schattenseiten, die das neue Leben manchmal zu einem Spiessrutenlauf machen.

Über die beziehungsmässige Hoffnungslosigkeit mag ich gar nicht gross reden, darüber ist hier bereits zuviel zu lesen und der Grad meiner Resignation nimmt mir die Lust, mir darüber Gedanken zu machen. Damit habe ich mich abzufinden, nicht zuletzt weil es auch mit dem zusammen hängt, was nun folgt.

Auch wenn ich mich von Monat zu Monat mehr an blöde Blicke und Ähnliches gewöhne und auch wenn dies zumindest an guten Tagen viel seltener geworden ist und auch wenn ich stark genug bin um über der Sache zu stehen, das ändert nichts daran, dass es jedes Mal ein klein wenig schürft. Steter Tropfen höhlt den Stein und wenn man immer an derselben Stelle kratzt, kommt man irgendwann beim Knochen an.

Das Problem sind eigentlich nicht die einzelnen Leute oder Blicke, es ist mehr, dass es mich immer wieder daran erinnert, dass diese Gesellschaft und ihr westlich-dualistisches Weltbild in mir nicht das sehen was ich bin. Für Fachleute habe ich eine Persönlichkeitsstörung (gender identity disorder), für Laien bin ich irgend etwas zwischen krank, gestört, exzentrisch und pervers. Ich werde von Leuten die mich nicht kennen verurteilt, einzig aufgrund meiner Wesensart, die niemandem Schaden zufügt. Bei indigenen Völkern gelten Transgender nicht als minderwertig oder kaputt, sie werden als vollkommener wahrgenommen, als Wesen, die mehr haben als andere, die zwei Seelen in ihrer Brust haben (mehr über TwoSpirits demnächst).

Sich diesen Wertungen immer wieder auszusetzen, ist eine der grössten Herausforderungen und auch Stolperstein für Transgender, im Speziellen für Transsexuelle. Eigentlich hätten Transgender allein schon deshalb Anerkennung verdient, weil sie im Gegensatz zu den meisten “Individuen” ihren Weg konsequent gehen und sich nicht vorschreiben lassen, wer, was oder wie sie sind. Anstelle dessen belächelt man diejenigen, die einem eigentlich in drastischer Weise vorleben, was im eigenen Leben fehlt – Individualismus und Selbstentfaltung.

Ich empfinde mich nicht als minderwertig sondern habe tatsächlich die Erfahrung gemacht, dass ich auf zwei Seiten blicken kann, mit männlichen und weiblichen Augen sehen und denken kann, ich schätze das an mir – und trotzdem tut es weh immer wieder zu spüren, dass andere das ganz anders sehen.

Und so sammeln sich die Erfahrungen, es schürft sich tiefer und tiefer und all diese Eindrücke werden begleitet durch gelegentliche Ängste, angegriffen zu werden, Opfer von Mobbing zu werden oder den Job zu verlieren und vieles mehr. Hinzu kommen ständige Arzttermine, Logopädie, Psychotherapie, Hormonbeschaffung und all die Kleinigkeiten, die mir zwar helfen, für die ich dankbar bin, die aber doch Zeit rauben und Energie kosten und mir immer wieder vor Augen halten, dass da etwas kaputt ist und repariert werden muss.

All das ist ein harter Weg der enorme Stärke erfordert und er wird nur deshalb möglich, weil wir Transgender durch unser so erkämpftes Ich-sein unvorstellbare Kräfte entwickeln, die allein aus dem Glücklichsein resultieren. So wird das Leben zu einer richtigen Achterbahn, in der es hoch und runter geht und manchmal geht es sogar fast gerade runter.

So ein gerade-hinunter hatte ich diese Woche, ohne grösseren Auslöser, es war einfach der Zenit des Erträglichen überschritten und es hat gerumpelt. Noch heute, zwei Tage später, sind meine Augen zugeschwollen, so dass sich das Blickfeld richtiggehend verengt hat. Und doch gab es schon heute wieder die ersten Glücksmomente, diese nennen Kleinigkeiten, die für Andere so selbstverständlich sind und für mich auch nach einem Jahr als TransFrau immer wieder kleine Wunder darstellen.

Wieder den ganzen Tag meinen Namen hören, der wie ein Weckruf durch meine erstarrte Seele hallte. Meist fällt mir das mit dem Namen gar nicht mehr so auf, es ist bereits so normal geworden. Aber an Tagen wie heute ist es wirklich erquickend. Einmal ergab sich ein relativ heftiges Fachgespräch zwischen zwei meiner Jungs, bei dem es um eine Schnittstelle ging in einem meiner Programmteile. Ich stand da in der Tür und war nur indirekt an der Diskussion beteiligt, da ging ein Ping-Pong los im Stil von: “ja wenn sie das so macht”, “aber sie müsste dann”, “für sie ist es besser wenn”…… und zig Mal gings hin und her, ständig wurde über mich gesprochen und das in einer Selbstverständlichkeit in der “sie”-Form. Ich stand fasziniert da, sog die Worte wie ein Schwamm auf und meine grad mal wieder in Trümmer liegendes Frausein wuchs von Satz zu Satz.

Was wirklich schön war daran, war das Gefühl, dass wenigstens die Leute, die täglich mit mir zusammen sind, dass die in mir immer mehr die Frau sehen die ich bin oder mich zumindest als diese Frau respektieren. Das ist ein grosser Trost und genau genommen ist es sogar das Wichtigste, abgesehen von meinem Selbstbild und meiner Selbsteinschätzung. Von denen, die mir nahestehen, ernst genommen zu werden, ist mehr wert als tausend idiotische Blicke zerstören könnten. Mir wurde mal wieder bewusst, wie froh ich sein kann, dass ich so gute Leute um mich rum haben, ich weiss nicht, ob ich das ohne diese Akzeptanz überstehen würde.

Es wird noch viele Hochs und Tiefs geben, noch viel Lebensfreude und Verzweiflung, aber solange ich mich habe und mich sein kann und solange die mir Nahestehenden weiter so nahestehen, solange wird diese Bergundtalbahn auch sicher ihrem Ziel entgegen fahren.

Aber ich muss wirklich über die Bücher gehen. Dieser Vorfall diese Woche hat mir gezeigt, dass ich mich nicht darauf verlassen kann, dass mir meine neue Lebensfreude jede Widrigkeit des Lebens wegfegt. Auch die schönsten Schuhe nützen wenig, wenn Du keine Füsse hast – auch die grösste Lebensfreude macht nicht unverletzlich.


 

Einen Kommentar schreiben

Please copy the string 3rwd8Z to the field below:



Copyright © 2018 by: (t)-Girl Diana • Template by: BlogPimp Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.