(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Feuerwerk im Kopf

Es ist echt erstaunlich, was in meinem Kopf abgeht, seit ich diese Op-Verschiebung bekommen hab. Irgendwie hat das sowas wie eine chemische Reaktion ausgelöst, Nitro und Gycerin, boooom. Seit da hab ich ein Feuerwerk von Gedanken und Gefühlen in meinem Kopf, da drin geht’s zu und her wie auf einer Achterbahn. All das Negative der letzten Zeit vermischt sich zu einer hässlichen Brühe, die tausende von Fragen und Antworten und Gefühle ausspuckt wie so ein idiotischer Vulkan. Und ich sitz da drin, inmitten dieses Spuks und schnapp nur Fetzen auf die an mir vorbei fliegen, tausend Dinge die es zu denken gäbe, tausend Gefühle die raus müssten, tausend Schreie die diese Stille zerreissen müssten.

Da sind diese Transen-Schlagzeilen der Boulevard-Presse, Politiker die transsexuellen Menschen medizinische Hilfe verweigern wollen, Kommentarschreiber die so intelligente Aussagen machen wie “er wird immer ein Kerl sein, auch wenn er sich seinen Schwanz abschneidet” bis hin zu “die sind ja alle pervers”, abschätzige Blicke, falsche Vorstellungen, medizinische Fakten die nicht laut genug kommuniziert werden……….. und immer mal wieder ermordete Transgender.

Dieses Wochenende wollte ich unbedingt aufräumen und putzen, weil Juliet am Mittwoch kommt. Aber bisher krieg ich überhaupt nix auf die Reihe, das Hirn kocht nur über und die Flut von Gedanken setzt mich ausser Betrieb. Ich hab am Mittwoch zum letzten Mal was gegessen, da geht einfach nix rein, da will nur ganz viel raus.

Irgendwer hat da eine gehörige Sauerei in mir veranstaltet, alle Türen und Fenster aufgerissen und ich steh nun mitten im Sturm, versuch irgendwelche herumfliegenden Papierfetzen aufzufangen, aber bei diesem Durcheinander kriegt man irgendwie nix richtig hin.

Manchmal sind es vermeintlich kleine Dinge, die Grosses bewirken. Hier hat ein kleiner Windstoss einen mächtigen Orkan ausgelöst. Und ich muss jetzt aufräumen, innen und aussen, ich weiss echt nicht wo ich anfangen soll.

Und das mag ich echt nicht. Früher gabs so Zustände ab und zu mal, wenn alles einfach zuviel wurde. In der “Neuzeit” gabs das in dem Ausmass kaum noch, dieses völlige ausser Kontrolle sein des Bewusstseins. Ein Feuerwerk an Gedanken, die jeder für sich wirklich philosophisches Potential hätte, aber nicht greifbar ist, weil ein Gedanke den Anderen jagt, weil dieses doofe Karrussell im Kopf ständig weiter dreht und sich dabei doch immer ums gleiche Zentrum dreht. Die Feststellung, ein Mensch zweiter Klasse zu sein, eine unerwünschte Person oder Wesensart, eine Störung der öffentlichen Wahrnehmung.

Aber am Surrealsten bleibt die Erkenntnis, dass die soeben noch vor der Tür liegende GaOp plötzlich einen Zeitsprung macht. Das hat irgendwie etwas von einem Horrorfilm. Man denkt, man sei endlich am Ziel angelangt, sei gleich in Sicherheit, und schwups, steht der Killer wieder auf und die Flucht geht weiter. Sprung in der Matrix? Selbst am dritten Tag danach sitz ich noch fassungslos da und guck auf dieses Zeitloch, das sich da aufgetan hat. Was für n’Scheiss ist das denn? Man kann doch nicht einfach plötzlich das Leben in eine Warteschleife schicken nach erteilter Landeerlaubnis. Diese Offenbarung der Nicht-Berechenbarkeit dieser Welt ist echt beängstigend.

So bleiben tausend wirre Ängste, lauern wie kleine Teufel hinter jeder Ecke, umschwirren einem wie ein Hornissenschwarm. Was, wenn einer vom Op-Team kurz vor Termin krank wird? Oder ich krank werde? Oder das Scheiss-Spital abbrennt? Welchen Termin bekomme ich dann? Wird die SVP inzwischen in der Herbstsession geschlechtsangleichende Operationen aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen nehmen? Wird die Psychiatriesekte schon morgen wieder eine neue lustige These erfinden, mit der man uns zu Irren abstempeln kann? Wie will mein Körper die GaOp gut überstehen, wenn ich jetzt erst noch drei Monate lang eine emotionale Zerreissprobe durchlebe? Sind Hitler und Mengele wirklich tot?

Irgendwie ist alles in Frage gestellt, ein albernes Heirassa im Kopf einer im wahrsten Sinne des Wortes erschütterten Frau, deren Frausein und damit deren Selbst nie respektiert sein wird, als gestört stigmatisiert wider besseren Wissens.

Lustig, wenn man im Internet nach “Transsexuelle” sucht, wird man geflutet mit Pornographie und Prostitution. Da scheint eine riesige Nachfrage zu sein nach “Transsexuellen”, wobei viele dabei eher SheMales suchen….. Ist ja irgendwie schon irre, ficken wollen sie uns, aber Menschenwürde zusprechen ist nicht drin. Krass, nicht? Tagsüber Transenwitze erzählen, transphob durchs Leben schreiten, aber dann am Abend mal schnell eine flachlegen. Man nehme mir dieses Vokabular nicht übel, aber dieser Abschnitt richtet sich vorallem an Männer und ich möchte da auch verstanden werden.

Ja ich weiss, das hat eigentlich gar nix mit dem Thema zu tun, aber genau das ist ja das Problem im Moment, da sind all diese Fragen, Erfahrungen und Gefühle, Gedanken, Wortfetzen, all das Verwirrende das allesamt unnötig wäre. Transsexuelle Menschen beissen nicht, töten nicht, sind nicht ansteckend, es gibt nichts was gegen sie spricht. Was also rechtfertigt, diese Menschen zu verhöhnen und als Menschen zweiter Klasse zu behandeln? Ihnen die Behandlung verweigern oder zumindest zu verschleppen?

Eigentlich wäre alles so einfach, Transsexualität kann man heilen, etwas Endokrinologie und plastische Chirurgie und uns geht’s gut. Uns würd’s gut gehen, würde man uns das auch wirklich zugestehen. Wenn man uns ernst nehmen würde. Aber warum soll man das, wir sind ja irgendwie anders, nicht dem postulierten Normalfall entsprechend.

Was reg ich mich auf, denk ich immer wieder, ich wusste genau was auf mich zukommt. Aber das ändert nicht viel daran, wie es sich anfühlt.

Das und eben diese tausend anderen Dinge, die da auf Papierfetzen durch die Luft flattern, machen mich völlig konfus. Das gesamte Verteidigungssystem, das des Körpers und das des Geistes, liegen darnieder, vergiftet durch Ignoranz. Essen geht nicht, Schlafen kaum noch, auch diese Nacht hat mein Körper wieder das ganze Bett geflutet als ob eine Sintflut in mir stattfinden würde. Alle Systeme sind ausser Kontrolle.

Nehmt es mir bitte nicht übel, wenn ich auf Mails oder Telefone nicht reagiere, ich mag echt nicht darüber reden. In meinem Kopf ist schon so viel Lärm, dass ich keine weiteren Stimmen mehr ertrage. Vorallem brauche ich jetzt grad niemanden, der mir einzureden versucht, zwei Monate seien ja nicht so lang. Egal wie lang oder schlimm das rational gesehen ist, für mich ist eine Welt zerbrochen, für mich ist es ein Drama, das lässt sich nicht schön reden. Jeder Versuch das zu tun zeigt nur, dass man auch nichts verstanden hat und genau das brauche ich jetzt am Wenigsten.

Mein lachendes Gesicht erscheint im Spiegel
Ein Atemzug vergeht
Dann versinkt es in der Dunkelheit
Lautlos – stumm
Figuren im Winter
Ich lecke meine Seele wund
Ein Ruf erhellt die Nacht
In Hoffnung gehüllte Erwartung
Doch mit der Stille folgt die Einsamkeit
Ernüchterung bis hin zur Resignation
Statische Monotonie
Ein zweiter Ruf bleibt aus

(Lacrimosa – Flamme im Wind)

PS: ich habe soeben den Timer umgestellt, der am Ende der Blogbeiträge die anstehenden Termine anzeigt. 35 Tage bis zur GaOp stand da, jetzt sind es 101 Tage. Während dieser 66 Tage werde ich diese Welt verfluchen und den Verantwortlichen von ganzem Herzen ebensoviele Tage Fegefeuer wünschen. 66 weitere Narben werden meine Seele zieren, als hätte ich nicht schon genug davon. Die Zahl 666 gilt gemäss biblischer Apokalypse des Johannes als die Zahl des Teufels. Die Zahl 66 ist nun die Zahl meiner kleinen Hölle, sie wird sich tief in mein Denken einbrennen.


 

2 Reaktionen zu “Feuerwerk im Kopf”

  1. Svenja-and-the-City

    Halte durch, liebe Diana.
    Letztlich wirst du triumphieren und glücklich sein. Und lass dich keinesfalls von Trollen ärgern. Erst neulich schrieb einer zu meinem Beitrag über die OP: “Ihr seid alle behindert.” Das hat mich nicht einmal mehr getroffen, es wirkte einfach schrecklich dumm.
    Ich drück dich. Herzliche Grüße, Svenja.

  2. Diana

    @Svenja, ja den Kommentar habe ich gelesen, er reiht sich an die hunderten von Kommentaren dieser Art, die ich anderswo lesen konnte. Keine Sorge, ich halte durch, wer mich daran hindern will, muss mich erschiessen. Aber jetzt in diesem Moment wurde mir die Luft abgelassen und zwar komplett. Aber wer zuletzt lacht, lacht ja bekanntlich am besten, hoffen wir auf diesen Tag.

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