(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Dinner mit Daddy

Es ist gleich zwölf und ich bin soeben zurück von meinem ersten gediegenen Dinner mit meinem Vater. Einmal mehr wird mir klar, wie wichtig es ist für T-Girls wie mich, dass ihre Familien zu ihnen stehen und sie nicht nur akzeptieren sondern so lieben wie sie sind. Aber alles der Reihe nach, das gibt eine laaaange Geschichte.

gediegen-essen-mit-daddy

Mein Vater wohnt mit seiner liebenswerten Frau in einem anderen Kanton (für Teutonen: Bundesländer) und so sehen wir uns halt nicht allzu oft. Aber wir telefonieren regelmässig und die Zwei gehören zu meinen regelmässigsten Bloglesern. Mein Dad hat seit über vier Jahrzehnten einen besten Freund, die zwei haben diese Art von Männerfreundschaft, von denen viele nicht mal wissen dass es das gibt, sie teilen alle Gedanken und Gefühle und gehen jede Woche zusammen auswärts essen. Da hat niemand was zu suchen, in dieser kleinen Männerrunde – bis heute, da war n’verrücktes T-Girl mit von Partie :-)

Lady-like gekleidet dinieren
Heute steckte ich mich also logischerweise in mein Lieblingskleid, ein einteiliges Ding bei dem auch die Knie noch was von der Welt sehen und meine neuen schwarzen Lieblingsstiefel durften natürlich auch mit. Und damit ich meine Weiblichkeit auch so richtig fühlen kann, gabs drunter mein Miederdings und Strümpfe. Schliesslich hatten wir in einem für meine Verhältnisse doch relativ gediegenen Restaurant abgemacht, also wollte ich natürlich auch eine richtige Lady sein. Zwar – ich hätte doch das kurze Schwarze anziehen sollen, naja das kommt dann halt nächstes Mal dran ;-)

Reiseweg auf Blondinenart
Schon der Hinweg war abenteuerlich und zeigte, dass mein Hirn tatsächlich von Tat zu Tag blondinnen-artiger wird. Wir hatten um 18 Uhr im Restaurant Central in Zürich abgemacht. Wenn ich um 17:30 auf den Zug geh, bin ich 17:55 am Zürcher Hauptbahnhof und stöckle fünf Minuten zum Restaurant, passt perfekt. Also ging ich in einer Selbstverständlichkeit um 17:30 aus dem Haus, fuhr mit dem Bus zum Bahnhof, stand auf dem Perron, guckte irgendwann auf die Anzeigetafel…… und wunderte mich darüber, dass der nächste Zug erst um 17:45 kam. Der sollte doch um 17:30 fahren, was ist da los? 17:30 Zug, 17:30 Haus verlassen, mir begann zu dämmern, dass ich da irgendwas falsch durchgedacht hatte.

Als der Zug dann kam, legte ich meinen Schirm neben mich und dachte, dass ich den aber ja nicht vergessen dürfte. Das dachte ich sicher ein dutzend Mal auf dieser kurzen Strecke. Naja, ich kaufte dann am Zürcher Hauptbahnhof einen neuen Schirm, der andere fährt nun im Zürcher Oberland rum und geniesst die Freiheit. Ich werd wirklich langsam a bissrl blöd.

Treppen-Voyeurismus
Dann fuhr ich die Rolltreppe hoch und ein paar Meter vor mir war eine Lady, die hatte einen ähnlich langen Rock an wie ich. Still geniessend nahm ich zur Kenntnis, dass man von da unten verblüffend viel Bein sieht, die Blickwinkel auf Treppen sind eindeutig von Männern erfunden worden. Dann kam die Erkenntnis des Tages: Wenn man von unten soviel Bein sieht, dürfte sich die Männerwelt hinter mir wohl grad an meinen Strumpfhaltern erfreuen. *urks*. Meine Begeisterung ob meines Bekleidungs-Experimentalismus sank mal kurz ins Bodenlose. Aber trotzdem muss ich zugeben, dass irgend etwas in mir mit diebischer Freunde irr vor sich hinkicherte. Ach könnte ich doch Gedankenlesen, das wär in dem Moment Gold wert gewesen. Na jedenfalls hab ich wieder was gelernt, auch halbkurze Kleider sollte man mit so Strümpfen nur anziehen, wenn man geradeaus läuft. Oops, ich glaub ich muss mich achten, dass zukünftig im Geschäft keiner mehr hinter mir die Treppe hochläuft ;-)

Ich seh schon, diese Berichterstattung zieht sich etwas hin, ich bin immer noch ziemlich aufgedreht :-)

Erstes Vater-Tochter Live-Date
Jedenfalls schaffte ich es dann doch, pünktlich eine Viertelstunde zu spät im Restaurant anzukommen und begrüsste dort erstmals als Frau live meinen Vater und er hatte erstmals seine Tochter vor sich. Seltsamerweise erschien mir das gar nicht so ausserordentlich, es war für mich eigentlich fast das Normalste der Welt, dass ich als Frau vor ihm stehe. Erst als ich darüber nachdachte wurde mir klar, wie speziell diese Situation eigentlich war. Wir plauderten einen Aperitiv lang und gingen dann runter in den gediegenen Futterkeller.

Im Restaurant
Dort gings dann quer durch den Raum (es sollen mich schliesslich alle bemerken) und ganz hinten war eine kuschlige Ecke und dort wartete meines Vaters Freund. Ihn hab ich über ein Jahrzehnt nicht mehr gesehen, er hat mich als Kind zeitweise gehütet, auch das war ein sehr spezieller Moment.

Irgendwann guckte ich mal in die Runde und stellte fest, dass ich hier definitiv nicht standesgemäss parkiert war. Ich bin eher die Pup-Lady, ein Restaurant voll kravattierten Männern und Ladies mit beneidenswerten Kleidern war ich glaub nicht so am rechten Ort. Aber es war sooooo schön da drin, diese Steinmauern, die Kerzen, das gediegene Ambiente und schliesslich war ich ja auch ganz nett rausgeputzt. Ein ungewohntes aber irgendwie angenehmes Gefühl.

Trans-Plaudereien und echte Freunde
Und da sassen wir nun, assen, tranken, plauderten und ich wunderte mich immer wieder, wie normal mir all das erschien. Ok noch sehr ungewohnt, aber doch irgendwie normal. Wir redeten auch viel über Trans-Themen und ich war wie immer froh, mich mal wieder ein wenig erklären zu können. So offene Gespräche tun wahnsinnig gut und ich begann zu begreifen, weshalb die Zwei so gute Freunde sind. Sie können reden, zuhören und mitfühlen – das klingt nach wenig, ist aber sehr viel.

Mit dem Kellner rumalbern
Nebenbei gings auch sehr lustig zu und her. Wir hatten einen jungen deutschen Kellner und der war sowas von süss und liebenswert und aufmerksam, man hatte bald das Gefühl, wir seien alles ein Haufen guter Freunde. Immer höflich und mit Stil, aber irgendwie auch lausbübisch. Und meine zwei Begleiter hatten auch sichtlich ihre Freude daran, mit ihm ab und zu ein wenig rumzualbern. Einmal zwischendurch plauderten sie lauthals auf den Kellner ein, so dass am Tisch nebenan ein paar Köpfe eine verwirrte Drehung machten. Und ich hab mir Sorgen gemacht, dass es meinen Begleitern peinlich sein könnte, wenn sie wegen mir auffallen.

Mann sieht Erscheinung
Apropos auffallen, an ebendiesem Tisch hatte einer der dort mit Kravatte zugeschnürten Herren eine Art Erscheinung, den ganzen Abend drehte er immer wieder den Kopf und starrte immer an dieselbe Stelle, als ob er sich immer wieder vergewissern müsste, dass er diese Erscheinung wirklich sieht. Gegen den Schluss hab ich mir wirklich überlegt, ob ich mal nett rüberwinken sollte, er hätte garantiert nach einem Exorzisten gerufen. Es hat irgendwie auch was Amüsantes, eine Erscheinung zu sein ;-)

Heimweg auf Blondinenart
Na jedenfalls wollten wir dann so nach Zehn gehen, behielten die Uhr im Auge, weil ich nur jede halbe Stunde einen Zug hab, plauderten noch etwas und dann kam der Zug und ich sass noch im Restaurant. Hmmm, da gibts wohl nix anderes als noch was zu trinken, also bestellten wir Irish Coffee, tranken den und schon wars wieder sauspät. Also hüpfte ich vom Bank und stöckelte im Eiltempo durch den Regen. Diesmal hatte ich den Schirm nicht vergessen, erstaunlich.

Im Zug geht der Punk ab
Am Bahnhof angekommen, waren die Türen bereits auf und erwischte ihn im letzten Moment. Aber das auch nur, weil ich so schnell wie möglich lief und dabei wieder Hitzeschübe kriegte wie verrückt. Patschnass kam ich also im Zug an und staunte……. zwei Meter vor mir liefen die Jungs von der Punk-Band, deren Musikraum ich nutzen kann. Ich setzte mich natürlich zu ihnen, tropfte wie ein sich auf dem Feuer drehendes Spanferkel vor mich hin und so wurde auch der Heimweg zu einem überraschenden Ereignis. By the way, in einer Woche spielen die Jungs in der Kulturfabrik, ich glaub ich geh nach einem Vierteljahrhundert erstmals wieder an ein Punk-Konzert…… was ich da nur anziehen könnte, ich glaub ich muss vorher noch shoppen gehn :-)

Fazit – wer Dich liebt, steht zu Dir
Dann gings noch im strömenden Regen heimwärts und nun sitz ich hier und fühl mich wie ein Eichhörnchen das grad vom Nüssesammeln kommt. Und ich merke, dass mich der Abend innerlich wirklich auf Trab gehalten hat, im positiven Sinn.

Wenn ein Vater seine transsexuelle Tochter in ein gediegenes Restaurant einlädt und sich nicht scheut, dafür vielleicht dumm angeguckt zu werden und wenn er sich auch nicht scheut, das zusammen mit seinem besten Freund zu machen, dann zeigt so ein Vater, dass er seine Tochter wirklich als Tochter annimmt, respektiert und so liebt wie sie ist……. und stolz zu ihr steht. So hat sich das angefühlt und ich bin jetzt noch gerührt deswegen. Nicht, dass ich das nicht erwartet hätte, er und seine Frau haben mich von Anfang an voll angenommen. Aber wie ich an anderer Stelle schon sagte, jemanden annehmen ist eine Sache, öffentlich zu jemandem zu stehen eine ganz andere, vorallem wenn es um ein “andersartiges Wesen” geht.

Deshalb von Herzen……… Danke, Daddy :-)


 

17 Reaktionen zu “Dinner mit Daddy”

  1. Juliet

    Schööööööön…Du scheinst wirklich nen Klasse-Daddy zu haben.

    Regenschirme sind arme Stiefkinder, ich vergesse die auch dauernd..

    Und die obligatorische Viertelstunde zu spät kommen kenne ich auch…nein, nicht von mir, aber von meiner Kollegin. Ich sag schon immer, sie soll zwanzig nach da sein, dann schafft sie es bis fünf nach halb..;-)

  2. Diana

    ja ich hab n’Klasse Daddy, es gibt mir extrem viel zu spüren, dass er mich wirklich ganz als Tochter annimmt und so zu mir steht :-)

    früher kam ich immer zu spät, aber diese Angewohnheit habe ich mir abgewöhnt, zumindest versuch ich’s

  3. Juliet

    Jaja, der Geist ist willig, aber die Uhr einfach immer zu schnell, gelle ? ;-)

  4. Diana

    Wecker sind ganz hinterlistige und bösartige Wesen, man müsste sie ausrotten

  5. Juliet

    Jepp, die Dinger wissen immer ganz genau, wann man gerade am schönsten träumt und dann rattern sie los…wenn man gute Ohren hat, dann hört man sie auch hämisch lachen dabei…

  6. Diana

    irgendwie sind Wecker ja wie Männer, man braucht sie obwohl das Leben ohne eigentlich viel ruhiger wär ;-)

  7. Juliet

    Oder man kauft sich einen Radiowecker und lässt sich von Musik wachmachen, das rechtfertigt auch, noch 5 min liegen zu bleiben, weil gerade der Lieblingssong spielt ;-)

  8. Diana

    genauso mach ich’s, es läuft die ganze CD von Veronicas, beginnt mit “untouched” und endet damit. Ich kann prächtig schlafen zu der Musik. Deshalb hab ich zusätzlich das Handy als Wecker, das Mistding kommt alle 5 Minuten und nach ner halben Stunde bin ich langsam wach…….. das Thema werde ich gelegentlich mal in einem Blogbeitrag verwerten

  9. Juliet

    “Das Mistding kommt alle 5 Minuten”…Dein Handy kann laufen?!
    Ich stell den Wecker immer 15 min früher, als ich aufstehen müsste, ich kann auch nicht sofort aus dem Bett hüpfen, da streikt mein Kreislauf ;-)

  10. Diana

    ne mein Handy kann nicht laufen, es masturbiert nur jeden morgen eine Stunde lang und kommt deshalb alle 5 Minuten. Müsste eigentlich “der Handy” heissen :-)

  11. Juliet

    Aaaaach deeeeswegen Vibrationsalarm…jetzt wird mir einiges klarer….musst Du anschliessend den Akku laden oder hat er Ausdauer, der Handy? ;-)

  12. Diana

    der Handy hat natürlich Ausdauer, aber eben, immer nur 5 Minuten lang, dann muss er Pause machen :o)

  13. Juliet

    Ist wohl schon ein paar Tage älter der Gute, was ? ;-)

  14. Diana

    ne das ist bei Jungs normal :o)

  15. Juliet

    Ich weiss…Jungs sind ausdauernd..nur nicht am Stück..;-)

  16. Diana

    *lol* ja so ungefähr hab ich das gemeint, ist nett formuliert

  17. Juliet

    Jo, hab ich mir auch ganz viel Mühe bei gegeben ;-)

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