(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Das Fundament der Menschenwürde

Um die Menschenwürde zu schützen, wurden eine Vielzahl von Menschenrechten postuliert. Niemand darf gefoltert oder diskriminiert werden und vieles mehr, wurde in Menschenrechtskonventionen festgelegt und die meisten Staaten haben diese Grundrechte jedes Menschen angenommen. Unter diesen vielen Menschenrechten gibt es eines, das für mich das Herz der Menschenrechte ist und damit das Fundament der Menschenwürde. Es ist das Recht auf Selbstbestimmung. Es ist ein bisschen wie die jesuanische Nächstenliebe, ein Gesetz das alle Anderen mit einschliesst.

Das Recht auf Selbstbestimmung garantiert mir, dass ich in allen Fragen die mich betreffen, stehts vollunfänglich entscheiden kann. Das schliesst jede Freiheitsberaubung geschweige denn Folter mit ein. Das Recht auf Selbstbestimmung spricht mir zu, dass ich lieben kann wen ich liebe, egal welchen Geschlechts. Dass ich allein zu beurteilen habe, ob ich ein Mann oder eine Frau bin. Dass ich entscheide wie ich aussehe, wie ich mich verhalte, solange ich niemanden damit beeinträchtige. Und es verlangt, dass Andere meine Selbstbestimmung respektieren müssen, egal ob es ihnen “in den Kram passt”.

Wir leben hier in einer einigermassen aufgeklärten und freiheitlichen Gesellschaft, Meinungsfreiheit und vieles mehr sind für uns eine Selbstverständlichkeit. Deshalb ist Vielen auch nicht bewusst, wie sehr sie vom Recht auf Selbstbestimmung abhängig sind. Es gibt kaum etwas, was wir nicht sein oder tun dürfen. Hinzu kommt, dass die Meisten so sehr im Rahmen des Systems dieser Gesellschaft funktionieren, dass sie zwischen Selbstbestimmung und Alltag gar keine Diskrepanz spüren.

Für alle, die in irgend eine Form “andersartig” sind, ist das keine Selbstverständlichkeit. Eine abweichende sexuelle Orientierung oder noch mehr eine nicht der Norm entsprechenden Geschlechtsidentität zu haben, führt nachwievor zu Diskriminierungen bis hin zu Gewalttaten, weil es heute noch genug Menschen gibt, die zwar unbewusst Menschenrechte beanspruchen, sie aber selbst nicht gewähren. Es gibt nachwievor genug transsexuelle Menschen, die beispielsweise unter Kündigungsandrohung im falschen Geschlecht zur Arbeit müssen. Das Recht auf Selbstbestimmung, das uns via Menschenrechte garantiert ist, wird hier mit Füssen getreten.

Aber wie schon bei anderer Gelegenheit geschrieben, Menschenwürde ist wie Schwangerschaft, da gibts keine Zwischenstufen, man ist schwanger oder ist es nicht, man hat Menschenwürde oder nicht.

Ich besitze das schriftlich verbürgte Recht, über mich selbst zu bestimmen, zu sein wer, was und wie ich will, solange ich die Selbstbestimmung Anderer nicht einschränke. Solange ich bei einer Jobsuche oder Wohnungssuche aufgrund meiner Selbstbestimmung diskriminiert werde, solange ich in der Öffentlichkeit mit Beleidigungen oder Übergriffen rechnen muss, solange auch nur ein einziger Mensch sich über mich lustig macht, solange ist mir das Recht auf Selbstbestimmung zwar zugesprochen, aber nicht gewährt.

Vielleicht geht’s uns hierzulande einfach zu gut. Der Schutz der Menschenwürde ist hier so sehr Alltag, dass wir uns gar nicht mehr bewusst sind, wieviel Freiheit wir da eigentlich geniessen dürfen. Es gibt Länder, wo jedes falsche Wort zu Gefängnis oder Folter führen kann, in denen nicht mal die körperliche Integrität respektiert wird. Für uns ist das alles selbstverständlich. Das scheint uns blind zu machen für die Aspekte des Lebens, in denen wir Anderen die Menschenrechte verweigern, die wir selbst beanspruchen.

Ich möchte meine LeserInnen mal dazu anhalten, darüber nachzudenken, wieviel sie tun, das sie nur dank dem Schutz der Menschenrechte tun dürfen, das Anderswo fatale Konsequenzen hätte, wie beispielsweise die Meinungsäusserung. Und dann, wenn Ihr seht, wieviel Gutes Euch das Recht auf Selbstbestimmung gebracht hat, möchte ich Euch anhalten darüber nachzudenekn, wo Ihr selbst dieses Recht nicht gewährt. So Gedanken können die Welt zu einer Besseren machen ;-)

Denn erst wenn wir alle lernen, dass wir Alle respektieren, egal ob wir ihre Wesensart verstehen oder gut heissen, erst dann wird die Mutter aller Menschenrechte endlich gewahrt und aus einem vor langer Zeit gegebenes Versprechen wird eingelöst.


 

7 Reaktionen zu “Das Fundament der Menschenwürde”

  1. Chrisi

    Gut gebrüllt Löwe, im Prinzip hast Du ja Recht. Aber mal ganz provokativ gefragt, wo beginnt die Einschränkung der Selbstbestimmung des Anderen? Beginnt sie vielleicht schon damit, dass Du Dein Recht auf Selbstbestimmung ohne Rücksichten auslebst, oder muss dafür mehr passieren?
    Es könnte ja durchaus sein, dass irgendein “Vollpfosten” sich daran stößt, dass er einen “Kerl” in Frauenkleidern sieht. Vielleicht fühlt er sich dadurch schon in seiner Selbstbestimmung eingeschränkt und ihm gehen die Pferde durch.
    Vielleicht liegen die Repressalien aber auch darin begründet, dass wir das Unbekannte repräsentieren. Die wenigsten Menschen können gut mit dem Unbekannten umgehen. Schränken wir die ach so normalen Bürgen in ihrer Selbstbestimmung ein, wenn sie Angst vor dem Unbekannten haben müssten.
    Ja ja ich weiß, das ist alles kein wirklicher Grund für die Diskriminierungen und Repressalien denen wir oft ausgesetzt sind. Ich wollte auch nur aufzeigen, dass der Ruf nach Selbstbestimmung durchaus ein zweischneidiges Schwert sein kann.
    Sicherlich ist es wichtig, dass man seine Freiheiten fordert. Freiheit nutzt sich ab, wenn man sie nicht nutzt. Aber genau da liegt auch ein Problem begraben, viel zu wenig Menschen fordern ihr Grundrecht auf freiheitliche Selbstbestimmung und somit sind wir wieder da, was ich oben schon angeführt habe, sie habe Probleme mit der Freiheit der Andersdenkenden. Viel zu viel Menschen leben angepasst und haben keine größeren Sorgen als die Tatsache, was der Nachbar über sie denken mag. Somit kommen sie mit denen, die anders Leben überhaupt nicht klar und versuchen diejenigen zum “normalen” Leben zu bekehren. Ob mit Argumentation, Repressalien, Zwang oder sonstigem Druck ist dabei völlig gleichgültig.
    Sieh es also nicht ganz so verbissen und übe Nachsicht mit Deinen Mitbürgern, denn sie wissen nicht was sie tun. :-)

  2. Diana

    @Chrisi: Selbstbestimmung, das sagt das Wort selbst schon, ist das Recht über sich selbst zu bestimmen, nicht über Andere. Wenn jemand mich sieht und etwas an mir nicht gut findet, kann er mir aus dem Weg gehen. Aber Selbstbestimmung heisst nicht, dass er über mich bestimmt, man hat ja kein Recht auf Allesbestimmung sondern nur über sich selbst und auch da nur soweit, wie die Selbstbestimmung Anderer nicht eingeschränkt wird.

  3. Chrisi

    Nun gut, aber warum soll derjenige Dir aus dem Weg gehen, wenn Du ihm nicht gefällst. das würde ja bedeuten, dass er seinen Weg ändern muss und das würde wieder seine Selbstbestimmung einschränken. Du siehst also, dass Ganze ist eine nicht ganz so einfache Geschichte. Immer wenn jemand seine Selbstbestimmung auslebt, schränkt das oft die Selbstbestimmung anderer Menschen ein.

  4. Diana

    @Chrisi: er muss ja nicht, er darf. Ich darf über mich bestimmen so zu sein wie ich will. Er darf mir begegnen oder es lassen. Müssen tun wir beide nicht.

    Deshalb muss ich da klar widersprechen, Selbstbestimmung tangiert Andere zwar, hindert aber nicht ihre Selbstbestimmung. Wenn ich Pumps trage, zwingt das niemand anders auch welche zu tragen. Ich schränke die Selbstbestimmung Anderer erst ein, wenn ich ihnen vorschreibe, was sie zu tun haben oder wenn ich ihnen Folgen androhe, falls sie das tun.

  5. Stefanie

    Hallo Diana,
    seid Tagen bin ich nun am lesen deiner eschichte und bin überwltigt wie schön und herzzerreisend du Menschen an deinem Leben teilnehmen lässt. Ich bin eine Partnerin einer Transsexuellen die noch ganz am Anfang steht und etwas jünger ist wie du… Ich hoffe sie geht ihren Weg genauso zielstrebg wie du. Sie hat hier auch viel gelesen und ist erschrocken darüber, dass ihr im Denken so viel gemeinsam habt, dies üerfordert sie momentan etwas. Ich danke dir für jede Zeile die du geschrieben hast und würde mich über Kontakt sehr freuen. Zu deinem Blockeintrag der Vox Reportage muss ich sagen, dass ich eine der Teilnehmeinnen kenne Tamara, die auch über speschl Traid geredet hat in dem Beitrag (fals du dich erinnerst) und wenn du mir kontaktdaten von dir gibst würde ich diese Weiterleiten.
    Nochmals herzlichen Dank, du weißt garnicht wie froh ich bin dies alles gelesen zu haben. DANKE
    steffi

  6. Risikodiskussion und die Illusion der Freiheit | T-Girl Diana

    [...] Was wirklich schmerzhaft ist, ist das Bewusstsein, dass ich nicht wirklich frei bin, dass mein Recht auf Selbstbestimmung nur ein Lippenbekenntnis ist von einer Gesellschaft, die Menschenrechte fordert, sie aber nicht [...]

  7. Diana

    @Stefanie: Es ist alles andere als selbstverständlich (auch wenn es das eigentlich sein sollte), dass Du trotz der ungewöhnlichen Umstände zu Deiner Partnerin hälst, ich wünsch Euch ganz viel Glück auf Eurem gemeinsamen Weg.

    Dass sie sich in meinen Gedanken wiederfindet, ist wenig verwunderlich, haben transsexuelle Menschen doch ähnliche Probleme die sie bewältigen müssen und ein Leben im falschen Körper prägt nunmal stark, da finden sich schnell mal Gemeinsamkeiten.

    Es ist echt schön, wenn ich Euch mit meinen Gedanken hier etwas unterstützen kann, das ist einer der Gründe, weshalb ich das alles schreibe.

Einen Kommentar schreiben

Please copy the string tdLbG7 to the field below:



Copyright © 2018 by: (t)-Girl Diana • Template by: BlogPimp Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.