(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Das erste Outing und ein verzweifeltes Kind

Ich wusste, dass das Outing bei meiner zwölfjährigen Tochter das Schwierigste sein wird und dass ich alle Kraft brauchen werde, um das durchzustehen. Trotzdem war ich erschüttert, wie schlimm es wirklich wurde. Wenn man ein Kind so liebt wie ich meine Tochter liebe, dann zerreisst es einem das Herz, wenn man dieses geliebte Kind so erschüttern muss. Einem Kind zu sagen, dass der Vater nun eine Frau sein wird, ist unerträglich für Beide.

Die erste Reaktion war, dass sie sagte, sie würde nie wieder zu mir kommen – der Super-GAU war eingetreten – und damit waren wir beide wohl am schlimmsten Tag unseres Lebens angekommen. Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass weniger meine Veränderung als Solches das Problem war sondern ihre Angst, sich an der Seite einer „Transe“ zum Gespött zu machen. Mir wurde klar, dass ich hier meinen einzigen Kompromiss machen musste, wenn ich sie nicht verlieren wollte, also versprach ich ihr, an den Wochenenden an denen sie zu mir kommt in meiner alten Rolle zu leben. Ich dachte, ich habe ja 40 Jahre lang so gelebt, da werde ich auch 2 Tage in 2 Wochen nochmal so leben können. Wie schwer das wirklich sein würde, wurde erst später klar.

Aber das Wichtigste war, ich verlor meine Tochter nicht und ich kann den Schmerz den ich ihr zufüge auf ein Minimum reduzieren. Nie habe ich sie so verzweifelt gesehen und ich hasste mich für das was ich ihr antue. Aber ich war an einem Punkt, an dem ich keine andere Wahl mehr hatte. Ich hoffe, dass sie das irgendwann verstehen wird.


 

7 Reaktionen zu “Das erste Outing und ein verzweifeltes Kind”

  1. Andi

    Das ist sehr rührend.
    Wie viel Stärke kann ein Mensch nur aufbringen?
    Wenn es die Mama ist die ein Mann ist -
    ist es dann noch schlimmer? – darum sagt die Mama sowas nicht – das ist dann noch schlimmer.

    Die Geheimnisträger ohne Namen und ohne Selbstbewusstsein. So stellt sich die Lage dar wenn es nicht sein darf, was sowieso ist.

    Aber es gibt nichts was nicht irgendwie geht oder?

  2. Andi

    Hast du schon einmal einen Erpel die Jungen aufziehen gesehen?
    Als Transmann ist man in dieser Lage.
    Sofern man Kinder hat, was nicht selten ist.

    Traditionsgemäß hat man die Rollenverteilung:
    für das Essen zuständig zu sein, für das Kochen und zu 100 % für die Erziehungsarbeit wie Hausaufgaben und Mami sein, täglich Jahrelang.
    Als Mama zum Elternsprechtag zu gehen z.B.

    Die Anlagen und Fähigkeiten der Kindererziehung
    gar nicht besitzt
    und diese Rolle innerlich ablehnt.

    Und doch sein Kind liebt
    und alles macht so gut es geht.

    So.
    Ich habe die Empfehlungen über das Augen zu und durch outing gelesen.
    das ist eine entspannende Sache – nicht wahr
    wenn es gesagt wurde …

    danke für deinen Beitrag

  3. Diana

    @Andi: ich staune selber immer wieder, wieviel Kraft man aufbringen kann und wieviel Schmerz man ertragen kann. Und oft wundere ich mich darüber, dass man so etwas aushalten kann, gerade in diesem Thema komme ich bis heute nicht aus dem Wundern raus. Ich liebe meine Tochter über alles, ihr so weh zu tun, ist die schmerzhafteste Erfahrung, die man sich vorstellen kann.

    Aber jedes Outing ist entspannend, das auf jeden Fall. Wir leben jahrzehntelang eine Lüge, verstecken und verleugnen uns. Dies zu beenden, ist eine Form von Befreiung, die weiter geht als das Zerreissen der dicksten Ketten. Es ist schwer, man hat ne Menge Angst, aber jedes Outing bringt Ruhe und Frieden in die Seele, mit jedem Mal ein wenig mehr, bis man sich ganz befreit hat.

  4. Svenja

    Hi Diana.
    Selbst wenn der letzte Eintrag längst einige Zeit her ist gestatte ich mir das zu bestätigen was bei mir zur Zeit zu Hause sich abzeichnet.
    Man schämt sich jetzt schon meiner, später, neben einer “Transe” herzulaufen und wie schlimm es denn noch werden würde.
    Klar das mein Outing – was endlich sein musste – ein heftiger Schlag für den Menschen sein musste mit dem ich gut 20Jahre verbrachte, nur sich meiner zu schämen tut sehr weh.

    LG Svenja aus Berlin

  5. Diana

    @Svenja: da müssen wir leider alle durch und ich denke, wir müssen auch Verständnis aufbringen für die Angehörigen. Es ist ja nicht ihre Schuld, dass die Gesellschaft so ein bizarres Bild von uns hat, die Psychologie pathologisiert uns und die Medien ziehen uns durch dene Kakao. Wie soll da jemand den Mut aufbringen, diese Stigmatisierung die wir unverdienterweise übergestülpt kriegen, zu teilen? Aber wir haben zwei grosse Hoffnungen: Erstens verändert sich die Gesellschaft und so wird es sicher eine Zeit geben, in der Angehörige nicht mehr mit solchen Vorurteilen zu kämpfen haben und zweitens ist das Band der Liebe doch meist stark genug, dass Angehörige auch trotz dieser schweren Umstände lernen, zu uns zu stehen ;-)

  6. Svenja

    @Diana
    Mein Verständnis stößt irgendwann mal an meine eigenen Grenzen des aushaltbaren.
    Warum wohl kam ich nach 2Jahrzehnte erst mit der Sprache raus?…………….Eben weil ich Angst hatte vor der Gesellschaft, vor mein privaten Umfeld, vor meinen Gefühlen. Was kann ich für meine Ängste?…….(ich habe sie nun überwunden weil nix mehr ging)…Die Gründe warum wir ausgegrenzt werden, liegt doch bei unserer Gesellschaft die dafür gesorgt hat, das wir die Transsexuellen, nicht in ihrer “Norm” passen sollen.
    Viele die ich mich in den letzten Wochen/Monaten gegenüber geoutet habe, haben Verständnis, konnten es ahnen, mein ganzes Verhaltensmuster läßt jetzt vieles erklären, so einige meiner “bekannten”!
    So weit so gut.
    Was ich mir persönlich nicht mehr bieten lassen muß, ist, das ich mir anhören muß das ich vom Bus in die U-Bahn gehen soll. Da mich ja in der U-Bahn keiner als “Trümmer-Transe” sehen würde. So die Worte.
    Oder mich würden Arbeitslosigkeit erwarten im Anschluß nach Hartz4 die Obdachlosigkeit. Tja und was bliebe mir dann übrig?….wie zu erwarten gewesen…….das Rotlichtmilieu! Ach ich vergaß den Selbstmord den man noch als möglichen Ausweg aus dem vergeigtem Leben mir versuchte vorauszusagen.
    Heftig was?
    Da hier in meinen näheren Umfeld häufig mittel bis schwere Ungewitter durchziehen ist es für mich nun an die Zeit für Aufklärung zu sorgen. Nur das was ich für machbar halte, alles andere hat kein Sinn für mein Verständnis, vertane Kraft und Tränen wäre zu viel für mich. Auch ich bin irgendwann mal am Rande des nicht mehr möglichen.
    Es wird Zeit das die Gesellschaft uns wahrnimmt und uns ohne Kompromisse akzeptiert, ob auf privater oder gesellschaftlicher Ebene.

    Es muß aufhören das man sich unserer “schämt”, wir gehören dazu!

    Svenja

  7. Diana

    @Svenja: Ich halte es für wichtig, dass man hier scharf unterscheidet zwischen “der Gesellschaft” und den Einzelnen. Wenn ich im letzten Kommentar sagte, wir müssten Verständnis aufbringen, dann meinte ich nicht die Gesellschaft und nicht die Psychopathologisierung sondern eben diejenigen an unserer Seite, die eben genau wie wir Opfer dieser gesellschaftlichen Falschvorstellungen sind.

    Ich habe null Verständnis, dass heute noch Psychologen und Sexologen die Lüge der Geschlechtsidentitätsstörung verbreiten, obwohl sie damit alle neurologischen Erkenntnisse über Bord werfen. Ich habe auch kein Verständnis, dass in der “Behandlung” transsexueller Menschen ein Regime herrscht, das per Definition pure Menschenrechtsverletzung ist. Und ich habe auch kein Verständnis, dass Medien uns durch den Kakao ziehen als wären wir Unterhunde.

    Aber ich verstehe und kann sogar mitfühlen, dass es für Angehörige und Freunde und Lebenspartner von transsexuellen Menschen eine ungeheure Herausforderung ist, diese gesellschaftliche Stigmatisierung zu teilen – auch sie sind schlussendlich Opfer.

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