(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Geschafft! Das Reparaturprogramm läuft wieder

Ich hab echt schon befürchtet, dass ich aus diesem Tief nicht mehr rauskomme, aber gestern Abend ist mein psycho-emotionales Reparaturprogramm endlich angelaufen – spät aber dafür effizient – und so erlebe ich heute erstmals wieder einen schönen Tag, an dem ich aufstehe, ohne dass mir die Decke bereits im Bett auf die Birne knallt. Auf jeden Fall macht es den Eindruck, als ob ich über dem Berg wäre und damit wird auch wieder vorstellbar, dass ich in 76 Tagen guten Mutes meine GaOp machen kann.

Warum diese GaOp Verschiebung so einen enormen Sturm in mir ausgelöst hat, ist mir nachwievor nicht ganz klar. Es war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Eine grosse Zahl an Widrigkeiten, die mir in den letzten Monaten zugesetzt haben, sind zu einem einzelnen Ding zusammengeschmolzen, ein Ding, das viel grösser war als die Summe seiner Teile. Es gab Vieles in letzer Zeit, das mich zermürbte und das Meiste hatte damit zu tun, dass ich immer wieder mit der Tatsache konfrontiert war, dass niemand wirklich versteht was ich bin. Egal ob Nahestehende, für die ich in ihrem Kopf immer irgendwie der Mann bin, der ich nie war oder Aussenstehende, die mich für gestört halten und bestenfalls belächeln bis hin zu Fachleuten, die wider aller wissenschaftlichen Fakten nachwievor die Mär von der Geschlechtsidentitätsstörung predigen und ihre Behandlung darauf ausrichten. Als ich dann aufgrund dieser GaOp-Terminverschleppung den Eindruck bekam, dass selbst die mich unterstützenden Ärzte nicht verstanden haben, worum es eigentlich geht, kam es zum Kollaps. Ein riesengrosses emotionales Durcheinander entstand in meinem Kopf und alles wirbelte so in mir rum, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, es war einfach alles nur noch gegen mich. Ich sah mich als eine eigentlich fast normale Frau, die von der ganzen Welt für ein Kaninchen gehalten wurde, irgendwie war alles einfach zuviel.

Ich kenn so Gedankenstürme von früher, da hatte ich sowas öfters mal, immer wenn viele negative Gefühle im Rudel daher kamen. Irgendwann verliert sich das Rationale und nur noch eine Emotionsbrühe bleibt übrig, in der man zu ersaufen glaubt. Seit ich als Diana lebe, kenne ich das nur noch andeutungsweise. Klar kracht mir mal die Decke auf den Kopf, aber meist kann ich das noch am selben Tag wieder richten, kann einzelne Probleme angehen bevor es zu dieser Emotionsbrühe wird. Früher, wie gesagt, hatte ich so Zeiten öfters mal und ein Leben lang war ich immer wieder von Neuem fasziniert wegen diesem Reparaturprogramm in mir. Ich hab keine Ahnung was das genau ist, was dieses Programm aktiviert oder wie es genau arbeitet. Es ist immer so, dass ich – in der Regel etwa nach einem Tag – plötzlich ruhig werde in mir, alle Probleme laufen wie in einer Dia-Show an mir vorbei, jedes hält kurz an und irgend so eine kluge Stimme in mir kommentiert das, ganz rational, ganz pragmatisch. Ich lerne in so Momenten, diese Brühe wieder in ihre Einzelteile zu zerlegen und werde mir bewusst, dass es eigentlich viele kleine Dinge sind, von denen jedes für sich allein entweder angegangen oder erduldet werden kann. Dann geht die rationale Aufräumerei los, ich ändere, was ich ändern kann und nehme hin, was ich nicht ändern kann und schon ist wieder Ruhe.

Diesmal versagte mein Reparaturprogramm, von dem ich echt unsicher bin, ob es einfach der rationale Geist ist oder ob das irgend eine spirituelle Instanz ist, etwas Wesenhaftes das mir beisteht. Jedenfalls ging diesmal gar nichts, ich blieb in dieser Suppe liegen, versuchte selber meinen Kopf zu ordnen, aber das ging einfach nicht. Das wäre auch früher nicht gegangen, nicht ohne dieses Programm, das plötzlich aktiviert wird, ohne diese kluge Stimme in meinem Kopf, die alles so pragmatisch sehen und erklären kann.

Gestern erreichte mein Tief einen neuen Höhepunkt, als mir am morgen klar wurde, dass der September begonnen hat, mein September, der Monat an dem ich diesen Albtraum endgültig abschliessen kann. Anstelledessen lagen diese 77 Tage vor mir. Den ganzen Tag war ich traurig, verzweifelt, wütend, da war einfach nichts Gutes mehr in dieser Welt. Um vier Uhr ging ich nachhause, weil ich bei der Arbeit nix mehr auf die Reihe kriegte und ich hatte echt das Gefühl, als ob diese Verzweiflungsspirale nun zwei Monate weiter ihre Runden dreht.

Zuhause angekommen, legte ich mich aufs Sofa und plötzlich war es da, dieses achso geliebte und mir so bekannte Gefühl. Ich fühlte mich erst grad noch wie ein Ballon dem die Luft rausgelassen wurde und plötzlich spürte ich, wie irgend etwas mich auffüllt, ich konnte das schon fast körperlich fühlen. Eine Energie durchströmte mich, die mir in letzter Zeit so gefehlt hat……… und die Diashow ging los, inklusive dieser klugen Stimme, die alles kommentierte. Das klang dann beispielsweise so:

  • Ich: niemand versteht mich, alle halten mich für einen Mann der eine Frau sein will.
  • Stimme: inwiefern betrifft Dich das denn? Du weisst doch, dass Du eine Frau bist, was ändert sich daran, wenn andere Dich für n’Kerl halten? Würdest Du auf vier Beinen laufen, wenn sie Dich für ein Pferd hielten, würde Dich das zu einem Pferd machen?
  • Ich: öhm, nö, eigentlich nicht.
  • Stimme: Du bist wer Du bist und was Du bist, daran ändert sich auch nichts, egal was Andere für eine Vorstellung von Dir in ihrem Kopf haben.

In den meisten Fällen lief es darauf hinaus, dass diese kluge Stimme etwas sagte im Stil von: “und was geht Dich das an” oder “warum sollte Dich das interessieren” oder “inwiefern betrifft Dich das denn” und fast immer konnte ich der Stimme Recht geben. Ich erinnerte mich an meinen einstigen Blogbeitrag “Wer zeichnet mein Selbstbild“, in dem ich genau das predigte, das mir diese Stimme gestern wieder eintrichterte. Manchmal vergisst man seine eigenen Ratschläge, gut dass ich sie notfalls hier wieder nachlesen kann ;-)

Jedenfalls ist jetzt wieder Ruhe eingekehrt. Es gibt zwar noch Vieles, das ich jetzt aufarbeiten muss, vieles über das ich nachdenken muss, Dinge die ich angehen oder mich damit abfinden muss. Aber das Wichtige ist, dass wieder alles unter Kontrolle zu sein scheint.

Klar bleibt die Tatsache, dass ich kaum noch erleben werde, dass transsexuelle Menschen wirklich verstanden werden. Die Menschenrechtsverletzungen in der Behandlung von transsexuellen Menschen bleiben wohl noch länger ein Fakt. Das Lebensjahr, das mir gestohlen wurde im Verlauf dieser künstlich verlängerten Behandlungsphase, bleibt verloren. Aber all das – so ärgerlich und schmerzhaft es ist – ändert nichts daran, dass ich meinen Weg gehe, dass ich mich entfalte und mir die Lebensfreude erkämpfe, die für ein menschenwürdiges Leben nötig ist. Nur das zählt. Dieser Weg ist nicht leicht und Hindernisse gibt es viele, aber es gibt nichts, das mich noch aufhalten könnte – was brauche ich da mehr?

Ich glaub, diese “Auferstehung” muss gefeiert werden mit einem grossen Eimer Guinness. Zeit, diese Woche wieder mal ins Pub zu gehen :-) Prost!


 

5 Reaktionen zu “Geschafft! Das Reparaturprogramm läuft wieder”

  1. Sam

    Ich finde es großartig das du wieder “in der Spur” bist… würde ich auch gern.. bei mir sinds ned die anderen oder außenstehende Probleme sondern die Frage ob ich wirklich Mann bin, immer war und sein will.. ich zweifle und mich beruhigen grad keine Stimmen. Umso schöner zu lesen wie gut es dir geht und wie viel Kraft und Lebensmut du immer hast.. Weiter so! Bin stolz auf dich! Hug Sam

  2. Diana

    ich bin auch extrem froh, nachdem mein Reparaturprogramm nicht auftauchte, war ich wirklich unsicher, ob das nun bis zur Op so weiter geht und das hätte mir arg zugesetzt.

    Zweifel sind an sich nichts Schlechtes, sie zwingen uns nachzudenken. Tu das und lass Dir Zeit. Früher oder später wirst Du die Antwort finden und Dich danach ausrichten. Egal wie die Antwort dann lautet, sie ist der Anfang Deines zukünftigen Weges.

    Ich für meinen Teil mag und schätze Dich, so wie ich Dich kennen gelernt habe. Wo auch immer Dich Dein Weg hinführt ist egal, geh ihn ;-)

  3. Morag

    @Diana: Ein Hoch auf Deine innere Stimme-super, daß Du sei wieder hören kannst und daß sie Dir hat so gut helfen können.
    Ich drück Dir ganz fest die Daumen, daß Dich diese Welle bis zum OP-Termin trägt…und heb heute Abend auch ein Glas auf Dich-Slaintè!

  4. gesche clasen

    das mit dem eimer guiness finde ich richtig gut!
    und das mit dem reparaturprogramm…ich glaube, man braucht für so umwälzende prozesse doch immer viel, viel länger, als man meint.
    schnapp dir die pipes und spiel dem guten tag einen schönen tune :-)

  5. Diana

    @Morag: hab den Pubbesuch auf Samstag verschoben, bin nach diesem Wirbel immer noch sehr erschöpft. Aber am Samstag sollte es klappen, ich trink dann auf Euch alle :-)

    @Gesche: für gewisse Dinge braucht es wirklich sehr viel Zeit und wenn’s einem so zerdeppert wie mich grad, braucht es auch seine Zeit bis man wieder die Alte ist. Das mit den Pipes geht leider nicht, ich pausiere seit über einem Jahr, da braucht’s erst wieder Einarbeitungszeit. Naja ich trink dafür einfach ein Guinness mehr ;-)

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