(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Das Ende einer Versöhnung

Noch vor wenigen Tagen hätte ich nie geglaubt, dass sich alles so entwickelt, dass diese geballte Ladung an Zuversicht, Hoffnung, Vertrauen und Lebensfreude mit einem Schlag zertrümmert wird. Nun sitze ich vor diesem Scherbenhaufen und kann nicht mal erkennen, was diese Scherben ursprünglich waren.

Ich habe mich mit diesem Tagebuch der Wahrheit verpflichtet, es soll ein Spiegelbild meines Lebens sein, in dem kein Aspekt meiner Gefühlswelt und meiner Erfahrungen ausgelassen ist. So wie ich mich fühle – und ich befürchte, dass das nicht nur eine Momentaufnahme ist – wird sich das Gesicht dieses Tagebuchs in den nächsten Monaten drastisch ändern. Es tut mir unendlich leid für meine LeserInnen, mit denen ich nur zu gerne auch immer wieder glückliche Momente teile. Damit wird wohl für einige Zeit Schluss sein, weil das was mein Herz in nächster Zeit bewegen wird, nur wenig mit Lebensfreude und Lebenslust zu tun hat. Abgesehen von den bevorstehenden Ferien mit Juliet, in denen ich hoffentlich die Abgründe dieser Welt für zwei Wochen vergessen kann. Aber dann dürfte eine lange Zeit kommen, nicht lausige zwei Monate sondern elendlange 60 Tage, in denen ich diese Welt täglich verfluchen werde, weil das Leid, das viel zu lange dauerte, nun weiter geht.

In den letzten Monaten habe ich viel hässliches erlebt, die grausame Fratze der Menschheit hat sich in einer unerträglichen Deutlichkeit gezeigt. Darüber war hier einiges zu lesen. Wider aller wissenschaftlichen Erkenntnisse sind Menschen wie ich für viele da draussen einfach Gestörte oder Perverse, wir sind die Art von Menschen, die es nicht geben dürfte, die die Illusion einer Normalität behindern. Menschen wie ich haben keinen Anspruch auf Respekt und Menschenwürde, auch wenn man das zehn mal in irgendwelche Menschenrechtskonventionen schreibt.

Dass ich Kind verloren habe, hat zu grossen Teilen genau damit zu tun, dass sie selber schon in ihrem zarten Alter genau weiss, wie grausam diese Welt ist, weil sie weiss, dass man sie auslachen und ausgrenzen würde, wenn man wüsste, was für einen seltsamen Vater sie hat.

Ja ich meine das verdammt ernst. Diese Gesellschaft ist dafür verantwortlich, wenn Menschen sich für ihre Angehörigen schämen müssen, nur weil diese nicht der postulierten Normalität entsprechen. Sie sind verantwortlich, wenn Menschen wie ich bei Wohnungssuche oder Jobsuche diskriminiert werden. Diese Gesellschaft legt das Fundament, auf dem hirnlose Spinner auf der Strasse Leute wie mich anpöbeln, bis hin zu Gewalt, bis hin zur Tötung.

All das konnte ich abgesehen von gelegentlichen Krisen einstecken, weil im Gegensatz zur grossen Welt da draussen, eine kleine Welt existiert, in der ich im Alltag respektiert werde und angenommen bin, in der man das Unerhörte wagt und mein Ich-sein anerkennt und zulässt. In den Momenten, in denen ich an der grossen Welt da draussen verzweifelte, waren vorallem zwei Dinge, die mir genug Kraft und Energie gaben, dass ich jede Widrigkeit des Lebens durchstehen konnte ohne mein Lachen zu verlieren. Einerseits ist das Juliet, die ich über alles liebe und von ihr geliebt werde, genauso wie ich bin und im speziellen unsere bevorstehenden Ferien. Anderseits war es die Tatsache, dass die GaOp nun so nah war, dass dieser Albtraum bald zuende sein würde und ich endlich sagen kann: ich bin nicht mehr transsexuell, ich bin jetzt nur noch eine Frau mit einer etwas ungewöhnlichen Vergangenheit.

Die Leute vom Unispital waren für mich Verbündete, zumindest versuchte ich mir das immer einzureden, sie waren Teil meiner kleinen Welt, in der Menschen zu mir halten und mich ernst nehmen. Das hat sich spätestens diesen Donnerstag als Illusion herausgestellt und damit bröckelt ein wichtiger Teil meiner kleinen Welt ab. Es lässt mich zweifeln, wieviel von dem Guten in meinem Leben sich irgendwann auch als Illusion entlarvt.

Ein Leben lang habe ich diese Welt, die Menschheit als Solches, als feindlich wahrgenommen. Wir lassen einander verhungern, erschiessen uns in Kriegen, zerstören unsere eigene Lebensgrundlage, die Liste der Grausamkeiten und der Idiotie liesse sich stundenlang fortsetzen. Ober obwohl meine Haltung gegenüber meinen Mitmenschen aus Erfahrungen stammte und täglich in jeder beliebigen Tageszeitung bestätigt werden kann, schaffte ich vor eineinhalb Jahren das Unmögliche und versöhnte mich mit dieser Welt und ihren Menschen. Das war nicht mal ein bewusster Akt, es passierte einfach in dem Moment in dem ich begann als ich-selbst zu leben und feststellte, dass es da tatsächlich Menschen gibt, die mich so annehmen.

Ich glaube, das ist das Schlimmste an dem was da soeben passiert. Diese Versöhnung mit der Welt war für mich eins der grössten Wunder, das unerwartet mein Leben mit Licht erfüllte. Umso mehr macht es mich traurig, dass ich heute da sitze – eben grad noch im Frieden mit der Welt – und feststellen muss: Die Versöhnung ist gescheitert.

Vielleicht – und darauf hoffe ich – wird es irgendwann wieder Friedensverhandlungen geben. Aber nicht hier und jetzt und nicht in absehbarer Zeit.

In diesem Blogbeitrag werden erstmals Kommentare gesperrt, es gibt nichts mehr das ich dazu noch sagen könnte und vorallem nichts, was ich dazu hören will, weil ich jedes nett gemeinte Wort als Zynismus empfinden würde. Es ist wie es ist, ein Leben ohne Illusionen hat etwas von Wahrhaftigkeit, es wird Zeit, die Rüstung wieder aus dem Schrank zu holen und dieser Welt mit der Verbitterung zu antworten, die sie verdient hat – weil Wut die einzige Alternative zu Trauer ist und Verbitterung die einzige Alternative zur Verzweiflung.


 

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