(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Die Faszination des Unvorstellbaren

Das menschliche Denken hat seine Grenzen, wenn es um das Vorstellbare geht. Was nicht zu unserem Erfahrungsrepertoire gehört, können wir uns nicht vorstellen, es gibt im Kopf weder Bilder noch Gefühle, die wir abrufen könnten, um uns das Unbekannte vorzustellen. So geht es mir, wenn ich an meine Zukunft denke, die Zeit nach der geschlechtsangleichenden Operation. Ich war ja noch nie ganz, ein Übereinstimmen von Innen und Aussen ist mir völlig fremd. Ich nähere mich seit bald zwei Jahren zwar dieser Aussen-Innen Einheit, aber ich habe nachwievor keine Vorstellung, es ist schlicht unfassbar.

Meine ganze Denk- und Gefühlswelt durchlebt die letzten Tage eine Veränderung. Das für unmöglich Gehaltene, das Unvorstellbare, steht nun vor mir. Ein Leben lang war es ein unmöglicher Traum, eine nicht erfüllbare Sehnsucht. Es geht nicht, es darf nicht sein, es ist nicht……….. und doch wird es.

Irgendwie konnte ich es bis zum Schluss nicht fassen, dass dieses Unmögliche doch möglich sein könnte. Ich folgte dieser Spur einfach, weil ich nicht mehr anders konnte als wider aller Hoffnungslosigkeit das Unvorstellbare anzustreben. Nun gehe ich darauf zu, nichts was es noch aufhalten könnte – das hat etwas unheimlich Surreales.

Die Vorstellung, von diesem “danach”, hat etwas Diffuses, etwas Schemenhaftes, Ungreifbares. So sehr ich es mir erträumt habe, endlich Eins zu sein, ich weiss doch nicht wie sich das anfühlt. Normal? Aber was ist normal? Anders? Das war es bisher. Egal wie oft ich daran denke, mich hineinfühle, es ist als ob ich mir vorstellen würde, ich könnte fliegen. Da fehlt jeder Erfahrungshorizont, um mir das wirklich vorstellen zu können.

Die Gewissheit, glücklich zu sein in diesem mir unbekannten und so lang ersehnten Zustand, ist immens tief. Aber sie beruht nicht auf Erfahrungen, es ist eine Bewertung des Unbekannten und Unfassbaren. Ich glaub, man könnte mir einreden, ich würde nächsten Monat zur Elfe, es wäre nicht unvorstellbarer.

Eigentlich ist es sehr irritierend, wenn jemand um jeden Preis ein unbekanntes Land erreichen will. Aber manchmal zieht es die Seele eines Menschen so sehr an einen bestimmten Ort, dass es dumm wäre, man würde die Seele nicht fliegen lassen. Unser Innerstes spürt wohin es gehört, ihm zu folgen scheint mir der Sinn des Lebens.

Mit Juliet lief das eigentlich genau so, es zog unsere Herzen irgendwann einfach zusammen, aller rationalen Argumente dagegen liessen wir uns auf einander ein, folgten dem Ruf unseres Herzens. Was uns erwarten wird, war uns unbekannt, wir spürten nur einfach, dass wir dahin gehören. Wir bekamen Recht :-)

Auch jetzt vertraue ich dem Ruf meines Herzens oder meiner Seele, wie so oft im Leben……. aber noch nie war das Unbekannte das vor mir liegt unfassbarer als heute……… aber auch der Ruf meiner Seele, der mich vier Jahrzehnte zu diesem Punkt führte, ist stärker als je zuvor.

Ich freue mich so auf dieses mir unbekannte Leben, das nächten Monat vollendet wird, diese Einheit, die so unvorstellbar ist. Und ich freue mich so darauf, dieses Leben zu leben und zu erkunden.


 

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