(t)-Girl Diana

Transsexualität – Tagebuch einer transsexuellen Frau

Das Ende der Verbitterung?

Heute Nachmittag habe ich stundenlang mit mir gekämpft, ob ich die Psychotherapiestunde absagen soll. Ich fühle mich so erschöpft und habe momentan so eine Abneigung, unter Menschen zu gehen, dass ich lange mit mir gerungen habe. Ich war mir nicht sicher, ob ich unterwegs nicht in Tränen ausbreche oder ganz zusammenklappe. Schlussendlich habe ich mich widerwillig überwunden und bin froh, dass mir das gelungen ist, weil mein Therapeut eine spannende Frage aufgeworfen hat, die mir jetzt – je mehr ich darüber nachdenke – wieder Hoffnung gibt, dass dieser grad unerträgliche Zustand auch mal ein Ende haben wird.

Als ich ihm lang und breit meine Wut und Verbitterung darlegte, stellte er irgendwann die Frage, ob ich denken würde, dass diese Verbitterung sich nach der GaOp auflösen würde. Das ist alles andere als ein Detail, denn ich kann mit Wut umgehen, mit Trauer oder auch Verzweiflung. Aber Verbitterung zerfrisst einen Menschen wie Salzsäure, sie ist das übelste Gift in der Gefühlsküche, das eine Seele früher oder später in Stücke reisst. Im ersten Moment war ich unsicher, aber beim darüber Nachdenken auf dem Nachhauseweg, versuchte ich mir das so gut es geht vorzustellen, mich hineinzuversetzen, in die Momente die vor mir liegen, diese letzten zwei Meilensteine, die GaOp die meine Zerrissenheit auflöst und die Personenstandsänderung, die diesen Albtraum endgültig beendet. Wissen kann ich es nicht, das wird die Zukunft zeigen müssen, aber ich bin mir so sicher, dass ich kaum daran zweifeln kann.

Ja, ich bin überzeugt, dass mindestens die Hälfte dieser ätzenden Verbitterung sich in dem Moment auflöst, wenn ich nach der Op die Augen öffne und mich vergewissere, dass mein Körper nun endlich korrekt zusammen gebaut ist. Und ich bin genauso überzeugt, dass auch der Rest der Verbitterung verschwindet, an dem Tag, an dem ich meine neue Identitätskarte in den Fingern habe. Weil all das, was mich so zermürbt, was traurig und wütend macht, mich dann nur noch indirekt betrifft, weil ich dann keine transsexuelle Frau mehr bin sondern nur noch einfach eine Frau – möge die Welt darüber denken wie sie will – für mich und mein Selbstverständnis ist das so.

Was bleiben wird, ist die Trauer, für immer und ewig nicht verstanden zu sein, von Vielen belächelt zu werden, von Manchen ausgegrenzt. Aber mit Trauer kann ich umgehen, sie tut weh, aber sie kann mich nicht zerstören. Was bleiben wird, ist auch die Wut, auf eine medizinsche Elite, die uns wider wissenschaftlichen Fakten weiterhin für gestört erklären wird, die Menschenrechtsverletzungen zum sakrosankten Behandlungsstandard erhebt und uns das eh schon schwere Leben noch viel schwerer macht. Aber Wut kann man benutzen, um ebendies zu bekämpfen, wenn nicht für mich, so wenigstens für die, die nach mir kommen.

Aber all das, was traurig, verzweifelt und wütend macht, hat heute eine ganz andere Dimension, so lange, wie ich in diesen Körper eingesperrt bin, so lange wie man mir meine Identität verweigert. Man kann so Manches vergeben, zumindest ich kann das, aber nicht solange das Unrecht anhält und auf mich einwirkt.

Wenn alles durch ist, betrifft mich weder der Alltagstest, noch verweigerte medizinische Hilfe, noch Sterilisationszwang, noch Identitätsverweigerung. All das bleibt ein Fakt und wird wohl noch einige von uns in Zukunft töten (das darf wörtlich verstanden werden), aber es hat nichts mehr mit meinem eigenen Leben zu tun. Dann ist all das nur noch eine eklige Erinnerung an Dinge, die man mir angetan hat…… und mir nie wieder antun kann.

Ja, ich bin wirklich davon überzeugt, dass ich dann verzeihen kann. Vergebung ist die einzige Waffe gegen Verbitterung, aber sie lässt sich nicht herbeireden und durch kein Bekenntnis erzwingen, sie kann nur von innen kommen und das wird sie erst dann tun, wenn diese Quälerei ein Ende hat.

Dann, auch davon bin ich überzeugt, werde ich mein Lachen wieder für mich haben, dann werde ich den Kopf frei und das Herz rein haben, um die Ursprünge meiner einstigen Verbitterung zu bekämpfen. Und das – darauf kann die Welt ihren Hintern verwetten – werde ich tun, mit Leib und Seele. Dann werde ich mit Ruhe im Herzen und mit kontrollierter Wut dieses System bekämpfen, beginnend mit einer Heerschar dogmatischer Medizyner, über menschenrechtsverletzende Behandlungsstandards, ignorante Diagnosesysteme bis hin zu Medien, die für eine reisserische Schlagzeile über Leichen gehen.

Ich glaube tatsächlich, dass es so kommen wird, weil ich dann nicht mehr aus der Ohnmacht eines verzweifelten Opfers kämpfe sondern mit dem Geist einer Strategin, die nicht sich selbst schützen muss, nicht selbst unter Beschuss ist, sondern um der Sache selbst willen, mit kühlem Kopf das Schwert führen wird.

Vielleicht täusche ich mich, Gott möge meiner armen Seele gnädig sein falls dem wirklich so ist, aber wenn ich mich gedanklich und emotional in die Zukunft versetze und mich in diese zwei Momente hineinfühle, dann bin ich mir mehr als sicher, dass es so kommt.

Doch vermutlich täusche ich mich nicht, ich kenn mich gut genug……… die Psychiatriesekte und die Medienhaie sollten sich vorsorglich schon mal warm anziehen ;-)

Letzte Nacht hatte ich den gröbsten Albtraum meines Lebens. Ein stämmiger Kerl versuchte mich zu erwürgen. Es war so realistisch und es hat so weh getan, das kann man sich nicht vorstellen. Obwohl ich für so Situationen Befreiungstechniken kenne, mit denen ich mich sogar aus den Pranken eines Bodybilders winden könnte, wandte ich im Traum diese Hebelgesetze nicht an, ich zerrte nur von Todesangst getrieben an seinen Armen, was nicht funktionieren kann. Es war echt blanker Horror, vorallem weil ich es so körperlich fühlen konnte. Heute ging mir das immer wieder durch den Kopf. Was wollte mir mein Unterbewusstsein damit zeigen? Wenn man sich an der falschen Stelle oder auf die falsche Weise wehrt, bleibt man gefangen, solange bis man mit der Hebelwirkung das ganze Würgesystem aushebelt. Ich weiss, wie das geht, hab im Traum aber meine Kräfte vergeudet mit aussichtslosem und unkoordinierten Herumzerren. Den Hebel am richtigen Ort ansetzen, nicht gegen überlegene Kräfte ankämpfen, die Kräfte nicht am falschen Ort ansetzen, ruhig und überlegt handeln…………. ich glaub, da steckt viel Weisheit in diesem Ratschlag des Unterbewusstseins.

Ich bin sowas von froh, dass ich seit heute wieder daran glauben kann, dass diese unerträgliche Verbitterung ein Ende finden wird, glaubt mir, es gibt kein grässlicheres und zerstörerisches Gefühl als das. Danke, Doc!


 

2 Reaktionen zu “Das Ende der Verbitterung?”

  1. Svenja-and-the-City

    Das ist ja ein Zufall: Gerade gestern habe ich mich mit meiner besten Freundin Claudia lange über dich unterhalten. Wir haben beide bemerkt, wie bitter du momentan bist und dass du das Gefühl zu haben scheinst, die Welt habe sich gegen dich verschworen. Und dann habe ich die Frage aufgeworfen, ob sich das nach der OP für dich wohl ändern wird.
    Ich hatte wirklich die Befürchung, dass du auch nach der OP mit dem Thema noch nicht duch sein wirst und Claudia hat mir zugestimmt. Ich weiß aber auch, wie sehr die Hormone uns durcheinander bringen können. Gerade die von dir beschriebenen Weinkrämpfe unterwegs kenne ich selbst zur Genüge.

    Ich wünsche dir von Herzen, dass du dein Glück findest. Letztlich liegt es in dir, du musst es nur herauslassen. Und vielleicht legst du dir irgendwann eine duldsamere Haltung mit Ärzten und Gutachtern zu? Mir hat das sehr geholfen. Der Doc sagt “spring!”, ich frage: “Wie hoch?” und danach liefere ich den besten Sprung ab, den ich hinkriege. Auf diese Weise bin ich da so durchgeflutscht, auch wenn manches mir auch gestunken hat. Aber jetzt bin ich durch, allerdings ohne OP.

    Ich drück dich ganz herzlich.
    Liebe Grüße, Svenja

  2. Diana

    Natürlich ist das keine Verschwörung, aber man legt uns Steine in den Weg, die höher sind, als einem Menschen zugemutet werden dürfte. Meine Wut auf diese Psychiatriesekte werde ich nie verlieren, weil sie gerechtfertigt ist und deshalb werde ich in Zukunft auch alles daran setzen, dass dieses Regime sich ändert. Aber eben, wichtig ist, dass ich dabei nicht in Verbitterung versinke, das ist etwas ganz Anderes als Wut. Wut kann konstruktiv sein, Verbitterung nie.

    Ich selbst halte mich im Wesentlichen auch an die Vorgaben der Ärzte oder Gutachter, meist habe ich ja keine andere Wahl. Aber das soll mich nicht daran hindern, sie dafür zu kritisieren und vorallem, wenn ich alles durch habe, mich dafür einsetzen, dass sich deren Haltung irgendwann ändert.

    Es ist halt eben schon so, dass unsere Stigmatisierung vorallem daher kommt, dass man uns erst jahrzehntelang als pervers und dann jahrzehntelang als gestört klassifiziert hat. Ich erlebe in öffentlichen Diskussionen immer wieder, dass mit Andere den ICD oder DSM um die Ohren hauen um zu “beweisen”, dass ich ja nur einen an der Waffel habe.

    All das möchte ich nach meiner Op, wenn ich wieder etwas Ruhe habe, angehen. Aber eben nicht verbittert sondern rational, denn rationale Argumente gibt es mehr als genug :-)

    Ich drück mal ganz doll zurück und wünsch Dir noch viel Spass auf Deiner Motorradtour, pass auf Dich auf ;-)

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