(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Das kleine Durcheinander von Moses

Als konfessionslos Gläubige könnte mir eigentlich egal sein, was in “heiligen Schriften” steht und was Gläubige daraus ableiten.

Aber es gibt zwei Gründe, weshalb ich mich doch immer wieder mit so Fragen beschäftige. Der erste Grund ist der, dass ich die jesuanische Ethik für so vollkommen halte, dass ich glaube, dass die ganze Welt Frieden finden könnte, würde sie denn nach diesen wenigen klaren Regeln leben. Der zweite Grund ist der, dass ich immer wieder selbsternannte Heilige erlebe, die anstelle des jesuanischen Liebesgebot lieber ein Schwert aus der Bibel schmieden, um damit die Köpfe ihrer Nächsten vom Rumpf zu trennen. Solange die jesuanische Predigt derart pervertiert wird, dass diese Religion zur Ausgrenzung und Diskriminierung von Anderen dient, solange fühle ich mich zum Widerspruch genötigt, im Speziellen wenn es um das Thema Homosexualität oder Transsexualität geht.

Sie verbieten zu heiraten und Speisen zu geniessen,
die doch Gott geschaffen hat,
damit sie mit Danksagung gebraucht werden
von denen, die gläubig sind und die Wahrheit erkennen.
Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut,
und nichts ist verwerflich,
wenn es mit Danksagung empfangen wird;
denn es wird geheiligt durch Gottes Wort und Gebet.
(1.Tim 4,3-5)

Da ich mich jahrelang mit diesen Schriften sehr intensiv beschäftigte, staune ich immer wieder über die Dreistigkeit, mit der gewisse Fundamentalisten aus der Bibel einen Selbstbedienungsladen machen und alles aus dem Zusammenhang zerren um es bei nächster Gelegenheit jemandem um die Ohren zu hauen. Gerade die angebliche Sünde der Homosexualität ist ein Prachtbeispiel für selektive Wahrnehmung. Um das zu verstehen, müssen wir uns ein wenig mit Moses beschäftigen und der Frage nachgehen, was für ein seltsames Durcheinander der Gute vollbracht hat.

Zehn oder sechshundertdreizehn Gebote?

Gemäss den Schilderungen der Torah, die wir als das “Alte Testament” kennen, gab Gott Moses auf dem Berg Sinai Steintafeln mit zehn Geboten. Du sollst nicht töten, sollst nicht stehlen u.s.w. Aber irgendwie hielt sich Moses für klüger als Gott, ihm reichten diese klar definierten Gebote nicht. Es gibt ja auch Beschränkte unter uns, da kann man das nicht präzis genug formulieren. Also bastelte der übereifrige Moses und seine Nachfolger 613 Gebote, die für jeden Juden bindend waren. Und dabei zeigte er eine Detailverliebtheit und einen Surrealismus, der hier und heute, zweitausend Jahre später in einem völlig anderen Kulturkreis, doch sehr befremdend wirkt.

Und genau in diesen 613 Geboten und nur dort, findet sich eine Stelle, in der steht, dass es Gott ein Gräuel ist, wenn ein Mann neben einem Knaben liegt. Interessant dabei ist, dass es nicht um einen Mann geht der neben einem Mann liegt sondern neben einem Knaben. Ob damit Homosexualität gemeint ist oder Pädophilie, lässt sich aus dem hebräischen Text meines Erachtens nicht eindeutig herauslesen. Noch weniger lässt sich ablesen, ob das auch für Frauen gilt. Aber das spielt keine Rolle, wesentlich ist etwas ganz Anderes.

Biblische Gesetze: such Dir was aus

Und richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet;
verurteilt nicht, so werdet ihr nicht verurteilt;
sprecht los, so werdet ihr losgesprochen werden!
(Lukas 6,37)

Diejenigen, die homosexuellen Menschen so gern Bibelstellen um die Ohren hauen, ignorieren dabei störrisch, dass sie selber wohl keine 13 dieser 613 Gebote einhalten. Es ist beispielsweise verboten, Schweine, Meeresfrüchte, Geckos oder Fledermäuse zu essen, trotzdem tun sie es, naja vielleicht keine Fledermäuse, aber zumindest Schweine und Meeresfrüchte. Es braucht nur wenig Vernunft um sich die Frage zu stellen, gelten diese mosaischen Gebote für uns oder nicht? Auf jeden Fall spottet es jeder Vernunft, wenn man selber 600 Gebote missachtet, Andern aber eines als Sünde vorwirft.

Aus 10 mach 613, aus 613 mach 1

Für Bibelforscher und Historiker ist der Fall klar, diese mosaischen Gebote waren ein Gesetzeswerk für die Juden der damaligen Zeit, so wie wir hier auch eine Unzahl an Gesetzen und Geboten haben und auch Jesus war offensichtlich nicht der Ansicht, dass dieses mosaische Regelwerk das Gelbe vom Ei war, denn er machte genau das Gegenteil von dem, was Moses tat. Moses machte aus 10 Geboten 613 Gebote, Jesus machte aus diesen Zehn ein Einziges: Liebe Deinen Nächsten so wie Dich selbst.

Geht so mit den Menschen um,
wie ihr selbst behandelt werden möchtet.
Denn darin besteht das ganze Gesetz und die Propheten.
(Matthäus 7,12)

Denn Du kannst niemanden töten oder bestehlen, wenn Du ihn liebst. Wer sich vom jesuanischen Liebesgebot leiten lässt, das selbst Feindesliebe mit einschliesst, der kann die zehn Gebote nicht brechen, wohl aber Meeresfrüchte essen und am Samstag sein Auto waschen. Wer liebt, lebt gottgemäss, hätte Jesus wohl gesagt – egal welches Geschlecht er/sie liebt.

Gesetz oder Liebe? Wähle!

Denn das ganze Gesetz wird in einem Wort erfüllt, in dem:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!
(Gal 5,14)

Als der Apostel Paulus in Griechenland das “Heiden-Christentum” gründete und bei der Gelegenheit aus dem jüdischen Rabbi Jeshua den Gottessohn Jesus zimmerte, fanden hitzige Streitereien statt. Viele der jerusalemer Judenchristen vertraten den Standpunkt, dass ein Heide, der sich zu Jesus bekennt, nicht nur alle mosaischen Gesetze einhalten muss sondern sich auch beschneiden lassen muss. Nach langen Grabenkämpfen konnte sich Paulus durchsetzen und man einigte sich darauf, dass diese Gebote bis hin zur Beschneidung nur für Juden gelten. In unzähligen Textstellen setzt sich Paulus vehement dafür ein, dass man den griechischen Christen “das Joch des Gesetzes” nicht auferlegen dürfe, dass der Glaube allein entscheidend ist.

Intermezzo: An den Früchten wird man erkennen

Denn ich bin von Gottes Art und komme von ihm her.
Nicht im eigenen Auftrag bin ich hier,
sondern als Gottes Gesandter
(Johannes 8,42)

Ich persönlich glaube, dass auch Paulus irrte, denn wenn man die überlieferten Sprüche von Jesus genau studiert, wird klar, dass er nie den Glauben an sich selbst predigte sondern sich als Wegweiser zu Gott verstand und mehr als das stellte er mehrfach fest, dass man sich noch soviel bekennen kann, es sind die Taten und die Gedanken die dahinter liegen, die entscheidend sind. An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen! Wer also glaubt, er könne ein Bekenntnis ablegen und dann ein Leben lang auf seinen Nächsten herumhaken und beispielsweise Homosexuelle ausgrenzen, der wird wohl eines Tages dumm aus der Wäsche schauen, wenn ihm sein Bekenntnis vor die Füsse geworfen wird mit den Worten: “Wer bist Du, ich kenne Dich nicht” (Mt 25,31). Aber das nur als Zwischenbemerkung, gehen wir zurück zum Thema.

Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder angetan habt,
das habt ihr mir getan!
(Matthäus 25,40)

Bibel ernst genommen: Alles oder Nichts

In einem hatte Paulus sicherlich Recht. Wenn man sich unter das “Joch des Gesetzes” stellt, dann muss man jedes Gebot, immer und jederzeit einhalten. Wer also glaubt, er könne Schweinefleisch und Meeresfrüchte essen und dürfe am Samstag (Sabbath) einkaufen gehen, wer all das tut und gleichzeitig Homosexuelle verteufelt, ausgrenzt und diskriminiert, der treibt Schindluder mit der ihm angeblich heiligen Schrift.

Wer aber Jesus nachfolgt, nicht ihn anbetet sondern ihm wahrhaft nachfolgt, wer seinen Nächsten bis hin zu seinen Feinden liebt, wer nicht über Andere richtet und Anderen vergibt, der kann nicht plötzlich kleingeistig eines dieser 613 mosaischen Gebote herauspicken und damit Anderen das Fegefeuer androhen.

Ich rede aber nicht von deinem eigenen Gewissen,
sondern von dem des anderen;
denn warum sollte meine Freiheit
von dem Gewissen eines anderen gerichtet werden?
Und wenn ich es dankbar geniesse,
warum sollte ich gelästert werden
über dem, wofür ich danke?
(1.Kor 10,29-30)

Wer das tut, macht sich zum Pharisäer, der ein einst postuliertes Reinheitsgebot über die Nächstenliebe stellt. Gott ist Liebe, verkündet der Apostel Johannes kurz und bündig. Wann auch immer zwei Menschen sich lieben und ein Dritter kommt hinzu und verdammt sie um ihrer Liebe willen, immer dann wird ein weiterer Nagel in den Körper von Jesus getrieben, immer dann wird die Liebe Gottes verspottet………… immer dann, legt er Zeugnis ab, dass er nicht im Geringsten verstanden hat, was Jesus predigte und wofür er gestorben ist.

Du hast Glauben?
Habe ihn für dich selbst vor Gott!
(Röm 14,22)


 

2 Reaktionen zu “Das kleine Durcheinander von Moses”

  1. Kim

    Diana, du hast was vergessen… Viele Christen lieben Homosexuelle und Transsexuelle ja – sie wollen ihnen nur helfen, dass sie von ihren Krankheiten befreit werden… so gesehen gibt es eben Menschen die tatsächlich zusammenbekommen zu sagen: Wenn ein Mann eine “Frau werden will”, dann ist das eine Krankheit und man soll diesem, gerade weil man ihn liebt, helfen, von seinem krankhaften Wunsch abzulassen.

    Dass sich damit das christliche Weltbild als genital-zentriertes offenbart zeigt sich hier ja überdeutlich. Insofern ist es, so ist mein Eindruck, tatsächlich so, dass transsexuelle Frauen in der christlichen Logik gar nicht vorkommen – ihre naturgegebene Existenz wird von vorne herein in Frage gestellt – was sich dann an Sätzen zeigt wie “ein Mann der eine Frau werden will” (oder umgekehrt), “eine Frau, die mal ein Mann war”… oder schlichtweg solchen Ideen wie der “Geschlechtsidentitätsstörung” bzw. “gender identity disorder/incongruence). Hier zeigt sich: Das Genital wird als biologisch echt erachtet – alle anderen geschlechtlichen Komponenten eines Menschen (andere Organe wie z.B. auch das Gehirn des Menschen) nicht.

    Insofern ist die christtlich-jüdisch-muslimische Weltanschauung eine streng phallo-zentrierte Weltanschauung, die den Phallus sogar als wichtiger erachtet als das Gehirn des Menschen – oder anders ausgedrückt: Der Mensch wird als reiner Fortpflanzungsapparat angesehen, dessen Individualität bzw. sein Selbst nur eine untergeordnete Rolle spielt.

    Sprich: Schwul sein darfst du, du sollst nur keine sexuellen Handlungen begehen. Oder bei Transsexualität: Du darfst dir als “Mann” ruhig wünschen, eine “Frau werden” zu wollen, doch solltest du keine Eingriffe an deinem Körper vornehmen. Dass transsexuelle Frauen keine “Männer” sind, sondern auch biologische Frauen, kommt in diesem Weltbild nicht vor.

  2. Diana

    @Kim: ich denke, es sind nicht nur Christen, die Transsexualität per Definition nicht wahrnehmen wollen. Aber gerade bei Menschen, die davon ausgehen, dass der Mensch eine Seele hat, sollte man eigentlich erwarten, dass sie das für möglich halten. Und in Anbetracht davon, dass Mediziner und Wissenschaftler geschlechtsangleichende Massnahmen als einzige Möglichkeit sehen, weil alles Andere versagt hat, dann wäre es ein Akt der Barmherzigkeit, nein des Respekts, das zu anerkennen.

    Schlussendlich kommen Religiöse selber in einen Argumentationsnotstand. Ich kann beweisen, dass eine transsexuelle Frau eine weibliche Hirnstruktur hat, dass sie denkt und fühlt wie jede andere Frau auch. Religiöse müssten sich also selber die Frage stellen, weshalb sich Gott so einen Spass erlaubt.

    Aber schlussendlich geht es mir hier vorallem darum, dass es widersinnig ist, wenn man 99% der mosaischen Gesetze fallen lässt und sich dabei (mit Recht) auf Jesus beruft, dann aber eines dieser Gesetze herauspickt um damit einen Fegefeuersturm zu entfachen.

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