(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Ganzheitliche Idiotie – langsam reicht’s

Ich krieg hier langsam die grosse Spinnerei, echt. Keine Ahnung was momentan los ist, aber ich reg mich so blödsinnig über alles und jedes auf, dass ich mich fühle als hätt ich Testosteron im Blut – ich sollte glaub doch mal meine Hormonwerte prüfen.

Aber vermutlich liegt es einfach daran, dass es unter den Menschen einfach zuviele Idioten gibt – oder Gott ist doch nur ein Scherzkecks – oder ich spiel die Hauptrolle in einem Versuch zur Feststellung, wie man am besten jemanden in den Wahnsinn treibt. Ich muss jetzt mal Dampf ablassen, wer es nicht verträgt, soll nicht weiterlesen.

Behörden-Idiotie
Die Sache mit der Personenstandsänderung verkommt langsam zum Schildbürgerstreich. Es war ja schon schwer zu verdauen, dass man mir zwei Jahre lang keine Möglichkeit zu einer Personenstandsänderung gegeben hat, weil ich ja schliesslich erst nach erfolgter Sterilisierung ein Existenzrecht habe. Es war noch schwerer zu verdauen, dass die Verschleppung meiner GaOp mir weiter Zeit raubte. Und nun wär ich endlich gesetzeskonform sterilisiert und nun geht der Behördenzauber los, wie man es nur in Seldwyla kennt. Vor zwei Monaten habe ich den Antrag ans Gericht geschickt, darauf hiess es, die Gemeinde hätte nun einen Monat Zeit um dazu Stellung zu nehmen. Ja aber hallo, was zum Geier sollen die da Stellung nehmen, wollen die mir erst Blumen und Glückwünsche schicken oder was gibts da noch zu sagen? Ein Monat lang tut dann niemand nix, weils der Gemeinde eh am Hintern vorbei geht und die im Gericht ja gern warten. Zwei Wochen nachdem die Frist abgelaufen ist, frag ich mal zaghaft nach beim Gericht, was denn nun sei. Ja das würde bald erledigt, sie würden noch einen Personenstandsausweis brauchen, dann würd ich das Urteil kriegen. Heute, zwei Wochen später, kommt endlich ein Brief vom Gericht……….. ich soll bei der Gemeinde einen Personenstandsausweis holen, den ans Gericht schicken und dann würde ich das Urteil bekommen. Ja sind die denn bekloppt? Wozu brauch ich einen Personenstandsausweis um eine Personenstandsänderung zu machen, glauben die, ich sei vorher ein Eichhörnchen gewesen? Und warum lassen die sich den nicht selber zuschicken und warum brauchen die 2 Wochen um mir das mitzuteilen? Ich wollte dann in der Gemeinde anrufen, 5 Minuten vor Torschluss, aber dann nimmt ja niemand mehr ab, ist ja bald Feierabend, da will man sich nicht noch Arbeit aufhalsen. Also organisier ich den Wisch morgen, schick ihn ans Gericht, damit das Zeug dann vermutlich wieder a bisserl rumliegt, bis ich es dann krieg. Und dann gibts wieder einen Monat lang Einsprachefrist, obwohl niemand einspracheberechtigt ist, aber irgendwie muss man ja die Zeit todschlagen. Ich bin es langsam sowas von leid, diese endlose Kaskade von Zeitverschleppungen, grrrrr……….

Update: habe soeben wie im Brief des Gerichts verlangt bei der Einwohnerkontrolle des Wohnorts angerufen, die erklärte dann, ich müsse das in der Bürgergemeinde bestellen. Jo klar, die sind doch alle komplett verblödet, echt.

Medizin-Idiotie
In letzter Zeit bin ich extrem erschöpft und ich nahm an, dass das mit der Op zu tun hat. Aber langsam habe ich den Verdacht, dass ich hormonell unterversorgt bin. Seit der Op krieg ich noch 2mg Estradiol, vor der Op waren es 8mg. In der Regel kriegt man nach der Op 4mg. Ich vermute, dass man wegen dem Thromboserisiko nach einer Op tiefer dosiert. Aber diese Scherzkeckse geben mir Pillen anstatt Pflaster, obwohl Pflaster ein deutlich geringeres Thromboserisiko hätte. Was ist das denn für eine bekloppte Logik? Man gibt Medikamente, die ein höheres Risiko haben, senkt aber die Dosierung, weil das Risiko zu gross ist mit dem Medikament, das ein höheres Risiko hat? Dass ich seit einem Jahr nicht mehr dort war, niemand auf die Idee kommt, man könnte mal wieder die Blutwerte prüfen, passt irgendwie zum Ganzen. Ich hab jetzt nochmal via Mail angefragt, ob ich nicht doch Pflaster krieg, falls das nicht klappt, werde ich wieder Selbstversorgerin.

Behandlungs-Idiotie
Und das reisst wieder alte Wunden auf, die Frage warum eine Gesellschaft nur nicht-reproduktionsfähige Transsexuelle duldet, warum man Transsexuelle durch ein Dickicht von Gutachterschikanen, Zeitverschleppungen und lebenserschwerenden Zwangsmassnahmen wie den Alltagstest manövriert, warum transsexuelle Menschen die Einzigen sind, denen man lange Zeit medizinische Hilfe verweigert, für die ratifizierte Menschenrechtskonventionen nicht gültig sind, warum die Psychologen-Sekte wider besseren Wissens die Psychopathologisierung aufrecht hält und doch nicht konsequent genug ist und uns allen mit einer Bohrmaschine das Hirn rausfräst – das und vieles mehr ist total frustrierend und es macht wütend, mit jedem Text den ich lese ein wenig mehr.

Journalisten-Idiotie
In den letzten Wochen gabs in der Medienlandschaft einige Gelegenheiten, bei denen Journalisten wieder mal ihre Unfähigkeit darlegen konnten, indem sie über das Thema Transsexualität berichteten (beispielsweise die Sache mit dem Verfassungsgericht). Man glaubt echt nicht, was für eine Hirnlosigkeit sich da präsentiert. Die “eingetragene Partnerschaft” wird lapidar als Homo-Ehe betitelt, über transsexuelle Frauen spricht man gerne in der männlichen Form, Schundblätter wie Bild und Konsorten können auch im Zusammenhang mit einer transsexuellen Frau von Kuriosität sprechen und so weiter. Es zeigt sich immer und immer wieder, dass die Bevölkerung mit medialem Unsinn bombardiert wird und wir Betroffenen müssen uns dann wundern, dass niemand uns versteht.

Religions-Idiotie
Aber wer das Internet etwas im Auge hat wie ich, findet da noch viel Übleres, spätestens wenn man sich versehentlich mal in ein christliches Forum verirrt wie beispielsweise dieses hier, wo Transsexualität in den Köpfen von Verwirrten als satanische Lebensweise verstanden wird. Bei soviel christlicher Nächstenliebe bin ich echt zutiefst gerührt, beispielsweise bei solchen Zitaten:

Gott hasst Wesen wie dich. Du kannst ihn noch so sehr lieben, er wird dich niemals ins Himmelreich aufnehmen. Du hast eine Strafe erhalten für dein schändliches Verhalten oder das eines deiner Familienmitglieder.

Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen – das kann nciht Gottes Willen sein, dass solche Kreaturen und Mißgeburten auf Gottes Erdboden herumkrauchen.

Im Bewusstsein, was Jesus wirklich gepredigt hat, kommt mir bei so Äusserungen da kalte Kotzen!

Selbst-Idiotie
All das und tausend andere Widrigkeiten lassen mich selbst im Kreis drehen und ich werd langsam wirr im Kopf, so sehr, dass ich hinundher gerissen bin zwischen dem Aufbau eines neuen Blogs und der Frage, ob ich mit dem ganzen Scheiss nicht einfach aufhören soll. Grundsätzlich habe ich nunmal das Bedürfnis, zu schreiben was ich denke, das ist mir zur Gewohnheit und irgendwie auch zur Berufung geworden. Anderseits rege ich mich viel zu sehr auf, wenn ich mich mit all dem Quatsch beschäftige. Was bringt es, wenn ich für Verständnis werbe, wenn ich doch annehmen muss, dass es noch hundert Jahre geht, bis auch transsexuelle Menschen von einer medial der Verblödung preisgegebenen Mehrheit respektiert werden? Was bringt es, ständig gegen Windmühlen anzurennen? Wozu kämpfe ich für das Recht auf Selbstbestimmung, wenn es in den eigenen Reihen Leute gibt, die sich für die staatlich geforderte Sterilisierung einetzen? Warum soll ich Medien darauf hinweisen, dass sie transsexuelle Menschen nicht mit dem Schimpfwort “Transe” betiteln, wenn es Betroffene gibt, die sich selbst so verkaufen? Und so schlägt’s mich von einer Seite zur Anderen, zwischen überzeugtem Weitermachen und resignierter Aufgabe.

Summen-Idiotie
Das sind nur ein paar Perlen in diesem ganzen Irrsinn, da ist soviel Ärgerliches, dass ich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehe. Irgendwie überfordert mich die Summe des Ganzen grad gehörig und ich muss mir ernsthaft überlegen, wieviel ich mir da in Zukunft noch auflade. Die Behörden-Idiotie wird irgendwann ein Ende nehmen, die Medizin-Idiotie lässt sich durch Selbstversorgung ersetzen – und der ganze Rest – kann ich den ändern? Warum soll ich mich da überhaupt noch aufreiben? Ich habe mein Ziel bald erreicht, kann mein Leben nun mir gemäss leben. Was geht mich das Universum und der ganze verdammte Rest überhaupt an? Muss ich wirklich die Augen verschliessen vor all dem, was schief läuft auf dieser Welt? In meiner eigenen kleinen Welt ist so vieles in Ordnung, da lässt es sich leben, da kann und darf ich sein. Aber wie soll ich mein Leben leben und geniessen, wenn ich mich nur ständig über all den Irrsinn aufrege, der mich eigentlich nicht mehr wirklich betrifft?

All das kann ich momentan nicht beantworten, es überfordert mich total, aber ich spüre langsam die Grenzen des Erträglichen einbrechen. Das erinnert mich spontan an einem zugegebenermassen blöden Spruch, den ich mal auf einem T-Shirt hatte:

Mit jedem Tag meines Lebens
erhöht sich zwangsläufig die Anzahl derer,
die mich am Arsch lecken können.

aber – mit Verlaub – irgendwie hat’s schon was.


 

7 Reaktionen zu “Ganzheitliche Idiotie – langsam reicht’s”

  1. Tina de Luna

    Hallo Diana,

    ich kann deine Frust gut nachvollziehen … da werden einem unnötige Probleme und Hürden aufgebaut nur weil man nicht in eine der üblichen akzeptierten Schubladen passt und einfach nur so leben will wie man sich fühlt.

    Ich wünsch dir aufjedenfall Kraft das auch noch durchzustehehen.

    Liebe Grüße
    Tina

  2. Bad Hair Days

    Also dieses Christendingens hätte ich ja fast für eine Persiflage gehalten. Das glaubt man ja nicht. Das zeigt leider nur, wie nahe Religion und Wahn beieinander liegen.

  3. Kim

    Liebe Diana,

    ich bin mir nicht sicher, ob das nur einer Weinlaune entspringt, aber ich verspüre gerade die tiefe Lust dazu, den Spiess langsam umzudrehen und über diese ganzen Paradoxien und Ungerechtigkeiten nur noch zu lachen.

    Warum nicht mal eine Comedy zum Thema machen? Ein Theaterstück? Musik? Gedichte? Es gibt genügend Irrsinn in Sachen Transsexualität (also nicht Irrsinn bei uns, sondern wie wir behandelt werden), dass wir doch die besten Chancen haben uns über die lustig zu machen, die sowieso zu dumm sind, uns wahrzunhemen. Wenn Sie nicht wollen, dann eben nicht… Dann machen wir eben unsere Spässe auf deren Kosten in Zukunft. Und ich habe das Gefühl, dass wir damit dann genügend Leute auf unserer Seite haben.

    Wir könnten eine Medienparodie im Internet machen, selbst eine Internetzeitung veröffentlichen, in der wir lauter Unsinn schreiben, der die Vorurteile über transsexuelle Menschen aufs Korn nimmt. Wir können Filme über Begutachtungen drehen und verkleiden uns dann als Gutachter (mit Bart, Pfeife und Nickelbrille)…

    mensch, der Transsexuellenwahnsinn ist doch echt so ein riesiger Fundus für allerlei kreative Sachen.

    Was meinst du? Irgendwie glaube ich, dass sich da gerade bei mir ein Schalter umzulegen beginnt… jauuu…

    Liebe Grüsse, Kim

  4. Diana

    @Tina: ich werde auch das durchstehen, das ist keine Frage, ich bin viel zu weit gekommen um mich noch durch Schikanen aufhalten zu lassen. Aber die Frage, inwiefern ich mich noch engagiere, muss ich wirklich langsam beantworten, bevor ich mich völlig verheize.

    @BadHarDays: ich musste es auch mehrmals lesen bis ich glauben konnte, dass Menschen so grausam sein können und das in einem Forum, das eine Religion repräsentiert, die eigentlich der Nächstenliebe verpflichtet wäre.

    @Kim: Das muntert auf, Du hast mir grad wieder ein Grinsen ins Gesicht gezaubert. Um das gleich klar zu stellen, den Bart trag nicht ich ;-) Aber ich hatte gestern Abend einen ähnlichen Gedanken, ich muss Wege finden, diesen ganzen Irrsinn mit Humor zu nehmen. Da fällt mir am ehsten Ironie bis hin zu Zynismus ein, vielleicht muss ich meine Schreibtätigkeiten in diese Richtung verändern. Eine ironische Web-Zeitung, hähä, wär eine Überlegung wert :-)

  5. Ina

    Du bist am Wachwerden. Was du lernen solltest ist Loszulassen.
    Dich ganz deinem neuen Leben hingeben, wo ist die Woge des Glücks, von der Op.

    Loslassen, was du nicht verändern kannst, alle Dinge die du Angst hast zu verlieren.

    Gib dir doch selber die Möglichkeit der Veränderung, zu einem Neuanfang, in deinem „neuen“ Leben.
    Erkunde doch die neue Geisterwelt erst einmal gründlich, vielleicht scheint sie ja doch wenig Besser, als Früher!.

    Ich erlebe die ganze Zeit Menschen, die das Schlechte mehr hassen, als wie sie das Gute lieben.

    Nur ständig 16-18 Stunden vor einem PC-Terminal zu hocken, und immer mehr Blogs, Webseiten, Webzeitungen usw. Anzufangen, um dann noch mehr vor dem PC zu hocken? Dass kann doch nicht ganz, dass neue Leben sein, von dem du Jahre geträumt hast.

    Die Welt, ist eben so wie sie ist, sie ist unvollkommen.
    Sich stetig und ständig über alle Unzulänglichkeiten zu Ärgern, hilft einem weder selber weiter noch ändert es die Welt, so was raubt einem nur die Zeit zum Glücklich sein.

    Zu glauben dass man die Welt verändern könnte, mit ein Paar weiteren, von Milliarden Internetseiten, ist dass nicht nur einer Illusion nachlaufen?

    Grüße Ina

  6. Inka

    Liebe Diana,
    lass Dich nicht entmutigen! Der ganze Behörden-Wahnsinn hat mich auch schon manchmal an den Rand der Verzweifelung getrieben. Erst letzte Woche wieder: Ich habe meine Kfz-Versicherung gewechselt, die neue Versicherung hat aber bei der Übermittlung der Daten ans Straßenverkehrsamt einen Zahlendreher eingebaut. Die Folge: Das Fahrzeug wurde zwangsstillgelegt. Es hat mich zwei Tage Arbeit gekostet, das wieder gerade zu biegen. Nichts als Ärger!
    Dann lese ich am Samstag in einer unserer Lokalzeitungen einen Text, in dem sich die ehemalige dgti-Bundesvorsitzende Andrea Ottmer zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts äußert. Der Text ist eigentlich gut geschrieben, aber die Überschrift “Homo-Ehe auch für Transsexuelle” macht natürlich wieder alles kaputt.
    Soviel zur Behörden- und zur Journalisten-Idiotie. Wir leiden alle darunter!
    Und was Dein Blog betrifft: Es ist immer noch besser (und auch gesünder), seinen Frust zu artikulieren als in sich hineinzufressen. Also bitte weiterschreiben!
    Liebe Grüße
    Inka

  7. Diana

    @Ina: Solange niemand versucht, etwas zu verändern, wird sich auch nie etwas ändern, deshalb habe ich es zumindest versucht.

    @Inka: Das Schreiben im Blog tut schon gut, aber um auch zu informieren, muss man sich selber informieren und dabei ersäuft man im Morast gesellschaftlicher Idiotie. Da einen Mittelweg zu finden, wird nicht einfach.

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