(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Die zerbrochene Maske und das verlorene Ich

Was tut man, wenn man eine Woche weg war, nachhause kommt und merkt, dass man nicht mehr da ist?

Und wo sucht man am besten nach sich selbst?

Und was tut man, wenn man sich gar nicht mehr findet?

Als ich mich vor einem halben Jahr als Trans-Frau outete, sah ich mich bezwungen, einen einzigen Kompromiss zu machen, um meine Tochter nicht zu verlieren. Ich musste ihr versprechen, dass ich an den Wochenenden wenn sie bei mir ist, weiterhin als Vater und somit als Mann für sie da bin. Ich dachte damals, dass das ein kleiner Preis ist, immerhin habe ich ein Leben lang mit einer männlichen Maske ein Leben gespielt, da kann ich das auch 2 Tage alle 2 Wochen machen, hauptsache ich kann den grossen Rest lang mein eigenes Ich leben. Denkste!

Von Monat zu Monat wurde es immer schwieriger, je mehr ich mich in meiner jetzt endlich gelebten weiblichen Identität einfand, umso mehr verschwand die Lüge meines Lebens. Mit jedem Mal wurde es schwieriger und schmerzhafter, für 2 Tage so zu tun als ob ich noch das wäre, was ich eigentlich nie wirklich war.

Letzte Woche hatte ich endlich wieder einmal Ferien mit meiner Tochter, etwas worauf ich mich immer extrem freue, wenn ich wieder für längere Zeit mit ihr zusammen sein kann. Aber diesmal hatte ich enorme Angst, weil alles in mir signalisierte, dass ich das nicht mehr auf die Reihe kriege. Doch es kam schlimmer.

Warum so tief – und warum gerade jetzt?
Warum vor ihr – warum diese Ironie?
Warum so hart – und warum nicht einfach besiegt?
Muss ich denn wirklich für jede Begegnung
Für immer und ewig mit all meiner Liebe bezahlen?

(Lacrimosa – Warum so tief?)

Diese Woche ging an mir vorbei als ob ich in Trance wäre oder eher sowas wie ein Wach-Koma. Ich wollte nicht rausgehen, fühlte mich ständig bedrückt und von Tag zu Tag mehr desorientiert. Trotz aller guten Vorsätze schaffte ich mit ihr grad mal zwei Zoobesuche und einen Kinobesuch, den Rest der Woche verbrachten wir zuhause vor dem TV oder Computer oder spielten Spiele. Ich war irgendwie so weggetreten, dass ich gar nicht richtig realisierte, was da mit mir passierte.

Erst Ende der Woche, als ich in einem ruhigen Moment zurückblickte und betrachtete, was da abgegangen ist, musste ich schockiert feststellen, dass mich diese Woche komplett zerlegt hat. Ich habe eine ganze Woche lang nicht geduscht, hatte eine Woche lang dieselben Kleider an und das wohlgemerkt in einer brütenden Sommerhitze, die mich täglich in Schweiss badete. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich mich so gehen lasse. Normalerweise dusche ich täglich und wechsle täglich die Kleider, es ist mir sehr wichtig wie ich aussehe. Aber in dieser Woche war es, als ob ich nicht existieren würde oder es zumindest nicht wert wäre, in irgend einer Form gepflegt zu werden.

Als sie am Sonntag wieder ging, zersplitterte ich wie erwartet erst mal in tausend kleine Teile, heulte mir die Seele aus dem Leib und wusste eigentlich nicht mal recht warum. Einerseits war ich tief betrübt, dass ich nicht mehr für meine Tochter da sein konnte und ihr nicht mehr geben konnte. Aber ich glaub, mehr als das heulte ich, weil es einfach unerträglich war, diese männliche Fratze so lange zu tragen.

Ich erinnerte mich plötzlich an einen Aufsatz den ich als Kind mal schrieb, in dem es um einen Clown ging, der eines Tages seine Maske abzog. Beim Ausziehen zerbrach die Maske und als er sie wieder hätte anziehen sollen, ging das nicht mehr.

Genau das scheint mir jetzt passiert zu sein. Diese Maske der Männlichkeit, die ich ein leben lang trug und mehr oder weniger ertrug, die war zerbrochen, dieser Mann existiert einfach nicht mehr. Wenn ich meine Weiblichkeit in einen Koffer verstaue und mich abschminke, dann kommt da nicht einfach dieser alte Mensch hervor, dann erscheint einfach eine gähnende Leere, dann bin ich ohne ein Ich und das wiederum ist so ziemlich das grässlichste was ich je erleben musste.

Meine Augen der Angst sind geflohen
Mein Geist will sich mit mir verschliessen
Mein Herz ist verhungert
Und meine Seele blickt mich fragend an

(Lacrimosa – Tränen der Existenzlosigkeit)

Ich hielt mich an der Hoffnung fest, dass ich am Sonntag Abend wieder ich sein würde, dass ich diese zertrümmerte Maske abziehen kann und darunter wieder Diana erscheint. Aber so kam es nicht. Seit Sonntag Abend fühle ich mich völlig leer, es ist als ob ich das Tor zu meinem Inneren geöffnet hätte und mich da herausholen wollte und plötzlich nicht mehr da war. Ich war in der totalen Ichlosigkeit gelandet.

Heute fühlte ich mich genauso und dachte mir, dass ich mich jetzt einfach mal schminke, nett anziehe und nach Zürich gehe um etwas zu shoppen. Nichts lockt Diana so sehr wie Shoppingtouren, ich würde sie sicher irgendwo in einem der Läden finden. Zurück kam ich mit 3 neuen Jupes, einem Kleid, einer neuen Tasche, zwei paar Schuhen, von denen mir ein Paar bereits auf dem Heimweg meine kleinen Zehen lebendig gehäutet hat…. aber mich fand ich nicht.

Klingt irre, was? Fühlt sich auch so an. Ich zweifle nicht daran, dass ich mich wieder finden werde und das Leben wieder so läuft wie vorher. Aber ich muss doch anerkennen, dass sich das Ich nicht einfach eine Woche lang wegsperren lässt und dann auf Kommando wieder aus der Kiste hüpft. Irgend etwas in mir wurde diese Woche extrem erschüttert und ich fühle mich so “deranged”, dass mir die Worte fehlen um das auch nur annähernd auszudrücken.

Eines ist klar, so kann und darf es nicht weiter gehen. Wenn ich versuche, meine Tochter weiterhin so zu “schonen”, dann gehe ich dabei drauf. Die Maske ist zerbrochen und die Lüge meines Lebens entlarvt – ich muss jetzt wirklich vorwärts schauen und vorwärts gehen und allfällige Fesseln zerschneiden, egal welche Konsequenzen das hat.

Aber fürs Erste muss ich jetzt erst mal mein Ich suchen oder warten bis es mich findet …. und hoffen, dass ich mir bald wieder begegne.

Nichts bewegt sich – nichts bleibt stehen
Ich kann im Kreise mich nur drehen
Ich kann noch nicht mal vorwärts gehen
Noch kann gerade ich jetzt stehen
Ich kann im Spiegel mich nicht sehen
Kann mich im Spiegel nicht mehr sehen
Verloren streife ich umher und suche nach der Kraft in mir
Ich weiß sie war doch einmal hier – in mir

(Lacrimosa – Nichts bewegt sich)


 

4 Reaktionen zu “Die zerbrochene Maske und das verlorene Ich”

  1. Juliet

    Besser als Dein Freund hätte ich es auch nicht sagen können. Ich grüble schon den ganzen Tag, was ich Dir aufbauendes schreiben könnte, aber in manchen Fällen ist ein persönliches Gespräch einfach hilfreicher.
    Phoenix aus der Asche gefällt mir, es ist immer noch Phoenix und trotzdem neu und anders.
    Du wirst das auch schaffen, Dich neu erfinden und trotzdem Diana sein.
    Drück Dich !

  2. Diana

    ich war jetzt grad in meinem Lieblingskleid unterwegs und hab mit einem sehr liebenswürdigen Herrn eine Plauderstunde abgehalten. Das hat mir schon mal gut getan und das Gespräch heute mit meinem besten Freund sowieso. Ausserdem habe ich mit einem Buch von Epiktet begonnen, was ebenfalls hilfreich ist. Alles in allem gehts mir jetzt wieder etwas besser, erste Teile von mir sind wieder zurück, eine gute Basis für die Neufindung :-) Danke fürs Drücken

  3. Juliet

    Lass Dir Zeit, die restlichen Teile kommen auch noch zurück. Freut mich, dass es Dir wieder besser geht :-)
    Was ist das denn für ein Buch?

  4. Diana

    Das Buch heisst “Wege zum glücklichen Handeln” von Epiktet…… nach den ersten Seiten kann ich sagen, es ist seeeeehr empfehlenswert

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