(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Der Tod der Tänzerin

Die meisten Menschen kennen so Momente, in denen einem einfach spontan die Decke auf die Birne knallt. Ein kleiner äusserer Reiz reicht und schon kommt etwas hoch, das irgendwo tief in einem modert. Oft sind es Dinge die seit Langem im Kerker der Seele vor sich hinfaulen, sie sind einem nur allzu gut bekannt, weil sie im Verlauf des Lebens immer mal wieder auftauchen, wie Schatten die man nicht los wird. Und dann ein kleiner Impuls, irgend etwas was einem daran erinnert und schon geht ein Feuerwerk von Gefühlen los. Man sagt solchen Auslösern “Trigger”, das englische Wort für “Auslöser”. Bei mir hat’s grad mal wieder getriggert und ich fühl mich wie zugebombt, eine Detonation nach der Anderen, eine Welle nach der Anderen….. Gut zu wissen, dass so Trigger-Tsunamis nur kurz andauern und schon bald wieder vergessen sind. Dumm nur, dass man die Gewissheit hat, dass man ihnen früher oder später wieder begegnen wird.

Und wenn Zarah tanzt, ist sie ganz allein
denn noch nie war sie zum Tanzen aus
nur in ihrer Welt war sie groß und stark
doch sie kam aus ihrer Welt nie raus
(Rosenstolz – Zarah in Ketten)

Begonnen hat es wie so Trigger nunmal sind, durch ein ganz harmloses Ereignis. Ich sass im Wohnzimmer und guckte DSDS, genoss den Gesang, die Auftritte und immer mal wieder beobachtete ich die Background-Tänzerinnen, die im Hintergrund für Ambiente sorgen. Normalerweise sind sie im Hintergrund, der Sänger absorbiert den grössten Teil der Aufmerksamkeit. Doch heute sah ich einen Moment lang nur noch eine Tänzerin im Hintergrund, die im Takt der Musik ihren wunderschönen Körper zu einem noch schöneren Kunstwerk verbog. Da war er wieder, dieser verfluchte Trigger – und die Achterbahn der Erinnerungen ging los.

Seit ich denken kann, war Musik für mich das Grösste was es gibt. Musik geht durch Mark und Bein, Musik kann die Seele streicheln oder sie erschüttern. Musik ist die Königin der Künste. Musik kann man hören, man kann sie auch selbst machen, oder man kann sich von ihr durchströmen lassen. Tut man Letzteres, beginnt der Körper sich zur Musik zu bewegen und daraus entsteht Tanz.Ich glaube, es gibt nichts Erfüllenderes als sich von Musik mitreissen zu lassen, nicht nur im Kopf sondern mit dem ganzen Körper. Tanz ist Ekstase, in ihrer reinsten Form. Ich glaube, dass dem so ist, aber ich weiss es nicht wirklich, weil mir der Zugang dazu nie vergönnt war.

Wann genau es war, weiss ich nicht mehr, ich weiss nur noch wie ich mich gefühlt habe, als ich zum ersten Mal in einer Schülerdisco stand, mich zur Musik gehen liess, die Musik meinen Körper durchströmte und ihn in Bewegung versetzte…….. und ich anschliessend ausgelacht wurde. Du tanzt ja wie ein Mädchen, hahaha, ach wie lustig. Ich war total irritiert. Ich hatte mich ja nur zu dieser Musik bewegt, mir nicht überlegt wie ich das tun soll sondern es dem Körper überlassen, was er damit anfangen will. Ich war mir nicht bewusst, etwas Weibliches zu machen, ich hörte einfach Musik und die bewegte mich. Dafür wurde ich ausgelacht, so wie ich schon viel zu oft für andere Sachen ausgelacht wurde. Dass ich irgend etwas tat das für einen vermeintlichen Jungen zu weiblich war, dürfte wohl der häufigste Grund gewesen sein, dass ich ausgelacht oder verspottet wurde.

An diesem Tag endete meine Tanz-Karriere. Im Gegensatz zu vielen anderen Dingen, Verhaltensweisen u.s.w. kann man Tanz nicht vom Kopf aus steuern. Entweder man lässt sich tanzen oder man tut es gar nicht. Da gibt es keine Zwischenstufen, jedenfalls nicht für mich. Ich wollte nicht ausgelacht werden, wollte aber auch nicht Bewegungen zur Musik machen, die ich rational eintrainiert habe. Dazu war mir Musik viel zu wertvoll. So hörte ich auf, mich zur Musik zu bewegen, für sehr sehr lange Zeit.

Erst viele Jahre später, in der Pupertät, hatte ich eine Freundin, die fürs Leben gerne tanzte. Sie überredete mich, mit ihr an einen Tanzkurs zu gehen, indem man so Standardschritte lernt wie Foxtrott und so Quatsch. Tanzen lernen und koordinierte Schritte zu üben scheinen mir in totalem Widerspruch zu stehen zu dem, was ich unter Tanzen verstehe. Aber ich machte mit und überwand damit auch diese Angst, die mich soviele Jahre gefesselt hatte. In der ersten Tanzstunde, nach etwa einer Viertelstunde, schnauzte mich meine Freundin mitten im Tanzsaal an. Du bewegst Dich ja wie eine Frau. Du musst führen und nicht Dich führen lassen. Ich war fassungslos. Im Anschluss an diese Tanzstunde, die mal so nebenbei zum Albtraum wurde, drückte ich ihr unseren Ring in die Hand und beendete unsere Beziehung. Das Messer, das sie mir in dieser Stunde ins Herz rammte, war zu scharf, als dass ich da noch etwas hätte retten können.

Das war das Ende, bis zum heutigen Tag – und wohl bis zum Ende meines Lebens. Ich kann es nicht mehr, so sehr ich es mir wünschte. Immer wenn ich im TV Menschen tanzen sehe, bin ich total fasziniert, fühle eine unbändige Sehnsucht und gleichzeitig zerreisst es mir fast das Herz. Die Angst ist viel zu gross, als dass ich da je wieder ernsthaft einen Zugang finden würde. Auch wenn es noch so irrational ist, ich bekomme fast panische Zustände, wenn ich mir vorstelle, dass ich tanzen würde. Ich kann das nicht mal wenn ich alleine bin, weil ich mich dabei so doof fühlen würde.

Und das ist speziell irrational, denn heute dürfte ich mich ja weiblich bewegen. Aber das was mich hemmt, diese tiefsitzende Angst, ist nicht mehr eine Frage von männlich oder weiblich sondern die feste Überzeugung, dass ich mich lächerlich mache, wenn ich mich zur Musik bewege. Ich weiss, dass es nicht so wäre, aber die Angst sitzt viel zu tief, so tief, dass sie jeglichen Verstand auslöscht und für rationale Argumente nicht mehr erreichbar ist.

Es gibt viele Dinge, denen ich nachtraurere, weil ich sie verpasst habe und nie wieder nachholen kann. Aber es dürfte nur wenig Verluste geben, die so schmerzhaft sind, wie der Tod der Tänzerin in mir. So gross, wie die Sehnsucht danach ist und so gross wie die Bewunderung ist, denen gegenüber die wirklich tanzen können, bin ich der festen Überzeugung, dass ich eine leidenschaftliche Tänzerin geworden wäre. Vermutlich hätte ich lateinamerikanische Tänze gemacht, vielleicht wäre ich auch als Backgroundtänzerin in einer Band gewesen, vielleicht hätte ich einfach nur jedes Wochenende in irgendwelchen Schuppen getanzt. Aber auf jeden Fall wäre das Tanzen etwas ganz Zentrales in meinem Leben geworden.

Es sind Momente wie dieser jetzt, in denen ich zutiefst trauere, um diese Tänzerin, die sterben musste, bevor sie zu leben beginnen konnte.
R.I.P. my sweet little dancing queen


 

7 Reaktionen zu “Der Tod der Tänzerin”

  1. Morag

    *erstmalgaaanzfestedrücken”

    He-hattest Du nicht vor einiger Zeit mal geschrieben, daß Dir die Red Hot Chili Pipers Beine gemacht hätten?

    Du kannst es doch, liebe Diana! Durch soviel Mist hast Du Dich zu Deinem wahren Ich durchgekämpft und einen Weg gefunden, es zu leben-da findet sich bestimmt auch für diesen Schatten aus der Vergangenheit eine (Auf)Lösung.

    Wie wärs damit: Stell Dir die Szene damals in der Schülerdisco noch einmal vor-und die unsäglichen Idioten, die Dich ausgelacht haben, mit riesengroßen Pappnasen. Und dann versuch nochmal, die ernst zu nehmen…und von denen läßt Du Dir den Spaß nehmen? Never!!

  2. Diana

    Wenn’s nur so einfach wäre, liebe Morag, das sitzt ganz schön tief drin und ist weit weit weg vom Verstand. Ok am RHCP Konzert haben die Hüften ausnahmsweise mal etwas rumgespielt, was an der guten Musik und wohl auch am Alkohol lag. Aber es ändert wenig daran, dass diese Überzeugung so tief in mir steckt, dass ich sogar ganz alleine unter diesem Druck stehen würde. Ich denke, dieser Traum ist gestorben und damit muss ich leben. Das kann ich auch, immerhin ist mein grösster Traum in Erfüllung gegangen und alles kann man nunmal nicht haben ;-)

  3. Morag

    Das will ich doch von ganzem Herzen hoffen, daß Du damit leben kannst-ansonsten würden Juliet und ich Dir aber was erzählen ;-)

  4. Diana

    keine Sorge, da hab ich schon Übleres überstanden. Aber manchmal tut es halt doch weh, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass ich mehr als nur etwas getanzt hätte, da ist wirklich eine richtige Tänzerin verloren gegangen und zumindest das ist für immer verloren. Wer weiss, vielleicht knacke ich das Ding doch irgendwann und schaffe es, wenigstens im Kleinen mal das Tanzen zu erlernen, aber irgendwie zweifle ich sogar daran. Immerhin haben mir Freundinnen versprochen, mich in den Bauchtanz einzuführen, aber ob ich die Erstarrung aufbrechen kann, ist mehr als fraglich. Naja, immerhin kann ich kuscheln, das ist ja das Wichtigste ;-)

  5. Juliet

    *auchmalganzdolldrückt*

    Süsse, irgendwie geb ich die Hoffnung nicht auf, dass Du die Blockade doch durchbrechen wirst, vielleicht muss es einfach der perfekte Moment sein- die richtige Musik, die richtige Umgebung und die richtige Stimmung und jemand der mitmacht (den Part übernehm ich gerne). Ich tanze auch sehr gerne, aber auch ich brauche diese Aspekte. Und ich habe gesehen, dass Du Dich gut bewegen kannst, wir kriegen das hin.

  6. Britta

    Hey Diana…
    ich kann das – aus recht ähnlicher Erfahrung – nur zu gut nachempfinden.
    Schau doch mal (wenn du magst) Hier (ziemlich langer Text – etwa in der Mitte findet sich die Passage, die sich ums Tanzen dreht).
    Ich habe mich zwar nie so völlig entmutigen lassen – aber die Unschuld (und damit die wahre Tiefe) war weg. Kam auch niemals wieder.
    Ziemlich grauenvoll, wie sehr wir uns verbiegen und beschädigen lassen…
    Vielleicht ist eine 100prozentige Heilung nie mehr möglich – aber dicht dran kommen wir schon, wenn wir erst so richtig loslegen, oder? ;-))
    Liebe Grüße – Britta :-)

  7. Diana

    @Juliet: na mit Dir zusammen könnte das doch noch klappen. Aber das “richtige Tanzen” von dem ich träume, so im Flashdance Stil, ist definitiv vorbei. Aber einen Trost hab ich ja, selbst wenn ich das gekonnt hätte, wär ich langsam eh zu alt für sowas, also ist die Zeit so oder so vorbei. Aber manchmal kommt halt doch die grosse Wehmut auf, ich find so Tänzereien sowas von schön, es muss wundervoll sein, sich so gehen zu lassen.

    @Britta: ich bin grad in Eile und les Deinen Beitrag gern später. Fürs Erste kann ich Dir nur Recht geben, an uns wird vieles verbogen und verhindert, das ist einer der grausamsten Aspekte unserer Wesensart. Umso wichtiger ist es, dass man die Vergangenheit so gut es geht ruhen lässt und wenigstens das geniesst, was uns in der Gegenwart endlich möglich ist. Deshalb sollte ich dringend mal wieder shoppen gehn ;-)

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