(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Der letzte Weg zum Feuer des Phönix

In den letzten Tagen macht sich eine Stimmung in mir breit, die schwer zu beschreiben ist. Es hat etwas Unheimliches, Mysteriöses, Bedrohliches, Hoffnungsgeschwängertes, Glückseeligmachendes, etwas Erlösendes.

Vier Jahrzehnte hielt ich es für unmöglich, seit bald zwei Jahren geschieht das Unmögliche tagtäglich, ich durchlebte und durchkämpfte eine äussere Metamorphose, die das einst unmöglich geglaubte Wunder wahr macht.

Nun gehe ich den letzten Weg, die letzte Kreuzung liegt hinter mir. Vor mir – einen guten Monatsmarsch von hier – sehe ich das Feuer des Phönix brennen. Die Vollendung eines ungeglaubten Wunders steht mir bevor und das ist ein unvorstellbares Gefühl.

Der Phönix Mythos……
Der Mythos de Phönix besagt, dass sich der Phönix zur Erneuerung zu gegebener Zeit in selber verbrennt und dann aus der Asche aufsteigt, als neue Emanation seinerselbst. Was für eine schöne Vorstellung. Und wie gut sie doch passt in das was mir bevor steht. Am 15. November werde ich die Augen schliessen und gefühlte 3 Sekunden später wieder öffnen und realisieren, dass das Unmögliche vollbracht ist, dass “er” verbrannt wurde und “sie” – also ich – aus der Asche emporgestiegen ist – unumkehrbar.

….. und die Vollendung einer Metamorphose
Oft habe ich betont, dass nicht die GaOp der entscheidende Moment ist sondern das Outing, wenn man beginnt, sich selbst entsprechend zu leben. Aber die GaOp und die offizielle Personenstandsänderung sind die Vollendung dieses beschwerlichen aber auch beglückenden Prozesses. Und es ist das Ende einer unerträglichen Diskrepanz zwischen Innen und Aussen. Die “Geschlechtsinkongruenz” ist aufgelöst, es gibt keine Diskrepanz mehr.

Das Feuer des Phönix……
Aber dieses Feuer macht auch Angst, vor den zwangsläufigen Beschwerden und den möglichen Risiken. Ich weiss, dass eine harte Zeit auf mich zu kommt, es kommen Schmerzen auf mich zu, wenn etwas schief läuft, kann eine Handvoll Operationen die Folge sein. Es ist echt gruselig, diese Vorstellung. Ich weiss auch genau, was gemacht wird und wie das zu Beginn nach der Operation aussieht. Diese Ängste müssten mich eigentlich ziemlich aufreiben, tun sie aber seltsamerweise nicht, weil sie untergehen in einem Meer anderer Gefühle, die um ein Vielfaches wichtiger sind.

…. im Vergleich mit dem Höllenfeuer
Es ist viel gruseliger, wenn man jedes Mal, wenn man sich an- oder auszieht, wenn man aufs Klo geht, unter der Dusche steht…….. und jedes Mal dieser Irritation ausgesetzt ist, dass man nicht sich selbst entspricht……… oder wenn man mit männlicher Bordkarte fliegt, sich mit männlichen Papieren ausweisen……. und sich jeder Würde beraubt fühlt.

Einssein mit mir selbst
Mein ganzes heutiges Leben ist vollständig meinem weiblichen Selbst entsprechend, ich werde in der Öffentlichkeit meistens als normale Frau wahrgenommen, führe ein normales Leben wie es Frauen in dem Alter tun (abgesehen von meinen kindischen Allüren), werde überall meinem Geschlecht entsprechend angenommen – es stimmt einfach alles, mein Alltagsleben ist frei von “Inkongruenz”, ich bin einfach nur noch mich selbst……. abgesehen von dieser letzten Inkongruenz, die mir bis zuletzt die Identität verweigert.

Am Ende des Krieges steht die Ruhe……
Wenn ich mir die Zeit nach der Op vorstelle, dann emfpinde ich nur noch Ruhe, eine glückseelige Ruhe. Vier Jahrzehnte Flucht und zwei Jahre Kampf ums Leben – und dann, scheinbar plötzlich, ist der Krieg vorbei. Es gibt nichts mehr, das mich an mir selbst irritiert, keine körperliche Besonderheit für die ich mich tagtäglich schäme, die ich sogar vor meiner eigenen Verlobten verberge, weil es mir einfach unerträglich scheint, so gesehen zu werden……….

…… und die Freiheit des Seins
Dann ist alles vorbei, dann muss ich nur noch leben, nichts anderes. Keine Transsexualität mehr, die mich tagtäglich behindert, einfach frei sein, ohne jeglichen Widerspruch, weder mit mir noch mit meinen Ausweisen. Ich weiss nicht, wie das ist, so eine Selbsterfahrung und Selbstentfaltung ist neu in meinem Leben, ich war noch nie widerspruchsfrei mich selbt. Aber ich stelle es mir wunderschön vor. Egal wieviele Probleme das Leben noch stellt – und es werden derer viele sein – bleibt das Unvorstellbare, dass ich mit mir selbst im Reinen bin, nichts Anderes mehr als Diana, wie sie leibt und lebt. Diese Vorstellung rührt mich immer wieder zu Tränen, ich fühle mich wie kurz vor der Erlösung, ein fast schon spirituelles Empfinden.

Wer sucht, der findet….. Ruhe
Ich mag es, bildhafte Zitate in den unterschiedlichsten Kontext zu stellen und finde so immer wieder erstaunliche Gedanken dabei. Im einer apokryphen (ausser-biblischen) christlichen Urschrift, dem Thomas Evangelium, finden sich über hundert Jesus Zitate, eines davon, das in ähnlicher Form auch in der Bibel zu finden ist, lautet in dieser Schrift wie folgt:

Nicht aufhören soll der Suchende zu suchen, bis er findet;
und wenn er findet, wird er betroffen sein;
und wenn er betroffen ist, wird er herrschen;
und wenn er zu herrschen begann, wird er Ruhe finden.
(Papyrus Oxyrhynchos 654 – 2)

  • Ich habe mich gesucht und habe mich, also die Wahrheit meines Selbst, gefunden.
  • Ich war betroffen und erschüttert, in Anbetracht der Herausforderung, die mir dadurch abverlangt wurde.
  • Ich übernahm die Herrschaft über mein Sein, ich begann zu bestimmen, wer ich bin.
  • Und ich fand grosse Ruhe und werde sie noch mehr finden, weil ich ein selbstbestimmtes und authentisches Leben führe, weil ich mich nicht mehr suchen oder finden muss sondern einfach nur noch sein darf – Shalom – im wahrsten Sinne des Wortes.

Aus dem Albtraum aufwachen
Am 15. November, wenn ich die Augen öffne, wache ich zum ersten Mal aus diesem fast 44-jährigen Albtraum auf und weiss, dass er nie mehr kommt, dass ich jetzt wirklich aufgewacht bin und das wahre Leben uneingeschränkt gelebt werden kann. Aber so sehr ich mich darauf freue und sogar zu Tränen gerührt bin wenn ich daran denke, ich muss doch gestehen, dass ich eine Scheissangst hab. Das Feuer macht mir Angst, aber ich gehe trotzdem gerne da durch, eben weil ich endlich aus der Asche aufsteigen muss…….. weil ich auch ohne es zu wissen die tiefe Gewissheit habe, dass ich an diesem Tag zur Ruhe komme, weil ich dann – zum ersten Mal im Leben – grenzenlos glücklich bin, nur weil ich bin.

PS: dieses Bild ist hier schon öfters aufgetaucht, weil es für mich den Weg den ich diese zwei Jahre gegangen bin, besser darstellt als jedes Andere. Die Schwere des Weges zeigt sich deutlich, aber die Entschlossenheit im Blick dieser Frau zeigt auch, dass sie diesen Feuerlauf überstehen wird. Ich liebe dieses ausdrucksstarke Bild, es gibt mir immer wieder Kraft, wenn grad mal wieder die Füsse brennen :-)


 

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