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Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Die Entscheidung und der Quantensprung

Meine Transsexualität brachte eine Reihe von Erschütterungen in mein Leben, die jedesmal einen Quantensprung auslösten. Als Kind kam die Erkenntnis, dass mein Körper und damit die mir zugedachte Geschlechterrolle nicht meinem Geschlecht entspricht, im frühen Erwachsenenalter kam die Erkenntnis, dass man das Transsexualität nennt und ich also irgendwie persönlichkeitsgestört sein soll, mit Vierzig kam die Erkenntnis, dass ein Leben in Selbstverleugnung kein Leben ist, mit Dreiundvierzig kam die Erkenntnis, dass es einfach nicht mehr aushaltbar ist und mich nun zwingt, mich aller folgenden Stigmatisierungen zum Trotz, mein Leben einzufordern und den hohen Preis dafür zu bezahlen.

All diese Schlüsselmomente waren wegweisend für das weitere Leben und haben mich intensiv beschäftigt. Manchmal war es ein längerer Prozess, manchmal schlug es ein wie ein Blitz. Es gab viele Schlüsselerlebnisse, die von einer unheimlichen Gewalt waren. Ein Ereignis sticht dabei heraus, es war die Folge eines lebenslangen Prozesses, der Entscheid fiel dann jedoch wie ein Blitz. Es war der schicksalshafteste Tag meines Lebens, der Tag, an dem ich mich definitiv entschloss, diesen Weg zu gehen, fortan als die Frau leben werde, die ich schon immer war und doch nie sein konnte.

Ein halbes Jahr Risikoabwägung und Sinnsuche
Es fällt mir schwer, daran zurückzudenken, weil dieser Moment mir scheint wie in einer tiefen dunklen Höhle. Vorausgegangen war ein halbes Jahr, in dem ich mir täglich stundenlang Gedanken darüber machte, ob es nicht doch einen anderen Weg gäbe, ob ich nicht doch irgendwie dieser Stigmatisierung weichen könnte, ob ich wirklich bereit bin, alles zu verlieren, was mir etwas bedeutet.

Einige Monate vor dem entscheidenden Tag sagte mir eine meiner besten Freundinnen sinngemäss: “Ach komm, Du hast Dich doch schon lang entschieden”. Entschieden, wie ich leben möchte, das war nie eine Frage, die Frage war hier, ob ich diesen hohen Preis bezahlen kann. Ich rechnete damit, sozial wirklich ganz am Abgrund zu landen. Ob ich Verwandte, Freunde, Job, Wohnung, was weiss ich verliere, ob mich die ganze Welt auslacht, ob ich all das ertragen kann………….. all das wusste ich nicht.

Monat für Monat wurde es beengender, eine unfassbare Angst vor einem Leben als Stigmatisierte oder Ausgegrenzte, diese nicht mehr aushaltbare Sehnsucht nach wahrhaftem Leben, die Erkenntnis, dass ich es einfach nicht mehr kann, diese unerträgliche Lebenslüge weiter zu spielen.

Das letzte Ringen um einen längst entschiedenen Entscheid
Die letzten zwei Wochen waren die Hölle. Es war als müsste ich zwischen Galgen und Erschiessung wählen. Ich hatte unglaubliche Angst vor dem was mich erwarten würde, hatte Angst, dass ich nicht stark genug bin, um selbst unter Gelächter die Würde zu bewahren. Ich hatte soviel darüber nachgedacht, es war klar, dass ich durch die Hölle gehe……….. oder in der Hölle bleibe – ich hatte zu wählen.

Der letzte Abend war nur noch ein verzweiufeltes Ringen, es war tatsächlich schon längst entschieden, es war nur noch die Angst, die mich verzweifelt versuchte, davon abzuhalten.

Der Quantensprung der Entscheidung
Und dann, keine Ahnung warum genau dann, war wieder dieser Blitz der Entscheidung, der den grössten Quantensprung meines Lebens auslöste. Inmitten einer düsteren Hoffnungslosigkeit und Angst, stieg eine wilde Entschlossenheit auf. Ja! Ich gehe diesen Weg! Mag die Welt mich deswegen für verrückt halten, mich verachten oder ausgrenzen, ich entfalte mein Selbst und fordere das Recht ein, mein Leben zu leben……….. um jeden Preis.

Die Ruhe nach dem Sturm – endlich frei!
Als dieser Entschluss, der schlussendlich eine Sekunde dauerte, durch meinen Kopf schoss……… wurde ich eingelullt in ein Meer von Erleichterung……….. ich bin frei, verdammt nochmal, ich bin wirklich frei………… und ich heulte mir die Seele aus dem Leib und war so unglaublich glücklich. Endlich habe ich es geschafft, mich überwunden, mich von den Ketten losgerissen. Endlich habe ich JA gesagt zum Leben. Ich glaub, das war der schwerste und glücklichste Moment meines Lebens, diese in Sekundenbruchteilen vollzogene Freisprechung.

Was blieb, war die Angst, die Folgen meines Anspruchs auf Selbstbestimmung nicht tragen zu können, daran zu zerbrechen. Aber das war plötzlich zweitrangig, ich war nun frei, ich würde nun ich sein, mich selbst leben…………. dann kam der Satz, der ganz zu Beginn meines Tagebuchs zu finden ist: “Ich gehe diesen Weg, selbst wenn es das Letzte ist, das ich tue!”…… und ich war tief entschlossen, meinen Weg zu gehen.

Wenn die Welt innert eines Wimpernschlages Kopf steht
Ich würde so gern erklären, wie sich das angefühlt hat, aber es ist unmöglich. Es war als hätte ich in einem Zauberkerker gelebt und hätte dann den Zauberspruch gefunden, mit dem ich den Kerker auflösen kann. Oder eher gar, als wär ich ein Leben lang hinter einer Dornenhecke eingeschlossen gewesen und hätte erkannt, dass diese Grenze eine Illusion ist und ich da doch durchlaufen kann. Ein Satz ging schlussendlich durch meinen Kopf – dieses kurze ‘ja ich will’ – und der Spuk war vorbei.

Dann wurde es still in mir. Ich war erschüttert, bei der Vorstellung, was nun alles auf mich zukommen würde – purer Horror. Und ich war zutiefst ergriffen, weil ich plötzlich so frei war, wie nie zuvor, ich hatte mir die Freiheit zugesprochen, mich selbst zu sein.

Was dann geschah war wirklich seltsam, einem Quantensprung gleich. Das Wesen, das Jahrzehntelang geflohen ist und gerungen hat, das zweifelte und sich fürchtete, stand plötzlich auf, mit der Entschlossenheit einer Kriegerin, die bereit ist für die grosse Schlacht….. und die sich von nichts und niemandem aufhalten lässt.

Der Quantensprung der Vollendung
In einem Monat wird das zweite Mal ein Wimpernschlag einen Quantensprung auslösen. Was der erste Schicksalsmoment ein Beginn war, wird der Zweite zur Vollendung. Und wieder wird innert eines Wimpernschlages alles anders und ein zweites Mal darf ich aufatmen…….. uns sagen: es ist vollbracht.


 

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